Die letzten Gesänge eines Genies

Idaho-Schnee-Gras

Dem Tod geweiht erzählt Amerikas Ausnahmeästhet Denis Johnson in seinen letzten Erzählungen vom Leben. In seiner Geschichtensammlung »Die Großzügigkeit der Meerjungfrau« wird noch einmal sichtbar, wie bildgewaltig und facettenreich der vor einem Jahr verstorbene Autor, der sich selbst einmal als Ozzy Osborne der Literatur bezeichnete, gegen die Kälte der Gegenwart anschrieb.

»Lieber Satan, ich habe mich auf deiner großen Sause gestern kein bisschen amüsiert«, schreibt Mark Cassandra in einem seiner zahlreichen Briefe aus der Entzugsklinik. Cassandra ist kein Alter Ego, aber er ist ein Sprachrohr des Autors. Der Originaltitel der Erzählung »The Starlight in Idaho« macht das noch deutlicher als die verkürzte Übersetzung »Starlight«, denn der amerikanische Autor Denis Johnson lebte in Idaho. Mit dem Wissen, dass dieser vor knapp einem Jahr einer Krebserkrankung erlag, ist man geneigt, in dieser Aussage einen ausgestreckten Mittelfinger an den Tod zu erkennen. Dem konnte Johnson zwar nicht von der Schippe springen, getrotzt hat er ihm dennoch – und ihm dabei noch diese fünf genialen Erzählungen abgerungen. Sie drehen sich ums Sterben und die Entfremdung vom Selbst, darum, wer man eigentlich ist, und was man zurücklässt, wenn man geht.

Man erfährt dort auch, dass der adressierte Satan »der Strippenzieher bei all den tanzenden Idioten« ist, »den Klebstoffschnüfflern, Biskuitrollern, Lacksaugern, Bikern, Truckern, Bauern, Lehrern, Verschwörern, Ungefähr einer Million Hipstern auf Dope, Wackligen Alkis mit verbrannten Nerven«. Auch der 1949 in München geborene Johnson war lange Zeit einer dieser tanzenden Idioten. Seine Zwanziger hatte er im Delirium verbracht, weshalb er sich selbst einmal als »Ozzy Osborne der Literatur« bezeichnete. Der existenzielle Kampf, den seine Figuren austragen, ist ihm vertraut.

Mit 19 Jahren veröffentlichte er einen ersten Gedichtband, 1983 dann seinen ersten Roman. Bis 1992 folgten drei weitere Bücher. Aber erst im Alter von 53 Jahren gelang ihm mit dem Kurzgeschichtenband Jesus‘ Sohn der Durchbruch. Diese poetische Drogenbibel versammelt elf Erzählungen, mit denen Johnson einen neuen Standard in der Tonalität setzte. Sein Protagonist und Stellvertreter Fuckhead – in der deutschen Übersetzung von Alexander Fest etwas ungelenk als Saukopf bezeichnet – erzählt darin von Drogenabstürzen, Alkoholexzessen, sexuellen Begegnungen, von Hoffnungen und Ängsten, Leben und Tod. Johnson legte Zeugnis ab. So greifbar und konkret, wie er die Abgründe des Daseins dort beschrieb, tat das keiner vor ihm. Die irdische Existenz wird in diesen Erzählungen ebenso anmutig wie rau zur Schau gestellt.

Fast alles, was er in dieser längst zum Kultbuch avancierten und autobiografisch fundierten Sammlung beschrieb, hatte der Ausnahmeästhet oder jemand, den er kannte, selbst erlebt. Auch deshalb ist seine Prosa so unmittelbar. Seine Charaktere sind nie Helden, sondern immer tragische und gebrochene Figuren. Meist liegen sie am Boden, blicken zurück auf das, was ihnen nicht gelungen ist, und beweisen in ihrer Erzählung, dass sie gerade damit bewiesen haben, dass sie an dem klammern, was wir Leben nennen. Ihr Scheitern wird zum Ausdruck ihres Überlebenswillens. Es ist, als stiege Johnson mit seinen Antihelden hinab in die tiefsten Verließe des menschlichen Daseins, um von dort zu berichten, was es wirklich heißt, am Leben zu sein.

