Literatur, Roman, Sachbuch

Horror, Flüche und die Siebziger

Barbi Markovics »Minihorror«, Tom Holerts »ca. 1972« und Ki-Hyang Lees Übersetzung von Bora Chungs »Der Fluch des Hasen« gewinnen beim Preis der Leipziger Buchmesse. Das Gruselige, Abgründige und Dunkle, das die Jury in den nominierten Büchern fand, passt zur weltpolitischen Lage, auf die die scheidende Juryvorsitzende Insa Wilke in ihrer politischen Preisrede einging. Zur Krise auf dem Buchmarkt äußerte sich Wilke nicht, die erneute Auszeichnung von drei Büchern aus unabhängigen Verlagen spricht für sich.

Die Buchbranche traf sich zum 20. Mal im Frühjahr in Leipzig und zum wiederholten Mal im anhaltenden Krisenmodus. In diesen Zeiten einen unabhängigen Verlag zu betreiben sei kaufmännisch betrachtet kein Spaß, erklärte Kanon-Verleger Gunnar Cynybulk erst kürzlich im Deutschlandfunk. Welche Bedeutung die Indieverlage in der Buchbranche haben, wurde einmal mehr bei der Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse deutlich.

Die Jury, die letztmalig unter dem Vorsitz von Insa Wilke tagte, hat von den eingereichten 486 Büchern – wie schon in den Jahren 2021 und 2022 – drei Titel von unabhängigen Verlagen ausgewählt, um sie in den Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik auszuzeichnen. Nach dem Hohelied auf die Übersetzungen und der Verneigung vor den Frauen in den Vorjahren stand der Preis der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr ganz im Zeichen der dunklen Mächte.

Barbi Markovic | Foto: Thomas Hummitzsch

Dies gilt für Barbi Markovics erzählerische Miniaturen, die unter dem sprechenden Titel »Minihorror« erschienen sind. Rasant, seriell und pop-affin enttarne Markovic in ihrem Buch das Unheimliche jeder noch so harmlosen Situation, der Mensch im Spätkapitalismus werde dabei notgedrungen zur Witzfigur. »Hinten die Kriegsverbrechen, vorne der Klimawandel, dazwischen die Banalität unseres tagtäglichen Lebens«, lobte die Jury, die den Band mit dem Belletristikpreis auszeichnete.

Barbi Markovic: Minihorror. Residenz Verlag 2023. 192 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Der titelgebende Minihorror schlägt in den Alltagsszenen der beiden Hauptfiguren Mini und Miki die großen Tragödien, die ohnehin immer im Kleinen mitschwingen. Markovics »Minihorror« ist eine markante Alternative zur gängigen Autofiktion, ist bis zum Rand gefüllt mit Popkultur und Ironie. Die stilbrechende Prosa der in Belgrad geborenen und in Wien lebenden Autorin ist von einer eindrucksvollen Souveränität, wie sie auch spontan bei der Entgegennahme des Preises bewies. Ihre Dankesrede klang wie ein nachgereichtes Kapitel aus ihrem ebenso unterhaltsamen wie abgrundtiefen Buch. Mini muss da eine Dankesrede zur Preisverleihung halten, scheitert aber gnadenlos und sitzt am Ende heulend hinter der Bühne. »Mini wird aus der Literatur herausgeworfen«, heißt es da. Wer aber diese Miniserie des Absurden gelesen hat und die Mechanismen der Branche kennt, weiß aber, dass die 43-jährige Autorin jetzt erst richtig durchstarten wird.

Tom Holert | Foto: Thomas Hummitzsch

Das wünscht man auch dem Buch des Berliner Historikers Tom Holert, das den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch erhielt. In seinem überbordenden Text-Bild-Essay »ca. 1972. Gewalt – Umwelt – Identität – Methode« dekliniert er den Begriff der Radikalität durch und nimmt die Widersprüche in den Blick, die radikale Haltungen rund um das Jahr 1972 – einer Zeit, in der »Mode und Grausamkeit, architektonischer Brutalismus und physische Brutalität, Sex und Horror formgebend wirkten«, wie Holert schreibt und in seinem ausgezeichneten Werk auf zahlreichen Ebenen nachweist – global hervorgerufen haben.

