Ganz unten

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Der britische Fotograf Richard Billingham erzählt in seinem Filmdebüt »Ray & Liz« die erbärmliche Geschichte seiner Familie. Seine Bebilderung der Verhältnisse ist kompromissloser als Ken Loachs »Ich, Daniel Blake« und reflektierter als Fatih Akins »Der Goldene Handschuh«.

Die Hände zittern, als Ray morgens das erste Glas an den Mund führt. Ein zwei, drei kräftige Züge, dann ist das Glas leer. Bis zum Rand füllt Ray das Glas wieder auf. Die Kamera zoomt auf die unrasierte Erhebung seines Kehlkopfs, der hoch und runter springt. Schlucken ist dieser Mann gewöhnt. Alles andere interessiert ihn auch nicht mehr. Das heruntergekommene Zimmer, durch das die Kamera zuvor fährt und dabei Dreck und Fliegen einfängt, verlässt er ohnehin kaum noch. Wie es dazu kam, erzählt der britische Fotograf Richard Billingham in seinem Regiedebüt. Es ist auch seine eigene Geschichte, denn Ray und Liz sind seine Eltern. Wer die Fotografien kennt, mit denen er in den Neunzigern berühmt geworden ist, ahnt, dass dieser Film keine Schonkost sein wird. Sie zeigen ranzige Chaoslandschaften, in denen weltverloren sein alkoholkranker Vater sitzt oder seine ungepflegte Mutter selbstvergessen Puzzles löst. »Ray’s a laugh« (»Ray ist ein Witz«) nannte er die Bilderserie, mit der die Welt seine Eltern kennenlernte.

Dieser Film ist keine verbitterte Abrechnung mit seinen Eltern, sondern eher eine Anklage der Verhältnisse. Man könnte Vergleiche zu den französischen Linksintellektuellen Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie ziehen. Sie gehen in ihren Texten den Ursachen insbesondere für die Entfremdung von ihren Vätern auf den Grund. Um diese Entfremdung geht es auch dem britischen Künstler. Er macht ganz unmissverständlich die unter Maggie Thatcher entstandene und sich bis heute ausbreitende soziale Kälte für die Lebensumstände mit verantwortlich, die sein Leben prägen.

In drei Episoden, die seine Kindheit, Jugend und Gegenwart spiegeln, erzählt er vom Alltag am unteren Rand der britischen Gesellschaft. Die Kamera von Daniel Landin, der zahlreiche Musikvideos u.a. mit Lana del Ray, Madonna und Radiohead gedreht hat, ist immer dort, wo sich abseits der Aufmerksamkeit die alltäglichen Dramen ereignen. Sie fängt die Armut in all ihren Details ein, dokumentiert die offensichtliche Verrohung und voranschreitende Verwahrlosung. Dabei nimmt sie insbesondere das Schicksal von Billinghams jüngerem Bruder Jason (beeindruckend gespielt von Joshua Millard Lloyd) in den Blick, der irgendwann in eine Pflegefamilie kommt. Das Drama hinter dieser Geschichte erzählt Billingham nicht, denn Jason wird es dennoch nicht aus diesen Verältnissen herausschaffen.

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Joshua Millard Lloyd als Jason Billingham in »Ray & Liz«

Man kennt diese Erzählweise von Ken Loachs Sozialdramen, zuletzt etwa das grandiose »Ich, Daniel Blake«. Darin wird dem gelernten Zimmermann, der im Film die britische Gesellschaft anklagt, zu Beginn attestiert, dass er aufgrund eines Herzinfarktes nicht mehr arbeiten kann. Ungern beantragt er Sozialhilfe, aber er hat keine Wahl. Die Wirklichkeit in Behörden zielt gern mal am Leben vorbei, aber das, was Blake in Ken Loachs Sozialdrama erlebt, ist an Absurdität kaum mehr zu übertreffen. Beim routinemäßigen Gesundheitscheck wird er von der Amtsärztin zur Konsistenz seines Stuhlgangs und zur Beweglichkeit seiner Extremitäten befragt. Als er darauf hinweist, dass die Befragung sinnlos sei, wenn man nicht mal auf sein Herz zu sprechen komme, wird ihm das Wort abgeschnitten und der Antrag abgelehnt.

Der Mittfünfziger ist ein typischer Vertreter der weißen britischen Arbeiterschicht. Er mag kauzig sein, ein Sozialschmarotzer ist er im Gegensatz zu Billinghams Eltern aber ganz sicher nicht. In dem kaputtprivatisierten britischen Sozialsystem wird er aber als solcher behandelt. Im Jobcenter trifft er auf die junge Kate, die dort vergeblich Unterstützung für sich und ihre beiden Kinder Daisy und Dylan sucht. Blake springt für den Staat ein, repariert die marode Sozialhilfewohnung der Kleinfamilie, begleitet Kate zu den Tafeln und kümmert sich liebevoll um die Kinder.

Ken Loach ist die moralische Instanz Großbritanniens. In preisgekrönten Filmen wie »Sweet Sixteen«, »It’s a free world« oder »Looking for Eric« hat er seinen Landsleuten immer wieder den Spiegel vorgehalten. In dem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten »Ich, Daniel Blake« führt er die Kälte des britischen Fürsorgesystems infolge der hemmungslosen Privatisierung eindrucksvoll vor Augen. Er stellt die existenziellen Nöte der Bedürftigen den absurden Forderungen der Ämter gegenüber und präsentiert einen Mann, der aus dem Schatten seiner Sozialversicherungsnummer tritt und bis zum Schluss um seine Würde kämpft.

Loachs Film wirkt wie Faustschlag, denn die Identifikation des Zuschauers mit dem eloquenten und Gesellschaft suchenden Daniel Blake, grandios gespielt von Dave John, vollzieht sich umgehend. Billinghams »Ray & Liz« gelingt das nicht, weil der britische Künstler einen kompromisslosen Schritt weiter geht. Er will die Identifikation gar nicht herstellen, sondern aufzeigen, dass es ein Unten gibt, von dem die Mehrheitsgesellschaft nichts wissen will. Dieses Unten stellt auch Fatih Akin in »Der Goldene Handschuh« aus, wo der deutsche Filmemacher aber mit Effekten schockieren will, will Billingham aufklären. Der nüchterne Blick auf dieses unwürdige Leben, konterkariert von Operngesängen und religiösen Heilsversprechungen, macht »Ray & Liz« zu einem bedrückenden Meisterwerk der Sozialkritik.

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