Essay, Literatur, Roman, Sachbuch

Ein dreifaches Hoch auf die Übersetzung

Die Wortkünstler:innen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Preise der Leipziger Buchmesse. Der in Israel geborene Berliner Tomer Gardi erhält für »Eine Runde Sache« den Preis für den besten Roman. Die Lyrikerin Uljana Wolf wurde für das beste Sachbuch ausgezeichnet, die beste Übersetzung hat Anne Weber aus dem Französischen vorgelegt. In allen drei Büchern spielt die Übersetzungskunst eine zentrale Rolle.

Den Preis der Leipziger Buchmesse für den besten Roman der zurückliegenden zwölf Monate verleiht die Jury unter dem Vorsitz von Literaturkritikerin Insa Wilke an den israelischen Autor Tomer Gardi, der mit »Eine runde Sache« den wohl ungewöhnlichsten Text seit Jahren vorgelegt hat. Ungewöhnlich deshalb, weil er in einem Teil die deutsche Sprache ordentlich durcheinander gewirbelt hat und der zweite Teil gar nicht auf Deutsch verfasst, sondern aus dem israelischen übertragen ist. Das beste Sachbuch hat Uljana Wolf mit »Etymologischer Gossip« geschrieben, in dem Reden und Essays der Lyrikerin und Übersetzerin aus den zurückliegenden Jahren versammelt sind. Den Preis für die beste Übersetzung hat Anne Weber für die Übersetzung des Romans »Nevermore« von Cécile Wajsbrot aus Französischen gewonnen.

Nachdem im vergangenen Jahr die drei ausgezeichneten Bücher im Zeichen der Spiegelungen der Wirklichkeit standen, dreht sich in diesem Jahr und in einer Zeit, in der es allenthalben an Verständigung und Verständnis fehlt, alles um die Übersetzung, um das verständlich Machen von Sprache. Der ausgezeichnete Roman ist zur Hälfte übersetzt und fragt nach dem Wesen der Sprache, im Sachbuch gewinnt eine Lyrikerin und Übersetzerin mit ihren Essays zur Übersetzung und die beste Übersetzung reflektiert den Vorgang des Übersetzens selbst. Die Entscheidung der Jury trägt eine deutliche Handschrift, sie setzt die Kunst des Übersetzens in allen drei Preiskategorien auf den Thron. Insgesamt eine begrüßenswerte Entscheidung, wenngleich die Jury dem Publikum da auch einiges zumutet. Aber gut, Literatur, die bleibt, ist immer eine süße Zumutung. Die 15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse hatten bei Kritiker:innen durchaus für Überraschungen gesorgt.

Im Vorjahr hatten zum zweiten mal nur Frauen in Leipzig abgeräumt. Iris Hanika, Heike Behrend und Timea Tankó konnten sich über die Auszeichnung freuen. So hatte sich die Jury für ein literarisches Spiegelkabinett entschieden. Iris Hanikas Roman »Echos Kammern« geht den narzisstischen Spiegelungen der Instagram-Welt auf den Grund, Heike Behrends »Menschwerdung eines Affen« spiegelt sich, ihre Disziplin und das Menschsein als solches und Timea Tankós Übertragung von Miklós Szentkuthys »Apropos Casanova« spiegelt in Kommentaren die Memoiren Casanovas.


Übersetzung

Die Gewinnerin des Vorjahres Timea Tankó erinnerte im Einspieler noch einmal an den Wert der pedantischen Tätigkeit des Übersetzens, bei dem »Wörter wörtlich genommen werden«, wie die Jury betonte. Tanko sagte da, dass die Übersetzung dazu zwinge, die eigenen Sprachmuster zu verlassen. Ungeheuer erfolgreich haben das alle fünf nominierten Übersetzer:innen getan. Am meisten hat Anne Weber die Jury überzeugt, die für ihre Übersetzung von Cécile Wajsbrots Roman »Nevermore« aus dem Französischen ausgezeichnet wurde. Die französische Autorin und Übersetzerin Wajsbrot war mit in Leipzig und freute sich mit ihrer deutschen Übersetzerin.

