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Der Herr der Stürme

Hideo Yokoyama ist ein Meister des Kriminalromans, für Verbrechen interessiert er sich allerdings kaum. Sein Thriller »64« eroberte den deutschen Markt wie im Flug, sein nachgereichtes Debüt »2« ging etwas unter. Nun erscheint mit »50« erstmals der Roman im nicht-japanischen Ausland, mit dem er 2003 zum ersten Mal den Preis für den besten Krimi des Jahres in seiner Heimat bekommen hat.

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»We should’ve seen it coming…«

Über zwanzig Jahre lang hat Gregory Galant das Leben der Brüder Matchcard begleitet, ihre Geschichte zieht sich durch seine legendären »Palookaville«-Comics. Nachdem bislang immer nur einzelne Teile der Serie gesammelt veröffentlicht wurden, liegt nun endlich die komplette Geschichte des Familienunternehmens »Clyde Fans« in einem prächtigen Album vor.

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Raus aus der Hölle

Ta-Nehisi Coates gilt vielen als lebender Nachfolger von James Baldwin. Mit der Sklavengeschichte »Der Wassertänzer« liegt nun sein viel erwarteter Debütroman vor.

Der amerikanische Journalist und Essayist Ta-Nehisi Coates ist spätestens seit seinem bahnbrechenden Essay »Zwischen mir und der Welt« einer der profiliertesten Kritiker des US-amerikanischen Rassismus. In dem als Brief verfassten Text geht er der Frage auf den Grund, wie man in den USA, wo es Tradition ist, »den schwarzen Körper zu zerstören«, in einem schwarzen Köper leben soll. »Du darfst nicht vergessen, wie viel sie dir genommen haben und wie sie unsere Körper in Zucker umwandelten, in Tabak, Baumwolle und Gold«, mahnt er darin seinen Sohn. Gedanken wie diese haben es bis in die amerikanische Unterhaltungsindustrie geschafft. Bei den »Black Panther«-Comics und der erfolgreichen Kinoadaption hatte er seine Finger im Spiel.

Ta-Nehisi Coates: Der Wassertänzer. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Blessing Verlag 2020. 544 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen

Die Bezugnahme zur Sklaverei in seinen essayistischen Arbeiten teilt er mit keinem geringeren als James Baldwin. Während sich jener in seinem literarischen Werk ganz an der Gegenwart abgearbeitet hat, verlegt Coates seinen Debütroman in die Zeit vor dem Bürgerkrieg, als die Sklaverei noch zur brutalen Normalität gehörte. Sein Ich-Erzähler Hiram wächst auf einer Tabakplantage im Süden Virginias auf, wo die Hierarchie ganz klar ist. Ganz oben stehen die weißen Plantagenbesitzer und Sklaventreiber, dann folgen die niedrigen Weißen, die sich als Sklaven jagende Bluthunde verdienen, nach ihnen die wenigen freien Farbigen und ganz unten ackern, bluten und sterben die »Verpflichteten«. Zu denen zählt Hiram, wenngleich er als anerkannter Sohn des Plantagenbesitzers Howell Walker einige Vorteile genießt. So muss er nicht wie andere auf den Feldern ackern, sondern darf als Haussklave andere unterhalten und Lesen und Schreiben lernen.

Der Traum, eines Tages frei wie seine Besitzer zu sein, endet, als er zum persönlichen Sklave von Howells Sohn Maynard ernannt wird. Der ist ein Aufschneider und Spieler, dessen Schicksal ihn letztlich für seine Hybris straft. Bei einem Unfall ertrinkt er im Goose-River, während sich Hiram wie durch ein Wunder aus dessen reißenden Fluten retten kann. Er verdankt sein Leben der Gabe, sich (und andere) magisch von einem Ort zu einem anderen zu transportieren. Diese Fähigkeit ist es auch, die ihn in den Untergrund führt.

Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag 2017. 352 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen

Dem hatte Colson Whitehead seinen 2017 mit dem National Book Award und dem Pulitzer-Preis prämierten Bestseller »Underground Railroad« gewidmet. »Der Wassertänzer« ist mehr als eine Variante davon, die Erzählung bewegt sich näher an der verbrieften Wahrheit. Coates lehnt sich stärker an die traditionellen Narrative der einschlägigen Klassiker an, seine Figuren spiegeln die Biografien legendärer Aktivisten wie die der Fluchthelfer William Still, Harriet Jacobs oder Frederick Douglass. Vor allem aber gelingt es ihm, die Underground-Aktivisten in all ihrer Zerrissenheit zwischen Angst, Mut und Hoffnung greifbar zu machen. An Whiteheads abhebende Prosa kommt Coates (in der Übersetzung von Bernhard Robben) nicht ganz heran, aber man tut sich ohnehin einen Gefallen, wenn man, statt den Vergleich zu suchen, offen für die Erweiterung der Sklavenerzählung ist.

Coates Held Hiram wird schließlich zu einem Fährmann in die Freiheit, nicht zuletzt auch, um seine große Liebe zu befreien. Am Ende, nach allen Erfolgen und Verlusten, antwortet diese Liebe auf die Frage, was sie jetzt seien: »Wir sind, was wir immer waren. Der Underground.«

Eine etwas kürzere Version des Textes ist in der Literaturbeilage der Galore Ausgabe 39 erschienen.

»Ich möchte mich nicht auf Todeslisten wiederfinden«

Was sind Bilder von uns wert, wenn sie uns in uns selbst einschließen? Dieser und anderen Identitätsfragen geht Olivia Wenzel in ihrem überwältigenden Debütroman »1000 serpentinen angst« nach. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, die Schwere nach Hanau und den schwierigen Begriff der Heimat.

Olivia Wenzel, Sie erzählen in Ihrem Debütroman die Geschichte einer Frau, die auf mehrfache Weise von Diskriminierungs- und Ausgrenzungs-, aber auch Verlusterfahrungen geprägt ist. Wie viel Biografie steckt in dem Buch?

Ich bin immer überrascht, dass die Frage nach dem Autobiografischen so stark interessiert. Macht es das Buch denn besser, wenn man wüsste, dass alles, was darin steht, 1:1 so passiert ist? Oder anders: Selbst wenn ein Großteil des Erzählten ausgedacht wäre, dann wäre er in Deutschland ja nicht unwahrscheinlich.

Aber Erfahrung wird beim Schreiben doch sicher eine Rolle gespielt haben?

Beim Schreiben habe ich mit mehreren Dateien gearbeitet. Es gab Dateien für die Figuren, dann gab es welche mit Titeln wie »Träume« oder »Surreales«, eine hieß »Random« mit Sachen, von denen ich nicht genau wusste, was ich damit mache. Und dann gab es eine Datei mit dem Titel »Rassismus«, die sich wie von allein gefüllt hat. Da musste ich nicht lange überlegen, was ich reinschreibe.

Das klingt dann aber doch, als stecke da viel Persönliches im Roman.

Ich denke, die Hauptfigur ist eine Variante von mir. Eine Version, die ich gar nicht sein könnte, die aber sehr viel mit mir zu tun hat. Sie ist wie eine düstere Version meiner selbst. Ihre Gefühls- und Gedankenwelt kann ich enorm nachvollziehen. Die Zerrissenheit dieser Figur, dieses verzweifelte Ringen und Kämpfen, ist mir aus meiner Jugend sehr vertraut. Und es gibt auch Tage, an denen ich mich wieder so fühle. Aber das sind zum Glück sehr wenige. Wenn ich permanent ihre Brille aufhätte, könnte ich im Alltag nicht gut leben. Und dass es mir gut geht, ist für mich erstmal Priorität.

Sie sind in Weimar groß geworden.

Damals war das selbstverständlich, aber als ich weggegangen bin, habe ich gemerkt, dass es mir ganz schön zugesetzt hat, im Thüringen der Neunziger aufzuwachsen. Mit 18 Jahren bin ich zum Studium nach Hildesheim gegangen, eine sehr beschauliche niedersächsische Kleinstadt. Als ich da im ersten Semester mit dem Bus gefahren bin, habe ich gemerkt, dass ich innerhalb weniger Wochen einen Grad von Entspannung entwickelt habe, den ich vorher im öffentlichen Raum so nicht kannte. In Weimar habe ich im Bus immer gecheckt, wer da ein- und aussteigt. Ich bin immer als letzte ausgestiegen, habe immer darauf geachtet, möglichst nicht im Neubaugebiet auszusteigen, wo die Nazis wohnen. Diese Mechanismen habe ich erst in der Distanz registriert und gespürt, dass ich in meiner Kindheit und Jugend unter sehr viel Druck stand.

