Schlumpf mit Plastiktüte

Foto: Heike Huslage-Koch via Wikimedia Commons

Nora Bossong schreibt Gedichte über Heimat und Fremde, Menschen und Orte, über Politik und Gefühl und führt aus dem alten Europa in den Nahen Osten der Gegenwart.

Alles beginnt mit einem Seufzer. »Ach Europa« steht über dem ersten von knapp 70 Gedichten von Nora Bossong, die in dem Band Kreuzzug mit Hund erschienen sind. Der Seufzer scheint ein Echo von Enzensbergers gleichnamigen Wahrnehmungen aus sieben Ländern zu sein, denn mit ihrer Lyrik versucht die Wahlberlinerin das Projekt Europa definitiv neu zu verorten. Ein Projekt, dass sie als »Verwaltungschaos drapiert in Brüsseler Spitze« beschreibt und zu einer »verschreckten Zwergin am Ende der Welt« macht, mit der es dann aber doch »gut ausgeht«.

Angesichts solcher Zeilen könnte der Verdacht aufkommen, Bossong wäre müde, vielleicht sogar politikverdrossen. Sie wäre gewiss nicht die einzige. Aber weit gefehlt. »Ich bin nicht politikverdrossen«, sagt sie, »aber ich glaube, dass wir seit einiger Zeit in einem Dilemma feststecken. Auf der einen Seite haben wir ein wunderbares Projekt wie die EU, das aber ins Stocken geraten ist. Denn dieses Konstrukt mit seinem Bürokratiekopf lässt sich schwer als etwas vermitteln, das begeistern kann. Und in den vergangenen Jahren gab es wenige Ideen nach vorn.«

Das sei auch die Ursache für die politische Gleichgültigkeit, die sich in den letzten Jahren eingeschlichen und die »internationalen Nationalisten« an die Oberfläche gespült habe, die jetzt mit starkem Selbstbewusstsein aufträten, führt sie weiter aus. »Es gab eine starke Müdigkeit. Alle haben sich zu sehr zurückgelehnt, zu viele Seifenblasen gekauft und sich zu wenige Gedanken gemacht. Ich glaube, viele haben die Demokratie als Selbstbedienungsladen empfunden – so nach dem Motto: Macht mal!.« Die Politikerschelte liege zum Teil auch darin begründet, dass die wenigsten das demokratische System als partizipatives System verstehen, erklärt Bossong an einem bedeckten Novembernachmittag in einem Café in ihrem Kiez beim Savignyplatz. Die Straßen draußen sind wie in ihren Gedichten beschrieben, »ausstaffiert mit nassem Laub«, als wollten sie beweisen, »dass Schönheit nichts bewirkt, zuhause nirgends ist.«

Doch draußen liegt nur der Plan, nach dem wir uns drinnen richten, schreibt sie. Also wenden wir uns dort ihren Gedichten zu, die in Miniaturen festhalten, was vor unserer eigenen Haustür und den Haustüren anderer geschieht. Das Politische ist dabei allgegenwärtig. Auch weil sie einen Aufbruch in ihrer Generation wahrnimmt. »Mir scheint, dass sich momentan wieder mehr Menschen engagieren – in Bündnissen, Initiativen und Foren. Ob das immer die richtigen Formen sind, da bin ich mir unsicher, manchmal ist mir das zu viel Glitzerfolie.« Sie habe nichts gegen Spaß und Ironie in der Politik, aber das Engagement dürfe nicht aufhören, wenn der Spaßfaktor mal nicht gegeben ist, mahnt sie.

Ironie findet man auch in ihren neuen Gedichten, etwa wenn sie davon schreibt, dass im »Bürgeramt« nichts dem Beamten gehört – »nicht der Locher nicht der Bildschirm nur der Schlumpf im Blumentopf«. Oder wenn sie die thüringische Provinz als »ausgeknipste Gegend« besingt, in der eine verwehte Norma-Tüte unsere Zivilisation bezeugt. »Was wir als Heimat begriffen: das Knistern erfrorenen Plastiks«.

