Das Unbehagen an der Moderne

Zorn

Der indische Publizist Pankaj Mishra analysiert die gegenwärtige globale Krise und erklärt uns, warum der Zorn und das Ressentiment zu zentralen politischen Kategorien geworden sind. Sie sind nicht erst gestern entstanden, sondern blicken auf eine mehr als 200 Jahre währende Geschichte zurück.

Pankaj Mishra ist unbestritten eine der interessantesten globalen public intellectuals. Global heißt hier nicht, dass ein Nordamerikaner oder eine Westeuropäerin sich einzelne Gegenden der Welt angeschaut haben und klug über ihre dort gemachten Erfahrungen schreiben, nein, Mishra vereinigt in sich asiatische, europäische und nordamerikanische Perspektiven. Mit diesen Blicken nimmt er Dinge wahr, die wir in unseren eindimensionalen, westlich geprägten Perspektiven nicht sehen. Zeitalter des Zorns ist so ein Buch, das nur in diesen ungewohnten Wahrnehmungen geschrieben werden kann.

Mishra, Jahrgang 1969, wurde in Nordindien geboren, er wuchs auf in einer halb ländlichen Region, die man guten Gewissens als vormodern bezeichnen kann. Von seinen Eltern schreibt er, dass diese in ihrer Erziehung und in ihren Empfindungen von einem Erfahrungsraum aus Mythen, Religion und überkommenen Bräuchen geprägt waren. Mishra hat anhand seiner eigenen Eltern erleben müssen, welche Brüche sich für die meisten Menschen beim Übergang in die Moderne ergeben, wie sich der Orientierungsverlust für ihre Seelen, ihren Verstand, ihre Nerven und Empfindungen auswirkt. Er betont die Parallelen seines Landes mit der einstigen Situation der Länder Deutschland, Italien, Russland und anderen Teile der Welt, die im Vergleich zu ihren Nachbarn erst spät in die Moderne eintraten. Das Bestreben des aktuellen indischen Premierministers Modi, »ein stolzes Neues Hindutum zu erschaffen«, erinnert ihn fatal an die Diskussionen, Diskursen, Visionen und Phantasien, die er aus den genannten Ländern aus dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gelesen hat.

Zugleich ist der Autor selbst eine globalisierte Person, ein Akteur der Globalisierung. Einer, der in Indien wie in Großbritannien lebt, am berühmten Wellesley College unterrichtet hat und dessen Bücher sich im Westen gut verkaufen. Man wird bei der Lektüre des Buches den Eindruck nicht los, dass Mishra an und an gegen sich selbst anschreibt.

Mishras Blick auf die Gegenwart ist düster, der in die Zukunft fatalistisch. Die Welt befinde sich, so der Autor, in einem globalen Bürgerkrieg. Er macht eine universelle Krise aus, die sich in einer beispiellosen politischen, ökonomischen und sozialen Unordnung manifestiert. Diese Unordnung, so Mishras These, zeigte sich mit dem Aufstieg der industriekapitalistischen Wirtschaft im Europa des 19. Jahrhunderts und führte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Weltkriegen, totalitären Regimen und Völkermorden. Heute allerdings seien weitaus größere Regionen und Bevölkerungen befallen, weite Teile Asiens und Afrikas seien »in die schicksalshafte westliche Erfahrung dieser Moderne« eingetaucht. Nicht Clash of Civilizations ist die Erklärung der globalen Unordnung, sondern Überforderung durch eine digitalisierte, hyperkapitalistische und beschleunigte Moderne.

Mishra beobachtet, dass die Attraktivität des gesellschaftlichen Erfolgsmodells des Nordatlantiks an seine Grenzen stößt. Diese Zivilisation, die einen allmählichen Fortschritt unter liberal-demokratischer Führung propagiert, wird in weiten Teilen der Welt als empörend falsch und ungerecht empfunden. Mishra schildert den Eindruck vieler Menschen der zu entwickelnden und unterentwickelten Welt, denen klar wird, dass individuelle Autonomie und Wohlstand wohl nur einer privilegierten Minderheit im Westen zusteht, nicht jedoch der Mehrheit in einer überbevölkerten Welt. Die Ideale angeblich endlosen Wirtschaftswachstums und privaten Vermögenszuwachses mag für Menschen in Europa und Nordamerika gelten – und auch dort nicht für alle – auf globaler Front sind diese Ideale längst ad absurdum geführt. Stattdessen habe die ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht neue demütigende Hierarchien geschaffen. Die Minderwertigkeitsgefühle und Rachephantasien, die Mishra bei jungen Männern von heute wahrnimmt, gleichen denen der Deutschen, Italiener und Russen der vergangenen Jahrhunderte.

