Dorothee Elmigers Roman »Die Holländerinnen« war der meist diskutierte, meist gelobte, meist nominierte und meist ausgezeichnete Roman des vergangenen Jahres. In einer Woche hält Elmiger ihre Antrittsvorlesung an der Universität Bonn, wo sie in diesem Jahr die Thomas-Kling-Poetikdozentur der Kunststiftung NRW innehat. Ein guter Grund, noch einmal den Blick in die Echoräume hinter den Zeilen ihres ausgezeichneten Romans zu werfen.
»Dieser Roman ist ein Ereignis«, lies die Jury des Deutschen Buchpreis 2025 schon im ersten Satz in ihrer Begründung keinen Zweifel an ihrer Entscheidung aufkommen. Dorothee Elmigers »Die Holländerinnen« umfasst gerade einmal 160 Seiten und war damit einer der schmalsten deutschsprachigen Romane des vergangenen Jahres. Ein Leichtgewicht ist er deshalb nicht, ganz im Gegenteil.
Der Roman basiert auf wahren Ereignissen. 2014 sind in Panama zwei Holländerinnen spurlos verschwunden, man fand nur einen Rucksack mit einer Kamera und einem Handy, die die letzten Anhaltspunkte für das Schicksal von Kris Kremers und Lisanne Froon lieferten. Die 106 Bilder, 91 davon in kurzem Abstand aufgenommen, kursieren im Netz, es ranken sich diverse Verschwörungstheorien um das Schicksal der beiden jungen Frauen, von denen man nach Monaten einzelne Leichenteile gefunden hat.

Die 1985 geborene Dorothee Elmiger hat sich dieses Stoffes angenommen, aber anders, als man es vermuten würde. Statt eine weitere x-beliebige True-Crime-Story oder eine fantastische Imagination des Möglichen zu erzählen, hat sie einen klug verschachtelten Roman geschrieben, der in seiner sprachlichen Dichte und kulturellen Referenzialität die Leser:innen unauffällig aus dem tatsächlichen Dschungel der Geschichte in den Dschungel des Erzählens führt.
Elmiger nutzt die Geschichte der Holländerinnen nämlich nur, um in ihrem Roman über das Erzählen als solches zu spekulieren. Was ist erzählbar, was nicht? Was können wir wissen, was nicht? Worüber dürfen wir dann sprechen, worüber nicht? Über solche Fragen denkt die in New York lebende Schweizer Autorin nach.
Aber wie macht sie das? Indem sie in den Mittelpunkt der Handlung eine Schriftstellerin stellt, die im Konjunktiv vor einem vollen Lesesaal von einer in den südamerikanischen Urwald berichtet, die sie vor einiger Zeit mit einer international zusammengewürfelten Theatergruppe unternommen hat. ich persifliere: Ein Regisseur habe sie zu dieser Reise eingeladen, um sie dafür zu gewinnen, das Schicksal der beiden Holländerinnen auf die Bühne bringen. Mit Verweisen auf Theodor W. Adorno und Hannah Arendt habe er ihr erzählt, dass er an einer großen Theatermaschine baue, eine Art tropische Passion, die Joseph Conrad, Werner Herzog, Klaus Kinski, Christoph Schlingensief und Francis Ford Coppola ihre Referenz erweise.
»Es gehe ihm um nichts weniger als einen neuen, einen hypnotischen Realismus, wie ihn eben nur das Theater, dieser Ort der ständigen Doppelung, schaffen könne, wo Wirklichkeit und Fiktion, wie es ein bekannter deutscher Dramatiker so treffend beschrieben habe, aufeinanderträfen und in einer «heiligen Kollision» ihre Fassung verlören.«
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Diese heilige Kollision ist eine Anspielung an die Erzählstrategie im Roman, in dem fortan permanent Wirklichkeit und Fiktion, Abbildung und Einbildung kollidieren. Aber bleiben wir zunächst bei der Handlung. Es gibt also diese Reise nach Panama, damit sich alle an der Inszenierung Beteiligten in die Charaktere und die Umstände vor Ort einfühlen können. Um sich besser in die Lage der beiden Frauen hineinversetzen zu können, habe sich die Gruppe vor Ort auf die Spuren der beiden Frauen gemacht. So seien sie durch den Dschungel Panamas gewandert und abends am Feuer geteilt, was man erlebt, gesehen und empfunden habe. Eine ziemlich verstörende Herangehensweise, um Authentizität zu schaffen.
