Biografie, Film, Sachbuch

Von der Freiheit einer Frau

INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR (© Herbert List/Magnum Photos/OSTKREUZ Archiv)

Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann einhundert Jahre alt geworden. Die Filmemacherin Regina Schilling hat dies zum Anlass genommen, sich gemeinsam mit Sandra Hüller der österreichischen Schriftstellerin zu nähern.

Wir stellen uns einen Tag in ihrem Leben in Rom vor, erklingt gleich zu Beginn dieses Films Regina Schillings Stimme aus dem Off. Ingeborg Bachmann hat da bereits den Halt in ihrem Leben verloren. Zurückgezogen in Rom hält sie sich an Zigaretten, Alkohol und Tabletten fest, während sie an ihren letzten Texten sitzt, darunter das so genannte Todesarten-Kompendium, einer literarischen Collage aus Zeitungsartikeln, in der sich die allgegenwärtige Gewalt des Patriarchats spiegelt.

Toxische Männlichkeit zieht sich durch Schillings Film wie durch Bachmanns Leben, aber zunächst gönnt sie ihrer Protagonistin einen Moment der Stille. Wir sehen Sandra Hüller begeistert eine Wohnung in Rom besichtigen, die Ausgangspunkt der poetischen Geisterbeschwörung wird, die Schilling, Hüller und Kameramann Johann Feindt in diesem Film unternehmen. In Bild und Ton nehmen sie Kontakt zu Ingeborg Bachmann, ihrem Leben und Werk sowie seiner Ausstrahlung auf.

Dann sieht man Hüller in der Rolle der Bachmann, die im Morgengrauen auf ihrer Terrasse in Rom liegt, während am Himmel die Stare ihre Formationen fliegen. Von dort folgt ihr die Kamera in die Wohnung, wandert mit ihr durch die Räume, vom Schreibtisch zum Sofa, von dort in Küche, Bad und Flur, um irgendwann auch diese Wohnung zu verlassen und durch Rom und seine Umgebung zu flanieren.

Aus dem Off liest Hüller Bachmanns Texte, während sie vor der Kamera wortlos den Alltag der Schriftstellerin nachstellt. Man sieht sie angespannt rauchend am Schreibtisch, übermütig durch Rom tanzen oder lässig hinter dem Steuer eines Alfa Romeo. Dabei hatte Hüller die eingelesenen Passagen auf dem Ohr – man sieht ihr also dabei zu, wie sie sich in den Kulissen eines Lebens in die Bachmann und ihren Seelenzustand einhört.

Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) trägt Schminke – sie macht sich fertig um nachts auf den Straßen Roms zu spazieren.
Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) trägt Schminke – sie macht sich fertig um nachts auf den Straßen Roms zu spazieren. | Filmstill: Weltkino Filmverleih

Dazwischen sind Bild- und Tonaufnahmen aus den Archiven geschnitten, die Bachmanns Zeit und ihr Wirken vor Augen führen. So führt Schillings Dokumentation parallel zur inszenierten Imagination eines Tages von der Kindheit in Kärnten über ihren Aufstieg zum weiblichen Star der Gruppe 47 bis zu den letzten Tagen in Rom. Bachmanns unnachgiebiges Ringen um die eigene, unwiderstehliche Sprache spielt dabei ebenso eine Rolle wie die schwierigen Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze oder Max Frisch, die sie, halb öffentlich ausgetragen, immer wieder in existenzielle Krisen stürzte.

Hatte sich Margarethe von Trotta noch auf die toxische Beziehung mit Max Frisch konzentriert (und von einer »Reise in die Wüste« gesprochen), nimmt Regina Schilling Bachmanns ganzes Leben in den Blick. Wie schon in Filmen wie »Igor Levit – No Fear« oder »Kulenkampffs Schuhe« schält sie aus der Biografie eine Gesellschaftspolitik heraus, die die Misogynie von Bachmanns Zeit vor Augen führt. Etwa wenn Bachmann von Kritikern (ja, ausschließlich Männer) als »schwierige Person« beschrieben wird, deren eigenwilligen Texten sie eine exhibitionistische Ader unterstellen, die zudem die »männliche Lebensklugheit« vermissen lassen würden.

Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) fährt mit ihrem Auto über italienische Landstraßen zum Meer. | Filmstill: Weltkino Filmverleih
Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) fährt mit ihrem Auto über italienische Landstraßen zum Meer. | Filmstill: Weltkino Filmverleih

Immer wieder tauchen in den Archivaufnahmen und Zeitdokumenten Männer auf, die Bachmann die Welt erklären wollen. Autoren, Kritiker, Ärzte – sie alle interessieren sich nicht für Bachmann, sondern für die Relevanz ihrer eigenen Ansichten. Hüllers theatrale Annäherung an die Seelenlage der Klagenfurter Autorin wird hier zum Schlüssel zu einer Frau, die Zeit ihres Lebens un- und missverstanden blieb. Quasi aus dem Nichts der kargen Kulisse der römischen Wohnung und der Wucht der hinterlassenen Texte – literarische wie dokumentarische – schafft Hüller einen Menschen aus Fleisch und Blut.

Ohnehin ist Sandra Hüller die Schauspielerin der Stunde. Nach ihren herausragenden Performances in Markus Schleinzers »Rose«, dem Science-Fiction-Abenteuer »Der Astronaut – Project Hail Mary« von Phil Lord und Chris Miller und Pawel Pawlikowskis Mann-Erzählung »Vaterland« sowie mit Blick auf ihren Auftritt in Alejandro González Iñárritus neuen Film »Digger« im Herbst rief der BBC-Kritiker Nicholas Barber Hüller zur ersten Frau aus, die vier Oscar-Nominierungen in einem Jahr einheimsen könnte.

