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Blutgetränkte Geschichte(n)

In den Romanen von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah sind die Gräuel der deutschen Kolonialgeschichte zum Greifen nah. Diese Woche hat der auf Sansibar geborene und in England lebende Autor den Literaturnobelpreis verliehen bekommen. Inzwischen kann man sein Werk auch hier wieder entdecken.

Am 7. Oktober klingelte bei Abdulrazak Gurnah um die Mittagszeit das Telefon. Es meldete sich der ständige Sprecher der Schwedischen Akademie Mats Malm, um Gurnah vorzuwarnen, dass ihm gleich der Literaturnobelpreis zugesprochen wird. »Ich dachte, da will mir einer einen Streich spielen«, erinnerte sich Gurnah später. Kein Wunder, denn seit Wole Soyinka 1986 hat kein afrikanischer Autor mehr den bedeutendsten Literaturpreis der Welt erhalten. Gurnah bekommt ihn nun »für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten«, hieß es in der Begründung.

Zwei Monate später schüttelt man immer noch fassungslos den Kopf, dass dieser Autor hier nahezu unbekannt war. Denn man hätte ihn nicht nur kennen können, sondern kennen müssen. Kaum ein Werk ist so unmittelbar mit dem dunklen Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte verbunden wie das des 1948 auf Sansibar geborenen Romanciers. Dass es kaum jemandem vertraut war, wirft ein Schlaglicht auf die Verdrängung der eigenen blutigen Geschichte.

Fünf seiner zehn Romane wurden bislang ins Deutsche übersetzt, im Oktober waren alle vergriffen. Nun wird rechtzeitig zur Preisverleihung zumindest sein erfolgreichstes Buch wieder aufgelegt. In dem von Inge Leipold übersetzten Roman »Das verlorene Paradies« taucht das deutsche Kaiserreich als kolonialer Akteur aber nur am Rand auf. Die weißen Herren bleiben hier eher Nebenfiguren, ihre Terrorherrschaft wird erst noch kommen.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Aus dem Englischen von Inge Leipold. Penguin Verlag 2021. 336 Seiten. 25,00 Euro. Hier bestellen

Die Geschichte betrachtet den arabisch-indischen Imperialismus in Ostafrika Ende des 19. Jahrhunderts, als die Dominanz der Muslime von weißen Europäern abgelöst wird. Im Mittelpunkt steht der elfjährige Yusuf, der von seinen Eltern an den arabischen Großhändler Aziz gegeben wird, um die Schulden seiner Eltern abzuarbeiten. Yusuf ist nicht er einzige Eingeborene, der für Aziz arbeitet. Eines Tages soll er seinen Herrn auf einer Handelsreise in den Dschungel begleiten, doch das Unternehmen steht unter keinem guten Stern. Mückenschwärme quälen die Reisenden, Hyänen zerfleischen einen Träger, Krankheit und Tod begleiten die Karawane. Ein wahnsinniger Dschungelkönig lässt die bunte Reisegesellschaft ihre Mission bitter bereuen. Die Reise endet im Chaos, das Paradies, von dem hier alle auf ihre Weise träumen, bleibt in weiter Ferne.

Der Roman spielt nicht nur mit Vorläufern wie Joseph Conrads »Herz der Finsternis« und John Miltons »Paradise Lost«, sondern ist so quicklebendig und konkret geschrieben, dass er einen Sog wie Francis Ford Coppolas filmische Übertragung von Conrads Roman »Apokalypse Now« entwickelt.

Gurnah ist 1968 nach England geflohen, lehrte dort Englisch und postkoloniale Literatur. In seinem Werk umkreist er auch Phänomene der postkolonialen Gegenwart wie Flucht (»Schwarz auf Weiß«), Ankommen (»Ferne Gestade«) sowie Identität und Erinnerung (»Donnernde Stille«, »Die Abtrünnigen«). In seiner Nobelpreisrede sprach Gurnah über die Motive seines Schreibens, über »Angelegenheiten, die in allem menschlichen Leben vorkommen«: Grausamkeiten, die Eltern ihren Kindern zufügen, die Art und Weise, wie Menschen aufgrund sozialer oder geschlechtlicher Dogmen die Meinungsfreiheit verwehrt wird, und Ungleichheiten, die Armut und Abhängigkeit tolerieren. All das seien Erfahrungen, die er gemacht habe, die jeder machen könne, die einem aber erst bewusst werden, wenn es die Umstände erfordern, sagte Gurnah bei der Online-Pressekonferenz zur Preisübergabe.

