Literatur

Deutscher Buchpreis: Longlist ist weiblich und divers

Shida Bazyar, Karosh Taha, Yade Yasemin Önder, Tomer Gardi und Giuliano Musio – das sind nur fünf von zwanzig Namen, die es unter die 20 für den Deutschen Buchpreis nominierten Autor:innen geschafft haben. Die Hälfte der nominierten Autor:innen hat einen migrantischen Hintergrund. Während die Gesellschaft nach rechts driftet, wird in der Literatur das Potential von Vielfalt sichtbar.

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 dürfte viele Erwartungen erfüllen. Mit Shida Bazyars drittem Roman, dem historischen Provinz- und Gesellschaftsporträt »Die Lücken«, Lukas Rietzschels DDR- und Wenderoman »Sanditz«, Karosh Tahas politischem Widerstandsroman »Gulistan« und Elias Hirschls wahnwitzigem Ideenroman »Schleifen« sind Titel nominiert, die entweder schon viel diskutiert und gelobt oder geradezu sehnsüchtig erwartet werden. Das gilt auch für das Debüt von Bachmannpreisträgerin Valeria Gordeev »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«, einer Dystopie und Liebesgeschichte zwischen Berlin, Kyjiw und Moskau.

Longlist Deutscher Buchpreis

Apropos Debüt: Auf die Longlist haben es gleich sechs Romandebüts geschafft, neben Gordeevs lang erwartetem Erstling sind das Lilli Tolkiens bereits hochgelobter Berlin-in-den-80er-Jahren-Roman »Mit beiden Händen den Himmel stützen«, Leh-Wie Liaos Taipeh-Roman »Glaszeit«, Alisha Gamischs deutsch-russischem Familienroman »Parasiti« sowie die beiden ganz unterschiedlichen Familien- und Gewaltgeschichten von Muri Darida »King Cobra« und Miriam Carbe »Unerwünschte Töchter«.

Mit dem gerade mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichneten Roman »Das Wasser im August« von Ingo Schulze und Helene Bukowskis für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman »Wer möchte nicht im Leben bleiben« und Tomer Gardis Kurierroman »Liefern« sind auch Titel nominiert, die bereits viel Aufmerksamkeit erhalten haben.

Vierzehn der zwanzig Romane sind von weiblich gelesenen Autorinnen (noch nicht genannt sind Svenja Leibers Ostarbeiterinnenroman »Nelka«, Peggy Mädlers DDR-Panorama »Selbstregulierung des Herzens«, Yade Yasemin Önders feministischer Beziehungsroman »Anti Müller«, Franziska Gänslers Generationenporträt »Orca« und Dana Vowinckels literarische Gegenwartsreflektion »Anton und Alma«), sechs von männlich gelesenen Autoren (neben den bereits genannten Giuliano Musios Pinocchio-Bearbeitung »Aus anderem Holz« und Heinz Strunks Provinzsatire »Memories of Heidelberg«. Das bestätigt die Schreibkrise der männlichen Autorenschaft, die die ZEIT vor wenigen Wochen ausgerufen hat.

Wie schon in den Vorjahren dominieren die Publikumsverlage den Deutschen Buchpreis. Der nach Berlin gezogene Verlag Voland & Quist und der Wiener Luftschaft-Verlag sind die beiden einzigen echten Indies, die anderen 18 Titel verteilen sich auf die großen Konzern- und Publikumsverlage. Über jeweils zwei Nominierungen können sich die Häuser Suhrkamp, dtv, Hanser, Kiepenheuer & Witsch, Ullstein und S. Fischer freuen, Aufbau, DuMont, Rowohlt, Luchterhand, Klett Cotta/Tropen sowie Kein & Aber sind jeweils mit einem Titel im Rennen.