Aber zurück zur Figur, die nahezu eins wird mit Sandra Hüller: man folgt ihr unermüdlich, wenn sie im blauen Morgenmantel unruhig durch die Wohnung streift oder sich mit Zigarette im Mundwinkel hinter den überdimensionalen Schreibtisch setzt, um sich ihrem Schreiben zu widmen. Texte wie »Das dreißigste Jahr«, »Ein Schritt nach Gomorrha« und »Malina« begleiten auf der Tonspur Hüllers wortloses Schweifen durch dieses Leben, unterbrochen von Archivaufnahmen der Bachmann, die tief in ihre Seele blicken lassen.

»Ich habe einen Grad von Denkmustern erreicht, in dem Denken gar nicht mehr möglich ist«, heißt es da an einer Stelle mit Blick auf die »krankhafte Einstellung des Mannes zur Frau«. Regina Schillings »Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war« legt nahe, dass niemand diese Einstellung so deutlich gespürt und zu spüren bekommen hat wie Ingeborg Bachmann.

Literatur zum Bachmann-Jubiläum

Das Bachmann-Jubiläum wird natürlich nicht nur mit Schillings Film begangen. Im Suhrkamp-Verlag ist neben einer Neuausgabe ihres Romans »Malina« auch ein kurzes Porträt von Fleur Jaeggy erschienen. In »Die letzten Tage von Ingeborg« blickt die Schweizer Bachmann-Vertraute auf eine gemeinsame Toskana-Reise zurück und blickt raunend auf die Umstände ihres Todes. Im Gegensatz zu den drei Biografien von Andrea Stoll, Dieter Burdorf und Ina Hartwig sind Jaeggys knappe Texte als Zeitzeugnis zu lesen.

»Ein Tag wird kommen, an dem alle Menschen frei sein werden«, prophezeit Bachmann in Regina Schillings Film von der Tonspur. Dieser Sehnsucht nach Freiheit ist Andrea Stolls Biografie gewidmet. Der Titel »Zwei Menschen sind in mir« lässt schon auf die Ambivalenz schließen, die darin steckt. Stolls Biografie ähnelt Schillings Film am ehesten, weil sie den Verbindungen zwischen Leben und Werk, Erfahrung und Verdichtung konsequent folgt. Dabei zeigt sie auf, wie die unermüdliche Auseinandersetzung mit der männlichen Gewalt zwangsweise in das unvollständig gebliebene Todesarten-Projekt führen musste. Keine aktuelle Bachmann-Biografie geht der Wechselwirkung von Leben und Schreiben so akribisch auf den Grund wie diese.

Biografische Werke

Wie das von außen wirkte, erfährt man in der erweiterten Neuausgabe von Ina Hartwigs Biografie »Wer war Ingeborg Bachmann?«, die man vor dem Hintergrund der Erkenntnisse, die man aus Stolls Biografie und Schillings Film mitnimmt, anders liest. Denn Hartwig lässt Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser oder Henry Kissinger auf Bachmann blicken. Bachmanns lebenslanger Kampf gegen toxische Männlichkeit geht hier fast unter, stattdessen wird die Lyrikerin als gut vernetzte Intellektuelle dargestellt. Wie oft sie im Netz in ungemütliche Gefangenschaft geriet, bleibt unerzählt.

Diese Ignoranz erklärt »Dieses unruhige Ich«, in dessen Licht Dieter Burdorf seine Biografie gestellt hat. Bachmann hat so selbst von sich gesprochen, Burdorf deutet dies im Sinne ihrer literarischen und intellektuellen Umtriebigkeit. Im Gegensatz zu Ina Hartwig geht er nicht nur auf die Männer in Bachmanns Netzwerk ein, sondern thematisiert auch ihr Nachdenken über das Schreiben in einer männlich dominierten Gesellschaft, das sie mit Autorinnen wie Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs praktiziert hat. Das Netz, das Burdorf spannt, konzentriert sich auch auf die intellektuellen Verbindungen Bachmanns. Das Hadern mit den Umständen wird dann sichtbar, wenn es im Austausch thematisiert wird.

Der beste Mix aus Kino und Literatur

Parallel läuft auf Arte zudem die Dokumentation »100 Jahre Ingeborg Bachmann – Dichten für die Wahrheit«, die zeigt, wie aus Bachmann erst eine Diva der Dichtkunst und dann ein Mythos der deutschsprachigen Literatur wurde. Barbara Frank zeichnet in dem einstündigen Film das nüchterne Porträt einer widersprüchlichen Frau, die den Menschen unangenehme Wahrheiten zumutete. Zu Wort kommen darin unter anderem Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke, Literaturwissenschaftlerin Françoise Rétif, Zeitzeuge Moshe Kahn und Bachmanns Bruder Heinz Bachmann. Außerdem präsentiert der Film Bachmanns jahrzehntelang verschollen geglaubtes Drehbuch zur Verfilmung ihres Hörspiels »Der gute Gott von Manhattan«, das nicht realisiert wurde, aber einen neuen Blick auf ihr Schreiben zulässt.

Am besten versteht man Ingeborg Bachmann aber in Regina Schillings experimenteller Geisterbeschwörung und Andrea Stolls textgenauer Biografie. Im Nebeneinander von historischem Material und zurückgenommener Inszenierung erhält Bachmanns Prosa in Schillings Film eine frappierende Zeitlosigkeit. Die Allgegenwart von Männern, die Bachmann die Welt erklärten, erschließt ihre Fundamentalkritik am Patriarchat, die in Stolls biografischer Werkanalyse so kundig wie nie dargelegt wird. Schillings Film und Stolls Biografie führen die Aktualität von Ingeborg Bachmanns Texten eindrucksvoll vor Augen.