Je tiefer sich diese Expedition ins Dickicht wagt, desto mehr klassische Horrorelemente fließen in den Text. Von der Natur geht hier eine permanente Bedrohung ausgeht. »Das Donnern der weit unter ihr brechenden Wellen, das irre, tausendfach widerhallende Pfeifen und Rufen der Tiere, das laute Wuchern und Bersten der Vegetation hätten einen unüberschaubar großen, gewissermaßen koordinatenlosen Raum aufgespannt, und fraglos habe sie eine Art Furcht verspürt, eine lächerliche Furcht, panisch und ehrfürchtig habe sie dagelegen in dieser pechschwarzen Nacht.«
An einer anderen Stelle – die Erzählerin berichtet gerade, wie sie im Dschungel habe übernachten müssen, weil sie nicht rechtzeitig herausgefunden und niemand nach ihr gesucht habe – klingt es, als würde sie eine Szene des Horrorklassikers »Blair Witch Project« analysieren.
Die Romane von Dorothee Elmiger




»Ästchen, die bedeutungslose Zeichen bildeten, ein Vogelschwarm, der sich jetzt ganz zufällig in den gottverlassenen Himmel schwinge, gigantische, brennende Sonnen, ja das All, das gewaltige All, dem jede Außenseite fehle, Zweige, die zufällig ins Bild ragten, hell angeleuchtete Blattunterseiten, eine versehentlich aufgenommene Sprachnachricht, auf der nur minutenlanges Klicken, eine Art Summen zu hören sei. Das sei alles, sagt sie. Mehr sei in jener Nacht eigentlich nicht geschehen.«
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mehr sei in jener Nacht nicht geschehen. Welche »jene Nacht« sie da meint, ob die selbst durchlittene oder die der zwei Holländerinnen, bleibt unklar. Der ins Konjunktiv gestellte Bericht ihrer Erzählerin, der sich wie das Forschungstagebuch einer kafkaesken Reise ins dunkle Herz der Finsternis liest, kippt immer wieder in grundsätzliche Überlegungen zur menschlichen Existenz und der Unfähigkeit, darüber sprechen zu können.
»Aber der Horror, der Horror liege naturgemäß außerhalb der Sprache, ja, er sei, wenn man so wolle, ihr Gegenteil, ihr Ende, und sie müsse deshalb auch jetzt, in diesem Moment, noch einmal scheitern, wenn sie ihn zu formulieren, zu benennen versuche, könne ihn nur umkreisen wie ein schwarzes Loch, einen reißenden Strudel.«
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
In diesen Strudel der Angst reißt Elmiger die Leser:innen dieses nur vermeintlich unscheinbaren Buches, das von Menschen erzählt, die haltlos ins Dunkle stürzen. In »höllische Spektakel« der Einbildungen und Fieberträume, des Exzesses und der Erschöpfung, wenn das Entsetzliche und Monströse besonders grausam funkelt. Und so indirekt, wie Elmiger davon erzählt, so subtil verweist sie dabei auf die Gegenwart.
»Die Holländerinnen« zu lesen ist, wie ein Thelonius-Monk-Konzert zu hören. Es ist finster und hell zugleich, auf harmonische Weise disharmonisch, aber nie so schräg, dass man es verlassen würde. Im Gegensatz, man liest gebannt diesen Text, während die Welt um einen herum in einem Nebel versinkt.
Jahrelang habe sie nichts als gescheiterte Anfänge geschrieben und Untersuchungen angestellt. Irgendwann und irgendwie fließe schließlich alles zusammen, berichtete sie gegenüber der Zeit. Das Buch sei dann das Dokument ihres Herausfindens. So ist dieser Roman auch eine große Denkbewegung, komplex in seinen assoziativen Verknüpfungen, die einen vom Einen zum Anderen führen.
