Interviews & Porträts, Literatur, Roman

»Von normaler Prosa versuche ich mich fernzuhalten«

Bora Cosic | Foto: Thomas Hummitzsch

Bora Ćosić ist zweifellos einer der größten osteuropäischen Autoren, über dreißig Bücher hat er bislang geschrieben. Mit »Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution« hat er seinen literarischen Durchbruch gefeiert, nun ist in Deutschland erstmals sein in den siebziger Jahren geschriebenes Opus Magnum »Die Tutoren« in der famosen Übersetzung von Brigitte Döbbert erschienen. Ein Gespräch über dieses sprachgewaltige und vielstimmige Werk, das in Jugoslawien zum Kultbuch avancierte, weil dessen Autor auf jeder Seite ein Fest des Oralen feiert und es nicht wie Marcel Proust dabei belässt, das Gewesene zu verehren. 

Herr Ćosić, reden und Schreiben scheinen mir die zwei wichtigsten Verben in Ihrer Welt zu sein. Was bedeutet für Sie Reden, und was bedeutet im Vergleich dazu Reden? (»Denn Gottes Sprache ist das eine, und wie das Volk redet, das andere.«)

Für mich ist die orale Sprache sehr wichtig, auch und besonders in der Literatur. Die geschriebene Sprache, wie immer man sie ästhetisch ausgestaltet, ist immer ein wenig steif. Ich fühle mich hier auch durch das Schreiben viele moderner Autoren bestätigt, die immer mehr von der gesprochen Sprache ausgehen und sich dieser bedienen. Das ganze Buch »Die Tutoren« widmet sich den »irregulären Sprachen«. Ich habe schon damals herausgefunden, dass die gesprochene Sprache deutlich mehr Irregularitäten aufweist als die geschriebene Sprache. Außerdem sprachen die Leute spontan tendenziell fehlerhaft, so wie es aus ihnen herauskommt. Die Korrekturen, die wir beim Schreiben anwenden, gibt es da nicht. Anders gesagt: Menschen sprechen mit Tippfehlern; genau das ist für mich sehr wertvoll.

Nach dem Erscheinen des Romans wurde dieser zu einem Kultbuch in Jugoslawien. Wie kam es dazu und was genau hat es zu einem Kultroman gemacht. Vielleicht können Sie etwas über die besondere jugoslawische Seite des Romans sprechen, die den meisten deutschen Lesern entgehen wird.

»Die Tutoren« waren nie in dem Sinne ein Kultbuch, wie »Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution« es war. Es war eher ein Kultbuch für eine kleinere Gruppe von Menschen, die sich dafür besonders interessiert haben. Denn es war von Anfang an klar, dass dieses Buch deutlich komplexer und komplizierter war. Dass dieses Buch so gute Kritiken bekam, ist zum Einen meinem Verleger Milos Stambolic und dem Norlit-Verlag zu verdanken. Stambolic hat sogar noch ein zusätzliches Buch über »Die Tutoren« geschrieben, dass damals auch gleich mit herausgegeben wurde. Zweitens wurde das Buch damals auch gleich mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet und wurde in die Reihe der 50 wichtigsten serbischen Romane aufgenommen. Aber leider gab es nur eine Auflage, in den vergangenen 35 Jahren wurde der Roman nicht noch einmal aufgelegt.

Ihr Roman ist ein Fest der Sprache, ein Feuerwerk der Stile. Von Dichtung über Volksspiel bis hin zur behördlichen Aufzählung, das alles noch einmal gebrochen im Spiegel von Ironie und Spott. Milos Stambolic schrieb in seiner Studie »Tutori« Bore Cosica, dass es von der ersten bis zur letzten Seiten keine einzige mit normaler Prosa gibt. Gibt es so etwas überhaupt für Sie, normale Prosa?

Ja, es gibt für mich so etwas, aber ich versuche, mich davon so gut es geht fernzuhalten. Ich stimme Stambolics Urteil hier auch einhundertprozentig zu, dass es in meinem Roman keinen einzigen Satz gibt, den man literarisch nennen könnte.

Bora Ćosić: Die Tutoren. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Verlag Schöffling & Co. 792 Seiten. 39,95 Euro.