Mishra ist nicht an einer quantitativ zu vermessenden Analyse interessiert, ihn interessieren vielmehr die subjektiven Erfahrungen, auch widersprüchliche Vorstellungen der Eigenwahrnehmung. Seine Quellen sind Texte von Schriftstellern und Dichtern, nicht die Studien von Historikern und Soziologen. Der Fokus seines Buches ist der Mensch in Überforderung mit seinen Ängsten, Wünschen und Ressentiments. »In der instabilen Beziehung zwischen dem inneren und dem öffentlichen Selbst lässt sich ein präziseres Maß für den globalen Bürgerkrieg unserer Zeit finden.«

Die Koinzidenz und die Wechselwirkungen der Französischen wie der Industriellen Revolution haben die Moderne hervorgebracht und mit ihr die Gegenreaktion auf die Moderne. Das Unbehagen an der Moderne, so Mishra, ist Teil der Moderne, die Pathologien der Gegenwart sind die Pathologien des 19. und 20. Jahrhunderts. Die faschistischen, nationalsozialistischen, militaristischen und autoritären Erfahrungen Italiens, Deutschlands und Japans in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind für den Autor keine Verirrungen, sondern die Konsequenz politischen Handelns, um die USA, Großbritannien und Frankreich einzuholen. Sie nutzten Modernität, um Teil der Moderne zu werden. Mishra kann sie an den Dichtern und Denkern der vergangenen Jahrhunderte herauslesen, die sich am folgenreichsten Ereignis der Menschheitsgeschichte, so Mishra, abarbeiten: am Aufstieg einer industriellen und materialistischen Zivilisation.

Die Moderne brachte zugleich ein neues Bewusstsein hervor. Es begann die Emanzipation von der Natur, das Bewusstsein, Geschichte gestalten zu können, statt sie nur hinnehmen zu müssen, die Zurückweisung des Religiösen und Etablierung des Weltlichen als das Eigentliche. Zugleich etablierte sich das Narrativ, dass alle Gesellschaften dazu bestimmt sind, dieselbe Entwicklung zu nehmen wie eine Handvoll westlicher Gesellschaften in der Vergangenheit. »Solch ein Glaube an historische Unausweichlichkeit ist heute nicht mehr haltbar.«

Dieser Gedanke ist für Mishra deutscher Provenienz. Es seien die deutschen Denker gewesen, die diesen Begriff fatalerweise in die damaligen wie heutigen Diskurse eingebracht haben. Der Begriff Entwicklungsei deshalb so unheilvoll, weil er bis heute zur Beurteilung von Gesellschaften dient. »All unsere einfachen Gegensatzpaare – progressiv und reaktionär, modern und antimodern, rational und irrational – beziehen ihre Ladung aus dem tief verinnerlichten Drang, zum nächsten Entwicklungsstadium überzugehen, so nebulös dieses Stadium auch definiert sein mag.«

Auch wenn der Glaube an historische Unausweichlichkeit nicht mehr haltbar sei, so hängen dem Konzept der Entwicklung Politiker und Technokraten in der ganzen Welt an. Das Label Modernisierer steht für Innovation und Zeitgeist. Oft waren es autokratische Modernisierer, die ihr Land auf diesen Modernisierungspfad führen wollten. Nicht immer gelang es ihnen. Im Gegenteil, ihre Versuche, Modernisierung von oben zu verordnen, scheiterten, bereiteten zugleich aber den Weg für radikalere Revolten von unten. Statt Fortschritt – individuell und gesellschaftlich – nehmen viele Menschen, die aufgrund ihrer prekären Situation sozial eher konservativ eingestellt sind – sie möchten das Wenige, das ihnen gehört, erhalten wissen – Modernisierung als weitere soziale Ausgrenzung und Ausweitung ihres Leids wahr.

