Allgemein, Literatur

Das Flüstern der Geschichte

Éric Vuillard legt immer wieder das Ohr auf die Schiene der Geschichte und geht dem Vibrieren des Stahls nach. In seinem neuen Buch »Der Krieg der Armen« widmet er sich dem lautstarken Unterstützer des Deutschen Bauernkriegs Thomas Müntzer.

Reformator Martin Luther gilt Katholiken als großer Revolutionär. Dabei gab es zu Luthers Zeiten einen Kirchenmann, der viel radikaler mit seiner Zeit ins Gericht ging. Der Drucker und Theologe Thomas Müntzer wendete sich nämlich nicht nur in aller Deutlichkeit gegen Rom, so wie es Luther auch tat, sondern stellte sich im Bauernkrieg auf die Seite der armen Leute gegen die weltlichen Regenten. Dass dennoch Luther und nicht Müntzer in die Geschichtsbücher eingezogen ist, ist eigentlich kaum verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass der große Reformator nicht nur seinen geistlichen Kollegen, sondern auch die aufständischen Bauern an die Fürsten verriet.

Wer ist dieser Thomas Müntzer? Der französische Romancier Éric Vuillard hat ihm mit »Der Krieg der Armen« ein emphatisches Porträt geschrieben, in dem er den Motiven und Beweggründen des streitbaren Thüringer Theologen auf den Grund geht. Streitbar nicht, weil er sich mehr als wohlwollend auf die Seite der Armen gestellt hat, sondern weil er seine spiritistische Lehre gleichermaßen mit täuferischen wie apokalyptischen Ansätzen versehen hat. Und Vuillard fasst das in packende Sätze:

»Er drückt sich impulsiv und ungeordnet aus, er folgt dem brennenden Faden seines Verlangens. Denn er, Thomas Müntzer, hat ein Verlangen, und es ist nicht das gleiche Verlangen, das einen zu Müntzer macht, das einen Kardinal werden lässt. Etwas Fürchterliches beseelt und erschüttert ihn. Er ist zornig. Er will die Haut der Mächtigen, er will die Kirche rupfen, er will all diesen Dreckskerlen den Bauch aufschlitzen; aber womöglich weiß er es noch nicht; und vorerst erstickt er. Er will ein Ende machen mit dem Prunk und all dem elenden Luxus! Das Laster und der Reichtum setzen ihm zu, die Kombination aus beidem setzt ihm zu. Sie sollen Angst bekommen.«

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Aus dem Französischen von Nicolas Denis
Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Aus dem Französischen von Nicolas Denis. Matthes & Seitz Berlin 2020. 64 Seiten. 16,00 Euro. Hier bestellen.

Der Wahnsinn, der den Theologen antreibt, wird in diesen wenigen Zeilen greifbar. Aber auch seine sozialrevolutionäre Idee, der Kampf gegen die Reichen und Lasterhaften. Das hat Müntzer auch den Ruf eingebracht, eine jener Figuren in der Menschheitsgeschichte zu sein, die ihrer Zeit voraus waren. Er hat zu viele Kämpfe auf einmal gefochten, vierhundert Jahre später geboren wäre er wohl entweder Kommunist geworden.

Als eine solche Kippfigur ist der Theologe fester Bestandteil der deutschen (Gegenwarts)Literatur. Der durch die Jahrhunderte fliegende Ich-Erzähler in Michael Lentz’ wuchtigen Roman »Schattenfroh« lebt, revoltiert und stirbt in der Rolle Thomas Müntzers. Guntram Vesper stellt den Theologen in seinem preisgekrönten Roman »Frohburg« in eine Reihe mit Spartacus und Ernst Thälmann. Dieser Ruf des Sozialrevolutionärs erklärt wohl auch, warum der Leipziger Maler Werner Tübke ihn in seinem Bauernkriegspanorama als Imitatio Christi mit eigenem Antlitz reproduzierte. Was wiederum zu Kathrin Röggla und ihrem mit dem WORTMELDUNGEN-Literaturpreis ausgezeichneten literarischen Essay führt. In »Bauernkriegspanorama« schreibt sie auf den ersten Seiten, dass die »Nachfahren Thomas Müntzers« wohl die protestierenden Reichs- und Wutbürger, aber auch diejenigen, die um jene lautstark einen großen Bogen machen, sind. Und tatsächlich findet sich in der extremen ideologischen Aufstachelung etwas wieder, was sich in Müntzers Predigten wiederfindet.

