Der Krieg im Innern

Emilius-da-atlantide_flickr_(CC-BY-NC-ND-2.0)

Das Mafia-Enthüllungsbuch »Gomorrha« verschaffte dem Italiener Roberto Saviano weltweit Ruhm und Ehre, aber auch ein Leben im Untergrund. Und dennoch schreibt er weiter gegen die Missstände in Italien an. In seinem Buch »Das Gegenteil von Tod« geht es um die Perspektivlosigkeit in einem am Boden liegenden Land.

Als Gaetano für die italienische Armee nach Afghanistan aufbrach, war es für den Vierundzwanzigjährigen nichts weiter als ein Job. Kaum in Afghanistan angekommen, packte Gaetano das Land in seiner zerrissenen Schönheit und tief verborgenen Stille. Er begann, sich für diese Welt zu interessieren, schickte seiner Verlobten Maria Fotos der schneebedeckten Berge und fing an, davon zu träumen, fern der Heimat auszusteigen und Ruhe zu finden. Wut stieg in ihm auf, wenn er an diejenigen dachte, die das Land so ruiniert haben. Er empfand Sympathie für die afghanischen Menschen, »die alle den Krieg satt haben und in Frieden leben« wollen.

Italien stockte immer wieder sein Afghanistan-Kontingent auf insgesamt 2.800 Soldaten auf und ist seither das europäische Nato-Mitglied mit den meisten Soldaten am Hindukusch. Einen Auslandseinsatz zu absolvieren, heißt in Italien für viele inzwischen einfach nur, lukrativ in Lohn und Brot zu stehen. Für einige Monate nach Afghanistan, aber denn »möglichst schnell mit heiler Haut« nach Hause. Eine bessere Alternative, in kurzer Zeit relativ viel Geld zu verdienen, gibt der Arbeitsmarkt nicht her.

Maria kam gerade nach Hause, als Gaetanos Mutter anrief. Ihr Verlobter sei verwundet, ein Angriff der Taliban, mehr weiß sie nicht. Nur langsam sickerten die Informationen zu ihr durch, dass Gaetano noch am Leben sei und überleben könne. »Doch niemand kam heim. Gaetano war tot.« Zurück blieb die 17-jährige Maria – eine im Innersten zerstörte Witwe im Kindesalter, eine »Kinderwitwe«.

Der italienische Autor Roberto Saviano ist dieser jungen Frau begegnet und hat sich die Wirkung, die sie bei ihm hinterlassen hat, von der Seele geschrieben. Sie weiß so wenig mit dem anzufangen, was ihr geblieben ist und schaut seitdem hilflos auf die Trümmer eines Lebens zurück, das ihre Realität bis ins kleinste Detail prägt und zugleich mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Seit Gaetanos Leben im Krieg in Afghanistan sein jähes Ende gefunden hat, tobt in Marias Kopf ein neuer Krieg. Es ist der Kampf gegen die Einsicht, dass Gaetano nicht zurückkommen wird. Seit der Nachricht seines Todes gehen ihr stets dieselben, imaginierten Bilder ihr durch den Kopf. Die immer gleichen sinnlosen Fragen, die keine Antworten geben, sondern die Fragezeichen im Kopf nur größer machen, lassen sie nicht mehr los. Warum? Was? Wie? Wofür? Wie weiter?

Es sind Fragen, die Saviano selbst kennt. Denn seit er mit seinem Enthüllungsbuch über die neapolitanische Mafia Gomorrha weltweit für Furore sorgte, muss er im Untergrund leben. Die Mafia ist ihm auf den Fersen, hat seinen Tod bereits mehrfach angekündigt und zwingt ihn damit in den Untergrund. Um seiner Wahrheit Raum zu geben, musste er, wie einst Salman Rushdie, das innere Exil wählen. Mehr als einmal hat er sich seither die Fragen gestellt, die auch Maria seit dem Tod Gaetanos nicht mehr loslassen. »Jeden Morgen frage ich mich, warum ich das gemacht habe, und finde keine Antwort, weiß nicht, ob es das wert war«, sagte er im letzten Herbst in einem Interview. Sicher hat er es für Italien und die Italiener getan, für ein Land und eine Gesellschaft, in der er sich nun nicht mehr zu leben vorstellen kann und will. Saviano wird Italien verlassen, er ist fest dazu entschlossen. Was er allerdings mit Stolz zurücklässt, ist die Wunde, die er der Camorra zugefügt hat und die »noch lange bluten« wird.

Dieser aufbauende Gedanke bleibt Maria nicht. Sie hat ihren Gaetano an ein Land verloren, dass sie nicht kennt und von dem sie sich nur ein klischeebelastetes Bild machen kann. Mit ihrer Geschichte verpackt Saviano seine Sozialkritik wie schon in Gomorrha geschickt in Literatur. Bereits in seinem Bestseller sortierte er seinen Lesern nicht einfach nur die harten Fakten, sondern gab ihnen zugleich ein packendes literarisches Dokument in die Hand.

Die zur höchsten Intensität kondensierten Texte in Das Gegenteil von Tod enthüllen Italiens gesellschaftlich Abgründe und zeigen die Ausweglosigkeit, die Italiens Jugend in Militäreinsätze treibt, »die man nicht mehr Kämpfe oder Konflikte nennt, sondern Missionen, Friedensmissionen.« Saviano beschreibt Italien und Afghanistan mit ein und derselben Semantik, als wäre die eine Gesellschaft das Spiegelbild der anderen. Hier wie da regieren Clans über ganze Regionen und ermorden kaltblütig Menschen – die Methoden zum Verwechseln ähnlich. Während italienische Soldaten in Afghanistan kämpfen, tobt in Italien ein ähnlicher Krieg.

In seiner zweiten Erzählung richtet Saviano den Fokus auf diesen inneritalienischen Konflikt. Er berichtet darin von der Begegnung mit einer Journalistin, die er aus seiner Jugend kennt. Auf einem Foto erkennt sie zwei Jungen wieder. »Sie wurden umgebracht, weil sie bei der Camorra waren, oder?«, fragt sie ihn beiläufig, wenig zweifelnd, eher nach Bestätigung heischend. Obwohl sie nichts über die beiden Jugendlichen weiß, hat sie ihr Urteil schon gefällt. Saviano lässt den Leser nach dieser Frage in seine Seelen- und Gedankenwelt blicken, um ihn das wissen zu lassen, was die Journalistin gar nicht hören will und auch nicht hören wird. Während sich die Journalistin (ausgerechnet!) mit der Kulisse begnügt, darf der Leser dahinter schauen. Die Presse als Teil des Problems, kein neuer Gedanke, aber selten so eindringlich formuliert, wie in Savianos Text.

Sie sind einfach gezogen, die Grenzlinien zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Doch selten sind die einfach gezogenen Linien auch die realen Fronten, an denen sich das Leben in all seinen Höhen und Tiefen abspielt. Saviano schreibt davon.

978-3-446-23335-5_28121515531-99Roberto Saviano: Das Gegenteil von Tod

Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß

Hanser Verlag 2009

72 Seiten. 10,- Euro

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