Die Stärke Ihrer Literatur liegt für mich in der Prägnanz, in der Sie diese Druckerfahrungen beschreiben. Es gibt da etwa die Szene in New York, wo Ihre Erzählerin erleichtert eine Banane im öffentlichen Raum isst.

Da kommen drei Sachen zusammen, die ich in dieser Szene verhandeln konnte: schwarz, Ossi, weiblich. Diesen Teil habe ich auch sehr früh geschrieben, als ich noch nicht wusste, dass daraus ein Buch werden würde. Zu dem Zeitpunkt hatte ich eher im Kopf, ein Theaterstück daraus zu machen. So konnte ich noch freier darüber schreiben. Bei der Bananen-Passage merkt man auch, dass sie so frei geschrieben ist, wie das Buch über weite Strecken funktioniert. Ich hangele mich erzählend eher an Objekten oder Begebenheiten entlang und kreise dann assoziierend darum herum, statt einen Plot zu erzählen.

Gab es so etwas wie einen Anlass oder Auslöser, das Buch zu schreiben?

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkos. Hanser Literaturverlage 2016. 234 Seiten. 19,90 Euro.

Es hat sich sehr lange sehr viel angesammelt, manches davon habe ich in Theaterstücken verhandeln können. Ich habe beispielsweise ein Theaterstück geschrieben, in dem der Freitod eines jungen Mannes behandelt wird. Oder mein Theaterstück »mais in deutschland und andere galaxien«, erzählt die Ostbiografie eines jungen schwarzen Mannes. Und dann war ich tatsächlich zu Trumps Wahl in den USA. In der Wahlnacht war ich in New York, nicht so, wie das im Buch geschildert wird, sondern merkwürdigerweise auf der Wahlparty von Hillary Clinton. Am nächsten Tag war ich an einer Universität in North Carolina, um über meine Theaterstücke zu sprechen. Ich habe mich dort mit vielen Afroamerikaner*innen unterhalten und deren Verzweiflung gespürt. Da haben Leute in meinem Alter geweint, das war eine sehr intensive Stimmung. In der Zeit habe ich auch zufällig einmal Ta-Nehisi Coates getroffen, der damals mit »Zwischen mir und der Welt« in aller Munde war. Und so sind viele Sachen zusammengekommen, die mich wie auf Serpentinen zu dem Roman geführt haben.

Sind denn Black History und Postkolonialismus Themen, die Sie besonders interessieren?

Ich glaube, dass mich das zwangsläufig anzieht, seit ich angefangen habe, mich mit schwarzen Identitäten zu beschäftigen. Aber es ist nicht so, dass ich mich permanent damit auseinandersetze, ich habe eher phasenweise viel darüber gelesen. Damals habe ich gemerkt: Es tut zum Beispiel gut, mal was von Audre Lorde zu lesen.

Warum tut Ihnen das gut?

Weil es ganz oft Erfahrungen gibt, die ich noch gar nicht begriffen oder verbalisiert habe und dann lese ich, wie jemand anderes Rassismus beschreiben oder kritisieren würde, und es trifft auch auf mich zu. Das ist gewissermaßen heilsam. Ich habe beispielsweise lange die Formulierung »internalisierter Rassismus« nicht gekannt. Dann habe ich davon gelesen und verstanden, dass genau der sich vollzogen hat, wenn ich als Kind die Straßenseite gewechselt habe, sobald mir ein »afrikanisch« aussehender Mann entgegen kam.

Wie lebt man denn als nicht weiß gelesene Deutsche in diesem Land und auf diesem Kontinent, wo Nationalismus, Abschottung und die Angst vor dem Fremden zunehmen, wo Schutzsuchende mit Tränengas abgewehrt oder zum Selbstmord animiert werden und Rechtsradikale den Schutz der Sicherheitsbehörden genießen?

Gerade wird es zunehmend schwer im Alltag, diese Sachen auszublenden, weil sie sich häufen. In dem Berlin, in dem ich unterwegs bin, vielleicht noch am wenigsten, aber natürlich passiert das dennoch ständig. Allein die ganzen Faschos, die nach Neukölln gehen und dort Häuser und Autos anzünden. Und ich erlebe es immer noch oft, dass Menschen schnell zu rassistischen Beleidigungen greifen, das ist krass. Früher hätte ich das heruntergeschluckt, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich in solchen Situationen mehr eskalieren muss.

Nach Hanau ist die Situation sicher auch noch einmal besonders.

Ich finde es sehr schwer, das auszuhalten, und für mich funktioniert es am besten, wenn ich immer mal wieder alle Medien meide. Denn wenn ich jeden Tag in meiner Bubble alles lese, was passiert, dann ist das für mich kaum zu ertragen. Gleichzeitig kommt mit dem Rechtsruck etwas an die Öffentlichkeit, was unterschwellig schon lange brodelt. Das ist meines Erachtens nicht nur medial verstärkt.

Ändert das etwas für Sie?

Jetzt, wo mein Buch ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt, ertappe ich mich bei dem Wunsch, dass es nicht zu viel Aufmerksamkeit bekommt. Weil ich mich nicht auf irgendwelchen Todeslisten wiederfinden möchte. Das ist ja eine reale Gefahr. Und die kann ich im Moment nur bewältigen, indem ich sie gezielt ausblende.

Das ist natürlich absurd, dass Sie aus Angst nicht so viel Aufmerksamkeit für Ihr Buch haben wollen.

Es ist eher Sorge, keine Angst. Vor einer Weile habe ich kurz Kübra Gümüşay getroffen, deren Buch »Sprache und Sein« ja gerade intensiv diskutiert wird. Sie meinte damals: »Je erfolgreicher Du wirst, desto schwerer wird es.« Gümüşay hat schon mehrere Morddrohungen bekommen, jetzt sind es vielleicht noch mehr. Das finde ich unvorstellbar auszuhalten.

Was bedeutet der Begriff »Heimat« für Sie? Wo fühlen Sie sich zuhause?

Der Heimatbegriff ist wegen seiner Vergangenheit kein Begriff, den ich benutzen würde. Zuhause sein, mich zugehörig fühlen, sind da schon eher treffende Kategorien. Die wiederum sind für mich nicht an einen Ort gebunden, sondern sind in erster Linie ein Gefühl. Zuhause bin ich bei meinen Wahlverwandtschaften und Freund*innen, bei mir selbst, wenn es mir gut geht, und auch bei meiner Familie.

Und was ist Thüringen für Sie?

Thüringen ist für mich ein beklemmender Ort, den ich mit vielen negativen Erlebnissen verknüpfe. Wenn ich da bin, geht es mir immer erst einmal ziemlich schlecht. Nach drei Tagen geht es wieder besserund ich merke, dass viele Menschen sehr freundlich sind, dass die Region charmant ist und ich es mag, wenn die Leute auf dem Marktplatz Dialekt reden. Ich laufe auch einfach wirklich gerne durch den Goethe Park. Also es ist nicht alles schlecht, aber wenn ich ankomme, dann bin ich wie eine Touristin in meiner eigenen Vergangenheit. Wenn ich es schaffe, diese Vergangenheit hinter mir zu lassen und mich nicht wie die unsichere 16-Jährige zu fühlen, die ich mal war, dann geht’s mir gut. Und dann würde ich zwar auch nicht sagen, dass das meine Heimat ist, aber auf jeden Fall ein Ort, der mein Zuhause sein könnte, wenn ich es unbedingt wollte.

Wollen Sie das denn noch, angesichts der aktuellen Ereignisse und dem Einfluss der AfD?

Schon, weil es wäre doch bescheuert, aus diesem Grund wegzugehen und denen das Feld zu überlassen. Ich gehe zwar nicht mehr zurück in den Osten, aber ich freue mich über jede Person, die das macht und Widerstand leistet.

Sie kommen aus dem Osten, wollen aber nicht mehr dahin zurück. Wie zerrissen sind Sie denn in Ihrer Identität?

