Literatur, Roman

Südafrikanische Elegie

Damon Galgut erzählt in seinem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman vom Niedergang einer weißen Familie am Tafelberg. »Das Versprechen« ist Teil der Erfolgsgeschichte, den die postkoloniale afrikanische Literatur derzeit schreibt.

Kurz nachdem Astrid dem Priester ihre Sünden gebeichtet hat, steigt ein Unbekannter in ihren Wagen. Er hält ihr eine Knarre an die Hüfte, zwingt sie in den Kofferraum und fährt auf einen verlassenen Parkplatz in den Außenbezirken Pretorias, um sie dort kaltblütig über den Haufen zu schießen. »Jetzt ist sie ein Bündel aus Haaren und Kleidern am Fuß einer Mauer«, kommentiert der Erzähler dieser packenden Familiengeschichte lakonisch. Astrid ist nicht die erste Figur, um deren Tod diese Geschichte kreist. Gut zwei Jahrzehnte vor ihr ist bereits ihre Mutter Rachel an Krebs gestorben, vor etwa zehn Jahren ihr Vater Herman an den Folgen religiöser Hybris.

Über Familie Swart liegt ein Fluch, seinen Ursprung hat er in den Tagen vor Rachels Tod. Da nimmt die im Sterben liegende Mutter von Anton, Astrid und Amor ihrem Mann die Zusage ab, der Schwarzen Haushaltshilfe Salome ihr Wohnhaus an den Ausläufern der Farm zu schenken. Amor ist die einzige Zeugin dieses titelgebenden Versprechens, das weder von ihrem Vater noch von ihren Geschwistern eingelöst wird. Die magersüchtige Astrid wird sich auf der sozialen Leiter nach oben schlafen, Anton die Last eines Verbrechens mit sich schleppen und Amor die Familienschuld abtragen.

Damon Galgut ist Teil der Erfolgsgeschichte, die die afrikanische Literatur dieser Tage schreibt. Denn nachdem der Tansanier Abdulrazak Gurnah den Literaturnobelpreis und der Senegalese Mohamed Mbougar Sarr den Prix Goncourt erhielten, ging auch der Booker Prize nach Afrika. Während man auf Sarrs post-postkolonialen Literaturkrimi »Die geheimste Erinnerung der Menschen« noch bis Herbst 2022 warten muss, kann man Galguts fulminante Familiensaga bereits jetzt lesen.

Damon Galgut: Das Versprechen. Aus dem Englischen von Thomas Mohr. Luchterhand Literaturverlag 2021. 368 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Nachdem der Südafrikaner bereits 2003 und 2010 nominiert war, erhielt Galgut nun im dritten Anlauf die Auszeichnung. Er widmete den wichtigsten englischsprachige Literaturpreis »all den erzählten und nicht erzählten Geschichten, all den gehörten und nicht gehörten Autor:innen dieses bemerkenswerten Kontinents, zu dem ich gehöre.«

In »Das Versprechen« lässt er ein gutes Dutzend Menschen mit dem Schicksal ringen, von denen es heißt, dass sie sich »sichtlich über Kreuz liegen und gegenseitig angiften«. Das darf man durchaus wörtlich nehmen. Vier Todesfälle führen die Swarts im Abstand von zehn Jahren auf dem Familienbesitz nahe Pretoria zusammen, jedesmal wird eine andere Religion angerufen. Das Bild der Sünde spielt eine zentrale Rolle, nicht umsonst stirbt Herman Swart infolge eines Schlangenbisses. Mit jedem Aufeinandertreffen schreiben sich die Folgen seiner Ursünde tiefer in die Familie ein. Jeder Tod scheint ein Tribut an den unerfüllten Wunsch der Mutter.

»Ein gegebenes Versprechen ist eine unbezahlte Schuld«, heißt es bei Shakespeare. Galguts Roman handelt von dieser unbezahlten Schuld, die nicht nur eine moralische, sondern auch eine koloniale ist. Sein Roman ist eine große Allegorie auf die Regenbogennation am Tafelberg, erzählt von den unerfüllten Hoffnungen nach der Apartheid und spiegelt auf zahlreichen Ebenen die »seltsamen, simplen Fusionen«, die dieses Land zusammenhalten.

Foto von Magda Ehlers von Pexels

Galguts Roman nimmt Mitte der achtziger Jahre Fahrt auf, als Apartheid herrscht. Am Ende sind gut dreißig Jahre vergangen und der vierte Schwarze Präsident nimmt wegen Korruption seinen Hut. Dazwischen liegen das Ende der Rassentrennung, die wirtschaftliche Liberalisierung und die rasante Verschärfung sozialer Ungleichheiten. Sex, Drogen und Gewalt treffen hier auf Besitz, Status und Neid. All das veranschaulicht Galgut an seinen Figuren, so dass die sich verändernden politischen und sozialen Verhältnisse zum Bestandteil dieser mitreißenden Erzählung werden.

In überwältigender Leichtigkeit führt der von Thomas Mohr hervorragend übersetzte Text von einem Charakter zum nächsten, wechselt Orte und Perspektiven, springt von persönlichen Einblicken zu universellen Beobachtungen – oft innerhalb einer Seite, nicht selten in Absätzen, manchmal gar in einer Zeile. Wie durch eine Kameralinse folgt man dem Blick des allwissenden Erzählers, der beständig am Objektiv dreht, um die komplexe Wirklichkeit Südafrikas aus der Nähe und aus der Distanz zu betrachten und einzufangen. Er scheut sich auch nicht, die Geschehnisse satirisch zu kommentieren oder Ungesagtes in Klammern zu ergänzen. Um zu zeigen, dass man sich von historischer Schuld nicht einfach freikaufen kann.

»Das Versprechen« ist kein versöhnlicher Roman, aber ein großer, der die Wunden der kolonialen Vergangenheit eindrucksvoll offen legt. Als Amor das Versprechen ihrer Familie endlich einlösen will, tobt Salomes Sohn Lukas. »Alles, was du hast, weiße Frau, gehört mir bereits. Ich brauche nicht darum zu bitten.«

Abdulrazak Gurnah, Damon Galgut, Mohamed Mbougar Sarr und nicht zuletzt Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga – die postkoloniale afrikanische Gegenwartsliteratur ist vielseitig und erzählt ebenso differenziert wie raffiniert von der deutschen und europäischen kolonialen Schuld, die bis heute fortwirkt. Entdecken muss sie niemand mehr. Aber lesen sollten sie möglichst viele.

Dieser Text ist in ähnlicher Form im Rolling Stone 1/2022 erschienen.