Comic

Erotik im Comic ­– Ein Versuch, das Ungreifbare zu greifen

Der Gegenstand des Erotischen in der Neunten Kunst unterliegt in hohem Maße der Subjektivität des Autors. Erotik liegt schließlich im Auge der Betrachtenden und ist dem nagenden Zahn der Zeit sowie den kulturgesellschaftlichen Wandlungsprozessen unterworfen. Die hier vorgestellten Comics sind im offenen Deutungsraum von Erotik, Sex und Porno zu verorten und könnten Ausgangspunkt einer Debatte sein, die überfällig ist. Auf die teils explizite Illustration des Beitrags sei an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen.

Die Klassiker-Liste der Erotika der Neunten Kunst ist lang: Little Annie Fanny von Harvey Kurtzman, Fanny Hill von Philippe Cavell, Barbarella von Jean-Claude Forest, Valentina von Guido Crepax, Außer Kontrolle von Milo Manara, Black Kiss von Howard Chaykin, Talk Dirty von Matthias Schultheiß oder Betty Page von Jim Silke. Ob all diese Arbeiten aus heutiger Sicht noch den Anspruch einer erotischen Lektüre erfüllen, ist zumindest umstritten. Ihre Bedeutung für das Genre – allein aufgrund des faktischen Widerstands gegen die Vorgaben des Comics Code und seiner globalen Folgemodelle – steht aber außer Frage. Nicht zu vergessen sind darüber hinaus die Vorboten der Text-Bild-Erotika: die indischen Kamasutra- und japanischen Shunga-Malereien (so genannte »MangaSutra«), die viktorianischen Erotika, die so genannten Tijuana-Bibeln und unzähligen Pin-Up-Motive.

Eine Übersicht über die All-Time-Favorites der Schlüsselloch-Lektüren der Neunten Kunst bieten die zwei Sammelbände Erotische Comics von Tim Pilcher. Ihre Stärke, die Versammlung der Klassiker, ist zugleich ihre Schwäche, denn die Gegenwart kommt hier viel zu kurz. Wenden wir uns also dem Hier und Jetzt zu.

Robert Crumb »Frauen«

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© Robert Crumb

Aus dem angloamerikanischen Raum muss man zweifellos Robert Crumb anführen, dessen Underground-Comix mit sexuellen Darstellungen bis zum Rand gefüllt sind. Auch Gilbert Hernandez darf nicht fehlen, dessen explizite Erotik-Mini-Serie Birdland sowie die keineswegs erotikarme Luba-Biografie aus dem Love & Rockets-Universum angelegt sind. Längst zum Erotika-Solitär avanciert ist Alan Moores spektakuläre Erzählung Lost Girls, in der er die weiblichen Hauptfiguren aus Alice im Wunderland, Der Zauberer von Oz und Peter Pan als erwachsene Frauen in einem österreichischen Jugendstilhotel aufeinandertreffen lässt. Moore ist mit den drei Bänden ein erotischer Augenschmaus gelungen, der geschlechterunabhängig alle begeistert.

Kontrovers diskutiert wird hingegen der selbstreferentielle Bilderkosmos von Chester Brown, angefangen von seinen Playboy-Stories über seine Jugenderinnerungen Fuck bis hin zu den Aufzeichnungen eines Freiers Ich bezahle für Sex. Zu dem viel bespielten Kosmos der Coming-of-Age-Comics, in denen das Aufblühen des jugendlichen Körpers mit – teils autobiografischen – sexuell-erotisierenden Erinnerungen verarbeitet wird, zählen Alison Bechdels Fun Home, Howard Cruse’ Bürgerrechtsbewegungs-Comic Stuck Rubber Baby, Charles Burns surrealistische Teenager-Erzählung Black Hole, Daniel Clowes Kultcomic Ghostworld, Terry Moores Strangers in Paradise sowie einige von Adrian Tomines Optic Nerve-Bänden.

Die aufregendsten Erotika-Newcomer in der internationalen Comicszene sind in Thickness versammelt, einer dreibändigen Erotik-Comic-Anthologie, mit Erzählungen u.a. von Julia Gfrörer, Michael DeForge, Katie Skelly, Jimmy Beaulieu, Gengoroh Tagame und Johnny Negron. Vor allem Negrons zwischen Sex und Ironie angesiedelte expressionistische Comicwelten verblüffen und berühren. In seinen Alben stehen meist überzeichnete Frauenfiguren im Mittelpunkt, die mit den herkömmlichen Klischees von Sexyness und Attraktivität brechen, ohne ihre Anziehung zu verlieren.

Spielerische Franzosen

In der alten Welt ist der Umgang mit Sexualität, Erotik und Sinnlichkeit grafisch und erzählerisch verspielter. Vor allem französische Zeichner wie das Duo Marie Pommepuy alias Kerascoët und Hubert Boulard mit ihrer Belle-Epoque-Serie Fräulein Rühr-mich-nicht-an, Blutch mit La Volupté oder Christophe Blain mit seiner semiphilosophischen Erzählung Sokrates der Halbhund sind Freunde der erotischen Anspielung. Etwas expliziter thematisieren Jimmy Beaulieu in Ein philosophisch pornographischer Sommer sowie in Nachtstück, Julie Maroh in ihrer gleichnamigen Comicvorlage zum Filmerfolg Blau ist eine warme Farbe oder das Duo Serge Le Tendre und Christian Rossi mit ihrer historischen Geschichte von Tiresias Fragen der erotischen Ausstrahlung. Und auch der Italiener Manuele Fior Mademoiselle Else neigt zu sinnlichen Geschichten.

