Short Stories beziehungsweise Kurzgeschichten sind wie Diamanten. Umso seltsamer, dass sie sich auf dem deutschen Buchmarkt nicht durchsetzen. Dabei konzentrieren sie das Grandiose der Literatur auf kleinem Raum, wie dieses Dutzend aktueller Erzählbände und Kurzgeschichtensammlungen beweist.
Wirklich erklären kann es niemand. Aber wann immer man mit Verlagsvertreter:innen über Erzählungen und Kurzgeschichten spricht, klingt leise Verzweiflung an. Während im englischsprachigen Raum die Short Story zur Königsdisziplin der Literatur gehört, wird die kurze literarische Form auf dem deutschsprachigen Buchmarkt mit respektvoller Gleichgültigkeit behandelt. Kurzgeschichtensammlungen und Erzählbände verkaufen sich schlecht, als bräuchte es immer einen Roman, um von den Wirrnissen der Welt zu erzählen. Ingo Schulzes »Handy«, Clemens Meyers »Die Nacht, die Lichter«, Clemens Setz »Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes« und Barbi Markovics »Minihorror« beweisen das Gegenteil, auch deshalb sind diese Storysammlungen allesamt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Sie beweisen, dass es sich lohnt, sich mit der kondensierten Form der Literatur auseinanderzusetzen.












Konkreten Anlass bieten die aktuellen Erzählbände von Joyce Carol Oates, Olga Tokarczuk, Ádàm Bodor, Stig Dagerman, Miljenko Jergovic, Jamil Jan Kochai, Louise Kennedy, Bora Chung, Rita Bullwinkel, Marta Dzido, Julia Wolf und Helga Schubert, die in ihrer Vielfalt, in ihrer Präzision und in ihrer Schärfe beweisen, warum die Short Story der geschliffene Diamant der Literatur ist.
- Joyce Carol Oates: Nullsumme
- Olga Tokarczuk: Spiel auf vielen Trommeln
- Ádám Bodor: Waldohreule
- Stig Dagerman: Unser nächtlicher Badeort
- Miljenko Jergovic: Das verrückte Herz
- Jamil Jan Kochai: Die Heimsuchung des Hadschi Kotak
- Louise Kennedy: Das Ende der Welt ist eine Sackgasse
- Bora Chung: Dein Utopia
- Rita Bullwinkel: Belly Up
- Marta Dzido: Schweinebaumeln
- Julia Wolf: Du, Hier
- Helga Schubert: Luft zum Leben
Abgesang mit dem Skalpell
Im englischsprachigen Raum gilt US-amerikanische Autorin Joyce Carol Oates längst als Grande Dame der Literatur, vergleichbar mit Margaret Atwood, Marilynne Robinson oder Joan Didion. Sie, die auf der anderen Seite des Atlantik als »Amerikas herausragendste Erzählerin« und ernstzunehmende Nobelpreiskandidatin gilt, wird aufgrund ihrer Produktivität hierzulande oft eilfertig als Genre- oder gar Unterhaltungsautorin unterschätzt.

Die zwölf Stories, die jetzt in der trittsicheren Übersetzung der unermüdlichen Silvia Morawetz (die im März die Rebekka für langjähriges herausragendes Übersetzen erhalten hat) erschienen sind, beweisen einmal mehr, wie Unrecht man ihr damit tut. Indem sie sich in ihrem vielstimmigen Abgesang auf die liberale Mittelschicht verschiedener Genres bedient, setzt sich Oates auch indirekt von diesen Vorurteilen ab.
»In der Spieltheorie ist ein Nullsummenspiel eines, bei dem es einen Gewinner und einen Verlierer gibt und die Beute an den Gewinner geht«, heißt es in der ersten Erzählung, die die darwinistische Logik zum Grundprinzip der Beziehungskonstellationen ausruft, die Oates hier immer wieder mit überraschenden Wendungen seziert. Die meisten handeln vom ambivalenten Verhältnis zwischen Eltern, Partnern, Kindern und Geschwistern, aber auch professionelle und edukative Abhängigkeiten kommen hier auf den Prüfstand. Tiefenpsychologisch und mehrdimensional geht Oates den (An-)Trieben und Befindlichkeiten des Menschen auf den Grund. Wer das hierzulande auf viele Verlage verteilte Werk der 1938 geborenen Autorin kennt, wird einige Parallelen zu ihren über 40 Romanen ziehen können.
Virtuose Grenzüberschreitungen
Wer meint, dieses Buch schon zu kennen, liegt womöglich nicht ganz falsch. 2006 erschienen bereits einige der hier versammelten Erzählungen in der Übersetzung von Esther Kinsky bei Matthes & Seitz. Seit Olga Tokarczuks Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis 2019 arbeitet Daniel Kampa mit seinem Verlag an einer Werkausgabe. In dem Zug ist nun eine vollständige Ausgabe der fantastischen Erzählungen in einer neuen Übertragung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein erschienen.

