Literatur, Roman

Der Grad des Glücks

Iris Wolff erzählt in ihrem bewegenden Roman »Die Unschärfe der Welt« die Geschichte einer Familie aus dem Banat und davon, wie eine Landschaft Menschen ein Gefühl tief ins Herz pflanzen kann. Der Roman ist die Entdeckung des Bücherherbst und gleich für drei große Literaturpreise nominiert.

»Der Blick des Zauberers ist der Blick des Publikums.« Mit diesem Satz schließt Iris Wolff ihren Roman »Die Unschärfe der Welt«, der als die Entdeckung des Bücherherbstes gilt. Er steht auch nicht nur auf der 20 Titel langen Longlist des Deutschen Buchpreises, sondern ist auch einer von fünf Titeln auf der Shortlist für den Wilhelm-Raabe-Preis 2020 und einer von drei Titeln auf der Shortlist für den Bayerischen Buchpreis.

Der den Roman schließende Satz lädt ein, zurückzublättern und von vorn anzufangen, denn natürlich fragt man sich, ob man während der Lektüre des Romans vielleicht dem Zauber der Autorin erlegen ist, die den eigenen Blick geschickt durch die Schicksale einer Familie aus dem Banat gelenkt hat. Wenn dem so ist, dann ist es ein verdammt eindrucksvoller Zauber, den die 1977 in Hermannstadt geborene, heute in Freiburg lebende und bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin da vor dem Leser:innenauge aufführt.

Dieser leise und hochpoetische Roman ist von einer erzählerischen Kraft und sprachlichen Präzision, die einen tief eintauchen lässt in die Geschichten ihrer Figuren und in eine Landschaft, die von Mythen getragen ist. Dabei beginnt der Roman fast mit einer Katastrophe, denn Florentine droht ihr Kind zu verlieren. Zwischen Fässern mit gepökelten Fisch schafft sie es aber doch rechtzeitig ins nächste Krankenhaus, um dort ihren Sohn Samuel zur Welt zu bringen. Samuel trickst schon als Kind mit Karten und Würfeln herum, nachdem ein Sommergast seiner Eltern ihm gezeigt hat, wie man sein Publikum verführt.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett Cotta Verlag 2020. 213 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen

Samuels Vater Hannes ist Pfarrer in der deutschsprachigen Gemeinde eines kleinen Dorfes im Banat. Seine Mutter organisiert gezwungenermaßen den Haushalt und das Gemeindeleben, wobei sie so richtig nicht warm wird mit dem Leben auf dem Land. Entsprechend sind es die Sommergäste, die den meisten Schwung in ihr Leben bringen.

Ob Hochzeiten oder Beerdigungen – das Leben vieler anderer zieht durch Hannes und Florentines Leben an ihnen vorbei. Etwa auch das von Ruth und Severin, ihren Freunden, deren Sohn Echo Hannes mit göttlichem Geleit zu Grabe tragen soll. Es war ein tragischer, ein sinnloser Unfall, bei dem Echo ums Leben gekommen ist. Ein Unfall, den auch kein göttlicher Wille erklären kann.

Die Geschichte der Beerdigung von Echo ist die zweite in diesem Roman und sie ist von so einer tiefen Traurigkeit, dass der Kloß im Hals beim Lesen immer größer wird. Da steht der eloquente Pfarrer sprachlos vor seinen erschütterten Freunden, gerät selbst ins Zweifeln ob der Sinnhaftigkeit der Welt. Und zugleich tragen die Rituale, die das traditionelle Leben in der rumänischen Provinz verlangt, eine ganze Gemeinschaft sicher durch den Abschied dieses jungen Lebens.

Echos Tod ist nicht der einzige, der in diesem Roman das Leben der Menschen nachhaltig prägt. Samuels bester Freund Oswald muss ohne seine Mutter aufwachsen. Ihr wurde im Krankenhaus nicht geholfen, als man erfahren hat, dass sie versucht hat, ein Kind abzutreiben. Das ist jedoch nicht nur in der traditionellen rumänischen Gesellschaft verpönt, sondern in der neostalinistischen Diktatur von Nicolae Ceaușescu – der das Land zwischen 1965 und 1989 mit eiserner Hand regierte – sogar ein Verbrechen. Entsprechend verweigert man ihr jede Hilfe, so dass sie an den Folgen elendig stirbt.