Seine Prosa ist betont unprätentiös, nachdenklich und eindringlich. Sein Werk politisch, ohne zu moralisieren. Er zeigt, wie komplex die Welt ist und meidet einfache Antworten. Sein Schreiben mündet nicht in der Anklage von Umständen oder Regimen, sondern im Beobachten der durch Zeit und Raum irrenden und sich begegnenden Körper. Dabei zeigt er, wie Macht korrumpiert, warum Wahnsinn regiert und dass Rassismus kein Phänomen der Neuzeit ist.

Dabei nimmt er die verschiedenen Bevölkerungsgruppen über seine Figuren in den Blick. Nach der niederschmetternden Erfahrung im Hinterland lebt Yusuf wieder im Haus seines »Seyyid«, während der versucht, neue Geschäftspartner zu finden. Hier nun nimmt der Erzähler die Situation der rauen in den Blick, die hinter verschlossenen Mauern ein Parallelleben führen – einerseits über die Misstress seines Herrn, die sich ihm unmissverständlich annnähert, andererseits über Khalils Schicksalsschwester Amina, in die sich Yusuf verliebt. Eine vergebliche Liebe, denn Amina ist als Zweitfrau mit seinem Herrn liiert. Die Khalils, Aminas und Yusufs dieser Welt bleiben Gefangene eines Systems, dass über ihre Körper und Schicksale bestimmt. Aus dem es kein entrinnen, sondern nur verschiedene Formen gibt, wie der Roman am Ende zeigt. Da ziehen deutsche Militärs durch den Küstenort und rekrutieren junge Männer für ihre Armee. Als Yusuf das sieht, blickt er sich noch einmal um »und rannte dann, mit brennenden Augen, der Kolonne nach.«

Sein aktueller Roman »Afterlives«, der im Frühjahr 2022 auf Deutsch erscheinen soll, setzt im Grund hier wieder ein. Wir schreiben den Anfang des 20. Jahrhunderts, als schon »jedes Stück Land in diesen Breiten Europäern gehörte, zumindest auf der Karte: British East Africa, Deutsch-Ostafrika, África Oriental Portuguese, Congo Belge.« Den Widerstand der Bevölkerung lässt das Kaiserreich von den afrikanischen Rekruten der deutschen Schutztruppen mit äußerster Gewalt niederschlagen. »In den etwa dreißig Jahren, seitdem sie diesen Landstrich erobert haben, haben die Deutschen so viele Menschen getötet, dass dieses Land im wahrsten Sinne des Wortes mit Knochen und Schädeln übersät und die Erde von Blut durchtränkt ist.«

So wird die deutsche Kolonialherrschaft Anfang des 20. Jahrhunderts im Osten Afrikas im aktuellen Roman von Abdulrazak Gurnah beschrieben. Er ist exemplarisch für sein zehn Romane umfassendes Werk und wirft die berechtigte Frage auf, warum der auf Sansibar geborene und in England lebende Autor in Deutschland bis dato nahezu unbekannt war. Denn Gurnahs literarisches Oeuvre ist wie kaum ein anderes mit der deutsch-kolonialen Politik verflochten.

In »Afterlives« erhebt sich in Deutsch-Ostafrika Widerstand. Das Kaiserreich schlägt den mit seinen Schutztruppen äußerst brutal nieder. Es sind vor allem die Askari, also die afrikanischen Rekruten der Schutztruppen, die das Land mit Terror überziehen. Unter Einheimischen wird diesen Söldnern der Ruf der Grausamkeit vorauseilen. 

Abdulrazak Gurnah: Afterlives. Bloomsbury 2020. 288 Seiten. 16,99 Pfund. Hier bestellen.

Die Handlung setzt in Indien ein, wo Khalifa als einziger seiner Familie eine Schule besuchen und als Buchhalter dem Ruf des britischen Kolonialreichs nach Ostafrika folgen wird. Dort läuft ihm eines Tages Ilyas über den Weg, der wie die Hauptfigur in »Das verlorene Paradies« als Kind von seinen Eltern an einen Händler verkauft wurde und später bei einem deutschen Siedler freundliche Aufnahme fand. Als er auf eigenen Beinen steht, wird Ilyas seine Schwester Afiya aus schrecklichen Verhältnissen befreien und ihr Lesen und Schreiben beibringen. Am Horizont zieht derweil der erste, die Welt aus den Angeln hebende Krieg auf und Ilyas beschließt, sich aus Loyalität gegenüber seinem deutschen Retter den deutschen Schutztruppen anzuschließen.