Jedes Zitat, jede Idee, jede Figur, jedes Motiv löst dabei ein fulminantes Assoziationsgewitter aus. Das unheimliche Momentum von Gewalt und Femizid bei Roberto Bolaño und David Lynch steigt aus den Zeilen hervor. Ebenso ein vom Dschungel überforderter Homo Faber, der (unwissentlich) Inzest mit der eigenen Tochter begeht, was einen bei der Gelegenheit auch an Ingeborg Bachmann und ihr schwieriges Verhältnis zu Max Frisch denken lässt. Von der offensichtlichen Verbindung des wahnsinnigen Regisseurs zu Hans Werner Herzog und Christoph Schlingensief mal abgesehen. Einmal heißt es, dass es im Leben darum gehe, »die Verstrickungen, Verbindungen, das Synchrone und scheinbar Zufällige« zu sehen. Dieser Roman sieht es nicht nur, er bringt es auf die große Bühne; entweder als Tragödie oder als Farce.
Die Logik dahinter ist spielerisch, Tetris-like, könnte man sagen. Assoziationen, die erkannt werden, lösen manches Rätsel auf, einzelne Aspekte rutschen weiter und machen wiederum eine nächste Querverbindung auf. Man kann das alles analysieren, mehr Spaß hat man aber, wenn man sich dem Spiel hingibt. Man kann in dieser einerseits durchleuchteten und andererseits überkomplexen Welt schlicht nicht alles wissen.
Das Drifting ist die bevorzugte Methode, mit der man sich Elmigers Büchern annähern sollte. Das war schon bei ihrem Vorgängerbuch »Aus der Zuckerfabrik« so, für den sie selbst einmal um die Welt gedriftet ist, um sich in Anschauung über die kolonialen, kapitalistischen und geschlechtlichen Zusammenhänge Gedanken zu machen. Ein Buch, bei dem man sich am besten vorstellt, man säße im Kopf der Erzählerin und würde die Welt mit ihren Augen sehen.
Dann kann eine Ich-Erzählerin auf Reisen eben auch Sex haben zwischen all den Materialien, die sie gesammelt hat – von der Geschichte des Zuckers, die eine Geschichte der Sklaverei ist, die mit der Geschichte des Kapitalismus verbunden ist, dessen Reflexion in die Soziologie führen muss, die angesichts der Gegenwart den Rassismus nicht ausblenden kann. Oder wegdämmern, um in anderen Biografien, echten oder fiktiven, an anderen Orten oder Zeiten vermeintlich aufzuwachen. So springt man auch in diesem Roman von Absatz zu Absatz durch Zeiten, Räume und Haltungen und versteht erst im Laufe der Komposition, dass es hier weniger um Zucker als vielmehr um die Logik des Kapitals, und was es aus den Menschen macht, geht.
»Die Holländerinnen« ist (nach »Aus der Zuckerfabrik«, »Schlafgänger« und »Einladung an die Waghalsigen«) Elmigers vierter Roman. Am Tag, als sie mit dem Buch den Deutschen Buchpreises gewann, hat sie auch ihren 40. Geburtstag gefeiert. Und das mit dem Feiern hörte kaum auf. Das Buch stand im vergangenen Herbst auf allen relevanten Preislisten: Wilhelm-Raabe-Preis, Deutscher Buchpreis, Bayerischer Buchpreis und Schweizer Buchpreis. Nur beim Raabe-Preis ging sie leer aus.
In ihrer kurzen Dankesrede für den Deutschen Buchpreis berief sie sich auf den Song »Das Unglück muss überall zurückgeschlagen werden« der deutschen Band Tocotronic. Darin geht es um die Dürftigkeit des Lebens und ihre ständige Zunahme. Die Alltäglichkeit des Lebens mache bewusst, so Elmiger, »dass das Unglück überall zurückgeschlagen werden muss«.
Alltäglich ist Elmigers Roman ganz und gar nicht. Er erzählt ganz ungewöhnlich von dem monströsen Unternehmen der Erkundung einer gefährlichen Landschaft, die man einfach nur als Dschungel oder als das menschliche Bewusstsein lesen kann. Die beklemmende Erzählung im Konjunktiv ist ein Trip in die Finsternis – ins Dunkel der Natur, der irdischen Unklarheiten und der menschlichen Seele. Der Roman ist eine Welt- und Selbstbefragung, die schwer zu greifen ist und die Ambivalenz des Seins ausstellt. Und in der nach jedem Absatz der Abgrund lauert.

