Vom Überspringen des Hypes

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Er will nicht, dass ihn jemand sieht. Wie soll man das verstehen? Ist Knausgård nicht derjenige, der sich öffentlich so sichtbar gemacht hat, wie kaum ein anderer? Verdient er nicht sein Geld damit, dass er noch die kleinste Peinlichkeit in epischer Länge ausgebreitet hat, die ihm zugestoßen ist? Durchaus, aber dennoch steht über dem ganzen Projekt auch Roman, es sollte also klar sein, dass hier auch angereichert und fiktionalisiert wird, wie er selbst gegenüber taz-Literaturchef Dirk Knipphals und Thomas Böhm gestand.

Und dennoch, unsichtbar war er keineswegs an diesem Abend in den Berliner Festspielen. Zweimal trat er an den Signiertisch, geschätzt 500 Menschen holten sich ihre persönliche Unterschrift ab. Und wie es sich für einen großen Autor gehört, ließ er sich dabei aller Anstrengung zum Trotz nicht aus der Ruhe bringen, um nicht auch einige Worte mit begeisterten Lesern zu wechseln oder für das ein oder andere Leser-Autor-Selfie zur Verfügung zu stehen.

In dem Gespräch mit Knausgård ging es vor allem um den neuen, fünften Teil seines Romans, der gerade in Deutschland erschienen ist und den Titel Träumen trägt. Darin beschreibt der norwegische Autor seine verbissene Suche nach einer eigenen literarischen Identität während seiner Zeit an der Schreibakademie in der westnorwegischen Hafenstadt Bergen. »Ich wollte schreiben, das war das Einzige, was ich wirklich wollte«, erinnerte sich der Norweger. Aber außer Artikeln, Kritiken und Essays habe ihm mit Mitte zwanzig nichts richtig gelingen wollen. Knausgård sprach von Selbsthass angesichts seiner Texte, die nicht so aussahen, wie er sich Literatur vorstellte, weil sie nicht nach Thomas Bernhard, Knut Hamsun oder Thomas Mann klang. Man konnte im Saal der Berliner Festspiele förmlich die Enttäuschung über das eigene Scheitern und das Leiden am Unvermögen, Hochliteratur zu produzieren, fühlen, das der norwegische Starautor schon so lange mit sich herumschleppt.

Thomas Böhm, Karl Ive Knausgård und Dirk Knipshals sprachen vor allem über »Träumen«, den 5. Teil des Großromans »Min Kamp«

Thomas Böhm, Karl Ive Knausgård und Dirk Knipshals sprachen vor allem über »Träumen«, den 5. Teil des Großromans »Min Kamp«

Gegenüber Mikael Krogerus sprach er von Ulysses und Moby Dick als Maßstab des eigenen Anspruchs. Wie soll man daran eigentlich nicht scheitern? Komischerweise ist es das Schreiben selbst, dass ihn davor bewahrt hat. »Ich hasste jeden Satz, den ich schrieb, aber dann wurde das der Sinn meines Schreibens: sich nichts vormachen, dort bleiben, wo man wirklich ist. Ich wollte so tief im Kleinen verschwinden, dass sich die großen Linien auflösen. Ich schrieb über Windeln wie Joyce über Dublin.«

Seinen Erfolg kann er nur in einer Art Fassungslosigkeit annehmen. Die einzelnen Teile von Min Kamp seien keine sehr guten Bücher, erklärte er in Berlin. Sie seien zwar voller Leben, aber das hieße nicht zwangsläufig, dass sie auch qualitativ gut seien, führte er gegenüber einem aufmerksam lauschenden Publikum aus. Er sieht sich als »Sekundärschreiber«, der Dinge nicht neu erschafft, sondern nur (!) über sie schreiben kann. Nun ja… Auf die nochmalige Nachfrage seiner zwei Gesprächspartner, ob er das tatsächlich so empfinde, räumte er ein, dass dieses Denken womöglich auch eine Angstreaktion sei, um nicht abgelehnt zu werden. Bevor andere ihn und sein Schreiben ablehnen, macht er das lieber selbst. Da ist er wieder, der Selbsthass.

Karl Ove Knausgård ist nicht nur ein obsessiver Autor – an dem knapp 800 Seiten umfassenden 5. Band hat er eigenen Aussagen zufolge gerade mal acht Wochen geschrieben –, sondern auch Verleger. Mit den ersten Einnahmen seines Weltbestsellers in sechs Teilen hat er den Pelikanen-Verlag gegründet, in dem er unter anderem die Romane von Peter Handke, Christian Kracht und Judith Herrmann herausgibt. Ihm gefällt die radikale, schonungslose, freie Prosa, die diese Autoren verfolgen.

Karl Ove Knausgård hält nicht viel von der Moderne: »Es ist eine einfachere und bessere Welt, aber vielleicht ist es nicht einmal mehr eine Welt?«

Karl Ove Knausgård hält nicht viel von der Moderne: »Es ist eine einfachere und bessere Welt, aber vielleicht ist es nicht einmal mehr eine Welt?«

Neben seiner Getriebenheit, seinem Drang zu Schreiben, sprach Knausgård auch über die Nostalgie, die sein Gegenprogramm zu David Foster Wallace durchweht. Da schreibt einer über die Härte des Lebens, setzt seinen Lesern eine Art »Back-to-the-roots-Programm« vor, wie das Dirk Knipphals in seiner Rezension beschreibt, um »aus den Fiktionsschranken aus[zu]steigen, von seinen Kämpfen [zu] erzählen und dabei keine erzählerischen Kompromisse ein[zu]gehen«. Warum das alles, fragte Thomas Böhm? Weil er von dieser Moderne genervt sei, in der das Leben darin bestehe, auf einen Bildschirm zu starren, antwortete Knausgård sinngemäß. Das ficht natürlich den Narziss im Autor dieses Textes an, starrt er doch gerade selbst auf einen Bildschirm. Man fühlt sich sofort ertappt und fragt sich, ob man nicht auch besseres tun könnte, als diesen Text hier zu schreiben. Sich mit Freunden treffen beispielsweise oder hemmungslos betrinken, das Leben feiern oder auch schrecklich zu ruinieren. Aber all das passt nicht in diese positivistische Moderne. Man bekommt eine Ahnung, wie viel innere Widerstände er überwunden haben muss, um all das aufzuschreiben, was nun Millionen Leser packt.