Sie spielen auf allen Ebenen der Sprache, mit Linguistik, mit Morphologie, mit Semantik, mal poetisch, mal im Amtssprech. Was davon hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Am meisten Spaß hatte ich beim Schreiben der Geschichte im Zug, bei der ich mit einer ganz kitschigen, wunderbar profanen und konventionslosen Sprache spielen konnte. Das war aber nicht nur ein großer Spaß, sondern auch wahnsinnig interessant. Ich habe dabei viel gelernt.

In Ihrem Roman heißt es sinngemäß, dass alles schon geschrieben ist und man nichts Neues mehr schreiben könne. Die Welt der Literatur inszenieren Sie da als unaufhörliche Dauerschleife. Dennoch haben Sie etwas vollkommen Einzigartiges geschaffen, auch und indem Sie sich dessen bedient haben, was da ist. Liest man sich durch Kritiken, werden Vergleiche mit Joyce, Mann oder Rabelais gezogen. Was macht das mit Ihnen? Fühlen Sie sich in der Rolle eines Nachahmers missverstanden oder haben Sie tatsächlich solche Vorbilder beim Schreiben im Kopf gehabt?

Abgesehen davon, dass ich glaube, dass jedes Buch auf etwas aufbaut, was es schon gegeben hat, denke ich auch, dass jedes Buch auch etwas Neues, noch nie Dagewesenes ist. Eine neue Variante, auf die Welt zu schauen. Die erste dieser neuen Variante besteht in der ironischen Bezugnahme auf die Werke, auf denen es steht.

Mit einer Art Enzyklopädie des Theodor Uskoković beginnt Ihr Roman, der aus fünf Büchern besteht, in dem die fünf Tutoren Theodor, Katharina, Laura, Lazar und der Autor, also Sie, Ihre Sicht auf die Welt in Ihrer jeweiligen Zeit präsentieren – ein Fest der Aufzählung, eine Inventur des Weltlichen im Historischen. Ist die übervolle Welt anders nicht mehr zu greifen als durch die reine Inventarisierung? Ist die Welt nicht mehr als eine bloße Ansammlung von Dingen oder ist es am Ende so einfach?

Ich würde niemals behaupten, dass ich weiß, wie die Welt ist. Aber dieses Inventarisieren, das Aufzählen, das ist eine Passion von mir, die ich schon seit meinen Kinderjahren pflege. Mit großer Inbrunst ordne ich ständig notierend die Welt um mich herum. Es gibt auch viele essayistische Texte von mir, in denen das deutlich wird. In Deutschland sind diese leider kaum bekannt, aber einen, nämlich »mixed media« möchte ich dennoch erwähnen, weil er mir sehr wichtig ist (ein großer Auszug davon ist in LETTRE gedruckt worden, A.d.A.). Es ist ein Kultbuch in Kunstkreisen, ein work-in-progress, in dem ich quer durch die Kunst alles inventarisiere und ordne, was mir begegnet. Es ist eine fiktive Kunstgeschichte, in der ich viele aus dem Leben gegriffenen Dinge als Kunst aufgenommen habe, die nicht dem eigentlichen Kunstbegriff entsprechen, hier aber als Kunst erscheinen. Mit dieser Art des Nachstellens von Dingen und Szenen habe ich weit vor den Konzeptualisten angefangen.

Die Aufzählung sei eine Tradition der serbischen Literatur, sagte Ihre Übersetzerin Brigitte Döbbert bei der Buchpremiere in Berlin. Inwiefern ist das so?

Das war noch nicht immer so. In den fünfziger Jahren ist diese Tradition sehr gepfelgt worden, etwa von Danilo Kiš, aber auch von Vasko Popa, dessen komplette Poetik darauf aufbaut, Tiere oder Dinge aufzuzählen. Ursprünglich kommt diese Tradition aus dem Belgrader Naturalismus. Die Belgrader Naturalisten hatten unter dem starken Einfluss der französischen Literatur mit Aufzählungen angefangen, eine eigene Poesie zu entwickeln.

Keim, Heim, Welt, Spiel, Werk – diese Bedeutungen haben Sie Ihren fünf Büchern zugeordnet. Bedeutungen, die auch ihren Blick auf die Welt und was sie im innersten zusammenhält spiegeln?

