Shida Bazyar konkurriert mit ihrem dritten Roman »Die Lücken« um gleich drei renommierte Preise. 2026 ist ihr Jahr, denn auch ihre ersten beiden Romane sorgen für Furore.
Ziemlich genau vor einer Woche ist der neue Roman von Shida Bazyar in den Buchhandel gekommen und schon jetzt kann man sagen, dass er eines der gewichtigsten Bücher der Saison ist. »Die Lücken« ist für den renommierten Wilhelm-Raabe-Preis nominiert, steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und konkurriert um den Bayerischen Buchpreis. Das ist erstmals der Schweizer Autorin Dorothee Elmiger mit ihrem Roman »Die Holländerinnen« gelungen. Sie hatte im vergangenen Jahr den Deutschen und den Bayerischen Buchpreis gewonnen. Zudem wurde sie mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Shida Bazyar ist 1988 als Tochter iranischer Eltern in Hermeskeil im Hunsrück geboren, in ihrem neuen Roman verarbeitet sie die verdrängte und vertuschte Geschichte ihrer Heimatstadt, einem ehemaligen Gaumusterdorf, aus postmigrantischer Perspektive. Dafür macht sie aus dem echten Hermeskeil das fiktive Heimesbach und installiert eine geisterhafte Erzählerin, die nur kurz in dem Ort gelebt hat, nach ihrem Tod aber mit einer Art göttlicher Mission zurückgeschickt wird, um durch die Zeiten zu fliegen und das Geschehen zu dokumentieren. Das ist unheimlich toll gemacht, weil die Erzählerin den Kräften der Geschichte gewissermaßen ausgeliefert ist.
»Wie gern wäre ich der Geist, der überall ist und allerorts raunt. Ich würde mich mächtig fühlen, würde durch Straßen und Zeitschichten und Köpfe wandern, wie ich es will. Stattdessen zieht man mich fort, wirft mich ab, die Dinge verschwimmen, bevor ich sie greifen kann, nur manchmal, da kann ich dich und mich und uns durchschimmern sehen.«
Shida Bazyar: Die Lücken
Shortlist Deutscher Buchpreis 2026






Bazyar gehört zu den vielen tollen postmigrantischen Stimmen, die mit ihren oft autobiografisch grundierten Geschichten eine Neue Deutsche Literatur geschaffen haben. In der Geschichte der Karimpours verarbeitet Bazyar mutmaßlich auch eigene Erfahrungen und knüpft an ihr Debüt an. In »Nachts ist es leise in Teheran« erzählte sie davon, was es heißt, als aus dem Iran geflüchtete Familie in Deutschland zu leben. Vier Figuren verschiedener Generationen ergreifen dabei jeweils das Wort.

Die vier in der Ich-Perspektive verfassten Rückblicke sind subjektiv-nüchtern verfasst und rekonstruieren Erlebtes und Erfahrenes, Gegenwart und Geschichte in Splittern. Aus den vielen einzelnen Facetten der individuellen Erinnerungen ergibt sich das niemals vollständige, aber wahre Bild einer Familie, durch die sich nicht nur das (Er)Leben in zwei Gesellschaften zieht, sondern die auch jeder für sich einen Umgang mit ihrem Gefühl von Verantwortung, Verlust und Schuld finden müssen. Die Brüche in den einzelnen Biografien summieren sich zu einem Bruch, der sich subtil durch die Familie zieht. Er teilt sie in die, die mit der Hoffnung auf Rückkehr ins Exil gegangen sind, und jene, die in Deutschland ihre natürliche Heimat haben.
Für dieses intensive und aufwühlende Panorama des Daseins zwischen zwei Welten erhielt Bazyar 2017 den Uwe-Johnson-Förderpreis. Im Frühjahr dieses Jahres sorgte die englische Übersetzung von Ruth Martin für Furore. »The Nights Are Quiet In Teheran« stand auf der Shortlist für den International Booker Prize. »Nachts ist es leise in Teheran« pulsiere vor Solidarität und Verrat, Herzschmerz und Humor, lobte die Jury. »Und für alle Exilanten, Migranten, ehemaligen und zukünftigen Revolutionäre fängt Bazyar ein, was es bedeutet, stets in Hoffnung zu leben.«
Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2026






Solidarität und Verrat, Herzschmerz und Humor finden sich auch in ihrem neuen Roman, der mit einer bewundernswerten Leichtigkeit von finsteren Zeiten erzählt. Bazyar setzt an die Stelle einer linearen Erzählung ein Mosaik aus Orten, Stimmen und Perspektiven. Lauschte man gerade noch den hässlichen Debatten in der Dorfkneipe in den Dreißiger Jahren, ist man ein paar Seiten später in den Nuller Jahren und damit der Gegenwart recht nah. Vom Besuch des verwilderten jüdischen Friedhofs in der Nachkriegszeit sind es nur ein paar Seiten zur Schilderung der Novemberpogrome 1938. Und damit auch gleich bei grundsätzlichen Fragen von Verantwortung und Menschlichkeit.
»Auf zwei Beinen steht man gegenüber des Kaufhauses und wirft keinen Stein, aber jeder Stein, der von den anderen geworfen wird, ist eine Frage, die man sich selbst stellen muss.«
Shida Bazyar: Die Lücken
Das alles ist feinsinnig orchestriert, Wege, die sich über die Jahre hinweg kreuzen, kreuzen sich nicht zufällig. Manches steht aber auch einfach nur nebeneinander, so wie diese Bewohner auch nur nebeneinander in diesem Ort leben.
»Ein Ort ist die Summe aller Körper und Gehirne, aller Steine und Sträucher und Spiele und Streitigkeiten; ein Ort ist die Fakultät seiner Zeiten, seiner Fehler, seiner Versuche, seiner Annahmen und Gewissheiten; ein Ort ist die Differenz aus Gegenwart und Schuld, denn Orte sind immer unschuldig, da sind sie sich ganz sicher.«
Shida Bazyar: Die Lücken
Die Schuld dieses Ortes spiegelt sich im Schweigen seiner Bewohner, einer Grabesstille, die weniger von Scham als von Selbstgerechtigkeit motiviert scheint. Ganz nach dem Motto: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu erzählen. Dieses Schweigen hinterlässt »Die Lücken«, von denen dieser große Provinzroman handelt, der auch eine ganz eigene Poetologie für dieses Thema findet. Das Verdruckste und Vernuschelte spiegelt Bazyar in dem schweren Dialekt, den man in der Region spricht.
»Erzill dem Jungen nejscht vom Krieg, Sepp, loass Kenner doch weider Kenner sejn«, bremst eine der gut ein dutzend Figuren, denen man in diesem Roman begegnet, ihren Mann aus, als der von seinem Enkel befragt wird, wie das denn damals gewesen sei. In Heimesbach will einfach keiner mehr Hinsehen, zu besschämend sind die Erinnerungen: »Ejsch hon genug gesiehen, wat ejsch liewer vergessen deht.«