Es sind Geschichten, die vom nüchternen Alltag in einer recht gegenwärtigen Realität in die verstörenden Welten einer anderen Wirklichkeit führen, wo sich das Dasein als dringlicher, poetischer und existenzieller darstellt. Die traumhaften, surrealen und märchenhaften Elemente in diesen 19 Geschichten verankern diese Literatur in einem Grund mit doppeltem Boden, der in seiner Durchlässigkeit den Zugang zu anderen Welten ermöglicht. Mit handwerklicher Präzision bedient sie sich der Mittel, mit denen schon Jorge Luis Borges seinen magischen Realismus und Edgar Allan Poe seine tiefenpsychologischen Detektivgeschichten geschaffen hat.
Da greift eine Autorin wortwörtlich in die eigene Geschichte ein, eine geheimnisvolle Tänzerin tritt in einem verfallenen Landgut für die Dorfbevölkerung auf und eine Volontärin betreut in Warschau für ein ominöses Unternehmen einen kranken Mann, der sich für den polnischen Che Guevara hält. Olga Tokarczuk mag hier auf vielen Trommeln spielen, aber vor allem das aus dem Hintergrund den Takt vorgebende Schlaginstrument der Grenzüberschreitung beherrscht sie virtuos.
Die Natur als Konstante
Selten ist ein Buchcover so sprechend wie im Falle dieser über 50 Kurz-Erzählungen fassenden Menschen- und Naturkunde. Ádám Bodor ist ein Meister der Verquickung von Realität und Imagination, das bewies er schon in seinen eindrucksvollen Variationen über die letzten Tage »Die Vögel von Verhovina«. Wie auch, dass die Natur in seinem Werk eine elementare Rolle spielt. Als Konstante hat sie ihn ein Leben lang begleitet. Die doppelte »Waldohreule« auf dem Buchtitel symbolisiert beides, die majestätische Kraft der Natur und die Doppeldeutigkeit der Wirklichkeit, in der sich seine Figuren bewegen.

Der 1936 in Cluj geborene Autor gehört zur ungarischen Minderheit Rumäniens, wie András Visky kennt die Lager der rumänischen Stalinisten von innen. Gut zwanzig Jahre älter fehlt hat Bodor sie als Erwachsener erlebt, die Wirklichkeit politischer Repression durchzieht auch diese mit ihm zusammengestellte Geschichtensammlung, die Timea Tankó einfühlsam und schwebend ins Deutsche gebracht hat. Viele der Geschichten sind im sozialistischen Ungar verortet.
Bodor erzählt auf wenigen Seiten, wie die Menschen in das repressive System des real existierenden Sozialismus verstrickt waren, ob sie wollten oder nicht. Man könne schließlich nicht wissen, »was sich alles im eigenen Kopf verbirgt«, wie es in einer der ersten Geschichten heißt. Diesen dunklen Geheimnissen im Kopf, im eigenen wie dem seiner Leser:innen, geht Ádám Bodor mit Humor und psychologischer Tiefenschärfe in diesen Erzählungen, deren existenzielles Echo aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart hallt, auf den Grund.
Unbestechlich literarisch
Der 1923 nördlich von Uppsala geborene Journalist und Schriftsteller Stig Dagerman galt als eine der vielversprechendsten Stimmen seiner Generation, als er sich 1954 mit gerade einmal 31 Jahren das Leben nahm. Seine erfolgreichsten Romane erschienen in den 1980er Jahren im Suhrkamp Verlag, dann geriet er in Vergessenheit. Sebastian Guggolz und Paul Berf wollten dies nicht auf sich beruhen lassen, als sie 2021 eine Neuübersetzung seiner eindrücklichen Reiseberichte »Deutscher Herbst« aus dem Jahr 1946 herausbrachten. Drei Jahre später folgte die Personenstudie »Gebranntes Kind«, die von einem heranwachsenden Jungen aus Stockholms Arbeiterschicht erzählt.