Anne Weber | Foto: Heike Huslage-Koch

»Nevermore« behandelt selbst den gedanklichen Prozess des Übersetzens von Virginia Woolfs »To the Lighthouse« und ist somit eine Hommage an diese Kunst, die nur in Leipzig eine so große Bühne bekommt. Die Jury beschreibt es wie folgt: »Eine französische Autorin, die auch Übersetzerin ist, übersetzt »To the Lighthouse« von Virginia Woolf. Sie wird ihrerseits übersetzt von Anne Weber, einer Deutschen, die ebenfalls Schriftstellerin ist. Was diese drei Frauen hier aufführen, das ist ein Krimi des Bezeichnens!« Im Flüsterton dreier Sprachen führe die deutsche Übersetzung in ein Reich der Abwesenheiten: in das ausgebombte Dresden, die im Krieg zerstörte Kathedrale von Coventry, das verseuchte Gebiet um Tschernobyl und zur Industrieruine der High Line in New York. »Ein roman noir der Übersetzungskunst«, in dem Gespensterorte mit Gespensterworten nahegebracht werden, jubilierte die Jury. Und das klingt wie folgt:

In einem Buch, dessen Titel To the Lighthouse ins Französische übersetzt wurde mit La promenade au phare, Der Spaziergang zum Leuchtturm. Die Bewegung, die in dem to steckt, findet sich im Wort promenade, Spaziergang, wieder. Kann man aber eine Fahrt auf dem Meer Spaziergang nennen? Werden Spaziergänge nicht eher an Land gemacht? Später werden noch andere Titel hinzukommen. Voyage au phare, Reise zum Leuchtturm. Vers le phare, Zum Leuchtturm hin. Au phare, Zum Leuchtturm. Alle scheitern sie ein wenig an der Evidenz des to. Können sie nicht wiedergeben. Die Fahrt zum Leuchtturm, sagt die erste deutsche Übersetzung. Und eine neuere Fassung, Zum Leuchtturm. Das Deutsche erlaubt eine wörtlichere Übersetzung als das Französische, denn es kann die englische Wortkonstruktion nachbilden. Aber das Ergebnis ist kompakt, die Silben sind zu dicht, verglichen mit den luftigen Klängen des Englischen. Vielleicht ist das der Grund, warum in der ersten Übersetzung Die Fahrt hinzugefügt wurde, die Entsprechung unserer französischen Promenade, aber anders als in Promenade steckt in Fahrt die Idee einer Strecke, die eher mithilfe eines Transportmittels zurückgelegt wird, das auch ein Boot, eine Barke, sein kann. In diesem Sinn wäre Voyage au phare, Reise zum Leuchtturm, die genaueste, auch in der Silbenzahl mit dem leichtluftigen englischen Titel übereinstimmende Übertragung. Auch wenn »Reise« ein bisschen übertrieben scheint für eine einfache Überfahrt, einen Ausflug.

Cécile Wajsbrot: Nevermore. Aus dem Französischen von Anne Weber
Cécile Wajsbrot: Nevermore. Aus dem Französischen übersetzt von Anne Weber. Wallstein Verlag 2021. 229 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen

Anne Weber war 2020 für ihren Versroman »Annette, ein Heldinnenepos« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Wenige Tage, nachdem die Bezugsperson dieses Romans Anne Beaumanoir in Frankreich gestorben war, erhält nun Anne Weber den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzungsarbeit. Neben ihr waren nominiert: Irmela Hijiya-Kirschnereit für ihre Übersetzung von Hiromi Itōs Roman »Dornauszieher. Der fabelahfte Jizō von Sugamo« aus dem Japanischen, Stefan Moster für seine Übertragung von Volter Kilpis erstem Band seiner Schären-Trilogie »Im Saal von Alastalo. Eine Schilderung aus den Schären« aus dem Finnischen, Andreas Tretner für seine Variante von Hamid Ismailovs Kasachstan-Roman »Wunderkind Erjan« aus dem Russischen und Helga van Beuningen für ihre Übersetzung von Marieke Lucas Rijnevelds Roman »Mein kleines Prachttier« aus dem Niederländischen.


