Biografie, Sachbuch

Drei Schriftsteller, zwei Freundschaften, eine Geschichte

© Thomas Hummitzsch

Der US-amerikanische Schriftsteller Donald Windham zählte zum Freundeskreis von Truman Capote und Tennessee Williams. Im Lilienfeld-Verlag ist nun sein Rückblick »Verlorene Freunde« erschienen, in dem er über die gemeinsame Zeit und das Scheitern dieser beiden Freundschaften schreibt.

Man weiß nicht genau, was man davon halten soll, dass der 1920 in Atlanta geborene Donald Windham in Truman Capotes journalistischen Texten »Die Hunde bellen« nicht ein einziges Mal auftaucht. Der eitle Autor von »Frühstück bei Tiffany« und »Kaltblütig« zieht darin über Berühmtheiten wie Marlon Brando oder Coco Chanel, Mae West und Marilyn Monroe, Ezra Pound und Cecil Beaton her, schreibt über seine Freundschaft mit Tennessee Williams und Willa Carter und lästert über die Hautevolee in den USA und Europa her, in der er sich mit dem Selbstverständnis eines zutiefst Verunsicherten lautstark bewegt hat. Windham, der zu Capotes Zeiten nicht nur ein enger Vertrauter, sondern auch erfolgreicher Autor war, hier auszusparen, wirft ein halbseidenes Licht auf das freundschaftliche Verhältnis, über das Windham in seinem Buch »Verlorene Freunde« schreibt.

Donald Windham: Verlorene Freunde. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 380 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://lilienfeld-verlag.de/buecher/donald-windham-verlorene-freunde/
Donald Windham: Verlorene Freunde. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 380 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Capote war nicht nur einfach ein Schriftsteller. Capote war ein exzentrischer Dandy, wie George Plimpton in seiner »Oral History« über Capotes »turbulentes Leben kolportiert von Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten« deutlich macht. Plimpton beschreibt Capote auch als »kreischende Xanthippe« und hinterhältigen Schmierfinken, weil kein Geheimnis bei ihm sicher aufgehoben war. Je nach Laune bereitete es ihm ein diebisches Vergnügen, die offenen und verborgenen Geheimnisse der High Society in die Welt zu posaunen. Als sein Klatschroman »Erhörte Gebete« für Tumulte sorgte, sagte Capote nur: »Was haben diese Leute denn erwartet? Ich bin Schriftsteller und verwende alles. Haben die etwa geglaubt, ich sei nur zu ihrer Unterhaltung da?«

Donald Windham und Truman Capote begegnen einander erstmals 1948 in Venedig. Gerald Clarke, neben Plimpton der zweite Capote-Biograf von Rang, beschreibt das Aufeinandertreffen wie folgt:

»Er [Truman Capote] traf am 4. Juli von Paris kommend ein, bezog ein Zimmer im Albergo Pilsen und lernte an dem Abend, als er wie alle Touristen auf dem Markusplatz spazieren ging, den jungen amerikanischen Schriftsteller Donald Windham kennen. Sie hatten einander auf Leos Partys gesehen, aber nie miteinander gesprochen. Als sie einander in einer fremden Stadt begegneten, entdeckten sie, dass sie viel miteinander gemein hatten, einschließlich Freunden wie Tennessee Williams. Der ebenfalls aus dem Süden, aus Georgia, stammende Donald war eben achtundzwanzig geworden und dabei, seinen ersten Roman zu beenden. Truman hoffte, nach sechs ereignisreichen Wochen in London und Paris endlich zur Ruhe zu kommen und seine Kurzgeschichte Kindergeburtstag abzuschließen. Ihre Tageseinteilung stimmte somit aufs glücklichste überein, und sie wurden Reisegefährten. An den Vormittagen und manchmal auch nachmittags blieben sie im Hotel, und am Abend trafen sie sich zu Drinks und aßen zusammen.«

Gerald Clarke: Truman Capote

Aus dieser Begegnung erwuchs eine Freundschaft, die sich in Clarkes Biografie deutlicher niederschlägt als bei Plimpton. Das Foto, das von Windham und Capote auf dem Markusplatz entstanden ist, ziert nun das Cover von »Verlorene Freunde«.