Tom Holert: „ca. 1972” Gewalt – Umwelt – Identität – Methode. Spector Books 2024. 544 Seiten. 36,- Seiten. Hier bestellen.

»Indem er seine Position als Autor benennt, reflektiert und sie sichtbar macht, ohne sich selbst in diese kulturellen Objekte und ihre Geschichte einzuschreiben, leistet er seinen klugen Teil der Arbeit auf dem Weg zu einem 2024 leider immer noch utopischen Ziel: einer sozialen, globalen, ökologisch und geschlechtlich gerechteren Welt«, heißt es in der Begründung der Jury. Der Text-Bild-Horizont, den Holert kenntnisreich und sprechend eröffnet, zeigt nicht nur, wie grundsätzlich die Befreiungsbewegungen im globalen Süden ihre Strategien dachten, sondern erzählt vor dem Hintergrund der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit vom neugierigen Suchen und absurden Irren der damaligen politischen Bewegungen. Mit Holerts gleichermaßen offenem wie zugewandtem Blick könnten wir heute zuversichtlicher in die Zukunft schauen.

Ki-Hyang Lee | Foto: Thomas Hummitzsch

Der Übersetzungspreis der Leipziger Buchmesse ging an Ki-Hyang Lee, die Bora Chungs Erzählungsband »Der Fluch des Hasen« aus dem Koreanischen übertragen hat. Das Unheimliche und Monströse laufe in den zehn Geschichten zu großer Form auf, lobte die Jury. Im Mittelpunkt stehen meist koreanische Frauen, die sich in den patriarchalischen Verhältnissen ihrer Zeit behaupten müssen. Es geht um Monatsblutungen und ungewollte Schwangerschaften, um Maschinenmenschen und die Einsamkeit der Mutterschaft, um physische Wunden und seelische Narben.

Bora Chung: Der Fluch des Hasen. Aus dem Koreanischen von Hi-Hyang Lee. Culturbooks 2023. 264 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Der weibliche Körper wird in Chungs Erzählungen zum Schlachtfeld der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, der Geist zum Fluchtpunkt in der Dunkelheit, der es zu entkommen gilt. »In der pointierten und leicht neben die Norm gesetzten Sprache, die Ki-Hyang Lee den Texten von Bora Chung verleiht, haben die Geschichten eine zitternde Offenheit für das Neue und Unerwartete«, heißt es in der Jurybegründung. Die blieb allerdings die Antwort schuldig, worin die preisverdächtige Übersetzungsleistung in diesem Fall besteht. Dies war auch schon bei der Vorstellung der nominierten Übersetzertitel ein Manko. Statt sich mit der Übersetzung auseinanderzusetzen, floh sich die Jury in Plattitüden zur Wirkung der Erzählung. »Der Fluch des Hasen« habe sie »das Fürchten gelehrt«, nach der Lektüre rechne man immer mit den unbekannten Monstern in der Dunkelheit.

Im vergangenen Jahr gewannen Dincer Gücyeter mit seinem Roman »Unser Deutschlandmärchen«, Regina Scheer mit ihrer biografischen Rekonstruktion »Bittere Brunnen« und Johanna Schwering mit ihrer Übertragung von Aurora Venturinis spätem Roman »Die Cousinen« den Preis der Leipziger Buchmesse.

Mit den ausgezeichneten Titeln konzentrierte sich die Jury dann doch auf erwartbare und klassische Titel in den drei Kategorien. Zur Sensation, dass mit Anke Feuchtenbergers düsterem Comic »Genossin Kuckuck« erstmals die Neunte Kunst in der Belletristik abräumen könnte, kam es nicht. Ebensowenig konnte das Hörbuch »Jahrhundertstimmen 1945 – 2000« in der Kategorie Sachbuch/Essayistik oder Jennie Seitz mit ihrer Übertragung der von Katerina Gordeeva eingesammelten reportageartigen Geschichten aus dem Krieg in der Ukraine in der Kategorie Übersetzung einen Überraschungserfolg verzeichnen.