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser Berlin 2020. 208 Seiten. 18 Euro. Hier bestellen

Zerrissen fühle ich mich nicht, ich habe Frieden mit mir selbst. Aber ich habe multiple Identitäten, je nachdem, wo ich gerade bin. Wenn ich meinen Vater in Sambia besuche, bin ich sicherlich eine ganz andere Person als jetzt hier mit Ihnen. Ich habe manchmal das Glück, dass ich an anderen Orten dazugehören kann, anders als das vielleicht weißen Deutschen möglich ist. Ich habe auch enorm viele Privilegien, kann jederzeit überall hin. Deshalb fühle ich mich wirklich nicht zerrissen. Aber manchmal fühle ich mich ohnmächtig, gefangen in den Zuschreibungen, die mir entgegengebracht werden. Letzte Woche kam ich beispielsweise in einem Café mit einem sehr freundlichen, alten Mann ins Gespräch. Wir unterhielten uns über dies und das, dann fragte er mich, wo ich eigentlich herkäme. Diese uralte Frage, hinter der immer wieder steckt: »In meiner Vorstellung sind Deutsche weiß – warum bist du nicht weiß?« Ich war natürlich gleich genervt, sagte aber freundlich, natürlich, dass ich aus Deutschland käme. Da antwortete dieser alte Mann, nein nein, er meine genetisch, wo ich denn genetisch herkäme. Er war wirklich sehr nett, charismatisch, sprach zwischendurch Englisch und las seine Tageszeitung bei einem Kaffee. Also das war jemand, der augenscheinlich Wert auf Bildung legt. Und der dennoch überzeugt ist, dass es okay sei, mich so etwas zu fragen. Das ist ja keine Frage nach Identität, sondern einfach ein fremdmarkierender Stempel.

Sind solche Situationen nicht wahnsinnig anstrengend?

An schlechten Tagen finde ich das unerträglich und es lässt mich verzweifeln, an guten Tagen kann ich darüber lachen und es beiseite wischen. Ich muss aber auch sagen, dass es nicht permanent spürbar ist, zumindest hier in Berlin. Ich wache ja nicht jeden Tag auf und denke, dass ich eine schwarz gelesene junge Frau in Berlin bin, die den gesamten Tag über damit konfrontiert ist. Aber leider gibt es auch viele Tage, an denen es genauso ist.

Die Erzählerin in Ihrem Roman schildert zahlreiche alltagsrassistische Erfahrungen, in denen ich auch Ihre Erfahrungen herausgelesen habe. Wird man unfreiwillig zur Expertin für rassistisches Verhalten und rassistische Strukturen?

Ich hatte kürzlich bei einem Interview das Gefühl, zwei Stunden lang darüber Auskunft geben zu müssen, warum es in Thüringen so viele Nazis gibt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich wirklich versuche, das zu erklären, obwohl das gar nicht meine Aufgabe ist. Die gesellschaftliche Mitte hat versagt, die Medien ebenso, weil sie das Thema so pushen, der AfD so viel Raum geben. Warum soll ich da plötzlich als Botschafterin von Thüringen auftreten? Ich finde das manchmal verdrießlich. Es ist ja schon schlimm genug, dass wir uns die ganze Zeit ansehen, wie viel Shit da draußen passiert, aber dass man dann auch noch mich heranzieht, um das zu erklären, ist völlig daneben. Als könnte man das nicht ohne mich machen.

Als würde Rassismus nicht von jedem jeden Tag wahrgenommen.

Ich habe mich vor zwei Jahren mal mit einer jungen blonden Berliner Journalistin darüber ausgetauscht, ob sie schon mal Rassismus erfahren oder mitbekommen habe, und sie verneinte das. Da habe ich gedacht, dass man mindestens sehr ignorant durchs Leben gehen muss, um Realitäten so wahrnehmen zu können. Viele weiße Menschen machen es sich auf diese Art bequem, weil sie bislang nicht gemeint waren. Und auch wenn das seit Walter Lübcke anders ist, liegt darin meines Erachtens das Hauptversagen, also in dieser merkwürdigen Passivität der Mitte und der Unfähigkeit, Rassismus als das zu erkennen und zu benennen, was er ist. Letztens habe ich erlebt, wie ein junges Mädchen, das gebrochenes Deutsch sprach, im Rossmann Windeln mit der Karte ihrer Mutter kaufen wollte. Die Verkäuferin ließ sie die Windeln nicht kaufen und erzählte dem Mädchen und seinen kleinen Geschwistern etwas davon, wie die Dinge hier in Deutschland laufen würden:, und sagte: »Entweder Du kommst mit Bargeld wieder oder mit Deiner Mutter; du hast Glück, dass ich nicht die Polizei rufe.« Dann wollte ich die Windeln bezahlen, das ließ die bockige Verkäuferin aber nicht zu. Ich sagte dann, dass das Schikane sei, was sie da mit dem Mädchen mache – ich habe ganz bewusst nicht gleich von Rassismus gesprochen –, schließlich ging es um Windeln und nicht um ein 50-Euro-Parfum oder ernsthaften Kreditkartenbetrug. Daraufhin wurde die Verkäuferin richtig laut und schnauzte mich an, sie sei keine Rassistin, sondern würde sie ja wohl kaum hier in diesem Viertel arbeiten. Hinter mir standen zehn Leute, die keinen Ton gesagt haben. Ich wette, die Hälfte der Leute fand das auch nicht cool von der Kassiererin, aber sie machten halt den Mund nicht auf, vielleicht, weil sie das nie mussten. Weil sie nie gemeint oder bedroht waren, weil ihre Kinder sich noch nie anhören mussten, wie die Dinge hier in Deutschland laufen. Das sind Situationen, da ärgere ich mich mehr über die schweigende Mehrheit als über die Täter*in.

Ihre Protagonistin macht die Erfahrung, anders oder fremd zu sein. Sie flieht vor diesem Gefühl in die USA und nach Vietnam. Inwiefern hilft die Fremde, sich weniger fremd zu fühlen?

Wenn ich nicht Deutschland bin, mache ich die Erfahrung, dass mir das, was ich in Deutschland extrem problematisch finde, ein bisschen egaler wird. Dass ich irgendwo als fremd gelesen oder fremd markiert werde, dem kann ich nicht entgehen, aber wenn ich mich davon entferne, kann das, was mich belastet, an Gewicht verlieren.

Das Leben Ihrer Erzählerin ist durch mehr als die Fremdheitserfahrung geprägt. Die Männer sind alle abwesend, die Mutter kämpft mit sich selbst, die Großmutter neigt zu Rassismus. Darüber hinaus ordnet sich die Erzählerin gleich mehreren marginalisierten Gruppen zu. Warum haben Sie die Figur so angelegt?

Das ist beim Schreiben entstanden. Ich merke aber, dass ich das oft gefragt werde. Als wäre es ein Alleinstellungsmerkmal, weiblich, queer, ostdeutsch und schwarz zu sein. In meinem Umfeld ist das ganz normal. Aber ja, ich habe etwas geschrieben, was bisher weder in der Öffentlichkeit noch in der Literatur oft vorkommt.

Ihr Roman führt immer wieder auf den Bahnhof, ein Ort des Vorübergehenden, des Transits. Und an diesem Ort steht das Herz der Erzählerin, eingeschlossen in einen Automaten. Ein Zufall?

Beim Schreiben habe ich mich gefragt, warum sich so viele Sachen an öffentlichen Transitorten und so wenig im privaten Raum abspielen. Ein Freund hat mir mal gesagt, dass der Text viel in der Gedankenwelt spielt und wenig körperlich ist. Und das stimmt, man macht tatsächlich wenig sinnliche Erfahrung. Die Ich-Erzählerin schaut sich sehr von außen an beziehungsweise tritt aus sich heraus und erzählt alles aus einer merkwürdigen Distanz zu sich selbst. Das ist einerseits unkörperlich und andererseits spiegelt sich das vielleicht in diesen Orten, an denen man niemals privat oder intim sein kann.

Im Vorwort zum dritten Teil heißt es, dass es einfacher ist, über Verlust als über Liebe zu sprechen. Im Roman geht es um beides, auch weil das eine erst durch das andere spürbar wird. Wie haben sie das beim Schreiben wahrgenommen?

Ich finde, dass es schon auch viel um Trauer und Verlustbewältigung geht. Ich habe mal in einem miserablen Tatort vor paar Jahren aufgeschnappt, dass Trauer Liebe ist, die heimatlos geworden ist. Das finde ich eigentlich ganz gut, weil es dieses Gefühl, dass man nicht weiß, wohin mit der übrig gebliebenen Liebe, die keinen Platz mehr hat, gut beschreibt.

Setzt man sich mit Ihren Theaterstücken auseinander, stellt man fest, dass Sie eine Faszination für das Verlassen einer irdischen Perspektive haben. Figuren begeben sich da ins All oder befragen das Universum, um herauszufinden, wie sie leben wollen.