Bei Windhams Debütroman, von dem bei Clarke die rede ist, handelt es sich um »Dog Star«, einem geheimen Klassiker der Coming-of-Age-Literatur, der vom Aufwachsen des 15-jährigen Blackie im amerikanischen Süden unter schwierigen Umständen erzählt. Denn Blackies lebt in einer Erziehungsanstalt, aus der er, als sich sein bester Freund umbringt, abhaut und nach Hause zurückkehrt. Doch dort erwartet ihn nicht nur die Ablehnung seiner Familie, sondern auch die Tristesse der Provinz. »Gerne hätte er sein Leben für jede Sache hergegeben, die ihn in Anspruch genommen und von ihm verlangt hätte, alles zu geben. Er war gelangweilt und er wollte Aufregung. Aber die Abende boten dafür keinen Anlass«, wie es in der deutschen Übersetzung des Romans von Alexander Konrad heißt.

Donald Windham: Dog Star. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 216 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://lilienfeld-verlag.de/buecher/donald-windham-dog-star/
Donald Windham: Dog Star. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 216 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Albert Camus, Thomas Mann und André Gide waren begeistert von diesem literarischen Debüt, was für das Verhältnis zu Truman Capote sicherlich nicht schädlich war. Doch ein Nachfolger lies auf sich warten, erst 1965 erscheint mit »Zwei Menschen« Windhams zweiter Roman, die Liebesgeschichte zweier Männer im Rom der 1950er Jahre. Darin ist wenig verdeckt die Liebesgeschichte des Autors mit dem Schauspieler und Autor Sandy M. Campbell verarbeitet. Bis zu dessen Tod 1988 lebte Windham mit Campbell zusammen. Aus dem Nachlass wurde nach seinem Tod der Windham-Campbell Literature Prize gegründet, der bis heute einer der höchst dotierten Literaturpreise ist.

Aber zurück zu Windham und seiner Freundschaft zu Truman Capote und Tennessee Williams. Die litt einerseits unter dem Erfolg der beiden Genannten und andererseits unter dem fehlenden Ruhm Windhams, dessen Literatur Zeit immer ein Geheimtipp blieb. Wenngleich bei der Betrachtung immer beachtet werden muss, dass es hier zu keinerlei Bündnissen kam. »Wir waren nie ein Dreiergespann. Truman und Tennessee sind sich nie besonders nahegekommen, obwohl Truman sich das gewünscht hätte. Unsere Verstrickungen spielten sich getrennt voneinander ab«, schreibt Windham gleich zu Beginn.

Donald Windham: Zwei Menschen. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 216 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://lilienfeld-verlag.de/buecher/donald-windham-zwei-menschen/
Donald Windham: Zwei Menschen. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld Verlag 2025. 216 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Windham ist ein sogenannter authors author, weshalb sich Capote und Williams auch immer wieder vertrauensvoll an ihn wandten, ihm Manuskripte schickten und um Rückmeldungen baten. Neben dem unterschiedlichen beruflichen Erfolg entstand aber auch auf privater Ebene ein Gefälle. Während Windham mit Campbell eine feste Beziehung hatte, blieben sowohl Capote als auch Williams Einzelgänger. Beständige Liebe und Sicherheit kannten beide nicht, entsprechend mag sich hier eine Eifersucht in das jeweilige Verhältnis eingeschlichen haben. So schreibt Windham etwa zu Capote:

»Ich verwechselte Eifersucht und Neid genauso, wie ich Neid und Begierde verwechselte. Mir kamen sie wie dieselbe Sünde vor, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, bis mir klar wurde, dass man Menschen beneidet und Dinge begehrt. Wenn ich daran denke, wie ich in unserer Anfangszeit geglaubt hatte, dass Truman mich neidisch auf sich machen wollte, damit ich ihn mochte, so frage ich mich jetzt, ob er neidisch war oder gierig. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er anderen ihr Glück neidete oder neidisch darauf war, dass sie etwas besaßen, was er nicht besaß, eher mochte er sie dafür; aber ich fühlte, wie er begierig auf das war, was sie besaßen, die Themen ihrer Erzählungen, die Freundschaft ihrer Freunde, ihre Zuneigungen, ihre Abneigungen. Es schien nicht so zu sein, dass er sich darum sorgte, etwas zu verlieren, was er hatte. Tatsächlich schien ihm, was er hatte, nichts zu bedeuten, weil er es hatte. Aber er schien das, was andere hatten, haben zu wollen, weil sie es hatten.«

