Literaturübersetzer: »Altersarmut ist die Regel«

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Hinrich Schmidt-Henkel lebt als etablierter Übersetzer in einer komfortablen Situation. Das heißt aber nicht, dass er nicht die Sorgen der Kolleg:innen kennt. Hier spricht er über die Freiheit der Übersetzer:innen und die strukturelle Schieflage, in der sie arbeiten.

Hinrich Schmidt-Henkel, müssen Sie Titel selbst entdecken und den Verlagen vorschlagen oder tragen die Verlage alles an Sie heran?

Ich bin in der sehr komfortablen Situation, dass ich mir in der Regel aussuchen kann, was ich übersetze. Da ich aber nicht Bücher, sondern Autoren übersetze, gilt das mit Einschränkung. Wenn ein neues Buch von einem meiner Autoren herauskommt, dann ist auch klar, dass ich das übersetze. Manchmal gibt es Bücher, die hätte ich wahnsinnig gern übersetzt, aber da fehlt mir einfach die Zeit. Von Ruth Lillegraven erscheint jetzt der Gedichtband »Sichel«, übersetzt von Klaus Anders, da hätte ich, um einen Verlag dafür zu finden, vor anderthalb Jahren zehn bis fünfzehn Gedichte als Probeübersetzung vorlegen müssen. Dafür hatte ich aber keine Zeit. Es ist aber auch schon anderes herum gelaufen. An Tomas Espedal bin ich gekommen, weil Paul Berf, der dessen erstes Buch übersetzt hatte, völlig durch Knausgård blockiert war. Matthes & Seitz Berlin hatte dann mich gefragt, und seitdem übersetze ich Espedal mit großer Freude und Bewunderung.

Tomas Espedal: Das Jahr. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Mathhes & Seitz Berlin 2019. 199 Seiten. 17,99 Euro.

Tomas Espedal: Das Jahr. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Mathhes & Seitz Berlin 2019. 199 Seiten. 17,99 Euro.

Sie haben feste Autoren. Wie unterscheidet sich das »Autoren übersetzen« vom »Bücher übersetzen«?

Man kommt in einen stilistischen Raum zurück, den man schon kennt. Es ist wie das Anziehen eines neuen Gewands, in dem man sich schon mal sehr wohl gefühlt hat. Natürlich hat so ein Folgebuch auch seine eigenen neuen stilistischen Ausprägungen und Varianten. Wer schreibt, entwickelt sich ja im Lauf seines Lebens weiter. Es kommt immer mal wieder vor, dass der deutsche Verlag entscheidet, nicht jedes Buch aus einem Gesamtwerk zu übersetzen. Das ist für die Autoren manchmal schwierig, die möchten mit allem geliebt werden, was sie schreiben. Ich hatte auch schon die Situation, dass sich der Autor dann an mich gewandt und gefragt hat, wer das abgelehnte Buch begutachtet hat und warum es sich nicht durchgesetzt hat. Bei der Übersetzung stelle ich auch Fragen, wenn ich Unstimmigkeiten sehe. Seltener dann, wenn ich etwas nicht so gelungen finde. Am Stilistischen kann ich ein wenig etwas bei der Übersetzung machen, da ist das Übersetzen auch ein behutsames Lektorieren. Ich verstehe mich als literarischer Partner der Autoren. Es gab auch schon einen Autor, der in Oslo die Straßenseite gewechselt hat, als er mich kommen sah. Ich hatte ihm ganz offen gesagt, dass ich ihm in einem konkreten Fall wünschen würde, dass sein Stoff ihn beim Wickel hat und nicht immer er den Stoff so voll im Griff hat. Das konnte er offenbar nicht so gut verknusen.

Was heißt das? Wie gehen Sie bei der Übersetzung eines Titels vor?