Nun sind erstmals 16 Erzählungen erschienen, die Paul Berf bewährt stilsicher ins Deutsche gebracht hat. Und man geht nicht zu weit, ihnen eine thematische Nähe zum Morbiden zuzuschreiben, wie Titel wie »Der Baum des Erhängten«, »Der Verurteilte«, »Ein Kind töten« oder »Tausend Jahre bei Gott« vermuten lassen. Aber wie Kristoffer Leandoer in seinem Nachwort schreibt, wurden Dagermans Welten elektrisiert, je näher er dem Tod war.
Das gilt umso mehr für diese Erzählungen, die so facettenreich wie experimentierfreudig sind, die die Abgründe einer Ehe ebenso ausleuchten wie die der Arbeits- und Lebensverhältnisse der einfachen Leute. In den autobiografischen »Memoiren eines Kindes« heißt es: »Die Kunst, ein Dichter zu werden, besteht also unter anderem darin, nicht zuzulassen, dass das Leben oder die Menschen oder das Geld es einem abgewöhnen.« Dieser Band beweist eindrucksvoll, dass sich Dagerman nicht vom Leben hat korrumpieren lassen.
Die Spottdrosseln von Sarajevo
Im Leipziger Gewandhaus sprach der in diesem Jahr mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnete kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic über die alten Schuhe, die zu dutzenden vor den Haustüren bei ihm im Dorf lägen, auch vor seinem. Wenn man etwas nicht übersehen könne, dann diese alten Schlappen, in denen er ein Symbol für die europäische Vielfalt sehen möchte. Mit seinem jüngsten Erzählband schlüpft Jergovic gewissermaßen noch einmal in ein Paar dieser alten Schuhe.

Die von Brigitte Döbert bewundernswert leichtfüßig übersetzten Erzählungen bilden das Echo auf den vor über dreißig Jahren erschienen Band »Sarajevo Marlboro«. Der Autor kehrt noch einmal ins Jahr 1992 zurück, um sich die Geschichten der kulturell, politisch und religiös bunt gemischten Gesellschaft Sarajevos anzuhören. In den knapp dreißig Texten begegnet man serbischen Metzgern und bosnischen Straßenbahnfahrer, todtraurigen Alten und hoffnungsvollen Kindern, schuldbewussten Tätern und verwunderten Opfern. Sie erheben mit dem Abstand von drei Jahrzehnten noch einmal ihre Stimme, um von dem ganz normalen Wahnsinn des Krieges, von kleinen Lügen und großen Wahrheiten zu erzählen.
»Die Münder stehen in unserem Tal nicht still«, heißt es in der titelgebenden Erzählung, die von dem schnattrigen Malermeister Pero Magacioner handelt. In Ermangelung an Aufträgen sattelt er um und repariert vor den Flinten der Scharfschützen die zerschossenen Dächer Sarajevos. Pero hat eben ein verrücktes Herz und Jergovic setzt Menschen wie ihm ein unvergessliches literarisches Denkmal.
Berichte aus Kalifornistan
Der 1992 im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet geborene Jamil Jan Kochai ist in einer Persisch und Paschtu sprechenden Familie in den USA aufgewachsen. Er schreibt auf Englisch und gilt in Amerika längst als eine der interessantesten Stimmen seiner Generation. Sein 2021 hier in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence erschienener Debütroman »99 Nächte in Logar« stand auf der Shortlist des renommierten PEN/Hemingway Award, die Originalausgabe des nun vorliegenden Erzählbands »Die Heimsuchung des Hadschi Kotak« war 2022 für den National Book Award nominiert. Mit einfallsreicher und bewegender Prosa hinterfrage der Autor mit seinen afghanischen Figuren die herkömmlichen Vorstellungen von Ort und Identität.