Ich mag es, beim Schreiben surreal oder albern zu werden, auch mal ins Absurde zu gehen. Deshalb liebe ich das Theater, da habe ich viel Freiheit und muss nicht ständig psychologisch kohärent bleiben. Ich kann da auch sehr verschrobene, krude Sachen machen. Ich habe beispielsweise mal ein Stück über zwei Menschen im Elektrofachhandel geschrieben, die zufällig unsterblich werden und in diesem Geschäft ihr Leben verbringen. Ich mag solche Experimente. Im Roman war dafür nicht so viel Raum, da war ich sehr viel ernster.

Ist Ihnen dieses ernstere Schreiben schwerer gefallen?

Das ist sehr schwer gewesen und hat mich Kraft gekostet. Sonst habe ich sehr viel mehr Spaß am Schreiben, erlebe lustige Sachen mit mir selbst, lache häufig und fühle mich danach deutlich besser. Beim Roman habe ich dagegen auch manchmal geweint. Am Ende des Tages ging es mir meist einfach nicht gut. Ich habe zwischendurch immer wieder gedacht, dass es psychisch zu viel für mich ist. Aber dann war auch klar, dass ich das Manuskript zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeben musste, dass es keinen Weg zurück gab.

Dialog spielt nicht nur in Ihrem Sprechtheater eine Rolle, sondern auch in Ihrem Roman, der wie eine permanente Selbstbefragung angelegt ist. Warum diese Form?

Mir war es anfangs nicht so klar, aber es kommt erstmal davon, wie ich schreibe. Wenn ich anfange, zu schreiben, höre ich zunächst Stimmen, von denen ich oft noch gar nicht weiß, was das für Charaktere sind und wohin die gehören. Deshalb bin ich wohl auch erst einmal Theaterautorin geworden. Ich habe mich aber auch gefragt, wie ich über Gewalt schreiben kann, ohne sie zu reproduzieren. Diese dialogische Form, die eine Distanznahme zum Text erlaubt, hilft mir dabei, diese Frage zu beantworten.

Olivia Wenzel: 1000 serpentinen angst. S. Fischer 2020. 352 Seiten. 21 Euro. Hier bestellen.

Vielfalt taucht bei Ihnen immer wieder auf. Sie machen Theater, Musik und Literatur. Finden Sie auch in der Kunst kein Zuhause oder fühlen Sie sich auch hier überall ein bisschen heimisch?

Mit Anfang 20 habe ich gehadert, was ich machen will. Ich dachte immer, dass ich eine Sache richtig gut können muss und nicht ich alles ein bisschen. Diesen Gedanken habe ich inzwischen losgelassen, weil ich spüre, wie sich alles gegenseitig befruchtet. Wenn ich an dem Buch gesessen und gedacht habe, dass ich mich nicht schon wieder in all diesen Schmerz hineindenken will, dann konnte ich mich kurz ans Klavier setzen und Luft holen. Und jetzt freue ich mich, dass ich nächstes Jahr wieder ein bisschen mehr Musik und Theater machen kann. Außerdem habe ich auch bald wieder einen Workshop mit Jugendlichen, darauf freue ich mich jetzt schon.

Was gibt Ihnen die Arbeit mit Jugendlichen?

Sie gibt mir Hoffnung, Zuversicht und Einblicke in ihre Gedankenwelt. Ich erlebe da oft intensive und ehrliche Begegnungen, wie sie mit Erwachsenen gar nicht möglich wären. Und mich begeistert, dass junge Menschen of Colour in den ganzen Diskursen mindestens auf dem gleichen Stand sind wie ich, weil sie viel früher angefangen haben, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Generation tauscht sich mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit über solche Themen aus. Ich habe beispielsweise mit den Ohren geschlackert, als mir ein 19-Jähriger in einem Workshop erklärte, was er an white feminism blöd findet. Nämlich dass dieser das intersektionale Moment verpasst habe. So etwas finde ich gut. Und entsprechend lerne ich von den Jugendlichen auch verdammt viel.

Ihnen wurde für »1000 serpentinen angst« der Literaturpreis der Stadt Fulda für das beste Debüt zuerkannt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Nun, finanzielle Sicherheiten schätze ich sehr (lacht). Es gab eine Zeit, da hätte ich so einen Preis als eine Art Schmerzensgeld von Deutschland an mich verstanden. Insofern stimmt mich eine derartige Auszeichnung erstmal versöhnlich. Aber natürlich freue ich mich in erster Linie einfach darüber und hoffe, dass der Preis die Reichweite des Buchs erhöht. Denn ich freue mich über jede Person, die das Buch liest. Mir passiert es jetzt oft, dass Leute sagen, dass sie das Buch ihren Eltern schenken, damit die mal sehen und hören, »wie das so ist«. Ich hoffe, dass dieses Feedback nicht zu mir zurückkommt. Denn ich will nicht bei den Erfahrungen dabei sein, die die Leute beim Lesen machen. Aber dass sie sie machen, finde ich gut.

Am Ende wünscht sich Ihre Erzählerin eine unverbindliche Art des Zusammenseins, »in liebevoller Ignoranz, ohne eine Anstrengung zu unternehmen, uns auszutauschen, uns zu verstehen, uns von etwas zu überzeugen«. Steckt darin vielleicht auch Ihre Utopie für die globale Gesellschaft?

Nein, eine Utopie für eine globale Gesellschaft habe ich nicht, wenngleich ich mir wünsche, dass es uns gelingt, das Konzept von Nationalitäten aufzugeben und eine Weltgemeinschaft zu werden. Ich mag einfach sehr, wenn man Zeit miteinander verbringt, ohne sich intellektuell auszutauschen. Meine Erfahrung mit der Musik und dem Theater zeigt mir, dass das, was einen wirklich berührt, oft nonverbal ist. Deshalb finde ich es eigentlich am Schönsten, wenn man entspannt und still miteinander eine gute Zeit hat.

Olivia Wenzel, vielen Dank für das Gespräch.

Ein Film wie ein Tanz

Wang Xiaoshuai erzählt in seinem chinesischen Fortschrittsmärchen »So long, my son« vom unaufhörlichen Vorbeifließen der Zeit. Seine beiden Hauptdarsteller sorgen dafür, dass dies zu einem emotionalen Spektakel wird.

Als mit der Auszeichnung von Helena Zengel und Albrecht Schuch kürzlich beide Darstellerpreise der Deutschen Filmakademie an das Drama »Systemsprenger« gingen, war das durchaus überraschend. Und das nicht nur, weil mit den Akteur:innen aus Burhan Qurbanis »Berlin Alexanderplatz« oder Ilker Çataks »Es gilt das gesprochene Wort« wirklich gute Konkurrenten im Rennen waren, sondern auch, weil das Drama bei den Darstellerpreisen der Berlinale 2019 gar keine Rolle spielte. Die räumten die beiden Darsteller:innen aus Wang Xiaoshuais »So Long, My Son« (dt. »Bis dann, mein Sohn«) ab. Der dreistündige Film, in dem die Geschichte Chinas anhand der Schicksalsschläge, die ein Ehepaar erfährt, nacherzählt wird, ist nun im Streaming zu sehen.

Xiaoshuai ist den meisten aufgrund seines Welterfolgs von »Beijing Bicycle« ein Begriff, mit dem er 2001 bei der Berlinale einen Silbernen Bären gewann. »So Long, My Son« ist der erste Teil einer geplanten Trilogie über seine chinesische Heimat. Der Film führt aus den 1980er Jahren bis heute und zeigt, wie sich die Volksrepublik China seither verändert hat. Aber im Grunde erzählt der Film nur am Rande von der Einkind-Politik, den politischen Repressionen und den Wirtschaftsreformen im Land. Im Mittelpunkt stehen das Ehepaar Yaojun und Liyun, die von einem tragischen Schicksalsschlag zusammengehalten werden.

In Episoden setzt Xiaoshuai, der 2008 mit dem Familiendrama »In Love We Trust« den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch gewann, in seinem Film das Leben das Ehepaares zusammen. Nach den glücklichen Jahren, in denen sie gemeinsam in einer Fabrik arbeiten und sich einen vertrauten Freundeskreis aufbauen, folgen die Jahre der Familiengründung. Zeitgleich mit einem befreundeten Paar bekommen sie einen Sohn. Die beiden Jungen werden beste Freunde, wachsen wie Brüder auf und verbringen jede freie Minute miteinander. Als Liyun ein zweites Mal schwanger wird, rät ihr nicht nur die Freundin davon ab, das Kind zu bekommen. Denn in China herrscht die Ein-Kind-Politik des Zentralkomitees, weshalb sich die junge Frau zur Abtreibung überreden lässt. Eine fatale Entscheidung, wie man längst weiß, denn der Film setzt mit einem tragischen Unglück ein, in dessen Folge Yaojun und Liyun verwaist sind.