Diese fünf Wörter sind im serbischen Original gar nicht gedruckt worden, ich hatte sie nur immer im Hinterkopf gehabt, als eine Art heimlichen Konzeptplan. Im Ursprungsmanuskript, das ich Brigitte Döbbert gegeben habe, standen sie aber einmal drin und sie hat sie kurzerhand mit in den Roman eingebunden. Für mich hatte ich diese fünf Begriffe mit zahlreichen weiteren Aufzählungen versehen, die ich darunter geschrieben habe. So hatte ich eine Art Katalog, um mein Schreiben zu ordnen.

Sie haben an anderer Stelle Ihre Prosa einmal als »Scherbensammeln« bezeichnet. Sammeln Sie die Scherben der fragmentierten Wirklichkeit ein und arrangieren Sie neu?

Das ist schon richtig, aber ich betrachte das als einen meiner kindlichen Züge. Kinder nehmen sich gern die Dinge her, die sie umgeben, und bauen daraus etwas Neues, Zweckfremdes.

Ihr Roman ist voller Anspielungen auf die Literatur, die bereits geschrieben ist. Ein Höhepunkt ist zweifellos die Passage, in der Sie auf wenigen Seiten den Kanon der 1000 wichtigsten Liebesromane persiflieren. Da ist vom »Gilgulasch«-Epos die Rede, dem »Leiden der jungen Wörter«, vom »Schatten junger Mädchengrüße« und »David Stoppelfeld«. Wie muss ich mir vorstellen, ist diese Passage entstanden? Bora Ćosić sitzt inmitten der Weltliteratur und ulkt sich durch die Bände?

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Bora Cosic | Foto: Thomas Hummitzsch

Das ist eine rein naturalistische Arbeit für mich, ein Spiel mit der Sprache. In Jugoslawien wurde immer viel ausländische Literatur übersetzt, die Titel, die ich hier verballhorne, waren also alle bekannt. Diese Passage bildet eine Einheit für sich im Roman, die zu Schreiben mir auch einige der vergnüglichsten Stunden beschert hat. Am Anfang stand Rilke, aus dem dann eine kleine Geschichte entstand, die sich dann fast von alleine schrieb. Die Titel, die ich hier verwendet habe, drängten sich geradezu auf, von mir persifliert zu werden. Es war dann wie ein intuitiver Prozess, die Romane in ihrer jeweiligen ironischen Wendung an die richtige Stelle zu sortieren. In der Übersetzung konnten wir dann nicht alles erhalten, weil manche verballhornten Titel stark jugoslawische Bezüge haben, die man in Deutschland nicht verstehen kann. Zitate aus klassischen serbischen Texten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die Bezeichnung regionaler Unternehmen und solche Sachen. Brigitte Döbbert hat dafür ganz hinreißende Lösungen gefunden, im Grunde ist sie selbst dichterisch tätig geworden.

Das Geheimnis von Aufzählungen besteht in der Ordnung, die Ihnen innewohnt. Wie haben Sie diese Ordnung aufrecht halten können? In Ihrem Ferienhaus soll es eine verwirklichte Version von Arno Schmidts »Zettels Traum« gegeben haben. Zettelstapel neben Zettelstapel, so dass Sie nicht einmal haben lüften können, damit keine Unordnung entsteht.

Tatsächlich wohnt Aufzählungen eine besondere Ordnung inne, im Roman ist das insbesondere für das erste Buch »Theodor« von Bedeutung. Beim Schreiben habe ich entdeckt, dass jedes Wörterbuch eine geheime Geschichte in sich trägt. Ganz konkret, als ich das Wörterbuch von Vuk Karadžić entdeckt habe, das vor Theodors Zeit geschrieben wurde. Das habe ich damals nicht wie ein Wörterbuch, sondern wie einen Roman gelesen, aus dem ich mir alle Wörter herausgeschrieben habe, die ich interessant fand. Aus diesen Notizen entstanden ganz viele Zettel – das ist die Zettelwirtschaft, von denen Sie gelesen haben – die ich dann wiederum so sortieren konnte, dass sie eine gesonderte Geschichte erzählen. Ich wollte insgeheim kein Wörterbuch von A bis Z schreiben, sondern in dieses Wörterbuch eine Geschichte einbetten. Wenn man die Anfangswörter nimmt, kann man im Grunde eine eigene Geschichte lesen. Als letztes habe ich mir gedacht, warum die Wörter in diesem Wörterbuch nicht so definieren, als sei der Autor nicht ganz bei Trost. So konnte ich jedes einzelne Element persiflieren und ins Lächerliche verschieben.

