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This is the end

Kein Film bildet den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges so plastisch ab wie Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now«. Eine DVD-Box versammelt alle vorliegenden Fassungen sowie Hintergrundmaterial zur Genese der verschiedenen Versionen des Antikriegsdramas. Parallel dazu erscheint ein neuer Schnitt vom dritten Teil der »Pate«-Trilogie.

Erst ist es nur die Gitarre, die sich über das Rotorengeräusch der Hubschrauber legt, die ihre Napalmbomben über Vietnams Dschungel abwerfen. Als die Palmenreihe langsam im gelben Napalmnebel verschwindet, singt Jim Morrison »This is the end«. Von diesem Ende erzählt Francis Ford Coppolas – je nach Version – zweieinhalb bis fast vierstündiges Antikriegsepos »Apocalypse Now«. In den Nebel des Napalm hinein schieben sich die ersten Aufnahmen von Captain Benjamin Willard (Martin Sheen), der im Auftrag der US-Army auf eine Himmelfahrtsmission in den kambodschanischen Dschungel geschickt werden wird, um dort den abtrünnigen US-Elitesoldaten Walter E. Kurtz (Marlon Brando) auszuschalten.

Begleitet wird er auf seinem Weg in das nach Südostasien verlegte »Herz der Finsternis« (Joseph Conrad) von vier Soldaten, die die klassischen Typen in der US-Armee repräsentieren. Die Kamera bleibt nah bei diesen Figuren und fängt so diesen surrealen Höllentrip, mit dem die Sinnlosigkeit und Idiotie des Krieges in all seinen Dimensionen illustriert wird, ein. Jede Figur in diesem Film gleitet anders in den Wahnsinn. Mit der Stimme von Hauptdarsteller Martin Sheen, die sich immer wieder über die meditativen Passagen des Films legt, bekommt man eine Idee davon, wie der Wirklichkeitsbezug in dieser apokalyptischen Landschaft im Nebel des Krieges verschwindet.

»Apocalypse Now« ist zweifellos ein Höhepunkt des New-Hollywood-Cinema. Als der Film 1979 in Cannes gezeigt wurde, gewann er die Goldene Palme. Bei den Oscars 1980 wurden Kameramann Vittorio Storaro (»Der letzte Tango in Paris«, »Der letzte Kaiser«, »Dune – Der Wüstenplanet«) sowie das Sound-Team um Walter Murch ausgezeichnet, in sechs weiteren Kategorien war er nominiert. Dabei entsprach die Fassung nicht der Vorstellung von Francis Ford Coppola (»Bram Stokers Dracula«, »Der Pate I – III«), aus Vermarktungsgründen wurden beträchtliche Teile aus dem Film genommen. Etwa die Passage auf einer französischen Farm, die die koloniale Vorgeschichte dieses Krieges erzählt.

Die finden sich in der eine Stunde längeren Redux-Fassung von 2001 wieder. In ihr wird Soldaten wie Willard und Kurtz auch ein Name gegeben. Sie sind verlorene Soldaten, »soldats perdus«, wie ihnen der Besitzer der Farm erklärt. Menschen, die sich und ihre Menschlichkeit inmitten des Grauens verloren haben. Die digitale Aufarbeitung von »Apocalypse Now Redux« wirkt vor allem auf der visuellen Ebene. Der Dschungel ist grüner, die Farbpatronen greller, die Schweißperlen größer. Hier wirkt der Film nicht nur auf der musikalischen, sondern auch auf der visuellen Ebene wie ein schlechter LSD-Trip in die tiefsten menschlichen Abgründe hinein.

Der Pate. Epilog – Der Tod von Michael Corleone. Regie: Francis Ford Coppola. Mit Al Pacino, Sofia Coppola, Bridget Fonda, Diane Keaton, Joe Mantegna. Universal Pictures. Hier bestellen

Die permanente Arbeit mit Filmmaterial hat der Amerikaner erst kürzlich auch in einem anderen Fall praktiziert. Der dritte Teil seiner Trilogie des Corleone-Clans, die er zwischen 1972 und 1990 schuf, liegt seit ein paar Monaten in einem neuen Schnitt vor. Der Film, der vor drei Jahrzehnten in die Kinos kam, entsprach offensichtlich nicht seinen Vorstellungen. An anderer Stelle klagte er, damals nicht genug Zeit gehabt zu haben.

Nun liegt der dritte Teil von »Der Pate« mit neuem Anfang und neuem Ende vor. In »Der Pate. Epilog – Der Tod von Michael Corleone« kippt Corleone (gespielt von Al Pacino) aber nicht wie ursprünglich am Ende tot vom Stuhl, sondern bleibt einfach sitzen. Zum im Titel angekündigten Tod kommt es nicht. Dem Spiegel sagte Coppola dazu: »Er soll leiden. Das kann er nur, wenn er überlebt.« Dieses Überleben ermöglicht natürlich auch den Bogen zum Mafia-Drama »The Irishmen« auf Netflix, in dem Al Pacino als Mafiaboss Jimmy Hoffa den von Robert de Niro gespielten Lastwagenfahrer Frank Sheeran unter seine Fittiche nimmt.

Aber zurück zu »Apokalypse Now«. 2019 wurde beim Filmfestival in Tribeca Coppolas »Final Cut« vorgestellt, mit drei Stunden von der Länge her genau zwischen den beiden Fassungen. Hier sind Szenen etwas anders arrangiert, was dem Film noch einmal eine andere Wirkung gibt. Alle drei Versionen, die erhellende Doku »Hearts of Darkness«, die hinter den langen Produktionsprozess des Films blickt, sowie verschollene Szenen, Features zu Musik, Schnitt und Sounddesign sind in dieser großartigen Sammleredition versammelt.

Apocalypse Now Collector’s Edition. Regie: Francis Ford Coppola. Mit Martin Sheen, Marlin Brando, Dennis Hopper, Robert Duval. Arthaus by Studiocanal. Hier bestellen

Mit dieser Edition bekommt man viele Einblicke hinter die Kulissen und kann die Filme noch einmal neu genießen. Etwa weil man die Reise ins Herz der Finsternis auf der Ebene des Sound Design besser nachvollziehen kann oder eine Idee davon bekommt, wie es für Coppolas Team war, mit den hunderttausenden Metern Negativmaterial in den unterschiedlichen Schnittprozessen einen Umgang zu finden. So führt diese Kollektion alles zusammen, was man zu diesem nachhaltig beeindruckenden Antikriegsdrama wissen kann und ist ein Muss für jeden Cineasten.

Ein solcher soll hier auch das letzte Wort haben. Sebastian Schipper (»Absolute Giganten«, »Viktoria«, »Roads«) erklärte bei einem Artist Talk seine Faszination für den Film wie folgt: »Apokalypse Now ist für mich das krasseste und übertriebenste Roadmovie, das ich kenne, auch wenn der Film auf einem Fluss spielt. Philosophisch, tiefgründig, witzig, schlimm, hart, tragisch und wunderschön. Die Geschichte erinnert an eine alte griechische Kriegserzählung. Gleichzeitig entwirft Francis Ford Coppola ein Bild von unserer Welt, das mich immer wieder überwältigt, weil es darin auch um Freundschaft geht.«