Indem Iris Wolff die Geschichte von Hannes und Florentine, von ihren Freunden und Bekannten sowie von ihren Vorfahren und Nachkommen verfolgt, erzählt sie so auch die Geschichte Rumäniens, die von der Monarchie bis in die neokapitalistische Gegenwart reicht. Der Geheimdienst bekommt dabei die unrühmliche Rolle, die ihm gebührt. Die radikale Umgestaltung von Bukarest – wo ein ganzes Stadtviertel für den gigantischen Parlamentspalast des rumänischen Diktators abgerissen wurde, was Kritik aus aller Welt nach sich zog – spielt ebenso eine Rolle wie der gewaltsame Umbruch 1989, dessen Bilder um die Welt gingen.

Zugleich gelingt es Wolff, dies alles als gesamteuropäische Geschichte zu erzählen und damit zu zeigen, wie zusammengehört, was zusammenfließt. Denn dass Hannes und Florentine im Banat landen ist ebensowenig ein Zufall wie die Tatsache, dass Samuel mit Oswald vor dem Herbst 1989 nach Westdeutschland fliehen und dort einen Neuanfang wagen wird.

Wer bei der Lektüre des Textes die Sehnsucht verspürt, selbst den Roman lesen zu wollen, kann ein Exemplar gewinnen. Dafür einfach auf Facebook oder Instagram kommentieren, warum Euch der Text Lust auf das Buch gemacht hat.

»An was würde er sich erinnern?«, geht zu Beginn des Romans seiner Mutter durch den Kopf, als sie den stillen Jungen beobachtet. »An das kühle Blech der Schubkarre, in das sie ihn setzte, wenn sie im Garten zu tun hatte. Den Geschmack der Nova-Trauben, deren harte Schalen er in ihre Hand spuckte. Den Geruch des Geißblatts an der rückseitigen Hausmauer. Den Korridor mit den zugigen Fenstern, die Küche mit der Speisekammer, aus der sie regelmäßig Mäuse verjagten.«

Der Roman deckt nicht auf, was genau es ist, was Samuel so mit dem Banat verbindet, aber es ist etwas Verinnerlichtes. Ein Gefühl, weshalb er in Deutschland auch nie richtig ankommt. Eine tiefe Sehnsucht nach dem, was Heimat sein könnte, zieht seine Gedanken immer wieder in das Dorf seiner Eltern zurück. Als er im Fernsehen die Bilder von der Hinrichtung des Ehepaars Ceaușescu sieht, springt er zu Bene, dem man zu Beginn des Romans schon einmal begegnet ist, ins Auto und fährt mit ihm in den Südosten Europas, wo ihn seine Jugendliebe Stana und eine neue Geschichte erwarten.

»Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt«, in dieser Landschaft, von der es heißt »Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.« Es ist eine Landschaft, in der das Leben beständig seine Kreise zieht. Die geprägt ist vom Wasser des Marosch-Flusses, in der Drachen hinter den Weiden oder in den Tiefen des Stroms lauern und das Dasein der Menschen auf Erinnerungen und Geschichten gebaut ist. Dass es für diese Geschichten keine einheitliche Sprache gibt, macht sie nur noch reichhaltiger. Und zugleich bleibt auch immer ein Restzweifel, eine Skepsis, da die Sprache nur unzureichend beschreiben kann, was die Wirklichkeit der Figuren ausmacht. Wohl auch, weil es so schwer ist, diese Wirklichkeit scharf zu stellen. In dieser Unschärfe liegt das Geheimnis der Sehnsucht, die alle Figuren hier umgibt. Und die alle so sein lässt, wie sie sind.

Wie in jedem Jahr gab es eine Diskussion, ob die richtigen Titel auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen. Die einen vermissten Ulrike Almut Sandigs absolut gelungenes Romandebüt »Monster wie wir«, die anderen Rolf Lapperts großen Roman »Leben ist ein unregelmäßiges Verb«. Ich selbst vermisste Christoph Höhtkers Roman »Schlachthof und Ordnung« auf der Liste. All das mag seine Berechtigung haben, aber Iris Wolffs Roman »Die Unschärfe der Welt« (mir zugelost als Patenbuch der #Buchpreisbloggen2020) steht völlig zurecht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Ihr melancholischer und von einer herzerwärmenden Traurigkeit durchzogener Roman springt durch Zeiten und Orte, um davon zu erzählen, wie sich Erlebtes und Erzähltes zu einer fulminanten Familiensaga verdichten. Das ist große Literatur.

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