Kochai versammelt in dem Band ein Dutzend Erzählungen, darunter auch »Metal Gear Solid V: The Phantom Pain spielen«, die zuvor in die Anthologie der Besten Amerikanischen Kurzgeschichten 2020 aufgenommen wurde. Darin beschleichen den Protagonisten die Traumata seiner Familie, während er sich im titelgebenden Ego-Shooter durch das von den Sowjets besetzte Afghanistan mordet. Die Absurdität der Gewalt, insbesondere der amerikanischen, zieht sich wie ein roter Faden durch die zwölf fantastischen Erzählungen. Das normale Leben gerät dabei zunehmend unter die Räder des Krieges.
Die mal in die Groteske, mal ins Surreale flüchtenden Erzählungen wecken Assoziationen zur Prosa von Salman Rushdie, Mohammed Hanif, Ayad Akhtar oder Omar El Akkad. Letzterer lobte diese literarische Heimsuchung als »düstere Anklage« und Fabel, »in der dem Kaiser nicht die Kleider fehlen, sondern das Gewissen«.
Präzise Momentaufnahmen
Die irische Schriftstellerin Louise Kennedy hat sich spät für eine literarische Karriere entschieden. Sie arbeitete dreißig Jahre als Köchin, bevor sie 2023 einen Band mit Kurzgeschichten und kurz darauf ihren ersten Roman veröffentlichte. Mit ihrer packenden Geschichte einer Frau, die im Bürgerkrieg ihren eigenen Weg geht und alle Konventionen über Bord wirft, gewann sie gleich den Irish Book Award. Dieses von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser unter dem Titel »Übertretung« übersetzte Debüt wurde außerdem mit dem Erstlingspreis beim British Book Award ausgezeichnet und auf die Shortlist des Women’s Prize for Fiction gesetzt.

Jene Erzählungssammlung, die kurz vor dem Roman erschien, ist nun unter dem Titel »Das Ende der Welt ist eine Sackgasse« erschienen. Die fünfzehn Erzählungen sind dabei lose miteinander verbunden, Motive, Figuren und Szenarien deuten Überschneidungen an, ohne deren Kenntnis für das Verständnis vorauszusetzen. Im Zentrum der Erzählungen stehen meist Frauen, die vor dem Hintergrund der komplizierten irischen Politik und Geschichte ihren Alltag bewältigen müssen.
Mehr als einmal beschleicht die Protagonistinnen dabei das Gefühl, ihre Welt gehe unter – aber von diesem dumpfen Gefühl nehmen die Geschichten meist erst richtig Fahrt auf. Und da das Leben für Frauen selten Netz und doppelten Boden bereithält, müssen sie selbst die Sicherheitsgurte anlegen. Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser haben die furchtlose Prosa von Louise Kennedy einmal mehr mit feinem Sinn für die Zwischentöne übersetzt. Diese präzise beobachteten Momentaufnahmen am Abgrund sind im besten Sinne existenzialistisch.
Der Mensch und die Maschine
Die südkoreanische Autorin Bora Chung ist hierzulande keine Unbekannte, seit die Übersetzung ihrer Erzählungssammlung »Der Fluch des Hasen« von Ki-Hyang Lee vor zwei Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet wurde. Auf Ki-Hyang Lees »leicht neben die Norm gesetzte Sprache«, die damals für preiswürdig befunden wurde, stößt man auch in der zweiten von ihr übertragenen Kurzgeschichtensammlung der Südkoreanerin.