Man muss es Knausgård lassen, dass er seine Zeitkritik griffig und bildhaft zu verpacken weiß. Als der vierfache Vater ausführte, dass Kinder, wenn sie sozial sind, nebeneinander Tablett spielen, lachten viele im Saal befreit auf, nur um kurz darauf Schluckbeschwerden zu empfinden, weil das eigene Gelächter vor Betroffenheit im Halse stecken geblieben war. Die Gegenwart mag uns eine einfachere und bessere Welt offerieren, »aber vielleicht ist es nicht einmal mehr eine Welt«, meinte der Starautor dialektisch. Sätze wie diese vernahm das dankbare Publikum gern, erkannten sie darin doch die wirkungsmächtige Sprache des Autors wieder, von dessen Prosa sie nicht loskommen.

Wer sich mit unserer Gegenwart kritisch auseinandersetzen will, zugleich aber auch irgendwie zu ihrer Funktionalität beiträgt – ob passiv oder aktiv – scheint in Knausgård einen passablen Gegenüber zu finden, mit dem er über die Buchseiten hinweg das Unbehagen in dieser Welt und der eigenen Ohnmacht darin teilen kann. Allein dieser Eindruck macht Lust, auch noch nach Erscheinen von Teil 5 in die Lektüre einzusteigen. Zumal an Band 6 dann selbst jene Interesse finden sollten, denen das Ganze aus der Distanz betrachtet zu volksnah oder gar zu trivial (wenngleich abgesehen von Christine Westermann bislang noch kein Kritiker von Trivialität in diesem Werk gesprochen hat) scheint. Denn dort wird es um sein besonderes Interesse an Paul Celan gehen, dessen Todesfuge darin eingearbeitet sein wird.

»Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es.«

»Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es.«

Der Tod ist immer auch gegenwärtig in Knausgårds Werk, ebenso wie der Pakt mit dem Teufel, den er nach eigenen Aussagen für dieses Werk geschlossen habe. Er bestehe darin, alles, aber auch wirklich alles schonungslos nach außen zu kehren und dafür Ruhm und Ehre zu ernten. Das hat ihm auch harsche Kritik eingebracht, da er nicht nur sich auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten preisgibt, sondern auch all jene, mit denen er Zeit verbracht hat. Seine Ex-Frau, die Journalistin Tonje Aursland, die in den ersten zwei Bänden nicht so gut weggekommen sein soll, hat gar einen Hörfunkbeitrag verfasst, in dem sie ihre Sicht auf die Dinge darstellt, um die Deutungshoheit über die eigene Existenz wiederzuerlangen.

Während Fans und Neugierige nun in den Bänden 1 bis 5 schwelgen können, um die Wartezeit auf den Abschluss dieses »Klassikers der Zukunft« (Thomas Böhm) zu verkürzen, sind in Norwegen gerade die ersten beiden Teile seines auf vier Bände angelegten neuen Projekts erschienen. Die Bücher sind seinen Kindern gewidmet und sollen kurze, prägnante Texte über die Dinge enthalten, die den Menschen umgeben. Es seien kleine Briefe an seine Kinder, denen er die Welt erklären wolle, so Knausgård in Berlin. Das klingt ein wenig wie eine Kulturgeschichte der Dinge, ähnlich wie Neil MacGregors Geschichte der Welt in 100 Objekten.

Einen Eindruck über die essayistischen Qualitäten Knausgårds kann man in der 18. Ausgabe der Edition Berliner Festspiele bekommen, in dem der Norweger über Nacken schreibt. Darin heißt es anfangs »Wenn ich an den Nacken denke, fallen mir als Erstes Guillotinen, Enthauptungen, Hinrichtungen ein, was natürlich seltsam anmutet, da wir in einem Landleben, in dem keine Hinrichtungen vollstreckt werden, keine Guillotinen existieren und Enthauptungen in unserer Kultur folglich etwas extrem Peripheres sind. Und dennoch, denke ich Nacken, denke ich köpfen.«

Sich Knausgårds Auseinandersetzung mit dem Ich entgehen zu lassen, erscheint dem Autor nach einem Abend mit ihm und den rund 2.500 Wörtern, die er bis hierher verloren hat, als ignorant gegenüber der Literatur in ihrer Gesamtheit. Vielleicht auch, weil der Hype übergesprungen ist. Vor allem aber, weil hier das Schreiben zu einer besonderen, einer existenziellen Konfrontation mit der Welt anzuschwellen scheint, um das umstrittene Ich darin irgendwie zu retten. Also zurück zum Anfang dieses Kampfes, dem sich der Norweger auf knapp 5.000 Seiten stellt: Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es. Früher oder später, an dem einen oder anderen Tag, hört seine stampfende Bewegung ganz von alleine auf, und das Blut fließt zum niedrigsten Punkt des Körpers, wo… kleinen Lache… weißer werdender Haut… Veränderungen… unwiderruflich… … …

Das Werk von Karl Ove Knausgård erscheint im Luchterhand Literaturverlag.

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