Doch die Geschichte ist gnadenlos, nimmt keine Rücksicht auf schon erlittene Verluste. Nach dem emotionalen Tiefschlag folgt schon bald der wirtschaftliche, denn mit der Öffnung der chinesischen Wirtschaft erhält der Kapitalismus Einzug und die Fabrik, in der beide aktiv sind, wird geschlossen. Unmenschlich, wer all das aushält, ohne Ablenkung zu suchen. So tritt zwischen beide eine verhängnisvolle Affäre, die das Vertrauen tief erschüttert. Doch weiter dreht das Lebensrad, Versöhnung und Wiedergutmachung führen zu einer Adoption, die doch nichts reparieren kann, was schon in Scherben liegt. Die (Lebens)Müdigkeit, die in einem solchen Leben zwangsläufig eintritt, ist den Figuren im Gesicht abzulesen.

Wang Jingchun und Yong Mei spielen dieses durch Schicksalsschläge verbundene Paar mit großer Sensibilität. Sie halten in ihrem Spiel die vielen Zeit- und Handlungsebenen, auf denen der Film drei Stunden lang hin und her springt, zusammen. Denn Xiaoshuai erzählt diese Geschichte nicht chronologisch, vielmehr folgt er den Emotionen seiner Figuren. Über das Gefühl erzählt er vom unaufhörlichen Vorbeifließen der Zeit. Dass ihm das auf so grandiose Weise gelingt, liegt vor allem auch an den beiden Hauptdarsteller:innen, die den Schlüssel in diesem humanistischen Fortschrittsmärchen darstellen, mit dem Xiaoshuai durch 30 Jahre chinesischer Geschichte tanzt. Wang Xiaoshuis »So Long, My Son« ist weder Indie- noch Mainstream-Kino, sondern schlicht und ergreifend ganz großes Kino.

Wang Xiaoshuai: Bis dann, mein Sohn. Piffle Medien. 13,90 Euro. Hier bestellen.
Als Stream bei Amazon, itunes, Joyn (Maxdome), Google Play, Videoload, Rakuten, Vodafone, Videobuster, Vimeo verfügbar.

Die Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie werden nachhaltig unseren Alltag verändern. Die Kinos sind wie alle Kultureinrichtungen besonders von der Krise betroffen. Bei ihnen ist allerdings mehr als bei Museen oder Clubs fraglich, ob das Publikum, das jetzt mit Streaming-Angeboten abseits des Mainstreams verwöhnt wird, jemals in dem Maße zurückkommen wird wie zuvor. Denn sind die Möglichkeiten der Direktvermarktung durch Streaming und Video on Demand durch die Produktionsfirmen und Verleihe erst einmal etabliert – und genau das passiert derzeit –, ist die Büchse der Pandora für die Kinos geöffnet. Zumindest wen es um das internationale Kino abseits der deutschen Filmförderung geht, die zumindest noch so etwas wie eine Kinopflicht vor der Onlinevermarktung vorsieht. Ob sich das halten lassen kann, bleibt abzuwarten. So lange bleibt nur, an die Besonderheit des Kinobesuchs zu erinnern, an das Dunkel des Raums, die gespannte Stille, mit der sich eine Welt vor dem eigenen Auge entfaltet, in die man gemeinschaftlich ganz versinkt. Der Umstand, das nun Filmperlen in die Wohnzimmer gespült werden, ist ein trügerisches Glück. Nichts spricht dagegen, es zu genießen, wenn wir danach wieder in die Kinos zurückkehren, für die diese Filme gedreht wurden.

»Ich interessiere mich nicht so sehr für Verbrechen«

Der japanische Autor Hideo Yokoyama spricht über seine ungewöhnliche Kriminalliteratur, die Besonderheiten des japanischen Polizei- und Justizsystems, die Rolle der Medien und den Preis des Erfolgs.

Herr Yokoyama, wo finden beziehungsweise wie entwickeln Sie Ihre Romane, in denen sich stets eine Vielzahl an Geschehnissen übereinanderlegt und miteinander in Beziehung tritt?

Dafür sind weniger Ideen, die ich irgendwo finde, als vielmehr meine Roman-Methode an sich verantwortlich. Ich habe mir selbst die Regel auferlegt, dass jegliche Zeile ohne Ausnahme mit einer anderen Zeile harmonieren und in einen Gleichklang treten muss. Sollte es eine Zeile geben, die sich nicht zu einem Paar verbinden lässt, hat sie in meinem Roman nichts zu suchen und wird verworfen. Diese Methode habe ich erdacht, um den Geschichten einen sicheren inneren Zusammenhalt zu verschaffen, aber wenn man das strikt durchzieht, spannt sich zwischen den Emotionen der Figuren und den Ereignissen so etwas wie ein Spinnennetz und die Geschichte erhält ganz von selbst eine Schichtung.

Warum geht es in Ihren Büchern weniger um die eigentlichen Verbrechen als vielmehr um die Umstände, unter denen die Ermittlungen stattfinden respektive in denen sich die Ermittler bewegen?

Ich interessiere mich nicht so sehr für Verbrechen an sich, sondern für die psychischen Zustände von Menschen, die mit einem Verbrechen im Kontakt standen. Ich möchte nicht darüber schreiben, was für die Gesellschaft am wichtigsten ist, sondern über das, was das Wichtigste für »jemanden« ist. Anders formuliert ist es der Wunsch danach, reine, hohe Verwicklungs-Dramatik zu schreiben. Und wenn man das verfolgt, ist die Existenz eines Verbrechens eigentlich eher hinderlich. Romane, bei denen kein [solches] Ereignis passiert, kann man wohl schon nicht mehr zur Kriminalliteratur zählen, aber schon seit meinem Debüt wähle ich in jedem meiner Romane Vorfälle, in denen die große Last der Individuen zum Vorschein kommt. Die Konflikte zwischen Individuum und Organisation, die ich meist zum Thema wähle, werden oft »Sturm im Wasserglas« genannt [, also ein großes Ereignis in einer für Außen nicht bedeutsamen Einheit], aber das ist der Bühnenstoff großer Ereignisse. Auch in »50« ist es so, dass ich nach einer neuen Art von Kriminalroman gesucht habe, bei der das Verbrechen in der Geschichte weit in den Hintergrund gerückt ist. Das mag im Maßstab klein sein, aber für den Einzelnen gibt es keinen heftigeren Sturm als den im Wasserglas. Diese Art von Vorkommnissen ist allgegenwärtig.

Hideo Yokoyama: 64. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Atrium Verlag 2019. 760 Seiten. 14 Euro (TB) / 28,- Euro (HC)

Welche Rolle spielen Traditionen, Ansehen und Ehre im japanischen Polizei- und Justizsystem und inwiefern prägt dies das gesellschaftliche Verständnis von Recht und Unrecht?

Man kann sagen, was die japanische Polizei und das Justizsystem gemein haben, ist gerade diese Tradition der nach außen abgeriegelten, inselhaften Kommunikation innerhalb ihrer Organisationen. Man hat das Gefühl, es handelt sich um Dorfgemeinschaften, in der Art, wie die Hierarchie organisiert ist, und nicht so sehr die Ehre und das Ansehen nach Außen, sondern vielmehr die Verhältnisse innerhalb der »Sippe« bestimmen das Handeln. In der japanischen Öffentlichkeit gibt es nur geringes Interesse am Polizei- und Justizsystem, und obwohl es immer wieder Berichte über Skandale und Unrechtmäßigkeiten in den Medien gibt, besteht momentan keinerlei Bestreben danach, diese Systeme fundamental zu ändern. Und da das Rechtsverständnis, das in Prozessen und richterlichen Entscheidungen in Kriminalfällen wiedergespiegelt wird, selten vom dem der Gesellschaft abweicht, scheint es sogar so, dass beide Systeme vom Volk unterstützt werden und großes Vertrauen genießen.

Korruption und Vertuschung sind Themen, die bei Ihnen immer wieder auftauchen. Ist die japanische Polizei für solche Phänomene besonders anfällig? Vielleicht auch, weil sie – ähnlich wie die Politik – zum Großteil ein Männerbund ist und Frauen nur eine geringe Rolle spielen?