Eine Sonderstellung unter den aktiven Zeichnern nehmen Joan Sfar, Bastian Vives sowie Frederic Boilet ein. In Joan Sfars in naivem Strich gezeichneten Alben spielt Sexualität eine große Rolle, in Werken wie der avantgardistisch-wilden Künstlerserie Pascin, dem etwas albernen Barockalbum Le minuscule mousquetaire und dem Experiment Tokyo bewegt er sich an der Grenze zur Pornografie.

Frederic Boilet »Alexia 3615«

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© Frederic Boilet

Auch die halb naiv, halb realistischen Zeichnungen von Wunderkind und Dauerzeichner Bastian Vives sind von einer Faszination am Erotischen geprägt. Ob Die große Odaliske, seine Geschichte eines Kunstdiebstahls à la Drei Engel für Charlie, oder das geniale LastMan-Universum – seine Welten sind körperbetont und mehrdeutig gestaltet. Mit Les melons de la colère hat er sogar eine pornografische Version von John Steinbecks Weltroman Früchte des Zorns vorgelegt. Erschienen ist das Album bei dem Kleinverlag Les Requins Marteaux in der Independent-Sex-Reihe BD CUL, die experimentierfreudige Erotika von Autoren wie Aude Picault, Morgan Navarro oder Guillaume Bouzard versammelt, um ein neues Zeitalter des freizügigen Comics einzuleiten.

Der in Frankreich geborene und in Japan lebende Frederic Boilet startete seine erotischen Arbeiten Anfang der 1990er mit 3615 Alexia, einem zu seiner Zeit stilistisch wegweisenden Album. Inzwischen hat er, teilweise mit dem Japaner Kan Takahama, unzählige erotische Mangas geschaffen. Ohnehin treiben Erotik, Sexualität und Pornographie in der Welt der Mangas so viele unterschiedliche Blüten, wie sonst nirgendwo. Von berührenden Coming-of-Age-Geschichten mit softerotischen Zügen bis zu harter SM-Pornografie findet man im Manga-Kosmos alles was die Lust begehren könnte, unabhängig von der sexuellen Neigung.

Ein unterschätztes Genre

Man müsste Seiten füllen, um der vielfältigen Welt der Erotik- und Sex-Manga auch nur annähernd gerecht zu werden. Oft tragen die deutschen Erscheinungen so plakative Titel wie Schulmädchenreport oder HighSchool DxD, Gezieltes Verlangen oder Vernasch mich, Hungry Hearts oder Sex-Philes oder Der beste Liebhaber oder Manga Love Story. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen, um Augenöffner wie Shinagowa oder Furious Love von Kazuo Kamimura zu entdecken. Der Großmeister des Sex-Mangas ist aber zweifellos Gengoroh Tagame, seine Gay-Mangas Strotzen vor Testosteron und Virilität.

Der deutsche Antityp zu Tagame ist Ralf König mit seinen allzeit bereiten, ironisch gezeichneten Muskelprotzen. Wenn es einen deutschen Comicautoren gab, den man mit der Befreiung des Erotischen und der Sexualität aus der protestantischen Prüderie der Nachkriegsgeneration in Verbindung bringen kann, dann ihn. Grundsätzlich ist die deutsche Comicszene aber schwach aufgestellt, wenn es um Erotik oder Sexualität geht. Die meisten der freizügigen Alben deutscher Autoren sind wie die Porno-Reihe Alraune von Toni Greis und Rochus Hahn so klischee- und männerphantasiebehaftet, dass man geneigt ist, sie sofort wegzulegen, kaum dass man danach gegriffen. Aber auch in Sanni Kentopfs aus weiblicher Sicht geschriebene Erzählung Honigfeigen bleiben die Figuren steif und ohne Entwicklung.

Gengeroh Tagame

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© Gengeroh Tagame

Wer auf- und anregende, verspielte und experimentierfreudige Text-Bild-Erotika von deutschen Autoren sucht, greife zur Indipendent-Anthologie Bettgeschichten. In der von Reinhard Kleist und Naomie Fearn herausgegebenen Geschichtensammlung wechseln nicht nur weibliche und männliche Perspektiven, sondern auch sexuelle Orientierungen und Gelüste in einem kunterbunten Reigen aus Slapstick, Märchen und Halbrealem. Maria Hens im Frühjahr publizierte Geschichte Das Schwein ist eine Art Epilog zu diesem leider ausverkauften Füllhorn an Lieb- und Leidenschaften, in den auch Ulli Lusts Selbsterfahrungs-Reportage aus dem Berliner Kit-Kat-Club hineingepasst hätte. In Es war ein ganz zauberhafter Abend, Liebling, erschienen im Strapazin-Magazin #106, hat sich die Wahlberlinerin als Teil des lustvollen Treibens in dem berüchtigten Klub, der sich dem Hochleben des Hedonismus verschrieben hat, inszeniert – neugierig, ironisch und gelassen.

Genau darin liegt das Geheimnis erotischer Comics: sie dürfen sich nicht zu ernst nehmen. Die Alben, in denen sich aalglatte Protagonisten mit pennälerhaftem Stellungswechsel dem Höhepunkt entgegenkeuchen und die absolute Nacktheit zum Tempel der Lust erklärt wird, lassen kalt. Erotische Comics müssen sich wie die Erotik selbst etwas Ungreifbares bewahren, und damit das Gegenteil des Expliziten.

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Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Comicmagazin ALFONZ 2-2014

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