Essayistik/Sachbuch

Sie hätten in allen drei Kategorien nominiert werden können, ein Sachbuch über das Übersetzen von Lyrik. »Ein Musterbeispiel für Essayistik« seien die über ein dutzend Jahre entstandenen Texte, in denen sie ebenso mutig wie übermütig mit Assoziationsfreude über Sprache nachdenkt und das Sachbuch auch zum Lachbuch mache, so Juror Andreas Platthaus in seiner Laudatio. Die Sprachräume bildeten bei ihr Schnittmengen, »statt Grenzen zu ziehen gelte es, Netzwerke zu bilden«, dies mache das im kleinen, aber längst renommierten KookBooks-Verlag erschienene Buch – das zudem »ein Kunststück additiver Ästhetik« sei – mehr als preiswürdig.

Die kluge Uljana Wolf ist vor allem ein Branchenliebling, das breite Publikum dürfte die Lyrikerin nun erst wirklich entdecken. Vor allem Leser:innen, die das Sprachspiel schätzen, werden Freude an ihren Texten finden. Sie bedankte sich in Leipzig bei den vielen Gossip-Zuträger:innen, denen sie genau zugehört habe, um anschließend ihre Gedanken ausbüchsen (Can Out) zu lassen, die es dann wieder in Essays und Reden einzufangen galt. Wie dieser Prozess in etwa vonstatten gegangen sein mag, veranschaulicht folgende Passage aus dem Buch:

»Führt man im Englischen jemanden in die Irre, schickt man ihn nicht auf den Holz-, sondern begleitet ihn auf dem Gartenweg: lead someone down the garden path. Übersetzen wird für mich immer mehr zu einem solchen Gartengehen, und zwar im zweifachen Sinne. Einerseits kommt es mir darauf an, mit und neben dem Originalgedicht zu spazieren, das heißt, sein Laufen, Schreiten, Springen wichtiger zu nehmen als sein Sagen, Rätseln, Rufen. Ich meine damit nicht objektiv zählbare Verse und Füße (aber auch), sondern den rhythmisch-gestischen Abdruck, den eine Zeile mit ihrem Auf und Ab, ihren Kadenzen, in meinem Körper hinterlässt. Going for a walk with an English poem heißt für mich zum Beispiel: Versuche so oft wie möglich, die Endstellung des Verbs zu verhindern! Das macht mich zuweilen ganz kirre. Als würde Mark Twain höchst persönlich in meinem Nacken keuchen. („Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen.“)«

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip
Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden. Kookbooks 2022. 232 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen

Außerdem waren für den Preis für Sachbuch/Essayistik nominiert: Horst Bredekamp mit seiner reich illustrierten »Michelangelo«-Studie, Hadija Haruna-Oelker mit ihrem klugen Appell an »Die Schönheit der Differenz: Miteinander anders denken«, Christiane Hoffmann mit ihrem Reise-, Gedanken- und Erinnerungsbericht »Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters« und Juliane Rebentisch mit ihrer Studie »Der Streit um Pluralität: Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt«.


Belletristik

In Broken German erzählt Tomer Gardi zunächst sein komisches Antimärchen »Eine runde Sache«, der bereits im Frühsommer 2020 erschienen ist. In dessen Mittelpunkt stehen zwei Künstler in zwei verschiedenen Jahrhunderten. Der erste ist Tomer Gardi selbst, der sich mit einem sprechenden Schäferhund und dem Erlkönig auf eine schräge Odyssee begibt. Es ist eine Reise, die von German Angst und Menschenfeindlichkeit, von Kunstfreiheit und dem Finden der eigenen Sprache in einer sprachlosen Welt handelt. Eine Künstlerbiografie im Gewand eines eleganten historischen Romans ist der zweite Teil des Romans, denn Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzt hat. Hier reist der indonesische Maler Raden Saleh im 19. Jahrhundert nach Europa, um sich selbst zu finden.

Tomer Gardi | Fotocredit: Shiraz Grinbaum

Ein Schelmenstück sei der Roman, lobt die Jury, in dem Wirklichkeit und Fiktion aufeinander prallen wie das Echte und das Gemachte. »Dabei spielt Gardi ebenso kunstvoll wie dreist mit Lesegewohnheiten und Erwartungen an einen Roman, zumal an einen deutschsprachigen.« Ein Schriftsteller sei jemand, »der Schwierigkeiten hat mit die deutsche Sprache«, schreibt Gardi. So hinterfrage er unser Bedürfnis nach Korrektheit und Geradlinigkeit ebenso wie ästhetische Normen. Wie das klingt, zeigt folgender Textauszug:

Ich bin ein gieriger Mensch, eine Person mit starke Bedürfnisse, und nach der Eröffnungsabend des Theater Festivals wollte ich folgendes: Bier, Brot, Zigarette. Ich war eine die Ersten die aus der Theater Saal kammen, und der Erste bei der Buffet. In meiner Hand hatte ich schon meine Feuerzeug und eine Zigarette. Von der Buffet habe ich zwei belegte Brotte genommen. Dann ging ich zum Bar, kriegte ein großes Bier, und das wars. Ich war dann bereit raus zu gehen, wo ich in ruhe trinken und essen und rauchen könnte.
Ich hatte dann aber auch, klarerweise, meine Hände ganz voll, und nach zwei Schritte von Bar richtung Ausgang rutschte ein Stück Salzgürke von meiner Brot auf dem Boden. Ich habe entschieden diese kleine Unglück zu ignorieren und machte zwei oder drei Schritte weiter, als hinter mich hörte ich ein Schrei, ein Stürz, ein Knall.

Tomer Gardi: Eine runde Sache
Tomer Gardi: Eine runde Sache. Zur Hälfte aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Droschl Verlag 2021. 256 Seiten. 23,- Euro. Hier bestellen

Sicherlich ist diese Entscheidung die umstrittenste, auch wenn der Roman zu den Lieblingen der Kritiker:innen gehört. Allerdings ist der sprachliche Zugang nicht einfach. Zudem hinterfragten einige schon bei der Nominierung, ob der Roman in seiner hybriden Gestalt tatsächlich die Statuten des Preises erfüllt. Es ist davon auszugehen, dass dies ausführlich geprüft wurde. Gardis Roman ist im verdienstvollen Literaturverlag Droschl erschienen, der mit Iris Hanika und ihrem Roman »Echos Kammern« bereits die Vorjahressiegerin in Leipzig herausbrachte.

Weiterhin waren für den Preis nominiert: Dietmar Dath mit seinem Kalkülroman »Gentzen oder: Betrunken aufräumen«, Heike Geißler mit ihrem surrealen Leipzig-Roman »Die Woche«, Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Lebensroman »Ein von Schatten begrenzter Raum« und Katerina Poladjan mit ihrer russischen Zeitreise »Zukunftsmusik«.


Aktuelle Situation

Die Situation in der Ukraine war bei der Preisvergabe natürlich allgegenwärtig. Ein hörbar bewegter Messedirektor Oliver Zille las vor der Preisverleihung den Text »Schwarzbrot« der ukrainischen Autorin Jelena Saslawskaya, in dem es heißt: »Lange blieb das Unheil aus. Lange Zeit. | Lange gab es keinen Krieg. Lange Zeit. | … Jetzt sind wir das Schwarzbrot im Krieg, | Früher aber waren wir wie das goldene Korn.« Anschließend betonte Zille: »Wir sind in diesen Tagen mit Kopf und Herz bei den Ukrainerinnen und Ukrainern.«

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Kiepenheuer & Witsch 2019. 288 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen

Dabei bleibt sich Leipzig aber treu und nah bei der Literatur. Insa Wilke gab ihrerseits eine Buchempfehlungen außer der Reihe. Sie empfahl den Roman »Blauwal der Erinnerung« von Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk, der 2019 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. In dem Roman gehe es nicht nur um eine junge ukrainische Frau, die aufgrund einer diffusen Angst ihre Wohnungen nicht mehr verlassen kann, sondern auch und vor allem um den ukrainischen Nationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die innerukrainische Gesellschafts- und Kulturkritik der Gegenwart.

Oliver Zille ging auch noch einmal auf die Pandemie ein und sprach seinen Dank an all jene aus, die »in diesen Tagen trotz Pandemie nach Leipzig kommen und ein starkes Zeichen setzen« werden. Die Buchmesse wurde zum dritten mal in Folge abgesagt, #Leipzigliesttrotzdem und ein #buchmessepopup schafft etwas Abhilfe. Und Zille gibt sich selbstbewusst kämpferisch: Wir sehen uns im nächsten jahr hier wieder. Bleibt zu hoffen, dass die ukrainischen Flüchtlinge, die aktuell in einigen Hallen untergebracht sind, dann wieder ein friedliches Zuhause haben und sich unter dem Glasdach der Leipziger Messe mehr als 200 geladene Gäste tummeln.

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