Man muss sagen, dass Japan dafür anfällig ist. Das ist nicht auf die Polizei beschränkt; Japaner sind, freundlich ausgedrückt, auf Kooperation bedacht. Unfreundlich gesagt: Sie sind anfällig für Gruppenzwang. In letzter Zeit hat sich auch Japan stark verändert, und durch die Ausbreitung von Sozialen Netzwerken hat es die Stimme des Einzelnen leichter, in der Gesellschaft gehört zu werden, aber das bedeutet nicht, dass diese Volks-Eigenschaft verschwinden würde. Und besonders in einer strikt hierarchischen Gemeinschaft wie der Polizei-Organisation lebt sie fort. Die niederrangigen Polizisten sind oft hervorragende Leute, aber es ist fast unmöglich, dem enormen Gruppendruck der Organisation standzuhalten. Zwar steigt die Zahl der Polizistinnen von Jahr zu Jahr, aber ich gebe Ihnen recht, dass Frauen momentan in dieser Organisation keine große Rolle spielen. Es gibt unter den Polizistinnen sicher viele, die gewissenhaft sind und ein starkes Gerechtigkeitsbewusstsein besitzen, aber ob ein Ausgleich der Geschlechter-Differenz dafür sorgen wird, dass die Korruption innerhalb der Polizei beseitigt wird, das müssen wir wohl erst abwarten und experimentell herausfinden.

Hideo Yokoyama: 50. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. Atrium Verlag 2020. 352 Seiten. 22,- Euro.

In Ihrem hier neu erscheinenden Roman greifen Sie auch die Themen Krankheit, Alter und Sterben auf. Wie werden diese in Japan diskutiert und wie wurde Ihr Roman in Japan aufgenommen?

Für mich, in meinem Leben als Autor, war »50« ein epochemachendes Werk. Es hat innerhalb Japans einen neuen Verkaufsrekord aufgestellt, wurde auch in seiner Verfilmung ein Riesenhit und hat ein gesellschaftliches Phänomen ausgelöst. Damals wandelte sich Japan gerade mit rasanter Geschwindigkeit zu einer überalterten Gesellschaft und das Interesse an Alter und Krankheit war zwangsläufig gestiegen. Ich glaube, die Geschichte von einem Mann, der von seiner an Alzheimer erkrankten Frau dazu aufgefordert wird, sie umzubringen, war für die meisten ein Szenario, das sie unmittelbar selbst betreffen könnte. Es gab weitaus mehr Leserstimmen, die für dieses Ehepaar und ihre Umstände Mitgefühl aufbrachten, als solche, die den Ehemann dafür kritisierten, seine Frau getötet zu haben, und diese Tendenz stieg mit dem Alter der Leser. Außerdem ist erwähnenswert, dass es sehr viele Ehepaare gab, die das Buch gemeinsam gelesen oder gemeinsam den Film gesehen haben. »Wie würdest du handeln?« ist eine Frage, die sie sich dabei gegenseitig gestellt haben; man kann sagen, »50« ist ein Roman, der diese Frage an seine Leser stellt. Natürlich ist auch ein Mord auf Verlangen immer noch ein Verbrechen. In Japan, wo selbstbestimmter Tod illegal ist, zögert man, sich überhaupt die Frage zu stellen, wie man sterben möchte. Der Diskurs beschränkt sich darauf, ob man Hochbetagten, die nicht mehr äußerungsfähig sind, lebensverlängernde Maßnahmen zukommen lassen sollte. Ich denke, was »50« dazu verholfen hat, ein solcher Hit zu werden, waren die realen Gefühle der Unsicherheit und Liebe, die die meisten Menschen [bei solchen Gedanken] ihren Lebenspartnern gegenüber empfinden.

In Ihren Erzählungen taucht auch immer die Verbindung zwischen Polizeiarbeit und Journalismus auf. Ihr Roman »64« wird gar aus der Perspektive eines Pressedirektors, und nicht aus der eines Detektivs erzählt. In welchem Verhältnis stehen Journalismus und Polizeiarbeit Ihrer Ansicht nach zueinander?

Aus der Sicht von Journalisten ist die Polizei einerseits ständig Gegenstand der Kritik, andererseits eine unverzichtbare Informationsquelle. Und aus der Sicht der Polizei ist die Presse ein hinderlicher Zuschauer, andererseits sorgt sie auch für die Publicity, wenn die Polizei einen Fall lösen konnte. Daher stehen sie sich so nahe, dass sie fast schon miteinander verwachsen sind, überhäufen einander aber auch mit Spott und Verachtung. Ein Verhältnis, dass man kaum in anderen Zusammenhängen wiederfindet und das von außen nur schwer zu begreifen ist. In jungen Jahren habe ich zwei Jahre lang in einer Lokalzeitung über Kriminalfälle Bericht erstattet. Aus meiner Erfahrung dort kann ich sagen, dass es eine Arbeit ist, die man nur als ausgesprochen guter oder ausgesprochen schlechter Mensch machen kann.

Hideo Yokoyama: 2. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Atrium Verlag 2019. 149 Seiten. 16 Euro.

Sie haben an »64« zehn Jahre gearbeitet, der Roman ist ein internationaler Bestseller geworden. Haben Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Den Erfolg hätte ich mir im Traum nicht ausgemalt. Nachdem die ausländischen Verlage festgelegt waren, hatte ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, wie die Figuren meiner Bücher, die immer wieder unter und in ihren Organisationen leiden, im europäischen und amerikanischen Ausland ankommen würden, wo ja der Individualismus tief verwurzelt ist. Aber heimlich habe ich doch erwartet, dass es vielleicht doch einige, wenn auch nicht viele Leser geben wird, da es doch nirgendwo auf der Welt einen Ort gebe, an dem Menschen frei von Beschränkungen und Zwängen von Organisationen sind.

Sie werden international als japanischer Stieg Larsson betitelt. Gefällt Ihnen das oder würde Sie lieber mit einem anderen Autor oder einer anderen Autorin verglichen werden?

Nennt man mich wirklich so? Das ist natürlich eine Ehre; ich kann das kaum glauben. Ich bin auf internationaler Ebene doch noch ein Newcomer.

Welchen Preis hat der Ruhm des erfolgreichen Krimiautors?

Erfolgreich? So habe ich noch nie von mir gedacht. Ich habe sehr viel Zeit mit Krankheit und Depression verschwendet. Im Rest meines Lebens möchte ich mich ganz aufs Romanschreiben konzentrieren.

Herr Yokoyama, vielen Dank für Ihre Antworten.

Die Übersetzerin von »50« Nora Bartels hat die Fragen aus dem Deutschen ins Japanische und die Antworten aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Ihr gilt der ausdrückliche Dank des Interviewers.

Ordnung oder Freiheit

Die Verfilmung der der »Tribute von Panem« ist ein Welterfolg, nun ist das Prequel angekündigt. Dabei beruht die Romanreihe von Suzanne Collins auf dem japanischen Zweiteiler »Battle Royale«, der jetzt in prächtiger Ausstattung vorliegt.

Japans Jugend ist außer Kontrolle, Gewaltexzesse und Respektlosigkeit sind an der Tagesordnung. Die Regierung geht dagegen mit einem Erziehungsprogramm namens »Battle Royale« vor. Dafür wird in jedem Jahr eine Gruppe mit Störern und Schulversagern auf eine Insel gebracht und bei einem Spiel auf Leben und Tod geopfert. Nur der oder die Stärkste darf überleben. Medial wird das Disziplinarspektakel ins ganze Land übertragen, die Abschreckung soll schließlich Wirkung zeigen.

Im ersten Teil erzählt der japanische Regisseur Kinji Fukasaku vom Auftakt dieses perversen Spiels, die drei Jahre später gedrehte Fortsetzung greift das in Rückblenden auf, so dass man nicht unbedingt den ersten Teil schauen muss, um den zweiten zu verstehen. Besser wäre das dennoch, denn es gibt einige Bezüge. In »Battle Royal II« hat sich eine Widerstandsgruppe um den Überlebenden Shuya Nanahara aus dem ersten Film formiert. Diese wilden Sieben bekämpfen nun mit allen Mitteln das tödliche Spiel der Erwachsenen. Welche Ausmaße das annimmt, sieht man in den ersten Szenen des Films. Da schwenkt die Kamera zu klassischen Klängen über Tokios Skyline, dann sacken die Hochhäuser in Folge einiger Explosionen in sich zusammen. Es folgt ein Bekennervideo, in dem Nanahara »im Namen der Gerechtigkeit« den Krieg gegen das Gesetz des Battle Royale ausruft.