Von Bedeutung scheint mir die Kunst für Ihr Schreiben? Auf dem Buchtitel ist »Der Garten der Lüste« von Hieronymus Bosch abgebildet, im Roman selbst ist von Laokoon und Pegasus und zahlreichen anderen klassischen Werken die Rede. Ich selbst musste oft an Pieter Bruegel, Albrecht Dürer und Francisco Goya denken, aber auch an Werner Tübkes Bestiarien des Kommunismus. Alles ist da, zugleich, in- und nebeneinander, aufeinander bezogen und voneinander abgewendet, übervoll chaotisch und doch wohlgeordnet.

Sie haben vollkommen Recht. Ich schätze die Malerei sehr, insbesondere die deutschen Künstler. Neben den genannten auch Werner Richter und Neo Rauch, aber auch das drehe ich ins Absurde. Auch wenn mir die Kunst wichtig und lieb ist, war es für diesen Roman wichtig, sie von meiner Persiflage nicht zu verschonen. Im zweiten Buch »Katharina« gibt es einen in Reimen verfassten Teil, in dem ich meine Figuren mit Hilfe der Poesie in die Bilder dieser Künstler gesetzt habe. Man kann das respektlos nennen, und ich könnte nichts als dem zuzustimmen. Ich wollte nicht wie Marcel Proust vorgehen und alles Gewesene einfach nur verehren, sondern mich vor der Kunst verneigen, indem ich sie dekonstruiere und gewissermaßen in neuer Form entstehen lasse. Vielleicht kann man dieses Vorgehen am besten mit der Kunst von Anselm Kiefer vergleichen.

Im Buch »Katharina« heißt es: »Die ganze Geschichte der Menschheit in fünf Buchstaben.« Ich weiß nicht, inwiefern das dem Original entspricht, aber im Deutschen gäbe es nun mehrere Antworten, die auch im Roman aufgegriffen würden. Liebe, Macht, Markt, aber auch Tutor – all das wäre möglich. Wollen Sie enthüllen, worauf Sie hier anspielen?

Ich habe das absichtlich so offen gelassen, so dass sich jeder Leser selbst seine Antwort aus den fünf Buchstaben bilden kann. Für manchen Leser mag die ganze Welt aus einem Wort bestehen, das wollte ich damit sagen. Im Grunde könnten auch meine heimlichen Kapitelüberschriften (Keim, Heim, Welt, Spiel, Werk; A.d.A.) dort eingesetzt werden. Ich persönlich denke, dass die ganze Geschichte der Menschheit nur eine Bezeichnung braucht, nämlich das Wort. Aus dem Wort kommt alles.

Ihr Roman ist in Jugoslawien bereits 1978 erschienen. Im gesamten Roman geht es um das Verhältnis zwischen Serben und Kroaten sowie Christen (Slawen) und Muslimen (Türken). Ich habe mich gefragt, ob Sie die enormen Spannungen in Jugoslawien schon zu einer Zeit gespürt haben, als noch niemand genau hingeschaut hat. Oder sind sie selbst erschrocken, wie viel von dem, was Sie geschrieben haben, wahr geworden ist?

Leider ist es kein Zufall, dass diese Verhältnisse in meinem Roman eine große Rolle spielen. Ich habe es nicht geahnt, aber befürchtet. Niemand hat das erwarten können, aber in meinem Umfeld gab es einige Freunde, die die unterschwelligen Differenzen damals ebenfalls schon empfunden und sich große Sorgen gemacht haben. Leider habe ich aus familiären Gründen ein besonderes Gespür dafür, denn meine Vorfahren sind kroatische Serben, meine Familie hat diese Herkunft immer zu spüren bekommen. Vielleicht hatte ich deshalb besondere Antennen für die ethnischen Spannungen in Jugoslawien. Meine Eltern, die am meisten unter den ethnischen Vorurteilen zu leiden hatten, haben gegenüber uns Kindern immer darauf geachtet, nie ganzen Völkern die Verantwortung an Diskriminierung oder Gewalt zuzuschreiben. Sie haben immer gesagt, die Menschen sind so oder so. Sätze wie »Die Kroaten sind schuld.« oder »Das ist wegen der Serben.« hat es bei uns nicht gegeben.