Indies, die es auf die Longlist hätten schaffen können

Bedauerlich, dass es zum Beispiel die beste deutschsprachige Dystopie des Jahres, Hendrik Otrembas Weltuntergangsroman »Die Gräber«, nicht mit auf die Longlist geschafft hat. Oder Anna Schapiros deutsch-russsche Familiengeschichte »Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind«. Auch Wilhelm Hengstlers epischer Roman »Zulm«, Julia Webers »Weil ich Ruth bin« oder Boris Schumatskys russisch-jüdische Osteuropaerzählung »Die Seine fliesst ins Schwarze Meer« hätten der Liste gut gestanden. Aber jede Jury hat ihre eigenen Gesetze, die Hotlist muss für die Indies wie schon in den Vorjahren ein Gegengewicht zum Deutschen Buchpreis bilden. Auf beiden Listen taucht übrigens Alisha Gamischs »Parasiti« auf. Vielleicht fängt man also am besten mit diesem Indie-Buch an.

Dass hinter der Longlist kein bewusstes Votum gegen die Indies steckt, zeigt auch, dass es auch manch andere hoch gehandelte Titel aus den großen Verlagen nicht auf die Longlist geschafft haben. Die aktuellen Bücher von Heike Geißler, Seyda Kurt, Christoph Peters, Norbert Gstrein, Matthias Nawrath, Dara Brexendorf, Ronja von Rönne, Slata Roschal, Anousch Müller und Kerstin Preiwuß sind nur einige, die man hier nennen könnte. Und wie bei jeder Liste gilt: es fehlt immer etwas. Letztlich ist es mit Nominierungen ähnlich wie mit dem Bundestrainer: es gibt so viele Wunschlisten wie Leser:innen. Insofern sollte man seine Lektürelisten nicht auf diese zwanzig Titel beschränken.

Die Sprecherin der siebenköpfigen Jury, Cornelia Geißler, hat gute Argumente, warum sich ein intensiver Blick in die diesjährige Auswahl lohnt. Sie biete die Chance, das Vergangene zu ergründen, um die Gegenwart zu verstehen.

»Fragmentarische Formen von bezwingender Vielschichtigkeit haben wir ebenso aufgenommen wie große, mitreißende Erzählungen über lange Zeiträume. Wir sind sehr angetan davon, wie markant und erhellend biografische Mehrsprachigkeit in literarischen Reichtum mündet. Stilbewusst, innovativ, durchaus auch mit Witz zeigen die Autorinnen und Autoren die Verletztheit ihrer Figuren, begleiten Aufbrüche in eine andere Zukunft. Wie soll man sich zurechtfinden in einer Welt, in der Verunsicherung um sich greift? Wir sind überzeugt: Lesen hilft. Dies sind die Bücher dafür.«

Cornelia Geißler, Jurysprecherin

Insgesamt hatten 106 Verlage 180 Romane eingereicht, mehr als die Hälfte davon sind bereits seit der letzten Verleihung erschienen, 76 Titel sind aus den kommenden Herbstprogrammen der Verlage. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch unter den nominierten Titeln. Zehn sind aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, acht aus den kommenden Herbstprogrammen, die Romane von Heinz Strunk und Miriam Carbe sind zwischen den Programmen im Frühsommer erschienen.

Am 8. September wird bekannt gegeben, welche sechs Romane es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis schaffen. Ginge es nach mir, müssten es die Romane von Shida Bazyar, Valeria Gordeev, Lukas Rietzschel und Elias Hirschl auf die Shortlist schaffen. Aber letztlich bleibt das abzuwarten, schließlich müssen sieben Juror:innen gemeinsam eine Entscheidung treffen.

Die für das Finale nominierten Autor:innen erhalten alle ein Preisgeld von 2.500 Euro. Der mit 25.000 Euro Preisgeld versehene Deutsche Buchpreis wird schließlich am 5. Oktober zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Frankfurter Römer verliehen. Im letzten Jahr hat Dorothee Elmiger mit ihrem Roman »Die Holländerinnen«, in dem sie am Beispiel der Geschichte zweier verschollener Rucksackreisenden in Panama über das Erzählen als solches spekuliert, den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ihre Auszeichnung war der Auftakt einer im deutschen Literaturbetrieb einmaligen Erfolgsgeschichte, denn Elmiger wurde infolge auch mit dem Schweizer Buchpreis und dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.