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Prix Goncourt und Booker Prize prämieren afrikanische Literatur

Der Senegalese Mohamed Mbougar Sarr hat den Prix Goncourt, der Südafrikaner Damon Galgut den Booker Prize gewonnen. Damit gingen die renommierten Preise für den besten französisch- und englischsprachigen Roman an Autoren, die über afrikanische Themen schreiben. Vor wenigen Wochen erst wurde der auf Sansibar geborene britische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Der wichtigste Literaturpreis der französischsprachigen Welt geht erstmals an einen senegalesischen Schriftsteller. Mohamed Mbougar Sarr erhält den Prix Goncourt für seinen Roman »La plus secrète mémoire des hommes«. Sechs der zehn Jurymitglieder sprachen sich bei der Abstimmung für den Roman aus. Auch unter den französischen Literaturkritiker:innen galt der Roman des Senegalesen als Favorit, bei einer Umfrage der Fachzeitschrift Livres Hebdo hatten sich acht von 14 Kritiker:innen für »La plus secrète mémoire des hommes« ausgesprochen.

Es ist bereits der vierte Roman des erst 31-jährigen Autors, der bereits mehrfach für sein Werk ausgezeichnet wurde. In seinem nun preisgekrönten aktuellen Roman erzählt er die Geschichte des jungen senegalesischen Schriftstellers Diégane Latyr Faye, der bei Recherchen auf einen Skandalroman aus dem Jahr 1938 stößt, geschrieben von einem Autor namens T.C. Elimane, der als der schwarze Rimbaud bezeichnet wird.

Mohamed Mbougar Sarr: La plus secrète mémoire des hommes. Philippe Rey 2021. 448 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen.

Der Name T.C. Elimane legt eine falsche Fährte zu T. S. Eliot. Tatsächlich handelt es sich bei der Referenzfigur um den malischen Schriftsteller Yambo Ouologuem, der 1968 in Frankreich seinen ersten Roman »Le Devoir de violence« (»Das Gebot der Gewalt«) veröffentlichte. Der Roman, der die Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner anklagt, wurde mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet, löste anschließend aber eine Kontroverse wegen historischer Ungenauigkeiten und Plagiatsvorwürfen aus. Dennoch gilt er bis heute als eines der Hauptwerke der postkolonialen afrikanischen Literatur. Mohamed Mbougar Sarrs Roman wird in französischen Medien als Beschwörung von Yambo Ouologuem beschrieben, der zurück in die Epoche und mitten hinein in eine Intrige führe, die über den Literaturbetrieb hinaus Wirkung entfaltet.

Das Buch sei, so berichtet France Culture, sowohl eine Untersuchung als auch eine Reflexion über den Beruf des Schriftstellers. Dem Sender gegenüber sagte Sarr, dass er mehr darüber wissen wollte, was er als Autor tue. »Ich wollte zurückschauen und mich mit der Geste des Schreibens als solcher auseinandersetzen… Ich wollte erfahren, was Literatur bedeutet, wenn sie in Kontakt mit dem Leben und der Geschichte steht.« Deshalb habe er sich auf die Suche nach einem mythischen Schriftsteller gemacht, der das 20. Jahrhundert durchquert. Die historische Figur Yambo Ouologuem habe ihn interessiert. »Er ist allein, jung und schreibt nicht mehr, fast fünfzig Jahre lang wurde er zum Schweigen gebracht. Er hat mich inspiriert, einen Charakter wie Elimane zu entwerfen.«

»La plus secrète mémoire des hommes« war für alle wichtigen französischen Literaturpreise nominiert, die Übersetzungsrechte wurden noch vor der Auszeichnung mit dem Prix Goncourt in 22 Länder verkauft. In Deutschland hat sich Hanser die Rechte gesichert, angeblich für einen sechsstelligen Betrag. Es wird der erste Roman des Senegalesen sein, der in deutscher Übersetzung erscheint.

Der Roman wird voraussichtlich unter dem Titel »Die geheimste Erinnerung der Menschen« im Herbst erscheinen, die Übersetzung werden Holger Fock und Sabine Müller vornehmen. Das Übersetzer-Duo hat 2011 den »Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis« erhalten und war 2017 mit der Übertragung von Mathias Énards »Kompass« (Prix Goncourt 2015) für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert.

In den Vorjahren hatten Hervé Le Tellier, Jean-Paul Dubois, Nicolas Mathieu, Éric Vuillard und Leïla Slimani den Preis erhalten, der zwar nur mit symbolischen 10 Euro dotiert ist, aber hohe Auflagen im Winter- und Weihnachtsgeschäft verspricht.


Damon Galgut: The Promise. Chatto & Windus 2021. 304 Seiten. 16,99 £. Hier bestellen.

Wenige Stunden nach der Vergabe des Prix Goncourt in Paris fiel in London die Entscheidung über den Booker-Prize. Der mit 50.000 Pfund dotierte Preis geht an den Südafrikaner Damit Galgut. Er erhält den Preis für den besten englischsprachigen Roman für »The Promise«. Es war bereits seine dritte Nominierung für die renommierte Auszeichnung.

Die Handlung ist während der Apartheid angesiedelt und erzählt in vier Teilen vom Zerfall einer weißen Familie. Bei der Beerdigung der Jüdischen Matriarchin Rachel treten die Familienkonflikte offen zutage, denn ihr Ehemann Manie will sich nicht mehr an ein zuvor gegebenes Versprechen erinnern. Rachel hatte ihrer Schwarzen Haushälterin zugesagt, dass das Haus nach ihrem Tod ihr zufällt. Amor, Rachels jüngste Tochter kann es nicht fassen.