Ich lese meist einmal das Buch, um zu wissen, womit man es zu tun hat. Das tue ich manchmal auch nicht, etwa bei Büchern, die auf eine sehr schöne traditionelle Weise Erzählbücher sind oder wenn wirklich Zeitdruck herrscht. Oder wenn ich weiß, dass es ein guter Autor ist und ich das Buch unbedingt übersetzen möchte. Das bedingt später besondere Formen des Nacharbeitens. Etwa wenn man einen Autor übersetzt, der viel mit Binnenmotiven spielt; da muss man wissen, was das Motiv, das auf der dritten Seite kommt, auf Seite 120 für eine Rolle spielt. Es kann sein, dass man dann Seite 3 im Rückgriff dann noch einmal anders übersetzt, aber das gehört zum Handwerk. Was ich aufschreibe, ist nicht die erste Übersetzung, sondern ich übersetze immer ein bis zwei Doppelseiten im Kopf vor. Dabei recherchiere ich, was zu recherchieren ist, also irgendwelche Sachbereiche wie Segeln, Bienenzucht oder Leuchtturmtechnik sowie Wörter, die ich nicht genau verstehe. Außerdem löse ich Satzkonstruktionen auf, schaue mir also an, womit mein Satz auf Deutsch anfängt und was ich unterordnen muss. Dabei spielt auch schon eine große Rolle, dass ich die Sätze im Kopf höre. Die rhythmische Gestalt ist für mich ganz wichtig. Sie stellt sich vielleicht nicht von selbst ein, entsteht aber im Gegensatz zu Fragen der Wortwahl, der Metaphern oder der Satzauflösung stark intuitiv. Für mich ist das richtige Wort das, das sich in den Rhythmus fügt. Und der richtige Satzbau ist der, der dem Fluss oder dem Atem dient, den ich in meiner Vorstellung habe. Wenn ich das aufschreibe, ist das die zweite Übersetzung. Dann redigiere ich gleich noch mal und später gibt es noch weitere Redaktionsdurchgänge.

Lars Mytting: Die Glocke im See. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Suhrkamp Verlag 2019. 482 Seiten. 24 Euro.

Lars Mytting: Die Glocke im See. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Suhrkamp Verlag 2019. 482 Seiten. 24 Euro.

Sie haben gesagt, dass das richtige Wort das ist, was in den Rhythmus passt. Ist man als Übersetzer so frei? Kann man sich vom Text lösen oder Metaphern frei übertragen?

Gerade bei Metaphern hat man gar keine so große Freiheit. Wenn im Original eine standardisierte Metapher genutzt wird und es im Deutschen eine Metapher für den gleichen Sinn gibt, dann muss man diese Metapher verwenden. Man kann nicht sagen, »Es regnete Katzen und Hunde«, sondern man muss sagen »Es regnete Bindfäden« oder »Es goss wie in Strömen.« Es gibt für Metaphern weniger Wahlmöglichkeiten als zum Bespiel für den Satzbau, der im Deutschen viel flexibler ist als in anderen Sprachen. Dieser Freiheitsbegriff ist eine interessante Sache, weil aus der Schule alle diese Einteilung in richtig und falsch kennen. Wenn ich mit dem Übersetzernachwuchs in Seminaren arbeite, kommt auch immer die Frage nach »Wie frei darf ich denn sein?« Meine Philosophie ist da ganz entschieden: Wir Übersetzer müssen ohnehin frei sein. So gibt es im Französischen keine zusammengesetzten Substantive. Die Freiheit, welche in der Übersetzung zu verwenden, muss ich mir doch nehmen. Dasselbe gilt für Zeiten. Im Französischen gibt es das Passé Composé, da denken wir, das wäre unser Perfekt. Ist es aber nicht, denn das Passé Composé ist eine Zeit der Vergangenheitsstufe, das Perfekt eine Zeit der Gegenwartsstufe. Beide Formen werden ganz verschieden verwendet und haben in ihrem sprachlichen Umfeld verschiedene Funktionen.