Bei aller Kritik an den grenzüberschreitenden Nominierungen unter der Juryvorsitzenden Insa Wilke vermisst man jetzt schon den offenen und horizonterweiternden Blick, den die Jury unter der Literaturwissenschaftlerin und Brasch-Expertin seit 2022 bewiesen hat. Selten waren die nominierten Titel erwartbar, der Preis der Leipziger Buchmesse war unter Wilke im besten Sinne ein Fest der Überraschungen und Entdeckungen. Davon haben vor allem die unabhängigen Verlage profitiert. 22 der 45 nominierten Titel in Wilkes Amtszeit sind in Indie-Verlagen erschienen. Davon sind sieben (!) ausgezeichnet worden, nur zwei Preise gingen unter dem Vorsitz der Berliner Literaturkritikerin an ein Buch aus einem Publikumsverlag.

Vor der Preisverleihung nahm die scheidende Juryvorsitzende Stellung zum Vorwurf des Schweigens der Kulturszene angesichts des Horrors im Nahen Osten. In ihrer dezidiert politischen Rede erinnerte sie an die immer noch von der Hamas entführten jüdischen Geiseln und an das Leid der Zivilist:innen in Gaza. Dabei fand sie einen ebenso grundsätzlichen wie nachdenklichen Ton, der gut zu Omri Boehms Universalismus passte.

Wilke machte deutlich, dass Schweigen selten kollektiv, sondern meist individuell sei und nicht einfach so mit Gleichgültigkeit verwechselt werden dürfe. »Bücher und die, die sie schreiben, kennen sich aus mit den vielen Formen des Schweigens.« Kaum eine Branche wisse besser, dass Worte verletzen können, gerade wenn sie der Sache nicht gerecht werden. Zugleich räumte sie ein: »Wir haben uns hier mehrheitlich verfehlt in einer Situation, in der wir mehr füreinander hätten da sein müssen.« Dabei seien tiefe Gräben entstanden, sagte sie unter anderem mit Verweis auf die Debatte um Adania Shiblis Roman »Eine Nebensache«, dessen nachträglicher Auszeichnung mit dem LiBeraturpreis 2023 vom Litprom e.V. in einem Mitgliederschreiben kurz vor der Messe endgültig eine Absage erteilt wurde.

Man habe sich nicht auf einen Termin »für eine nachgeholte Preisverleihung im Haus am Dom in Frankfurt« einigen können, um eine Bankverbindung zur Überweisung des Preisgelds habe man bis zuletzt ohne Erfolg gebeten. »Die Preisvergabe 2023 ist damit für uns abgeschlossen, auch wenn wir den Preis sehr gerne noch überreicht hätten«, heißt es im Schreiben der Geschäftsstelle nüchtern. Bei Shiblis deutschem Verlag Berenberg sorgt der Vorgang nur noch für Kopfschütteln. Shibli bestehe auf eine Verleihung des Preises auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie ursprünglich ausgezeichnet werden sollte. Die sei von Litprom aber nie in Aussicht gestellt worden, erfahre ich am Stand des Verlags auf der Messe. Das Preisgeld hätte Litprom an den Verlag überweisen können, wenn man denn gewollt hätte.

»Wir haben uns hier mehrheitlich verfehlt«, sagte Juryvorsitzende Insa Wilke in ihrer politischen Rede | Foto: Thomas Hummitzsch

Die Causa um den LiBeraturpreis ist ein Lehrstück in Sachen verletzender Worte und verletzenden Schweigens. »Wir sind hier an einem Ort des Sprechens«, sagte Wilke in Leipzig und verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, »dass wir die tiefen Gräben des voneinander Verlassenseins irgendwann einmal besprechen können«. Gemeinsam müsse man eine Sprache für das Unsagbare finden, so ihr Appell, der vielleicht zu spät und ganz sicher nicht zu früh kommt.

Im Namen der Jury bedankte sich Wilke auch noch einmal bei Oliver Zille, der sich im vergangenen Jahr überraschend zurückgezogen hatte. Er habe aus der Leipziger Buchmesse mehr als nur einen Marktplatz für das Buch gemacht, so Wilke. In der ZEIT ließ Zille kurz vor der Messe die Gründe für sein Ende bei der Leipziger Buchmesse durchblicken. Demzufolge habe es bereits seit einigen Jahren Dissens über die Frage gegeben, wie man die Leipziger Buchmesse als gesellschaftspolitisches Großereignis weiterentwickeln könne. »Wirtschaftlich zu arbeiten, ist zwingend. Ganz klar und bisher für die Buchmesse auch kein Problem. Aber Renditedruck und Prozessstandardisierungen dürfen die Entwicklung der Messe nicht behindern«, erklärte der ehemalige Leiter der Frühjahrsmesse im Interview. Über die Rahmenbedingungen – »strukturell, personell, organisatorisch und auch bezüglich der Verfügungsgewalt über die erwirtschafteten Finanzen« – gab es keine Einigung mehr, so Zille, der »erschöpft vom ständigen Kämpfen« gewesen sei.

