Percival Everett hat einen der berühmtesten amerikanischen Romane umgeschrieben. Sein Roman »James« ist ein Geniestreich, in dem er die populäre Geschichte von Huckleberry Finn aus der Perspektive des versklavten Jim erzählt.
Mark Twains »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« gilt als Schlüsselwerk der amerikanischen Literatur. Die abenteuerliche Geschichte des aufgeweckten Huck Finn, der vor seinem gewalttätigen Vater davonläuft und gemeinsam mit dem entlaufenen Sklaven Jim den Mississippi hinunterfährt, ist eine der populärsten amerikanischen Erzählungen. Sie wurde über ein dutzend Mal für die Leinwand und die Bühne adaptiert.
Twain erzählt die Geschichte aus der Perspektive des jungen Huck Finn, der diese Reise als großes Abenteuer empfindet. Aber was wäre, wenn der rechtlose Jim das Wort ergreifen könnte? Das hat sich auch der amerikanische Autor Percival Everett gefragt. In seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman »James« erzählt er die Geschichte aus der Perspektive von Jim, dem entlaufenen Sklaven an Hucks Seite.

Diese Verschiebung ändert alles. Denn es ist ein Unterschied, ob man im Amerika der 1830er Jahre als heranwachsender weißer Außenseiter oder als rechtloser Sklave auf der Flucht ist. Und niemand versteht das besser als James. »Der Junge war schwer begeistert von der Abenteuerlichkeit des Ganzen. Ehrlich gesagt bewunderte ich das, ja, beneidete ihn darum, dass er so empfinden konnte, in seiner Welt, ohne die Angst, gehängt zu werden, oder Schlimmeres.«
Schon seinem vorangegangenen Roman »Die Bäume« hatte sich Everett mit dem Rassismus in den USA auseinandergesetzt. Dort lag der Handlung die Ermordung an Emmett Till zugrunde. Der 14-Jährige war 1955 in Money, Mississippi von zwei weißen Brüdern brutal gelyncht worden, weil er einer weißen Verkäuferin ein Kompliment gemacht hat. Das rächt nun ein unbekanntes Kommando, mehrere Weiße werden ermordet, bald weitet sich die Serie auf ganz Amerika aus. Während eine Bande Rednecks wütend nach den Tätern sucht, ermitteln zwei Black Cops in einem geheimen Archiv zur amerikanischen Lynchjustiz.

Während Everett in »Die Bäume« etwas nie Dagewesenes, aber vielleicht Notwendiges imaginiert, lässt er in »James« den bekannten Plot der Vorlage nahezu unangetastet. Auch bei ihm laufen zwei Menschen vor der sie umgebenden Gewalt davon. Huck Finn flieht vor seinem gewalttätigen Vater, James vor seiner Besitzerin, die ihn in den Süden verkaufen will. Auf ihrer Flucht stoßen sie auf zwei Betrüger, die als europäische Adlige durch Amerika ziehen. Als das aus dem Ruder läuft, beschließen sie, sich als Sklavenhändler auszugeben und James meistbietend zu verkaufen.
Während Twains Roman an dieser Wegscheide bei Huck Finn und seinen Abenteuern bleibt, folgt Everett seiner Titelfigur. Der wird seiner kräftigen Stimme wegen von einer Truppe weißer Musiker angeheuert. Die ziehen als Minstrel-Sänger durch das Land, um sich schwarz geschminkt über Schwarze lustig zu machen. Dabei begegnet James einem Albino, dem man nicht ansieht, dass auch in ihm ein Versklavter steckt. Gemeinsam machen sie sich aus dem Staub, den Mississippi hinauf.
Man muss »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« nicht gelesen haben, um von Everetts packendem Roman begeistert zu sein. Dass Everett nicht nur tiefgründig, sondern auch schwarzhumorig mit der Vorlage spielt, wird auch ohne direkte Bezüge deutlich. Auch deshalb wurde »James« 2025 mit dem Pulitzerpreis für den besten Roman ausgezeichnet.

An accomplished reconsideration of “Huckleberry Finn” that gives agency to Jim to illustrate the absurdity of racial supremacy and provide a new take on the search for family and freedom.
pulitzer.org
Twain hat in seinem Roman die Grausamkeit der Sklaverei großzügig ausgespart. Percival Everett malt diese Leerstelle in seiner Version eindrucksvoll aus. Er verbirgt nicht den offenkundigen Rassismus der Weißen, sondern führt die allgegenwärtige Sklavenhalter-Mentalität mit ihren unmenschlichen Abgründen vor Augen.
Abgesehen von Huck, der Jim gegenüber schon in Twains Roman erstaunlich empathisch ist, haben hier Weiße für Menschen wie James nichts als Gehässigkeit übrig. Schwarze sind für sie ein Eigentum, mit dem Weiße tun und lassen können, was sie wollen. Sie werden verachtet, gedemütigt, verprügelt, vergewaltigt, verkauft und auf dutzende Arten bestialisch ermordet.
Everett ist ein zu versierter Autor, als dass er seine Titelfigur deshalb als Opfer zeichnen würde. James ist ein Mann, der sein Schicksal entschlossen in die Hände nimmt. Er träumt nicht einfach nur davon, seine Familie freizukaufen, sondern schleift Stück für Stück die Hürden, die seinem Vorhaben im Weg stehen.





Zudem ist er ein belesener Mann, der wissbegierig verschlingt, was er in die Hände kriegt. Als er auf seiner Flucht von einer Schlange gebissen wird, fantasiert er sich zu Voltaire, Rousseau und Locke, um mit ihnen über Sklaverei, Rasse und Albinismus zu diskutieren. Für ein Buch oder einen Stift ist er bereit, alles zu riskieren. Denn er ahnt, dass die eigentliche Freiheit in der Bildung liegt.
Um sich gefahrlos durch diese Welt zu bewegen, müsse man die Sprache beherrschen, heißt es früh in Everetts Roman. Folgerichtig spielt die Sprache in diesem satirsischen Meisterwerk eine besondere Rolle. Sie gibt der oft brutalen Erzählung eine schelmische Leichtigkeit. Denn der vermeintlich einfältige Slang der Schwarzen erweist sich als geschickte Inszenierung, um die Sklavenbesitzer in die selbst aufgestellte Falle der Überheblichkeit laufen zu lassen.
»Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen. Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden.«
Percival Everett: James
So wird in diesem Roman gemurmelt und genuschelt, was das Zeug hält. Der Slang, den Nikolaus Stingl in der deutschen Übersetzung den Schwarzen Figuren gibt, klingt so rau, warm und lebendig wie ein Blues-Song. Dafür schleift Stingl die Sprache, zieht Worte zusammen und verzichtet auf gebeugte Formen, um diesem künstlichen Idiom eine klingende Form zu geben. Das ist großartig, ein sprachliches Kunstwerk und Coup des literarischen Übersetzens.
Mark Twains unterhaltsamer Abenteuerroman wird von Percival Everett gewissermaßen vom Kopf auf die Füße der Geschichte gestellt. Dafür rückt in »James« die einstige Nebenfigur ins Rampenlicht und erzählt ihre eigene Geschichte. Mit dem Vokabular des gebildeten Mannes, der James nun einmal ist.

