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Von Umbrüchen und Umbruchszeiten

Nicht immer gelingt der Jury der Leipziger Buchmesse eine überzeugende Auswahl für den Sachbuchpreis. Mal ist es das eine oder andere Buch, das in der intellektuellen Qualität gegenüber den anderen abfällt. Mal ist es die bunte Auswahl an Allerlei, der Verzicht auf eine Botschaft durch die Auswahl der Bücher. Dabei ist der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse eine der schönsten und besten Gelegenheiten, eine Schneise der Vernunft durch die Unvernunft der Zeiten zu schlagen. Hier können die Bücher nominiert werden, denen dies gelingt.

Humboldts Vermächtnis

Die Humboldt-Jahre sind angebrochen. Im Juni dieses Jahres konnten wir den 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt feiern, am 14. September 2019 werden wir den 250. Geburtstag seines jüngeren Bruders Alexander begehren. Das Interesse an den beiden speist sich daraus, dass sie Namensgeber des Humboldt Forums sind. Das größte und wichtigste kulturpolitische Projekt der Bundesrepublik Deutschland ist zugleich auch ein höchst umstrittenes. Weil sich hinter dem Label Humboldt nur wenig Inhaltliches, Substantielles verbirgt. Bénédicte Savoy, Professorin am Collège de France und an der TU Berlin sowie Leibniz-Preisträgerin, kritisierte jüngst in der Süddeutschen Zeitung, dass der Widerspruch zwischen den hehren Ansprüchen und der traurigen Realität offensichtlich sei. »Es sind Schlagwörter, die da verkauft werden«, so die Kunsthistorikerin im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. »Humboldt, Provenienz, Multiperspektivität, Shared Heritage. Tiefsinnige Wörter, aber was wir brauchen, ist intellektuelles Gestalten.« Vielleicht linderte eine Orientierung am Leben und Werk der beiden die konzeptionelle Not des Humboldt Forums. Darauf hat auch Gründungsintendant Neil MacGregor verwiesen, als er seine konzeptionellen Vorstellungen im November 2016 präsentierte. Seit Monaten findet sich auf den Bestsellerlisten …

Tiefenschicht

Ein Bericht aus den Untiefen sozialer Schichten als belletristischer Erfolg? J.D. Vance ist es mit seinem autobiographischen Bericht »Hillbilly-Elegie« gelungen. Die Geschichte seiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise ist kritisch, einfühlend, verweigert sich aber vorschnellen Vorurteilen.

Sinnlichkeit statt Sinn

So bunt war die Nominierungsliste für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse schon lange nicht mehr. Von der Pferdestudie über die kulinarische Reise und die biografische Annäherung bis hin zur klimapolitischen Kampfschrift ist alles dabei. Alles in allem scheint bei der Auswahl eher die Flucht aus als die Konfrontation mit der Welt leitgebend gewesen zu sein. Für unseren Autor trotz einiger lohnenswerter Lektüren ein schlechtes Zeichen.

Verstehen, nicht Verurteilen

Naomi Schenck erzählt in ihrem Buch »Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12« von ihrer Reise in die verborgenen Winkel ihrer Familiengeschichte. Ein Gespräch über die Nöte, Dilemmata und Fehler der Großeltern-Generation während der Nazizeit, die moralische Pflicht, hinzuschauen und die Chancen der historischen Aufarbeitung in der eigenen Familie.

Ein Leben zwischen Schmerz und Lust

Präsenz zeichnet diesen Menschen aus. Physische und intellektuelle Präsenz. Und Klarheit. Masse und Klarheit. Ein Kämpfer für die Menschrechte, weltweit. Drunter tut es ein Mann wie Wolfgang Kaleck nicht. Und Gott sei Dank tut er es für nichts Weniger. Der Versuch eines Porträts dieses Heimatlosen und Gehetzten anlässlich seines gerade erschienenen Buches »Mit Recht gegen die Macht«. Wolfgang Kaleck ist ein deutscher Rechtsanwalt, ein Fachanwalt für Strafrecht mit den Tätigkeitsschwerpunkten europäisches und internationales Strafrecht, Wehr- und Kriegsdienstverweigerungsrecht sowie Menschenrechte. Kaleck ist ein politischer Jurist, ein linker, politischer Jurist, dem man seine politische Sozialisation in den achtziger Jahren Westdeutschlands ansieht und anhört. Einer, der vor Gericht gegen Diktatoren, Kriegsverbrecher und rücksichtslose Unternehmen kämpft. Nicht als eitler Einzelkämpfer, sondern innerhalb eines Netzwerks von Mitstreitern, die sich für eine bessere, solidarischere Welt einsetzen. Er war Bundesvorsitzender des Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein e.V. (RAV), er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und schreibt für die Zeit den Blog Recht subversiv – Aus der Werkstatt eines Anwalts und Menschenrechtlers. Er verklagte bereits den ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und vertritt aktuell den Whistleblower Edward Snowden. …

Sechs legendäre Schwestern

Nicht erst seit »Downton Abbey« boomt die völlig verkitschte Darstellung der englischen Upper Class der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Trend fördert eine Nostalgiewelle, die England als »good old Blighty« feiert und zugleich für politisch rechte Propaganda instrumentalisiert wird. Susanne Kippenbergers Biografie »Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern« zeigt nicht nur auf höchst unterhaltsame Weise, was biografisches Schreiben alles kann, sondern auch, dass damals wie heute die Gefahren des Faschismus nicht zu unterschätzen sind – weder in England noch in Deutschland.

Dicke Klötze: Sachbuch-Schwergewichte der Saison

Historische Studien und monumentale Biografien bestimmen das Feld der zwanzig voluminösesten Titel im Bereich Sachbuch. Von der Ernst-Jünger-Gesamtausgabe über die Schriften zur Literatur von Gutenberg-Preisträger Jan Philipp Reemtsma sowie zahlreiche historische Studien bis hin zur in Frankreich gefeierten Barthes-Biografie. Ein Überblick über die faktenreichen Schwergewichte des Herbstes. 

Jahrtausendfigur oder: Das Echo des Franz Kafka

Achtzehn Jahre hat der Literaturwissenschaftler und Wissenschaftslektor Reiner Stach an seiner dreibändigen Kafka-Biografie geschrieben. Er entfaltet darin nicht nur ein Leben, zwischen dessen äußerer und innerer Biografie ein tiefer Graben verläuft, sondern porträtiert darin Kafkas Prag in der Epoche der »Nervosität«. Der unnahbare Franz Kafka wird uns bei Stach plötzlich sehr vertraut.

Darum lest ihn, lest ihn wieder und wieder

Es braucht kein Jubiläum, um Shakespeare zu lesen, eher eine Stimmung, ein Gefühl, eine Lust, für die sich allemal Spiegelungen im Werk des Dichters finden. Der 450. Geburtstag des Dramaticus ist allerdings ein willkommener Anlass, dem Leserpublikum neue Sichtweisen und Erkenntnisse, auch alte im neuen Gewand, vorzustellen.