Die deutschen Romantiker als Antwort setzten auf die Pathologien der Moderne die Ideale der Ganzheit oder Einheit. Diese Ideale ahmen nun die Ausgegrenzten der zu entwickelnden und unterentwickelten Ländern nach. Sie postulieren die Prinzipien einer Moral, eines Gemeinschaftsideal, die angeblich in der Vergangenheit ihres Heimatlandes oder ihrer Religion gelebt wurden. Mishra nennt den Wunsch der Romantiker nach einer Wiederverzauberung der Welt die Politisierung des Spirituellen. Die De- oder Re-Entzauberung der Welt hatte, so der Autor, radikale politische Implikationen, denn sie setzten die Idee einer Vielzahl verschiedener Nationalkulturen mit je eigener Identität in die Welt. Das universelle Menschengeschlecht wurde abgelöst durch das der Nationalisten. Und mit ihnen kommt die gnadenlose Dichotomie zwischen »uns« und »denen«, die das Fundament des modernen Nationalismus bildet. Die aktuellen, fieberhaften Bemühungen, eine nationale Gemeinschaft zu definieren, zeugen in Wirklichkeit vom historischen Niedergang des Nationalstaats. Der bis dato gültige Gesellschaftsvertrag hat dem Druck der Globalisierung nicht Stand gehalten. Kollektive Heimaten lösen sich auf, an ihre Stelle tritt der Individualismus, der sich, so der Verfasser, als gewalttätiger Anarchismus der Enterbten und Überflüssigen darstellen könnte.

Mit dieser Perspektive kommt Pankaj Mishra zu einer anderen, differenzierteren Bewertung zur postulierten Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Islam. Dem Autor fällt auf, dass die Kämpfer des IS wie islamistischer Terroristen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus stammen und in kein vorgegebenes Muster passen. Noch überraschender: Viele haben sich erst kürzlich zu dieser Religion bekehrt. Diese jungen Männer besaßen oft keinerlei religiöse Bildung und hatten nur selten eine Moschee besucht. »Ihre Kenntnisse zur islamischen Überlieferung und Theologie gingen kaum über den Inhalt eines Islams für Dummies hinaus.« Sehr unislamisch zudem die Beobachtung, dass etliche dieser Gotteskrieger durch Kleinkriminalität sowie durch Alkohol- und Drogenkonsum aufgefallen waren. Ein gottgefälliges, frommes Leben haben die wenigsten gelebt. Umso rascher erfolgte ihre Radikalisierung, und wenn die Erfolge der religiösen Radikalisierung zu lange ausbleiben, gaben manche geschwind ihr religiöses Leben wieder auf. Für Mishra findet aktuell kein Clash of Civilizations statt, sondern ein Clash of Vormoderne und Moderne, von lokal strukturiertem und globalisierten Leben. Den Ausblick, den Mishra auf die Gegenwart gibt, ist dementsprechend düster und pessimistisch.

»Wir erleben in unserem eigenen traurigen Zeitalter die starken Extreme politischer Unbeweglichkeit und anarchischer Revolte, unüberwindlicher Rückständigkeit und eines grellen Fortschrittskults. Jene, die das liberale Prinzip der Freiheit und Autonomie, der Macht und Handlungsfähigkeit des Einzelnen zu radikalisieren versuchen, wirken in der Tat noch entwurzelter und verzweifelter als früher und scheinen sich noch weniger als die russischen Nihilisten oder die anarchistischen Immigranten des späten 19. Jahrhunderts von gemeinsamen Regeln oder Möglichkeiten zur politischen Partizipation einschränken zu lassen.«

Der Unterschied zwischen dem beginnenden 21. Jahrhundert und den Jahrhunderten davor liegt in der Beschleunigung des Kapitalismus und der ungehinderten Globalisierung. Die Welt wird eins, sie bringt in weiten Teilen der Welt einheitliche Muster des Begehrens und des Konsums hervor sowie ein individualistisches Menschenbild, das einen Menschen frei von Bindungen an Religion, Tradition und Normen postuliert. Die Menschen sind den neoliberalen Phantasien eines universellen Wettbewerbs ausgesetzt. Die wenigsten kennen die Ziele und Regeln, geschweige denn verfügen sie über Ressourcen und Netzwerke, um erfolgreich mitspielen zu können. Im Zeitalter des Zorns erkennen die deprivilegierten und deprivierten Massen, dass der Fortschritt der Globalisierung auf Minderheiten beschränkt ist. Sie erkennen, dass sie zu den Überflüssigen dieser Weltordnung gehören. Zorn entsteht nicht aus nichts!