Im Norwegischen gibt es keinen Konjunktiv in der indirekten Rede. Ich muss also viel stärker überlegen, wie ich damit umgehe. Ich habe die Möglichkeit, in der Übersetzung ohne Konjunktiv zu arbeiten, was eine starke Markierung für Mündlichkeit bedeuten würde, oder korrekte Konjunktiv-Formen zu verwenden. Beim Übersetzen muss ich mir klarmachen, welche Wirkung die eine oder andere Form, die mir zur Verfügung steht, hat, und ob ich genau diese Wirkung erzielen will. Aber das ist ja das Fantastische, dass ich diese ganze Bandbreite an Wahlmöglichkeiten habe und mich entscheiden muss. Es heißt ja auch Üb-ersetzen. Ich muss mir die Freiheit nehmen, weil ich will, dass da am Ende ein integrer deutscher Text steht. Ich schreibe deutschsprachige Literatur und übersetzte Literatur gehört zur Nationalliteratur. Wenn ich zuspitzen müsste, würde ich sagen, dass meine Freiheit sogar so weit geht, dass ich erst einmal schreibe, was ich will. Dann schaue ich, ob das Original stützt, was ich gemacht habe. Wenn es das in Wirkung, Absicht, Haltung oder Ton nicht tut, muss ich es so lange anpassen, bis es passt. Wenn ich nur am Original entlang übersetze, schaffe ich noch keine fertige Übersetzung, sondern lediglich eine Abschrift. Und das ist bei der Übersetzung aus Sprachen, die dem Deutschen nah sind, die größte Gefahr. Man neigt dort dazu, in den Ausgangsstrukturen zu verharren. Man schreibt das, was da steht, mit deutschen Wörtern auf, nur ist das aber noch kein deutscher Satz oder Text.

Diskutieren Sie solche Fragen auch oft mit Ihren Lektoren?

In der Regel eigentlich nicht. Wenn es drum geht, wie viel Konjunktiv verwendet man, oder wenn ein Text stilistisch sehr große Besonderheiten hat, da ist immer die Frage, wie bildet man das ab. Jon Fosse setzt zum Beispiel sehr wenige Kommas, in einer Sprache, in der sowieso weniger Kommas verwendet werden als bei uns. Da ist kein Relativsatz mit dem Komma abgetrennt, bei Fosse noch weniger. Was mache ich da im Deutschen? Wie schaffe ich einen Regelverstoß, der sozusagen demselben Ausmaß an Regelverstoß entspricht? Da kann es schon große Suchen nach dem richtigen Maß geben, die durchaus zu – produktiven – Konflikten führen können.

Jon Fosse: Der andere Name. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt 2019. 480 Seiten. 30 Euro

Jon Fosse: Der andere Name. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt 2019. 480 Seiten. 30 Euro

Wie viel Übersetzer steckt im Idealfall in einem Buch? Wenn Sie sagen, es gibt kein richtig und kein falsch mehr, dann klingt das nach 100 Prozent.

Es gibt richtig und falsch. Das, was ich im Deutschen mache, muss unbedingt immer mit dem Original zurückgekoppelt werden. Es gibt jede Menge falscher Lösungen. Aber gibt man fünf guten Übersetzern denselben Text, wird man fünf verschiedene Texte haben und jeder ist richtig. Das ist der kreative Anteil, darin bildet sich die Persönlichkeit ab, die eigene Schreibe, die eigenen Möglichkeiten und der Wille, einen Stil nachzubilden. In einer Übersetzung ist jedes Wort, das drin steht, vom Übersetzer.

Sie übersetzen auch Klassiker. Warum sind Neuübersetzungen von Klassikern wichtig?

Weil der Klassiker nur dadurch zum Klassiker wird. Der Klassiker ist erst einer, wenn jede Generation das Bedürfnis hat, ihn sich neu anzueignen. Und das tut sie durch Neuübersetzungen. Übrigens nicht unbedingt, weil alte Übersetzungen schlecht oder veraltet wären und schon gar nicht, weil Originale angeblich nicht veralten, Übersetzungen aber schon. Das ist ein großer Trugschluss. Originale veralten dramatisch. Die Engländer sind unglaublich neidisch darauf, dass andere Nationen ihren Shakespeare immer wieder neu schreiben können, während sie immer diesen elisabethanischen Murks auf die Bühne bringen müssen.