In acht genreübergreifenden Geschichten entwirft Chung futuristische Welten, die sich durch (Body) Horror, scharfsinnigen Humor und überraschende Wärme auszeichnen. Im Vergleich zum Hasen-Band, dessen englische Übersetzung von Anton Hur für den International Booker Prize 2022 und den National Book Award 2023 nominiert war, bewegen sich die neuen Erzählungen etwas mehr auf eine von Technologie und KI durchdrungene Zukunft zu. Ob diese Zukunft besser oder schlechter ist, lässt Chung weitgehend offen, aber natürlich ist jede Geschichte auch ein Kommentar, hinter dem man die Autorin vermuten kann. Etwa wenn ein mit Gefühlen ausgestatteter Fahrstuhl sich einer Frau aufdrängt, wenn sich Pflanzen gegen das Waffenwetter zur Wehr setzen oder eine Verwaltungsbeamtin mit dem ewigen Leben hadert.
Die Maschinen werden zwar menschlicher werden, die Menschen aber ganz offensichtlich nicht klüger. Häusliche Gewalt, Menschenhass und kapitalistische Ausbeutung wird es auch in Zukunft geben, glaubt man den Erzählungen von Bora Chung, die keine Erlösung versprechen, sondern den Horror des Absehbaren ins strahlende Licht der Groteske stellen.
Zombieapokalypse in Florida
Spätestens mit der Veröffentlichung von Barack Obamas Reading List im Sommer 2024 war die US-amerikanische Autorin Rita Bullwinkel in aller Munde. Obama schwärmte von ihrem Debütroman »Headshot«, dessen deutsche Übersetzung »Schlaglicht« von Christiane Neudecker kurz nach der Empfehlung des ehemaligen US-Präsidenten erschien. Bullwinkel erzählte in ihrem Romandebüt die Geschichten von acht Frauen, die sich an einem heißen Juli-Wochenende in Bob’s Boxing Palace gegenüberstehen.

Zwei Jahre nach dem Debütroman, der für den Booker Prize und den Pulitzer Prize nominiert war, erscheinen nun die 17 in Florida verorteten Kurzgeschichten, mit denen Bullwinkel acht Jahre zuvor auf die literarische Bühne trat. Es ist eine düstere Mischung, die sich da vor dem Auge der Leser:innen ausbreitet, die gleichermaßen mit biblischen Geschichten wie mit den Abgründen der Gegenwart oder dem Horror des Surrealen spielt. Highschool-Mädchen träumen mordlustig von ihrer Verwandlung in eine Pflanze und eine Frau verliert den Verstand, nachdem sie Zeugin eines Autounfalls geworden ist.
In der Geschichte »In Deckung« beschäftigt eine Mutter einen älteren Mann als Busenhalter ihrer Tochter, weil die Wirtschaft so im Keller war, »dass es billiger war, jemanden zu beschäftigen, der ihre Brüste hoch hielt, als ihr einen BH zu kaufen«. Mit solch abseitigen und skurrilen Wendungen erzählt Bullwinkel in ihren schauerlichen Geschichten von der horrenden Gegenwart in Florida. Das Unbehagen über das Unbekannte, das einem in diesen Geschichten begegnet, ist seltsam unbeschwert, ja sogar irgendwie sexy.
Die Lust unterm Rock
Die polnische Autorin Marta Dzido ist 1981 geboren, hat an der Polish Film School in Lodz studiert und bereits mehrere Filme und Bücher veröffentlicht. Mit ihrem Roman »Frajda« hat sie 2018 den European Union Prize for Literature gewonnen. »Schweinebaumeln« ist die erste deutschsprachige Publikation der Autorin und versammelt neun Erzählungen, in denen weibliche Figuren über Lust und Sexualität, Sehnsucht und Begehren nachdenken. Die Geschichten handeln von begehrenden und suchenden Teenagern, verhängnisvollen Affären, der Kraft der Selbstliebe und der Sehnsucht nach Abenteuer.

Dzido schreibt unheimlich authentisch über Lust und Fatalität des Begehrens – verspielt, abgründig, komplex, organisch und unverstellt. In ihren Satzkaskaden, die vermutlich die Schlingen der Leidenschaft nachbilden, erzählt sie nebenbei von der Bigotterie in der polnischen Gesellschaft. Sie scheut weder den direkten Ton – »Ich liebe es, mich zu berühren, mich selbst zu nehmen, mich zu verführen, zu reizen, heißzumachen, mich dann ganz und voller Vertrauen hinzugeben, Liebe zu machen bis zum Umfallen, bis die Kraft ausgeht oder die Handgelenke schmerzen.« – noch die verspielte Poesie, wenn es darum geht, »sich zu wälzen. Zu zerschmelzen. Vögeln. Verzücken. Bumsen. Beglücken. Stöhnen. Verwöhnen. Vor Lust sich winden. Wonne empfinden.«
Antje Ritter-Miller hat diese mit der Autofiktion spielenden und lose verbundenen Erzählungen in einen unwiderstehlichen Rhythmus gebracht. Dzidos sexpositiv-feministischen Erzählungen sind leicht im Ton, aber nie ohne Tiefgang. Und immer ungewöhnlich genug, um den Kitsch zu umschiffen.
Selbstbewusster Rückzug
Die Autorin Julia Wolf mag vielen vor allem als Übersetzerin bekannt sein, das liegt vor allem an Samantha Harvey und Joy Williams, deren erfolgreiche und eindringliche Literatur sie zuletzt mit einigem Aufsehen ins Deutsche übertragen hat. Ihre Übersetzung des mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romans »Umlaufbahnen« von Samantha Harvey war im vergangenen Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Julia Wolf ist aber auch eine der interessantesten Stimmen ihrer Generation, ihr zweiter Roman »Walter Nowak bleibt liegen« war 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert, mit einem Auszug gewann sie 2016 in Klagenfurt den 3sat-Preis.