Ihnen wird ja immer noch vorgeworfen, dass Sie nicht nationalistisch für die serbische Sache eintreten, sondern nach wie vor Freundschaften in alle ehemals jugoslawischen Länder pflegt. Haben Sie das Gefühl, dass mit der Zeit eine Versöhnung eintritt oder verschärfen sich die nationalistischen Töne.

Die Situation hat sich ein wenig verbessert. Ich kann inzwischen problemlos in diese Länder fahren und habe dort treue Leser, die sich für meine Bücher interessieren. Ich werde vielleicht nicht überall verehrt oder bewundert, aber doch von einigen sehr geschätzt. In Serbien selbst geschehen derzeit seltsame Dinge. In der politischen Verantwortung sind die radikalen Rechten (die Serbische Fortschrittspartei von Staatspräsident Tomislav Nikolić und Ministerpräsident Aleksandar Vučić gehört zum rechtskonservativ-nationalistischen Spektrum Serbiens und unterstützt die rechtspopulistischen Kräfte in der EU; A.d.A.), die für die Europäische Integration aber mehr tun als die linken und sozialdemokratischen Kräfte der Vorgängerregierung. Das heißt keineswegs, dass die regierenden Rechtspopulisten doch nicht so schlimm sind, sondern vielmehr, dass Politik ein Alptraum ist.

Bora Cosic | Foto: Thomas Hummitzsch

Sie selbst sind ja auch ein in Kroatien geborener serbischer Schriftsteller.

Das macht es für beide Seiten nicht einfacher, weder für die Serben, noch für die Kroaten. Vereinnahmungen brauche ich aber nicht zu fürchten. Es ist vielmehr anders herum. In Kroatien etwa gab es große Diskussionen, ob sie mich ins nationale Literaturlexikon aufnehmen sollen, obwohl ich einer der wenigen, in Kroatien geborenen Schriftsteller bin. Aber man wollte lieber darauf verzichten. Und politisch wird es wohl nicht besser werden, denn die aktuelle sozialdemokratische Regierung macht wenig richtig, so dass zu befürchten ist, dass auch hier demnächst die Rechtspopulisten und Nationalisten das Ruder übernehmen.

Zugleich radikalisieren sich in der gesamten Region ja nicht nur die politischen Positionen, sondern auch die religiösen Haltungen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Die zunehmende Hinwendung zum Religiösen sind aus meiner Sicht kein gutes Zeichen für den geistigen Zustand einer Gesellschaft, denn religiöse Dogmen führen oft dazu, die Verhältnisse zu verhärten. Weil sie Vorschriften formulieren, wie Menschen zu leben haben. Deshalb beobachte ich diese Entwicklung sehr skeptisch. Ich bin zwar selbst Atheist, deshalb überrascht das vielleicht nicht, aber meine Vorfahren waren über viele Generationen hinweg orthodoxe Priester.

»Der Roman im klassischen Sinne ist tot«, heißt es bei Ihnen. Entweder man habe es mit einer Chronik oder einem Tagebuch zu tun. Nehmen wir mal an, die Aussage wäre ernst und nicht ironisch gemeint, was wäre dann »Die Tutoren«?

»Die Tutoren« sind zweifellos ein Anti-Roman. Als solcher ist der Roman aber geradezu klassisch, ordnet sich ein in die Reihe zahlreicher Vorgänger wie »Ulysses« oder »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, die alle auf das Mittel der Ironie und der Persiflage zurückgreifen und genau deshalb große Romane sind. Das war also auch eine taktische Entscheidung, ob ich wunderschön und glatt schreibe, wie das viele zeitgenössische Autoren heute machen, oder eine haarige, widerspenstige Methode wähle. Für mich war immer klar, dass mir das Letztere mehr liegt. Selbst Dantes »Göttliche Komödie« ist in meinen Augen eine Persiflage, die aber so klug in eine klare Handlung eingebettet ist, dass das kaum auffällt.

Im Roman heißt es, dass Gottes Sprache das Eine und Volkes Sprache etwas anderes ist. Ist der Roman auch ihr Mittel der Wahl, um mit Ihren Vorvätern aufzuräumen?

Ich denke, jeder Schriftsteller rechnet mit seiner Familie ab, die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorfahren ist beim Schreiben eigentlich unvermeidbar.

Hier geht es zu www.die-tutoren.de, einer Sonderseite zum Roman mit Hintergrundinformationen zu Autor, Werk und Übersetzerin.