Im Laufe der neun Zyklen, auf die Bossong ihre Gedichte verteilt hat, bewegt sich die weltgewandte Autorin aus dieser kalten und irgendwie traditionsvergessenen europäischen Heimat in wärmere, aber auch fremde Gefilde. Über Wien und Zypern geht es bis nach Jerusalem und Teheran. Für die gläubige Katholikin, die im atheistischen Berlin schon immer mal hadert, waren diese Reisen mitunter auch spirituelle Erfahrungen. In Jerusalem habe sie sich zwar nicht für eine Heilige gehalten, »aber ich meinte schon so etwas, wie theologische Erleuchtung zu erleben. Das hat mit der besonderen Aufladung dieses Ortes zu tun, der Überlagerung der Zeiten, der religiösen und politischen Kontexte auf diesem winzigen Territorium der Altstadt.« In der iranischen Hauptstadt begegnete ihr der Hund aus dem Titel dieses lyrischen Kreuzzugs, bevor er »zwischen zwei wartenden Wagen verschwand«.

Lina Muzur, Annika Reich: Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt. Ullstein Verlag 2018. 272 Seiten. 24,- Euro

Lina Muzur, Annika Reich: Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt. Ullstein Verlag 2018. 272 Seiten. 24,- Euro

Bossong habe sich einen »eigenen West-östlichen Divan« geschrieben, schreibt der Tagesspiegel treffend über diesen kleinen großen Wurf zeitgenössischer Lyrik, in der die Charlottenburgerin sich und uns in Europa und der Welt verortet. Ihre »weiter schreiben«-Patenfreundschaft mit der syrischen Autorin Rasha Habbal, die in der Anthologie Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt verewigt ist, hat dazu sicher beigetragen.

Die Gedichte sind in den vergangenen Jahren auf Reisen oder im Alltag entstanden, immer dann, wenn die Form passend erschien. Gerade sitzt sie an einem neuen Roman, nachdem im vergangenen Jahr ihre Rotlicht-Reportagen erschienen. Die Lyrik schärfe ihren Blick, sagt sie. »Die Zurückgenommenheit, das viele Weiß, das ein Gedicht umgibt, gibt etwas Raum und ermöglicht einen präziseren Blick auf die Wirklichkeit.« In einem Roman gäbe es so viele Dinge, die ablenkten – die Handlungen, die Figuren und so weiter. In einem Gedicht aber gehe es nicht um das Entschlüsseln des sprachlichen Bildes, »sondern um das Bleiben im Moment, im Rätsel oder im Bild. Es geht darum, nicht zu wollen, dass sich ein Bild auflöst, weil es im Moment der Auflösung vorbei und vergessen ist.« Genau das schätzt sie an der Lyrik. Durch sie könne man »genaues Lesen lernen, man kann Bilder lernen, die Imagination schulen«.

Mit dem zielgerichteten Lesen von Lyrik in der Schule kann sie nichts anfangen. «Ich weiß nicht, wofür dieses eineindeutige Lesen gut sein soll. Das Verständnis für Kunstgenuss oder Literaturgenuss kommt da doch viel zu kurz«, kritisiert sie. Sollte ihr Gedichtband Pflichtlektüre in der Schule sein? Dem würde sie eher nicht zustimmen, denn Gedichte würden in Schulen oft wie mathematische Textaufgaben behandelt, es gehe um Kadenzen, Hebungen und Senkungen, statt um literarische Bilder und Rätsel. »Wenn das der prägende Eindruck ist, den man von Lyrik hat, kann ich jeden verstehen, der einen Bogen darum herum macht. Wahrscheinlich würde es der Lyrik helfen, wenn sie in der Schule gar nicht unterrichtet würde.«

Nora Bossong ist eine engagierte Autorin, die sich, wenn sie sich in Debatten einbringt, dies stets klug und überlegt tut. Dabei eckt sie auch an. Ihre Position zu sprachlichen Gendermarkierungen beispielsweise stößt nicht nur auf Zustimmung. Sie findet diese dennoch nicht sinnvoll. »Gendersternchen behaupten eine Veränderung, die anders herbeigeführt werden muss, etwa indem man anders über Familie und Beziehung nachdenkt oder Frauen tatsächlich bessere Aufstiegschancen haben. Hier versteht man die Aussage, dass Sprache die Wirklichkeit verändert, falsch. Ich glaube nicht, dass die Veränderung in den Köpfen mit solch sprachlich schlichten Mitteln zu bewerkstelligen ist.«

»Und wenn Sie hier nicht passen wollen dann fragen Sie sich bitte selbst was da nicht stimmt«, heißt es vielsagend in einer ihrer lyrischen Vignetten. Das ist so eine Aussage wie »lasst uns miteinander diskutieren« in lyrisch. Aktueller und näher am Zeitgeist kann Poesie kaum sein.

42818Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund

Suhrkamp Verlag 2018.

101 Seiten. 20,- Euro

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