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Der Lächerlichkeit preisgeben

Golo Mann warf ihr als einer der prominentesten Kritiker vor, eigene Maßstäbe erfunden und Akteure wie die Judenräte oder die deutschen Widerständler angegriffen zu haben. Mit ihrer überklugen Dialektik schaffe sie eine Nacht, in der alle Katzen grau seien, »in der die Guten nicht gut sind und die Schlechten nicht schlecht, die Guten nichts besser machen konnten, die Schlechten kaum etwas schlechter«. Mary McCarthy wiederum verurteilte diese wie auch andere Kritiken. Diese würden Arendts Verstehen von Eichmann mit einem Vergeben seiner Taten verwechseln – ein Aspekt, den auch Marie Luise Knott in ihren Studien der Arendtschen Denkwege näher beleuchtet.

Im direkten Austausch spielte auch die Auseinandersetzung Arendts mit dem jüdischen Historiker Gershom Scholem eine wichtige Rolle, auf die hier hingewiesen sein soll. Die von Marie Luise Knott herausgegebene komplette und mitunter hochkontroverse Korrespondenz der beiden leidenschaftlichen Briefeschreiber, die die Jahre 1939 bis 1964 umfasst, ist im vergangenen Herbst bei Suhrkamp erschienenen.

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Vor dem Hintergrund dieser Kontroverse, die auch in den deutschen Medien emotional geführt wurde, plante der junge Journalist Joachim Fest ein Interview mit der deutlich älteren Hannah Arendt. Er wollte der deutschen Philosophin und Verwandten im Geiste die Möglichkeit bieten, sich anlässlich des Erscheinens der deutschsprachigen Ausgabe von Eichmann in Jerusalem gegen die vorgebrachten Vorwürfe zu verteidigen. Arendt lehnte dies jedoch ab, wie aus den nun vorliegenden Briefen hervorgeht. »Ich stimmte dem Gespräch mit Ihnen zu, weil ich nach Lektüre ihres Buches [Das Gesicht des Dritten Reiches] dachte, wir haben gemeinsame Interessen, sehen viele Dinge in einem ähnlichen Licht, es sollte Sachen geben, über die wir uns mit Gewinn unterhalten können. Es sollte eine Unterhaltung sein, von Ihnen geführt, aber nicht ein Interview; eben ein Gespräch.«

Dieses Gespräch, im Buch dokumentiert, ist zweifelsohne ein Höhepunkt der politphilosophischen Debatte. Arendts Argumenten hinsichtlich der juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen, der allgegenwärtigen Dämonisierung der nationalsozialistischen Führungsfiguren und ihrer These der Banalität des Bösen nachzuspüren, ist ein idealer Ausgangspunkt, um sich intensiver mit den Denkwegen bei Hannah Arendt auseinanderzusetzen.

Nicht zufällig trägt Marie Luise Knotts Essayband den Titel Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt, denn das Umwerfen von bekannten Ansätzen und vorgefassten Meinungen machen Arendts Denkschule bis heute aus. Es ging ihr immer wieder um den Perspektivenwechsel, das Neu-Sehen und Neu-Deuten des Wahrgenommenen und das Überprüfen der eigenen Sicht auf die Welt. Immer wieder hatte sich Arendt intellektuell auf den Weg gemacht, sich nicht mit dem vermeintlich Nachvollziehbaren zufrieden gegeben, macht Marie Luise Knott auf vielfältige Art und Weise deutlich. War das Gespräch zwischen Arendt und Fest von besonderer Bedeutung für die damalige Debatte, so ist dieser schmale Band ein Solitär der Arendt-Deutung – eine mit viel Wissen ausgestattete und reflektierende Karte der Arendtschen Schaffenslandschaft. Dass es dafür ausgerechnet eine Übersetzerin braucht, die völlig zu Recht den Ruf einer Arendt-Expertin genießt, ist nur folgerichtig.

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