Wem diese Konstellation der tödlichen Spiele und anschließenden Revolution bekannt vorkommt, dem sei beruhigend gesagt, dass es kein Zufall ist. Die in den Jahren 2000 und 2003 gedrehten »Battle Royale«-Filme von Kinji Fukasaku sind als die konsequentere und weniger fantastische Vorlage für die Hungerspiele der »Tribute von Panem« zu sehen.

Während sich Teil eins ganz der Illustration der royalen Schlachtspiele widmet – die Szenen, in denen hier Jugendliche über den Haufen geschossen werden oder sich gegenseitig an die Gurgel gehen sind deutlich radikaler als das von Gary Ross und Francis Lawrence verfilmte Aufstandsmärchen von Suzanne Collins –, steht im zweiten Film die Frage im Zentrum, ob Disziplinierung einerseits und der Drang nach Gerechtigkeit andererseits jedes Mittel rechtfertigt. Denn genau darum geht es in der Fortsetzung dieses japanischen Kultfilms (den selbst Regieikone Quentin Tarantino auf seine Bestenliste gehoben hat), wenn die vierte Generation Schulversager auf die Insel geschickt wird. Diesmal sollen sich die Schulversager jedoch nicht gegenseitig abschlachten, sondern bekommen den Auftrag, Nanaharas Kinderarmee zu liquidieren. Die besonderen Regeln, die Lehrer Riki Takeuchi – gespielt von Kultregisseur und Schauspieler Takeshi Kitano – dafür ausruft, tragen zum hohen Bodycount dieses Gemetzels bei, das in einem finalen Kampf der Alten gegen die Jungen gipfelt.

Kinji Fukasaku: Battle Royale I + II. Capelight Pictures. 520 Minuten. 34,95 Euro. Hier bestellen

War der erste Teil dieser sozialdarwinistischen Studie vor allem eine in ihrer Radikalität bahnbrechende Parabel auf die neoliberale Leistungsgesellschaft Japans, weitet sie sich im zweiten Teil zu einer visionären Kritik der globalen Verhältnisse. Und vor dem Hintergrund lohnt es sich dann doch, beide Filme – die nun in verschiedenen Schnittversionen als hochwertig ausgestattete Mediabooks mit zahlreichem Hintergrundmaterial vorliegen – als Ensemble zu sehen. »Wir haben eine Zukunft, solange wir davon träumen können«, kommentiert Nanahara vor dem letzten Gefecht. Für diesen Traum kämpfen die Jungen gegen die Alten. Weltweit.

Eine kürzere Version dieses Beitrags ist im Rolling Stone Magazin 2/2020 erschienen.

Grandios über den Dingen

Wer denkt, im Genre Comic alles gesehen zu haben, der hat Martin Panchauds »Die Farbe der Dinge« noch nicht gesehen. Mit Piktogrammen, Symbolismus und Infografiken erzählt der Schweizer Illustrator eine ergreifende Geschichte von Liebe und Leid. Einen im besten Sinne ungewöhnlicheren Comic wird es diese Saison nicht geben.

«Was ist das für ein Buch?«, steht schon auf dem Buchcover dieses ungewöhnlichen Comics, das neue Maßstäbe in der Neunten Kunst setzt. Dabei hält es zunächst kaum eine Regel, die für das Genre gilt. Es gibt keine Sprechblasen, keine Panel im eigentliche Sinne und auch keine figurativen Zeichnungen. Stattdessen werden Sprechakte durch gerade Linien zu Textblöcken dargestellt, der Seitenaufbau folgt räumlichen, zeitlichen oder gegenständlichen Aspekten und die Figuren sind nicht mehr als farblich markierte Kreise. Und dennoch funktioniert das alles perfekt, man könnte diese Geschichte wohl genialer kaum erzählen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Simon Hope, ein übergewichtiger Teenager, der von seinen Altersgenossen mit allen Mitteln gemobbt wird. Er lebt mit seiner Mutter Daisy und seinem Vater Dan zusammen. Sie kämen gut über die Runden, würde Dan Hope nicht das ganze Geld auf der Pferderennbahn verjubeln. Entsprechend schlecht ist die Stimmung zwischen den Eltern. Doch die Ironie des Schicksals will es, dass Simon von einer Wahrsagerin einen todsicheren Tipp für das berühmteste Pferderennen der Welt bekommt und alles Geld setzt, dass er zuhause auftreiben kann. Und tatsächlich gewinnt sein Pferd und er damit sage und schreibe 16 Millionen britische Pfund. Das Problem ist nur, dass er zu jung ist, um den Gewinn ohne die Einwilligung seiner Eltern abzuholen. Doch zuhause hat sich ein Drama ereignet, er findet seine Mutter schwer verletzt zuhause auf, der Vater ist verschwunden.

Auszug der Seite, auf der Martin Panchaud das Royal Ascot-Pferderennen darstellt

Die Geschichte folgt nun Simon Hope, der irgendwie an die Unterschrift eines seiner Elternteile kommen muss. Da seine brutal zugerichtete Mutter im Koma liegt (und er zudem noch erfährt, das Geld für eine bessere Behandlung hilfreich sein könnte), konzentriert er sich auf seinen Vater. Zugleich muss er sich mit der Polizei, dem Jugendamt und dem Kinderheim herumschlagen, in das er eingewiesen wird. Die Geschichte nimmt noch mehr Fahrt auf, als das britische Boulevardblatt Sun mit einem verschwommenen Foto des Jungen über dessen gigantischen Gewinn berichtet. Schlagartig scharen sich Menschen um Simon, die ihm ihre Hilfe anbieten, ohne ihre eigentlichen Motive offenzulegen.

Der Schweizer Martin Panchaud hat eine Story mit zahlreichen dramatischen Wendungen geschrieben, die es in sich hat. Man muss sagen, dass dieses Buch auch ein flotter Roman wäre, würde man die Bilder streichen. Denn die abstrakten Grafiken, mit denen die Erzählung illustriert wird, erfordern ein perfektes Skript, dass auch ohne Illustration funktioniert.

Die Farbe der Dinge 1

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Diese perfekte Story eröffnet die Möglichkeit, die Grenzen der Grafik auszuloten und mit ihr zu spielen. Von der Grundausrichtung muss man sich diesen Comic wie einen Vogelflug vorstellen. Als Betrachter schwebt man über den Dingen. Man schaut von oben auf das Geschehen und beobachtet die kreisrunden Figurenpiktogramme dabei, wie sie sich durch den zweidimensionalen Raum bewegen (die als farbige Kreise dargestellten Figuren erinnern an den Kinderwitz vom Mexikaner auf dem Fahrrad, illustriert mit einem Kreis für den Sombrero und zwei Strichen, die das Vorder- und Hinterrad andeuten). Für die Geschichte tragende Gegenstände werden aus den nüchternen Grafiken herausgehoben und als Illustrationsgrafiken neben die panelähnlichen Raumelemente gestellt. Das reicht von Turnschuhen, Kaffeebechern und Whiskygläser (mit unterschiedlichen Füllungen) bis hin zu Krankenhausgeräten, Wichsmaschinen und Waffen.

Martin Panchaud; Die Farbe der Dinge. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne. 224 Seiten. 35,00 Euro. Hier bestellen

Über diese Grafiken werden oftmals Funktionalitäten oder zeitliche Abläufe dargestellt, die als kleine Exkurse von der linearen Handlung abschweifen und Details vertiefen. Auf Einzelseiten bekommt man beispielsweise die Verwundbarkeit der Leber bei Faustkämpfen, die Bauanleitung für die «Muschi to go» Modell «Kranführer Billy» oder das Funktionsprinzip der Elektroschockpistole TASER X26 erklärt, wissend, dass diese Dinge im Hintergrund der Erzählung eine Rolle spielen. Das gleiche gilt für den Blauwal B-52, dessen Schicksal sich die Geschichte immer wieder zuwendet und der im Finale noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Die Zeichnungen von »Die Farbe der Dinge« sind derart nüchtern, dass es schon wieder spektakulär ist. Denn nichts wäre einfacher, als sich Ausnahmen zu erlauben, wenn man merkt, dass diese Linie schwer zu halten ist. Genau das hat sich Panchaud jedoch nicht erlaubt. Er ist ein Meister der Form, was er auf seiner Website mit seiner kindlichen Dyslexie erklärt, die dazu geführt habe, dass er sich geradezu wissenschaftlich mit dem Lesen und Deuten von Farben und Formen auseinandergesetzt hat. Mit dieser Expertise hat er einen ganz eigenen Stil entwickelt und hier für jede erzählerische Herausforderung eine grafische Lösung gefunden, die sich im Bereich der Infografik bewegt. Sensationell ist nicht allein diese grafische Stringenz (die fern an Chris Ware erinnert), sondern der Effekt, der in der Kombination der nüchternen Illustration mit dem von Christoph Schuler flüssig ins Deutsche übertragenen Text entsteht. Die emotional packende Story führt dazu, dass man als Leser wie in einem guten Roman dazu angeregt wird, die abstrakte Grafik mit der eigenen Fantasie zu füllen. In welchen emotionalen Zuständen sich Simon befindet und wie das aussieht, muss jede:r vom Text – die Typographie leistet hier nur an wenigen Stellen Unterstützung – in die eigene Imagination übertragen.