Lektoren beherrschen nicht immer die Ausgangssprache des Textes. Bei Französisch wird das häufiger der Fall sein als im Norwegischen. Wie funktioniert das in der Zusammenarbeit, wenn Ihre Referenz der Ausgangstext ist, der der Lektoren aber nur der übersetzte Text.

Es ist so, dass man einen Text, auch wenn man die Ausgangssprache nicht kann, als ihn selbst lektorieren kann. Wo ist der Text in sich schlüssig? Und dann gibt es Nachfragen: Wie ist das im Original? Wackelt das da auch oder wackelt nur die Übersetzung? Nils Tabert vom Rowohlt Theaterverlag, der seit 25 Jahren meine Fosse-Übersetzungen lektoriert, spricht kein Norwegisch und hat sich dennoch immer das Original neben meine Übersetzung gelegt, später auch englische Übersetzungen. Dem hab ich anfangs erklärt, wie ich mir die Machart vorstelle, also gerade die Frage von Verfremdung und Naturalismus. In dem Fall mache ich regelmäßig die wunderbare Erfahrung, das die Kontrollinstanz Lektor den Text noch mal in meinem Sinne, und im Sinne des Ausgangstextes, ein Stück weiter zu sich selbst bringt. Und wenn das dem Originaltext passt, ist das doch großartig.

Wie hat sich das Buchmesse-Gastland Norwegen auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Es gibt diese fabelhafte Institution NORLA, die seit über 30 Jahren Übersetzungen in Fremdsprachen unterstützt, weil es in vielen Ländern sonst wahrscheinlich kaum Übersetzungen aus dem Norwegischen geben würde. Die haben gesehen, wie Finnland und Island tolle Buchmesse-Auftritte hatten und wollten das dann auch angehen. Nach viel kulturpolitischer Lobbyarbeit hat der Kulturausschuss des norwegischen Parlamentes dann sogar mehr Geld bewilligt, als es der Haushaltsantrag aus dem Kulturministerium vorsah. So ist eine ganze Reihe von Projekten möglich geworden, die es sonst nicht gegeben hätte. Etwa dass kleine Verlage wie Guggolz oder Kleinheinrich auf die Idee kommen, Tarjei Vesaas übersetzen zu lassen. Oder dass Regina Kammerer bei Luchterhand auf die großartige Idee kommt, keine neuen Stimmen einzukaufen, weil sie schon Karl Ove Knausgård und Maja Lunde hat, sondern das Gesamtwerk des alten Kjell Askildsen, den großen Meister der kleinen Form, zu machen. Mit der Idee kam sie auf mich zu, als ich vor zwei Jahren bereits bis jetzt ausgebucht war. Aber da ich sowohl den Menschen Askildsen als auch das, was er schreibt, wirklich liebe, war klar, dass für mich daran trotz aller Zeitnot kein Weg vorbeiführt. Wenn man ausgebucht ist, kommt das zum Tragen, was meine akademische Lehrerin immer gesagt hat: Der Tag hat 24 Stunden und die Nacht. Ich habe zwei sehr aufregende und intensive Jahre hinter mir.

Tarjei Veesas: Das Eis-Schloss. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Guggolz Verlag 2019. 199 Seiten. 22,- Euro

Tarjei Veesas: Das Eis-Schloss. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Guggolz Verlag 2019. 199 Seiten. 22,- Euro

Die Buchmesse gilt als Fest der Autoren. Inwiefern ist sie auch ein Fest der Übersetzer?

Sie ist immer ein Fest der Übersetzer, weil die Leute, die aus der jeweiligen Sprache des Gastlandes übersetzen, zwei Jahre lang vorher im doppelten Akkord arbeiten dürfen. Ob das auch sichtbar wird, ist letztlich immer von denselben Bedingungen abhängig: nennen uns die Veranstalter? Stehen unsere Namen in den Programmen neben den Büchern? Werden Übersetzer mit eingeladen zu Lesereisen? All das wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Von den Norwegern gibt es eine eigene Webseite www.norway2019.com, auf der sehr zuverlässig die Übersetzerinnen und Übersetzer bei den Werken genannt werden. Das war nicht von Anfang an der Fall, auch die mussten das erst lernen. Da haben Ihnen viele geholfen. Hier sind aber auch die Medien in der Pflicht. Erst gestern habe ich eine Radiosendung gehört, in der zwar sechs von sieben besprochenen Büchern Übersetzungen waren, aber bei keinem einzigen ist der Name der Übersetzer gefallen. Obwohl die Moderatorin bei einem Buch sagte, dass das sprachlich so toll gearbeitet sei, dass es bislang ihr Lieblingsbuch im ganzen Jahr sei. Das zeigt, dass selbst die Buchmesse nur dann ein Übersetzerfest sein kann, wenn man uns sieht und nennt – wenn nicht, ist es so, als würden wir nicht existieren.