Und tatsächlich ist er in einige der dunkelsten Ecken der Welt selbst gereist. Für den Esquire begab er sich nach Monrovia und beschrieb die Hölle des liberischen Bürgerkriegs. Er berichtete von den brennenden Ölfeldern Kuwaits und von Kabuls Totentanz kurz nachdem die Taliban die Stadt erobert hatten. Diese extremen Erfahrungen sind eingeflossen in sein Opus Magnum, den Vietnam-Roman Ein gerader Rauch, für den er mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. In seinem nicht weniger famosen letzten Roman Die lachenden Ungeheuer, in dem er einen gealterten Agenten wie einen Don Quijote durch die westafrikanische Bürgerkriegshölle irren lässt, heißt es: »Wir sind alle Gefangene dieser Welt. Man hat uns, während wir schliefen, gestohlen und hierhertransportiert, und jetzt hält man uns in dieser Welt der Träume gefangen, in der wir wach zu sein glauben.«

Johnson wurde nachgesagt, dass er in der Tradition von Ernest Hemingway geschrieben hätte, dabei ist es eher Hunter S. Thompsons Gonzo-Journalismus, dem er nahesteht. Für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone begleitete er im Jahr 2000 fünf Hinrichtungen. Er sprach mit den Verurteilten, mit ihren Verwandten und Henkern. Seine Reportage Fünf Hinrichtungen und ein Barbecue, im vergangenen Jahr noch einmal bei Rowohlt aufgelegt, ist ein erschütternder Blick in den Abgrund des amerikanischen Justizsystems, in dem Menschenleben beendet werden, während wenige hundert Meter außerhalb der Gefängnismauern der Grill angeworfen wird, als wäre es das normalste der Welt.

Schreiben war für Johnson Zeit seines Lebens keine Arbeit, es passierte ihm einfach. In seiner Erzählung »Triumph über das Grab« geht es um sterbende Schriftsteller und die tragende Figur war wie Johnson mehrere Male Gastprofessor am Michener Center for Writers an der Universität in Austin. Schreiben, so gibt er dort zu Protokoll, »ist leichte Arbeit. Was man dazu braucht, kostet nicht viel, und man kann diesen Beruf überall ausüben. Man bestimmt die Arbeitszeiten selbst, schlumpft im Pyjama zu Hause herum, hört Jazz und trinkt Kaffee, während sich ein weiterer Tag davonstiehlt. Man braucht nicht besonders leistungsfähig zu sein, meistens sogar überhaupt nicht.« Hier nicht von einem Alter-Ego-Geständnis zu sprechen, fällt schwer. »Was immer einem passiert, man bannt es auf Papier, bringt es in eine Form, wirft ein Licht darauf«, heißt es da weiter. Deshalb wird in seinen letzten Erzählungen ungehemmt »gedingsbumst« und der Dichter Marcus Ahearn, ein manischer Elvis-Fanatiker, verabschiedet sich in der letzten Erzählung »Doppelgänger, Poltergeist« mit der sprechenden Formel »Elvislich dein«.

»Wir sollen die richtigen Gedanken in unser vergiftetes Denken gießen – so wie man gutes Wasser in ein Glas Dreckwasser gießt – , sodass wir immer voller werden und überlaufen und so weiter, bis wir ganz sauber sind«, heißt es in der Erzählung »Starlight«. In Johnsons Texten wird immer wieder sichtbar, wie er gegen die Kälte der Gegenwart anschrieb, indem er die richtigen Worte in eine vergiftete Welt goss – bis seinen Lesern klar wurde, was wichtig und was unwichtig ist.

Die fünf Erzählungen von Die Großzügigkeit der Meerjungfrau sind altersweise und doch frei von jedem moralisierenden Ton. Bettina Abarbanell hat Johnsons klare und unprätentiöse Sprache in ein nüchtern-überwältigendes Deutsch übertragen. Bei einer seiner Vorlesungen hat Johnson seine drei goldenen Regeln des Schreibens wie folgt benannt. »Schreib nackt, das, was du niemals sagen würdest! Schreib mit Blut, als wäre Tinte so wertvoll, dass du sie nicht verschwenden kannst! Schreib aus dem Exil, als könntest du nie wieder nach Hause zurückkehren und müsstest jedes Detail in Erinnerung rufen!« Es ist, als hätte er diesen Regeln hier ein Denkmal gesetzt.

»Die Welt dreht sich weiter. Ihnen dürfte klar sein, dass ich in dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon.« Ob man das kühle Prophetie oder schriftstellerische Magie nennt, ist egal. Mit diesem trotzig-schönen Requiem verneigt sich Amerikas größter Ästhet der Gegenwartsliteratur ein letztes Mal vor seinen Lesern. Welch ein Glück!

U1_978-3-498-07399-2.inddDenis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau

Aus dem Amerikanischen von Bettina Arbabanell

Rowohlt-Verlag 2018

224 Seiten. 24 Euro

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