Am Ende dieser Erzählung hat jede:r Leser:in zwar die gleiche Geschichte gelesen, in den Einzelheiten und Details aber eine ganz eigene Version im Kopf durchlebt. Dass und wie das funktioniert, ist einfach nur grandios.

Peter Beard und »The End of the Game«

Peter Beard war einer der großen Künstler der Fotografie. Er berichtete in beeindruckenden Bildern vom Kampf um Lebensraum zwischen Mensch und Tier, war der Hoffotograf der amerikanischen High-Society der 50er und 60er Jahre und faszinierte sein Leben lang mit außergewöhnlichen fotografischen Arbeiten. Nachdem er wochenlang als verschollen galt, hat man nun seine Leiche gefunden. Im Taschen-Verlag liegt sein fotografisches Vermächtnis vor.

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Eine knisternde Sensation

Er gehört zu den lebenden Mysterien der amerikanischen Literatur. Nun hat Thomas Pynchon erstmals einer Bearbeitung seines Hauptwerks »Die Enden der Parabel« zugestimmt. Das Ergebnis macht Staunen.

Die Literatur von Thomas Pynchon ist alles andere als zugänglich, denn sie verätselt all das, was man Wirklichkeit nennen könnte. Und zugleich ist gerade sie, die Wirklichkeit, selten so gut eingefangen, wie in Pynchons komplexen Welten, der noch vor David Foster Wallace und Don DeLillo als die Ikone der postmodernen amerikanischen Literatur gilt. Dass er seit 1953 die Öffentlichkeit strikt meidet, fördert seinen Ruf als Legende. Selbst bei den Simpsons trug Pynchons gezeichnetes Alter Ego eine Einkaufstüte über dem Kopf, um inkognito zu bleiben. Dass es ihn gibt, beweisen allein sein acht Romane und ein dutzend Erzählungen umfassendes Gesamtwerk, das er hütet wie seinen Augapfel.

Die Handlung seines Opus Magnum »Die Enden der Parabel« kann man im Grunde nicht zusammenfassen, sie kreist aber im Grunde irgendwie um den Raketenkrieg und den Niedergang des Dritten Reiches. Pynchons Erzähler betrachtet dabei vor allem die Ereignisse rund um den sexsüchtigen GI Tyrone Slothrop, dessen Libido irgendwie mit den Einschlägen der deutschen V2-Raketen in Verbindung steht. Als er diesem Rätsel nach Kriegsende in Deutschland nachspürt, trifft er nicht nur auf Täter und Opfer, sondern auch auf die Profiteure und Manipulationskünstler, die die ebenso gesetzlose wie sinnentleerte Nachkriegsgesellschaft prägen. Paranoia und Konspiration greifen um sich und auch nach Slothrop, der der Rolle der deutschen Großindustrie in der Vernichtungsmaschine Nazideutschlands immer näher kommt.

Das Taschenbuch in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz ist bei Rowohlt für 16,99 Euro erhältlich.

Die taz warnte einst, die Pynchon-Lektüre nicht mit »Die Enden der Parabel« zu beginnen, weil es »für den Anfang schlicht zu viel« sei. Das ist nicht völlig falsch, denn Pynchon trieb die literarische Verschlüsselung in diesem Roman auf die Spitze, indem er Traum- und Wahnvorstellungen mit den für die damalige Zeit typischen Mitteln von Hypnose, Bestrahlung und Intoxikation kreuzt. So ist es zwar unmöglich, zu unterscheiden, wo in dieser von mehreren hundert Figuren bewohnten Erzählung Wahrheit aufhört und Fiktion anfängt (das gelingt nicht einmal dem ständig wachsenden Anmerkungsuniversum auf pynchonwiki.com), zugleich entsteht aber eine kaum fassbare Unmittelbarkeit, in der alles mit allem verbunden ist und einer ganz eigenen Logik folgt. Das hat auch dazu beigetragen, dass der Roman 1974 den National Book Award gewann und auch die Jury des Pulitzer-Preises überzeugte. Das Vergabekomitee empfand den Roman jedoch als obszön und setzte die Preisvergabe aus. Ein Skandal, der sich bis heute fortsetzt – zumindest für Elfriede Jelinek, die den Roman 1981 gemeinsam mit Thomas Piltz übersetzte. Als sie 2004 den Nobelpreis für Literatur erhielt, kommentierte sie mit einiger Fassungslosigkeit: »Ich kann doch den Nobelpreis nicht kriegen, wenn Pynchon ihn nicht hat!«

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Ein Hörspiel von Klaus Buhlert mit Franz Pätzold, Golo Euler, Bibiana Beglau u.a. Hörbuch Hamburg. 14 Std. 79,99 Euro. Ab 24. April hier bestellen.

Über zwei Jahre hat sich Klaus Buhlert in die Erarbeitung und Produktion einer akustischen Version des fast 1.200 Seiten umfassenden Werks gekniet, nachdem Pynchon erstmals der Vertonung seiner Literatur zugestimmt hat. Der Umfang des Romans wird ihn dabei nicht abgeschreckt haben, schließlich hat Buhlert bereits umfangreiche Klassiker wie Homers »Ilias« und James Joyce »Ulysses« vertont. Die Auflagen des amerikanischen Autors, die politisch brisanten und als obszön inkriminierten Passagen nicht zu kürzen und Gedichte sowie Songtexte aus dem Roman nicht zu vertonen, waren schon eher herausfordernd. »Anfangs haben wir das bedauert, aber irgendwann auch begriffen, dass Pynchon sich wieder einmal selbst treu geblieben ist«, erinnert sich Buhlert. »Manchmal ist ein geschlossene Tür eben nicht nur das Problem – manchmal ist sie die Lösung.

Einmal mehr hat sich der Hörspielregisseur, der Pynchons Hauptwerk für den SWR adaptiert hat, selbst übertroffen, sein Hörspiel und die daran beteiligten Sprecher:innen bewegen die Welt von Pynchons Roman in erstaunlicher Souveränität durch unsere akustischen Rezeptoren. Zugleich schlägt der Ton eine Sortierung vor, wo der Text rätselhaft bleibt, ohne den Roman zu dechiffrieren. Das ist durchaus gewinnend.

Pynchon beschreibe in seinem Roman die ganze Welt, erklärt der vielfach ausgezeichnete Hörspielmacher Buhlert seine Faszination für den Text. »Die Zeit, ihre Verrücktheit, ihren Wahnsinn und natürlich die unvermeidliche Paranoia«, zeige er fürchterlich genau, unsentimental. »Hier agieren 400 Figuren, die das Nervensystem eines Regisseurs regelrecht besetzt halten. Sie haben dort permanent und bewusst gegen alle Regeln verstoßen, unverschämt schamlos agiert und reagiert. Das fühlte sich manchmal verdammt körperlich an, war ansteckend im Studio und kaum auszuhalten.«

Wie genau sich das im Studio angefühlt hat und wie Buhlert das Team dazu gebracht hat, den besonderen Sound von Pynchon hörbar werden zu lassen, zeigt eine FAZ-Reportage. Da wird beispielsweise beschrieben, wie Golo Euler, der Sprecher von Tyrone Slothrop, den Drogenrausch sprechen soll oder wie man akustisch eine Totenwelt nachbildet. Mit zahlreichen Tricks und Kniffs ist es Buhlert gelungen, dem Text eine körperliche Gestalt zu geben, die atmosphärisch knistert, rauscht, flüstert und singt. Die Tonspur dieser vielstimmigen Roadnovel ist wie der Roman selbst: eine Sensation.

Die Ausstrahung des Hörspiels findet am 17. und 18. April 2020, jeweils zwischen 20 Uhr abends und 3 Uhr morgens auf dem SWR2 statt. Bereits am 16. April wird um 22 Uhr das Feature Jenseits der Null. Das Hörspielprojekt »Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel« ausgestrahlt.