Mishra hat ein wütendes, ein zorniges Buch verfasst. Ein Buch, dass den üblichen westlichen Beurteilungen der Welt widerspricht. Damit hat er ein wichtiges Buch vorgelegt. Ist es aber ein gutes Buch geworden? Dies muss man skeptischer sehen. Mishra arbeitet mit der Methode der Collage, er reiht ein Zitat an das andere. Er entfaltet damit eine Dringlichkeit, eine Relevanz, eine Bestätigung seiner Thesen. Seine Kronzeugen sind unzählige, von Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville, Adam Smith und Georg Friedrich Wilhelm Hegel über Richard Wagner, Michail Bakunin, Adam Mickiewicz, Guiseppe Mazzini und Friedrich Nietzsche bis zu Timothy McVeigh, Ramzi Ahmed Yousef, Anders Breivik und Donald Trump. Wichtigste Person unter ihnen ist Jean-Jacques Rousseau. Für Mishra erkannte der französische Philosoph sehr früh die ethischen Folgen, die der Aufstieg einer ökonomisch, gesellschaftlich und politisch entgrenzenden Ordnung mit sich bringen würde. Mit den Ansichten Rousseaus verankert Mishra die Kritik an der Moderne in der Philosophiegeschichte, an der sich die zukünftigen Geistesgrößen abarbeiten.

Welche Geistesgroßen dies taten, hat Mishra in einer Art Fleißarbeit zusammengesammelt. Diese Form von Aneinanderreihung stößt aber da an seine Grenzen, wo berechtigte Kritik neben überzogener Ablehnung gestellt wird, wo das Unbehagen an der Moderne, am Kapitalismus, an der Globalisierung, an der Entfremdung gedoppelt wird von Personen wie McVeigh oder Breivik. Anders gefragt: Inwieweit disqualifiziert die Kritik von Attentätern, die mehr als 200 Menschen auf ihrem Gewissen haben, die berechtigte Missbilligung an den Zuständen der Welt, die auf Ausbeutung, Zurückweisung tradierter Lebensformen und Vereinsamung zurückzuführen sind? Der normative Rahmen, der die Einordnung berechtigter, unberechtigter und überzogener Kritik an der Moderne fassbar macht, hätte Mishra konzeptionell klarer fassen müssen, so verliert er sich rasch beim Lesen.

Generell fragt man sich bei der Lektüre, welche Stoßrichtung dieses Buch hat. Ist eine Welt der Vormoderne, der Vor-Globalisierung eine bessere Welt? Lebt es sich in einer ärmeren, aber lokal strukturierten Gemeinschaft besser als in einer (trans-)nationalstaatlichen Gesellschaft? Von den »Grenzen der Gemeinschaft«, von der Unmöglichkeit in vormodernen Strukturen in der Moderne zu leben, schrieb Helmuth Plessner schon im Jahre 1924. Zudem widerlegen einige Zahlen den Pauschalvorwurf gegenüber der Globalisierung: Im Jahr 1990 lebten 1,9 Milliarden Menschen auf der Welt in extremer Armut, d.h. ihnen standen weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben zur Verfügung. 2015 waren es der Statistik der Weltbank zufolge nur noch 836 Millionen Menschen. Nie zuvor in der Historie ist die Zahl der Armen schneller gesunken. Besonders stark war der Rückgang in China. Dort fiel die Armutsquote von mehr als 60 auf 2 Prozent der Bevölkerung. Dies gilt auch für Mishras Heimatland. In Indien gibt es gerade in ländlichen Regionen immer noch viel Armut, aber auch auf dem Subkontinent geht es dem Großteil der Menschen heute besser als vor 25 Jahren. Globalisierung für nichts? Im Dröhnen um die Schlechtigkeit der Welt gehen diese guten Botschaften – für mehr als eine Milliarde Menschen bessere Realitäten – unter. Die Vormoderne war anders als die Moderne, sie war nicht besser.

Was uns Mishra lehrt, ist die Komplexität der Welt. Wer diese Komplexität in eine neue Binarität umwandeln möchte – der Westen gegen den Islam –, schafft neue Feindbilder, aber keine Lösungen. Die Ursachen der Probleme der Welt liegen tiefer. Sie liegen begründet im tiefgreifenden Wandel, die vormoderne Regionen der Welt auf ihrem Weg in die Moderne erleiden. Mishra macht uns aufmerksam auf die Widersprüche und die Kosten, die dieser Übergang verursacht. Zu Recht fordert er die Notwendigkeit ein, unseres Denkens über das Ich und die Welt zu verändern. Mishras Fatalismus hat mit diesem neuen Denken leider nichts zu tun.

u1_978-3-10-397265-8Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart

Aus dem Englischen von Michael Bischoff, Laura Su Bischoff

S. Fischerverlage 2017

416 Seiten. 24,- Euro

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