Links Astrid Böhmisch, Direkorin der Leipziger Buchmesse, direkt daneben sitzend Insa Wilke, Vorsitzende der Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse | Foto: Leipziger Messe GmbH / Stefan Hoyer

In diesem Jahr findet die Messe erstmals unter der Leitung von Astrid Böhmisch statt, deren Start die Branche mit Argusaugen beobachtet hatte. Sicherlich hilfreich, dass die Buchmesse mit 283.000 Besucher:innen einmal mehr einen neuen Rekord verzeichnen konnte. Diese zahlen zeigten nicht nur, »wie ungebrochen die Begeisterung für Literatur ist, sondern verdeutlicht auch den Wunsch der Menschen, sich auszutauschen und neue Sichtweisen zu entdecken. Hier bekräftigt die Leipziger Buchmesse, dass sie eine starke Plattform für vielfältige Meinungen und Impulse ist«, erklärte Böhmisch nach Schließung der Leipziger Buchmesse. Vor der Messe hatte die Managerin, die in der Film- und Buchbranche Erfahrungen gesammelt hat, im Deutschlandfunk erklärt, dass sie in Literatur Trost und Zuversicht finde.

An Zuversicht mangelt es momentan der Interessenvertretung der unabhängigen Verlage. Die Kurt Wolff Stiftung warnte wenige Tage vor Öffnung der Messetore, dass die Vielfalt in der Buchbranche gefährdet ist. Einige Indie-Verlage – man denke nur an das traditionelle Leipziger Verlagshaus Faber & Faber – seien unter dem hohen Kostendruck bereits in die Knie gegangen, andere hielten sich nur dank der Prämie, die mit dem Deutschen Verlagspreis einhergeht. Längst seien alle in der Branche von den sich beschleunigenden negativen Entwicklungen – den Preissteigerungen, der voranschreitenden Inflation, den Konzentrationsprozessen und dem Druck des Großhandels – betroffen. Kleinere, bibliodiverse Verlagsprogramme verschwänden aus dem Großhandel, inhabergeführte Buchhandlungen gerieten unter Druck, so die Stiftung in ihrer Erklärung, in der sie einmal mehr eine strukturelle Verlagsförderung forderte, um die vielfältige Verlagslandschaft zu sichern.

In Leipzig ausgezeichnete Indies seit 2020

In der Pressemitteilung von Kulturministerin Claudia Roth zum diesjährigen Branchentreffen war davon nichts zu lesen. Kein gutes Zeichen in einer Zeit, in der die neoliberale Agenda und das Dogma der Schuldenbremse alle Etats zum Sparen verurteilt. Die Kurt Wolff Stiftung listete daher noch einmal auf, was die Bundesrepublik verliert, wenn unabhängige Verlage ihre Arbeit einstellen.

Diese Liste kann man nach Leipzig recht simpel zusammenfassen. Allein in diesem Jahr hätte man alle drei ausgezeichneten Bücher vermisst, gleiches gilt für die Jahrgänge 2021 und 2022. In den letzten fünf Jahren kamen zehn von fünfzehn in Leipzig ausgezeichneten Büchern aus einem Indie-Verlag. Seit 2020 ging der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik vier Mal an ein Buch aus einem Indie-Verlag, in den Kategorien Sachbuch/Essayistik und Übersetzung jeweils drei Mal. Mehr muss man über die Bedeutung der Unabhängigen für die hiesige Buchkultur nicht sagen.

2 Kommentare

  1. […] ist keineswegs den unterhaltsamen Miniaturen entnommen, mit denen Barbi Markovic kürzlich den Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Es wäre auch anmaßend, zu behaupten, er könnte Teil von »Minihorror« sein. Aber die […]

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