Éric Vuillards außerordentliche Fähigkeit besteht darin, der Geschichte Leben einzuhauchen. Ganz egal, ob man sich seinen mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Exkurs zur Übernahme Österreichs durch Hitler-Deutschland »Die Tagesordnung«, seine Sicht auf die Sturm auf die Bastille am »14. Juli« oder nun seinen Blick auf den Bauernkrieg näher betrachtet, das Prinzip ist stets das Gleiche. Stets beschreibt er diese Ereignisse nicht nur aus ungewöhnlichen Perspektiven, sondern auch packend und lebendig.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicolas Denis. Matthes & Seitz Berlin 2018. 128 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen.

Wie ein journalistischer Berichterstatter reist er durch die Zeiten an die Handlungsorte historischer Momente und fängt alles ein, was die menschlichen Sinne einfangen könnten. So wird das Historische zum schwindelerregenden Spektakel und für alle (be)greifbar. Und indem er den übersehenen Existenzen am Rand der verbrieften Ereignisse eine Bühne gibt und ihre ignorierten Perspektiven spiegelt, verschiebt er die Wahrnehmung historischer Ereignisse. Dass seine Erzähler dabei auch an der ein oder anderen Stelle übertreiben oder eigene Akzente setzen, gehört dazu. »Literatur darf alles«, sagte schon der Erzähler in »Die Tagesordnung«. Und in »14. Juli« hieß es: »Man muss erzählen, was nicht geschrieben steht.«

Nicola Denis übersetzt dies immer wieder grandios ins Deutsche. Ihre Übertragungen führen ganz nah heran an den Puls der erzählten Zeit. Überhaupt scheinen die Übersetzer:innen des Franzosen Außerordentliches zu leisten. Die englische Übersetzung von Mark Polizotto »The War of the Poor« stand auf der Shortlist für den International Booker Prize 2021.

Vuillard recherchiert zudem akribisch historische Details, die er dann wieder in Miniaturen in seine ohnehin extrem reduzierten, »vuillard’schen« Geschichtserkundungen einfließen lässt. Hier etwa die Vorläufer des Frankenhauser Bauernaufstands im mittelalterlichen England, wo bereits 150 Jahre vorher der Ziegelbrenner Wat Tyler einen Aufstand gegen die Krone anführte. Vuillards Schilderung der Peasants’ Revolt führt mitten auf das Protestfeld.

»Der Regen rinnt über die Gesichter. Die Bauern marschieren ungeordnet, und sie sind zahlreich, über hunderttausend; sie kommen von überall; ärmliche Mengen rotten sich zusammen. Ein Hund läuft in der Sonne, eine Frau wird verrückt und umarmt alle anderen, ein Rohling tötet seinen Herrn, Weihwasser verbrennt das Gesicht eines Kindes. In London herrscht Panik.«

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Aus dem Französischen von Nicolas Denis

Müntzers Krieg aber sei zunächst ein »Schreibkrieg« gewesen, so Vuillards Berichterstatter, bei dem die Revolution zunächst im Detail gesteckt habe. Das brave Volk Gottes wird erstmals in seinen Briefen zu einem Volk mit Wünschen und Bedürfnissen, das Hoffnungen hat und Enttäuschungen erlebt. Den »armen Laien und Bauern« gehört sein Herz, das lichterloh brennt, je öfter er schreibt. Denn »Müntzer ist ein Mann der Tat, was er schreibt, reißt ihn mit.« So führt es ihn direkt auf das Schlachtfeld, an die Spitze der aufständischen Bauern, die von den fürstlichen Truppen vernichtend vor Frankenhausen geschlagen werden. Der Theologe wird festgenommen, gefoltert, öffentlich hingerichtet und gepfählt.

»Der Krieg der Armen« ist eine Verteidigungsrede für den ersten Sozialrevolutionär der deutschen Geschichte, die deutlich macht, dass nicht nur die Unterdrückung der Machtlosen eine lange Tradition hat, sondern dass die Geschichte auch von den Siegern geschrieben wird. »Die Geschichte ist Philomela, und man hat sie, so heißt es, vergewaltigt, und ihr die Zunge herausgeschnitten, und so zwitschert sie nachts in den Tiefen des Waldes«, heißt es in Vuillards »Krieg der Armen«. Der Franzose versteht dieses Zwitschern ganz augenscheinlich viel besser als viele andere. Er übersetzt das Zwitschern der Geschichte in große Literatur, die in schmalen Büchern daherkommt. Dabei beweist er immer wieder, wie lebendig, gegenwärtig und unmittelbar sich die Geschichte fortsetzt und bis in die Gegenwart hineinwirkt.

1 Kommentare

  1. […] hatte sich der oman gegen die Übersetzungen der aktuellen Romane von Mariana Enríquez, Éric Vuillard, Benjamin Labatut, Olga Ravn und Maria Stepanova. Diops Roman repräsentiere »eine Literatur, die […]

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