Bazyar könnte eine solche Enkelin sein, wenn sie deutsche Großeltern hätte. Hat sie aber nicht. Umso befreiter scheint sie die Dokumente befragen zu können für eine Roman, der der deutschen Gesellschaft den Spiegel ihrer vermeintlich erfolgreich bewältigten Vergangenheit vorhält.
Ihre eigene Vergangenheit wird Shida Bazyar noch einmal einholen, wenn der ganze (Preis-)Rummel um ihren neuen Roman fürs Erste vorbei ist und sie mit ihrem Buch durch Deutschland tourt. Es kann gut sein, dass sie dann immer mal hin- und hergerissen ist, denn im November setzt sich in den Kinosälen ihre diesjährige Erfolgsgeschichte fort.

Dann startet nämlich Milena Aboyans rasante Verfilmung von Bazyars zweitem Roman »Drei Kameradinnen«, der 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand und bereits für die Bühne adaptiert worden ist. Darin erzählt sie die Geschichte der Kindheitsfreundinnen Kasih, Saya und Hani, die sich in ihrer einstigen Wohnsiedlung zur Hochzeit einer gemeinsamen Freundin wiedertreffen. Alles könnte so schön melancholisch sein, aber als ein Wohnhaus niederbrennt, wird Saya als Hauptverdächtigte festgenommen. Sofort beginnen Spekulationen. War es eine linksextreme Tat oder ein islamistisches Attentat? Und was hat es mit dem rechtsterroristischen Prozess auf sich, der im Hintergrund läuft? Als Kasih einer TV-Reporterin die Geschichte der drei Freundinnen erzählt, entfaltet sich ein Gewirr aus Erinnerungen, Fragmenten und Widersprüchen.



Das Fragmentarische prägt Shida Bazyars literarische Arbeiten. Das gilt für ihr Debüt »Nachts ist es leise in Teheran«, in dem das Nebeneinander der Geschichten der vier Figuren die Unvereinbarkeit von Heimat und Exil verkörpern. Das gilt für »Drei Kameradinnen«, wo die Fragmentierung nicht nur die Verletzlichkeit der Freundschaft symbolisiert, sondern auch die Unvollständigkeit der Erinnerung. In »Die Lücken« hat sie das Erzählen in Bruchstücken perfektioniert, um aus einzelnen Szenen, Eindrücken und Erinnerungssplittern das zu rekonstruieren, was in den Mottenkisten der Geschichte verstauben sollte.
Neben der Form gibt es aber auch eine inhaltliche Gemeinsamkeit. In allen drei Romanen geht es um die Folgen einer faschistischen Politik für die einfachen Menschen. Das wird einem in allen Büchern schon mal mit dem Holzhammer eingetrichtert, aber in einem Land, in dem der Faschismus nie wirklich überwunden, sondern immer nur überdeckt war, ist das vielleicht nur die logische künstlerische Konsequenz.
»Die Vergangenheit ist nie abgeschlossen. Die taucht immer wieder auf«, heißt es in »Die Lücken« – ein Satz, der in diesem Jahr im positiven Sinn auch für Shida Bazyar gilt. Ihr Debüt wird international gefeiert, der zweite Roman erhält als Verfilmung ein zweites Leben und ihr neuer Roman hat sämtliche Buchpreislisten erobert.
Andere preisverdächtige Bücher 2026




Natürlich ist Shida Bazyar nicht die einzige Autorin, die in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit bekommt. Helene Bukowski war mit ihrem Roman »Wer möchte nicht im Leben bleiben« für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Deutschen Buchpreis nominiert, auch sie ist für den Wilhelm-Raabe-Preis nominiert. Valeria Gordeev begeistert mit ihrem Debüt »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«. Den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung hat sie bereits gewonnen, den aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis könnte sie noch gewinnen. Norbert Gstrein war mit seinem Roman »Im ersten Licht« in Leipzig nominiert und ist nun Favorit für den Österreichischen Buchpreis, Elias Hirschl mischt beim Deutschen Buchpreis und dem Österreichischen Buchpreis mit.
Man könnte noch ein paar andere Namen nennen, aber niemand im deutschsprachigen Raum ist aktuell so erfolgreich wie Shida Bazyar. Ganz egal, ob und wenn ja, wie viele Preise sie in diesem Herbst gewinnt, ist eines sicher: Die 38-Jährige wird auch nach ihrem Erfolgsjahr die deutschsprachige Literatur maßgeblich prägen.