Donald Windham: Verlorene Freunde

Sein erst nach dem Tod der beiden Erfolgsautoren erschienenes Buch ist ein gleichermaßen wehmütiger wie schonungslos ehrlicher Rückblick auf ihre hoffnungsvollen Anfänge, auf gemeinsam unternommene Reisen und gemachte Erfahrungen, aber eben auch auf die Bruchstellen dieser einst vertrauensvollen Freundschaften, die im Zuge des literarischen Erfolgs von Williams und Capote ihre Intimität, ihr Vertrauen und ihre Unschuld verloren hatte. Es sind zum Teil deutliche Vorwürfe, die Windham den Freunden macht. Sie handeln von egozentrischer literarischer Wilderei und einem befremdlichen Verhältnis zur Wahrheit im öffentlichen Diskurs. Nach einem Fenrsehauftritt von Truman Capote im April 1978 notiert Windham.

»In der Dick Cavett Show sagt Truman, dass er kein Alkoholproblem hat und nie eins hatte, erzählt die Geschichte aus Tennessees Briefen an mich, dass die Garbo Dorian Gray machen möchte, so, als hätte sie ihm das persönlich erzählt. Sagt, sein Vater sei siebenmal verheiratet gewesen etc. Trotz einiger Zuckungen macht er eine bessere Figur, als ich erwartet hatte. Aber was für ein Lehrstück für jeden, der etwas über Trumans Fähigkeit erfahren möchte, sich Wahrheit und Realität zu stellen.«

Donald Windham: Verlorene Freunde
  • © Lilienfeld Verlag
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Bei Tennessee Williams, mit dem Windham bereits seit 1940 befreundet war, habe er immer Rücksicht walten lassen, er habe die Möglichkeit zur Versöhnung und Verständigung offenhalten wollen. Später sei noch ein anderer Aspekt hinzugekommen. Ihm sei mit der Zeit bewusst geworden, »dass ich, wann immer ich eine der Wahrheiten enthüllte, die Tennessee über sich selber wusste, Gefahr lief, ihn in seinem zwanghaften Verhalten noch zu bestärken, sein Wissen dadurch vor anderen zu verschleiern, dass er es als die böswillige Meinung eines Feindes ausgab.«

Man kann es feige oder altersweise nennen, nach dem Tod der beiden Freunde eine solch die eigenen Schwächen und die der anderen schonungslos aufzeigende Bilanz vorzulegen. Zu welcher Antwort man auch immer kommt, muss man doch konstatieren, dass es beeindruckend ist, wie Windham hier »die Leere, die das Ende einer dreißigjährigen Freundschaft hinterlässt«, mit dem Leben dieser beiden Freundschaften füllt. Dies zu lesen lohnt sich, weil Windhams Perspektive nicht objektiv von außen erfolgt, sondern aus dem inneren einer Freundschaft beziehungsweise dessen, was von ihr geblieben ist. Und so bleibt sein nun erstmals von Alexander Konrad ins Deutsche übertragener Rückblick voller überraschender Einsichten.

Donald Windham | © Lilienfeld Verlag
Donald Windham | © Lilienfeld Verlag

»Im Licht dessen, was sie einmal waren, kann ich nur feststellen, wie wenig nachvollziehbar es ist, was aus ihnen geworden ist. … Ganz gleich, wie sehr sie mit Ehrungen und Geld überhäuft wurden, sie hatten beide doch das Gefühl, zu wenig gewürdigt und belohnt worden zu sein, sie fühlten sich von der Öffentlichkeit und der Kritik schlecht behandelt und betrachteten sich als lebende Beispiele für das Versagen Amerikas, seine Künstler wertzuschätzen und zu entlohnen.«

Donald Windham: Verlorene Freunde

Hier schließt dieses 1986 erschienene Buch auf verblüffende Weise an die Gegenwart und die Wertschätzung von Kunst und Kunstschaffenden insgesamt an. Wie fragil das Verhältnis zwischen Kunst und Publikum ist, auch darüber kann man hier Einiges lernen.