Sie standen jahrelang dem Verband der Übersetzer vor, einer Art Gewerkschaft Ihrer Branche. Wo sehen Sie denn den größten Handlungsbedarf und wie sehen Lösungen aus?

Das ungelöste Problem ist die strukturelle Schieflage, in der wir uns befinden. Wir arbeiten künstlerisch – unser Produkt ist urheberrechtlich geschützt – und im Auftrag der Verlage. Wir arbeiten nicht, weil wir als Künstler gern ein paar Monate unseres Lebens in ein schönes Buch investieren wollen, ohne uns zu fragen, ob das hinterher auch etwas einbringt. Wir bekommen einen Auftrag, weil ein Verlag unsere Übersetzung braucht, denn er hat eine Lizenz gekauft, um ein Buch auf Deutsch herauszubringen. Anders als alle anderen, die vom Verlag in dem Prozess beauftragt werden, wie Papierhersteller oder Druckereien, sitzen wir in diesem Markt am kürzeren Hebel. Der Drucker kann von seiner Druckerei leben, die Übersetzerin vom Übersetzen in aller Regel nicht. Dieser Missstand ist so stark zu beklagen wie eh und je. Unsere letzte Honorarumfrage hat gezeigt, dass wir inflationsbereinigt für über drei Euro weniger pro Normseite übersetzen als vor 18 Jahren! Das liegt zum Teil daran, dass wir bei der Buchkalkulation unter die Herstellungs- statt die Honorarkosten fallen. All die angeblich unüberwindlichen Preishürden beim Buchpreis – erst waren es 20, später 25 Euro – sind längst überschritten, aber keine einzige Erhöhung kam wegen höherer Übersetzerhonorare zustande. Es heißt schon immer, »Wir können nicht.«, doch dahinter steht eben auch ein »Wir wollen nicht.« In unserer Branche gibt es in der Behandlung der Übersetzer die gesamte Bandbreite von partnerschaftlich bis verbrecherisch. Und je nachdem, wo man sich gerade befindet, geht es einem zwischen ganz gut und beschissen. Daran ändert sich auch nur etwas, wenn sich gesetzliche Gegebenheiten ändern. Durch Einsicht ändert sich nur wenig. Gemeinsam mit dem Börsenverein werden wir jetzt einen A-Standard der Übersetzer-Nennung veröffentlichen. Das ist sehr gutes Papier, das das Zeug dazu hat, dass Dinge sich zum Besseren wandeln. Allerdings nicht in der Vergütung. Die Vergütung ist und bleibt unzureichend. Altersarmut ist die Regel.

Wie könnte denn eine gesetzliche Regelung aussehen?

Das Urheberrecht sieht ja jetzt schon, vor, dass angemessen vergütet wird und dass die Branche intern die Angemessenheit definiert. Nur kann kein Verlag gezwungen werden, Angemessenheit zu definieren, denn die im Urheberrecht vorgesehenen Einigungsmechanismen sind unzureichend. Wir können Verlage zu Vergütungsverhandlungen auffordern. Wenn die ergebnislos sind, bleiben sie ergebnislos. Wir können ein Schlichtungsverfahren anhängen, dessen Ergebnis für niemanden verbindlich ist. Sowohl die schwarzen als auch die weißen Schafe in der Verlagswirtschaft sagen immer noch teilweise ganz offen, dass sie auf keinen Fall Vergütungsregeln wollen. Das heißt, sie wollen nicht gezwungen werden, angemessen zu zahlen. Auf der anderen Seite hat mir gegenüber kein Verlagsmensch jemals gesagt, dass die Honorare reichen.