Während sich seine Spuren im Krieg verlieren und er fortan als Phantom durch den Roman geistert, lernen wir Hamza kennen, einen muslimischen Jungen, der unfreiwillig in die Schutztruppe geraten ist. Aus seiner Perspektive werden die unmenschlichen Verhältnisse im deutschen Kolonialheer geschildert. Hamza erlebt die endlosen Gewaltmärsche, Hunger, Dürre und Krankheit, wird Zeuge der menschenverachtenden Hierarchien und Opfer des brutalen Strafsystems. Diese Passagen – im englischen Original durchsetzt von deutschen Wörtern wie schnell, zackzack, Scheißer, Dummkopf, Exerzierplatz, Zivilisierungsmission, Krieg – sind so plastisch und unmittelbar geschrieben, dass es einem den Atem raubt.

Überhaupt ist Gurnahs Literatur von überwältigender Kraft. Sein Stil ist betont schlicht und unprätentiös, anschaulich und gerade darin so eindringlich. Sein englischer Text ist mit Kisuaheli, Arabisch und Deutsch versetzt – so bildet er die wiederholte koloniale Erfahrung im ethnischen melting pot Ostafrika sprachlich nach. 

Als in Versailles den Briten die Region zugeschlagen wird, führt das Schicksal Hamza über Umwege in die Hafenstadt Tanga, wo Khalifa mit seiner Frau und der aufgenommenen Afiya lebt. Die verliebt sich in Hamza und Khalifa verlangt, dass der verschwiegene Mann seine Herkunft offenlegt. »Du willst, dass ich Dir von mir erzähle, als gäbe es eine zusammenhängende Geschichte. Aber alles, was ich habe, sind Bruchstücke. Dazwischen beunruhigende Lücken, Dinge, zu denen ich gern jemanden befragt hätte, wenn es die Chance gegeben hätte, und Momente, die zu früh endeten oder ohne Ergebnis blieben.« Es ist einer dieser Momente, in dem die zerstörerische Kraft des Kolonialismus in »Afterlives« nahezu greifbar wird. Plötzlich versteht man, wie sehr die europäischen Kriege auf dem afrikanischen Kontinent in die Existenzen der Menschen eingegriffen und sie in Fetzen zerrissen haben. Diese existenzielle Erfahrung wird Hamza nie mehr los. Selbst im Schlaf überkommt ihn immer wieder »ein Gefühl der Gefahr, des Schreckens. Als ob eine große Gefahr droht und es kein Entrinnen gibt.« 

Dieser Schrecken bleibt über Generationen in den Körpern der Menschen. Als Ilyas, der Sohn von Hamza und Afiya, vom Geist seines verschollenen Onkels heimgesucht wird, hilft auch Hexerei nicht. Er trägt die Traumata seiner Vorfahren in sich, die nicht nur unmittelbar mit der deutschen Geschichte verbunden sind, sondern im letzten Teil des Romans auch nach Deutschland führen. Denn in den sechziger Jahren, Tansania ist inzwischen unabhängig, kann er mit einem Stipendium nach Deutschland reisen und dem Schicksal seines Namensvetters auf den Grund gehen. Die Geschichte, auf die er dort stößt, gäbe Anlass für einen weiteren Roman. Ein solcher könnte nach »Das verlorene Paradies« und »Afterlives« den Abschluss einer gelungenen Trilogie des menschlichen Schicksals unter der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika bilden.

Abdulrazak Gurnah erzählt von den Vorboten, dem Terror und den Folgen des europäischen Kolonialismus am Indischen Ozean so eindrucksvoll wie niemand anders und öffnet zugleich die Augen für neue Perspektiven. Nun endlich kann er auch hierzulande entdeckt werden. Mit »Das verlorene Paradies« liegt eine erste überarbeitete Übersetzung bereits vor, weitere sollen in den nächsten Monaten folgen, auch die des großartigen Romans über die Überlebenden und das Nachleben (»Afterlives«) des deutschen Kolonialismus in Ostafrika.

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