Wie eine Ursünde wirkt der Bruch des Versprechens, denn ausgehend davon erzählt Galgut in Zehn-Jahresschritten vom weiteren Schicksal der Familie. Jeder der vier Teile ist um eine weitere Beerdigung angeordnet, nicht nur das gebrochene Versprechen scheint hier seine Wirkung zu entfalten. Sex, Drogen, Kriminalität, Intrigen, miese Geschäfte, all das verarbeite Galgut zu einem Drama voller Zwietracht und Tod.

Einen Eindruck vom satirischen Sound des Romans bekommt man bei der eindrucksvollen Lesung von David Jonsson, die bei der Zeremonie eingespielt wurde.

Von Damon Galgut sind bereits vier Romane im Manhattan-Verlag erschienen, zuletzt die E.M.Foster-Beschwörung »Arktischer Sommer«. Galgut war bereits mit seinen Romanen »In fremden Räumen« und »Der gute Doktor« für den Booker-Prize nominiert, bei den Buchmachern war er bis zuletzt der Favorit auf den Preis. Und auch die Kritiker:innen sind von dem Roman begeistert. Anthony Cummings besprach den Roman im britischen Guardian schon im Juni begeistert und jubelte mit Bezug auf Galguts vorangegangene Booker-Nominierungen: »Ja, Vorhersagen sind ein Kinderspiel, insbesondere weil sie – ohne Grund – die Chancen eines Buches bei unabhängigen Juroren schmälern. Ich sage es trotzdem: Seien Sie nicht überrascht, wenn Galgut dieses Jahr noch einen drauflegt.«

Nun hat er nicht nur eine weitere Nominierung draufgelegt, sondern gar den Preis gewonnen. Und erneut jubelt der Guardian über die Auszeichnung eines spektakulären Romans mit einem »starken, eindeutigen Kommentar zur Geschichte Südafrikas und der Menschheit selbst«. Rebecca Jones hebt für die BBC hervor, dass dies nicht nur eine der besten Erzählungen des Jahres sei, sondern auch technisch außerordentlich sei. »Es gibt einen unsichtbaren Erzähler, der wie eine Filmkamera agiert. So bewegt man sich fließend von einem Ort zum anderen, vom Standpunkt eines Charakters zum nächsten, manchmal innerhalb desselben Absatzes oder derselben Seite.«

Galgut reiht sich im dritten Anlauf nun ein in die Liste der Booker-Preisträger, in die sich zuletzt Douglas Stuart, Bernadine Evaristo und Margaret Atwood (2019 wurde der Preis erstmals an zwei Autor:innen vergeben), Anna Burns, George Saunders und Paul Beatty eingeschrieben haben.

Nach der Bekanntgabe zeigte er sich konsterniert und überwältigt. Er sagte, dass abgesehen von dem Glück, das er mit der Auszeichnung genieße, es ein großartiges Jahr für »african writing« gewesen sei. Er nehme den Preis daher auch »für all die erzählten und nicht erzählten Geschichten, für all die gehörten und nicht gehörten Autor:innen dieses bemerkenswerten Kontinents« entgegen.

Mit der Auszeichnung von Mohamed Mbougar Sarr mit dem Prix Goncourt, Damon Galguts Erfolg beim Booker-Prize und der Verleihung des Literaturnobelpreises an Abdulrazak Gurnah sind in kürzester Zeit drei Autoren ins Schaufenster des internationalen Literaturbetriebs gestellt worden, die sich in ihren Büchern intensiv mit afrikanischen Themen auseinandersetzen. Hinzu kommt in Deutschland noch die Auszeichnung von Tsitsi Dangarembga mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die Einladung, sich mit der Literatur und den Geschichten des afrikanischen Kontinents auseinanderzusetzen, könnte größer kaum sein.

Die Titel der Shortlist des Booker Prize 2021 | Foto: The Booker Prizes

Während im deutschsprachigen Raum noch über Vielfalt im Literaturbetrieb diskutiert wird, ist man im englischen und französischsprachigen Raum – auch aus Gründen der Kolonialgeschichte – schon weiter. Dies belegen auch die Shortlists für die wichtigsten Literaturpreise in beiden Sprachräumen. Um den Prix Goncourt für den besten französischsprachigen Roman haben der in Tunesien geborene Franzose Sorj Chalandon, der senegalesische Schriftsteller Mohamed Mbougar Sarr, der in Haiti geborene französische Schriftsteller Louis-Philippe Dalembert und die Französin Christine Angot konkurriert. Angot hatte Ende Oktober bereits den renommierten Prix le Médicis gewonnen.

Im Rennen um den Booker-Prize für den besten englischsprachigen Roman, der in Großbritannien oder Irland veröffentlicht wurde, standen mit Patricia Lockwood, Maggie Shipstead und Richard Powers bis zuletzt drei US-amerikanische Autor:innen, der Südafrikaner Damon Galgut, der in Sri Lanka geborene tamilische Schriftsteller Anuk Arudpragasam sowie die somalisch-britische Schriftstellerin Nadifa Mohamed.

Die Romane von Powers und Mohamed liegen bereits in deutscher Übersetzung bei S. Fischer und C.H.Beck vor. Nadifa Mohameds Roman »Der Geist von Tiger Bay« ist wie schon ihre vorangegangenen Werke »Black Mamba Boy« und »Der Garten der verlorenen Seelen« von Susann Urban übersetzt worden, Richard Powers »Erstaunen« haben seine Stammübersetzer:innen Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié übersetzt. Patricia Lockwoods Debütroman, das Internetdrama »Und keiner spricht darüber«, ist für den 8. März 2022 angekündigt. Wann Damon Galguts Roman in deutscher Übersetzung erscheint, ist noch nicht bekanntgegeben.

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