Kjell Askildsen: Ich bin ein wortkarger Mann, doch gelegentlich führe ich Selbstgespräche (Bd.1), Man lernt, solange man lebt, wozu auch immer das gut sein soll (Bd. 2). Luchterhand 2019. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 1.059 Seiten. 48,- Euro.

Kjell Askildsen: Ich bin ein wortkarger Mann, doch gelegentlich führe ich Selbstgespräche (Bd.1), Man lernt, solange man lebt, wozu auch immer das gut sein soll (Bd. 2). Luchterhand 2019. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 1.059 Seiten. 48,- Euro.

Wird sich in Zukunft, möglicherweise durch die Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz, etwas für Ihre Arbeit verändern?

Durch die Digitalisierung haben sich neue Vermarktungsmöglichkeiten aufgetan. Das begrüßen wir sehr. Wir wollen natürlich, dass unsere Werke von möglichst vielen Menschen genossen werden. Vor allem wollen dafür ordentlich vergütet werden. Die neue EU-Urheberrechtsrichtlinie sieht genau das vor. Jetzt brauchen wir eine nationale Gesetzgebung, die das auch sicherstellt. Das verlangt die EU-Richtlinie auch. Demnach müssen die nationalstaatlichen Regelungen auch wirkmächtig sein und dazu führen, dass die Verbesserung eintritt. Es reicht nicht, die Verbesserung nur zu beabsichtigen und dafür ungenügende Instrumente zu schaffen. Wir hoffen, das binnen zweier Jahre eine Umsetzung in deutsches Recht entsteht und dann auch institutionelle und rechtliche Gelegenheiten geschaffen werden, dass alles, was beispielsweise über YouTube läuft, auch lizenziert werden muss. Momentan stehen da Hörspielfassungen meiner Übersetzungen, die jemand im Radio mitgeschnitten hat, und kein Mensch sieht einen Pfennig dafür. Derjenige, der das hochlädt, wahrscheinlich auch nicht, aber YouTube. Die haben ja schon eine Rahmenvereinbarung mit der Gema, sie müssen dann dementsprechend zahlen.

Übersetzer haben oft ein Werk oder einen Autor, den Sie gern noch übersetzen würden. Eine Art Traum-Auftrag. Welches wäre Ihr Traumauftrag?

Nein, das kann ich nicht sagen. Manche großartigen Projekte sind auch mit viel Anstrengung verbunden. Céline neu zu übersetzen ist ein großartiges Projekt. Es ist aber eine enorme Mühe. »Reise ans Ende der Nacht« habe ich vor 17 Jahren neu übersetzt und die Pause bis jetzt habe ich wirklich gebraucht. Jetzt übersetze ich seinen Zweitling »Tod auf Kredit« und mache das auch sehr gern. Aber ich weiß nicht, ob ich tatsächlich sagen könnte, dass es echten Spaß macht. Also Befriedigung, ja, aber es ist auch eine sehr große Mühe. Ein Autor, den ich sehr liebe, ist Molière. Molière mit Frank (Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkels Partner) zusammen neu zu übersetzen, das wäre großartig. Ansonsten muss ich sagen, dass die »Stilübungen« von Queneau zu übersetzen ein absoluter Traum war. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich das mal machen würde – bis zu dem Moment, wo eben in Frankreich ein Konvolut mit bislang nie Veröffentlichtem herauskam. Da haben Frank und ich erst gesagt, wir machen das jetzt, und der Verlag bat uns, dann alles zu machen. Oder den ganzen Askildsen zu übersetzen, das ist etwas, was man sich für ein Übersetzerleben als Glücksfall kaum ausdenken könnte. Deswegen habe ich davon auch nie geträumt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das mal passieren würde.

Im ersten Teil des Interviews spricht Hinrich Schmidt-Henkel über die norwegische Sprache, die Herangehensweise seiner norwegischen Autoren und die Faszination ihrer Werke.