Mit »Du, hier« erscheint ihr erster Erzählungsband und er ist eine kleine Sensation. Die elf Texte erzählen von Frauen, die sich entschlossen zurückziehen, um der permanenten Anforderung der Welt sowie der Eroberung durch diese aus dem Weg zu gehen. Wolf erzählt von überforderten Müttern und enttäuschten Geliebten, von wütenden Töchtern und langjährigen Freundinnen, die wissend ihre Wunden lecken und sich entschlossen ihren Abgründen stellen, die den Selbsthass abschütteln und die Fäuste ballen.
Wolf hat für ihre pointierten Geschichten ihre Autorenklinge an den Stories unter anderem von Ingeborg Bachmann, Mary Gaitskill, Kristen Roupenian, Carmen Maria Machado, Miranda July, Tillie Olsen und natürlich Joy Williams geschärft. Das Lakonische, Verstörende und Existenzielle hat sie sich aus ihren Literaturen geliehen, um ebenso souverän wie zärtlich vom ganz normalen Wahnsinn zu erzählen, den Frauen in dieser Gegenwart erleben. Die hier versammelten Schicksale schreiben sich unwiderstehlich in das Gedächtnis ein.
Texte gegen die Schnappatmung
Die 1940 geborene Helga Schubert war schon zu DDR-Zeiten eine der anerkanntesten Schriftstellerinnen, nach der Wende zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Um im Alter von 80 Jahren umso fulminanter auf die Bühne der Literatur zurückzukehren. 2020 gewann sie mit ihrer Erzählung »Vom Aufstehen« den Ingeborg-Bachmann-Preis, den gleichen Titel trug auch ihr letzter Erzählband.

Nun ist ein neuer Band mit fast 40 »Geschichten vom Übergang« erschienen, die zwischen 1960 und 2025 entstanden sind. Sie erzählen von den Brücken zwischen verschiedenen Lebensphasen, Geisteszuständen und Systemen, aber auch von der empfindsamen Zeit zwischen der Liebe und der Hoffnung, die sie mit ihrem im August 2025 gestorbenen Mann verband und die sie in Stundenbüchern festgehalten hat. Überhaupt ist Zeit eines der meist verwendeten Worte in diesen Erzählungen, über Nazi-, Schul- und Stillzeiten, Arbeits-, Armee- und die »Zeit der sozialistischen Menschengemeinschaft« fliegt man mit diesen Erzählungen aus dem Alltag durch die Biografie einer Frau, die mit großer innerer Unabhängigkeit sich in der Welt und die Welt um sich herum beobachtet hat.
Selbst die, die sie beobachtet haben, sind dem Blick dieser Autorin von Rang nicht entgangen. In »Die Diktatur ist die Täterin. Oder?« von 2022 hat sie Auszüge aus ihrer Stasiakte verarbeitet. »Man muss alles bei sich behalten, damit man es zu bestimmten Zeiten anderen geben kann«, heißt es in der Erzählung »Blickwinkel« von 1977. Helga Schubert hat die wichtigen Dinge immer in ihren Texten bei sich behalten. In ihnen hat sie sich Luft gemacht und Freiheit gefunden. In ihnen steckt ein ganzes Leben und die Luft, die man zum Atmen braucht.

