Literatur, Roman

Finsteres Denkmal

Die englische Übersetzung von David Diops Roman »Nachts ist unser Blut schwarz« hat vor wenigen Tagen den International Booker Prize gewonnen. Der düstere Roman folgt einem Soldaten aus dem Senegal, der im Ersten Weltkrieg in der französischen Armee dient.

Es ist eine Szene des Grauens, mit der David Diops Roman »Nachts ist unser Blut schwarz« beginnt. Es tobt der Erste Weltkrieg und Diops Erzähler, der Soldat Alfa Ndiaye, hält seinen besten Freund, seinen Seelenbruder in den Armen. Mademba Diop und Alfa Ndiaye haben gemeinsam den Senegal verlassen, um sich in den Gräben von Flandern ihre Meriten zu verdienen und als Helden in die Heimat zurückzukehren. Doch nun liegt Mademba in Alfas Schoß, getroffen von einer Granate, die ihm den Bauch aufgerissen hat. In seinen Händen hält er verzweifelt das hervorquellende Gedärm und wartet auf den Tod. »Dreimal bat er mich, sein Leiden zu beenden, dreimal verwehrte ich ihm diesen Dienst. Das war vorher, bevor ich mir erlaubte, alles zu denken. Wäre ich schon gewesen, der ich heute bin, hätte ich ihn sofort getötet, als er das erste Mal darum bat.«

David Diop ist in Paris geboren und im Senegal aufgewachsen. Sein zweiter Roman, mit dem man ihn hier in Deutschland nun entdecken kann, wurde unter anderem mit dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet. Die englische Übersetzung des schmalen Romans, die Anna Moschovakis vorgenommen hat, wurde gerade mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Durchgesetzt hatte sich der oman gegen die Übersetzungen der aktuellen Romane von Mariana Enríquez, Éric Vuillard, Benjamín Labatut, Olga Ravn und Maria Stepanova. Diops Roman repräsentiere »eine Literatur, die es uns ermöglicht, in die Köpfe anderer Menschen zu schauen«, sagte die britische Schriftstellerin und Journalistin Lucy Hughes-Hallett, die mit in der Jury saß.

Die Geschichte versetzt die Lesenden in den Kopf eines senegalesischen Söldners, der, wie alle der knapp 30.000 afrikanischen Soldaten in den Rängen des französischen Militärs, als so genannter »Senegalschütze« diente. Die Handlung führt uns nicht nur in die schlammigen Gräben und Granatentrichter auf dem Schlachtfeld, die Jacques Tardi in seinen Comics bislang vielleicht am bildmächtigsten beschrieben hat, sondern auch in eine Reha-Klinik im Hinterland und von dort zurück in den Senegal.

David Diop: Nachts ist unser Blut schwarz. Aus dem Französische von Andreas Jandl. Aufbau Verlag 2021. 160 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen.

Die Idee zum Roman kam Diop, als er die Feldpost französischer Soldaten las. »Diese Briefe zeigen oft eine grausame Vertrautheit zwischen dem Krieg und den jungen französischen Soldaten, die nur wenige Stunden oder Tage nach dem Verfassen sterben sollten«, schreibt er in seinem Nachwort. Da die Briefe afrikanischer Soldaten meist sehr administrativ gewesen seien, habe er eine Geschichte schreiben wollen, die zeige, wie ein solcher »Schokosoldat« (so werden die Keïtas und Soumarés, die Diallos und Fayes, Kanes und Tiounes, Dianés, Kouroumas und Bèyes, die Fakolis, Salls, Diengs, Secks, Kas, Cissés, Ndours, Tourés, Camaras, Bas, Falls, Coulibalys, Sonkhos, Sys, Cissokhos, Dramés und Traorés im Roman genannt) den Krieg wohl erlebt haben mag.

Diop, der in Frankreich französischsprachige afrikanische Literatur unterrichtet, führt in seinem Roman in die finstersten Kammern des Krieges, nämlich in die einer zerstörten Seele, die nach dem Verlust des besten Freundes den Boden unter den Füßen verliert und in ein Dunkel gleitet, das nur noch die nackte Gewalt kennt. Denn Alfa wird aus Schuldgefühl heraus seinen Freund rächen, an dessen Seite er im Niemandsland zwischen den Fronten blieb, bis ihn der Tod erlöste. Dieser Rachefeldzug – der wie der gesamte Krieg auch ein Feldzug ist, ein Spiel aus Strategie und Grausamkeit – wird von Diop so plastisch und konkret geschildert, wie man den Krieg nur schildern kann. Wenn seine Einheit in die Schlacht zieht, dann kehrt Alfa immer etwas später in die schützenden Gräben zurück. »Und ich hatte jedes Mal ein feindliches Gewehr dabei – und die Hand, die es gehalten, umklammert, geputzt, gefettet hatte, die Hand, die es geladen, abgefeuert und nachgeladen hatte.«

Die Erzählung von Alfa Ndiaye verweilt nicht auf den Schlachtfeldern Flanderns, sondern verbindet diese mit den existenziellen Kämpfen der Menschen im Senegal. Dahin führt die Geschichte, als Alfa in einer Reha-Klinik zur Ruhe kommt und er darüber nachdenkt, wie er als »böser Hexersoldat« in Europa enden konnte. Die verhängnisvolle Geschichte beginnt weit vor seiner Geburt, als seine Mutter ihre Familie verlässt, um als Geschenk der Dankbarkeit bei einem sehr alten Mann als vierte Ehefrau einzuziehen. Einmal im Jahr erhält sie Besuch von ihrem Vater, doch als der nicht mehr auftaucht, lässt sie ihren Sohn zurück und macht sich auf die Suche. So verschwindet Alfas Mutter aus seinem Leben, er vermutet, dass sie von maurischen Reitern entführt und verkauft wurde. Jahre später zieht er in den Krieg, um das Lösegeld zu verdienen, mit dem er sie freikaufen will.

Doch dort übernimmt schnell der Wahnsinn, der ihn mit Madembas Tod ereilt. Wenn die Nacht über die Schlachtfelder zieht, Ruhe einkehrt und sich alle in die Schützengräben zurückziehen, sucht sich Diops Antiheld in der Stille der Erschöpfung seine Opfer. Dann zieht er sich einen Soldaten aus dem feindlichen Graben und tötet ihn in einem gleichermaßen grausamen wie nüchternen Ritual: »Er brüllt in großer Stille, während ich den Inhalt seines Bauchs komplett heraushole, hinausbefördere in den Regen, Sturm, Schnee oder Mondschein. Wenn in diesem Moment sein Blick aus den blauen Augen nicht für immer erlischt, dann lege ich mich neben ihn, drehe sein Gesicht zu meinem, schaue ihm kurz beim Sterben zu und schneide ihm dann die Kehle durch, glatt und sauber, menschlich. Und für uns alle gilt: Nachts ist unser Blut schwarz.«

Bilder wie diese gehen über die Vorstellungskraft, die man von den Grauen des Krieges hat, hinaus und legen die verletzte Seele offen. In der kunstvollen und zugleich schonungslos offenen Form konnte man das zuletzt bei Robin Robertson und seinem Roman »Wie man langsamer verliert« sehen. Diese kraftvolle Sprache findet sich nicht nur in den Kriegs-, sondern auch in den Liebesszenen. Diop gibt dem pulsierenden Leben in seinem Roman eine schier übermächtige physische Präsenz. Ruhe gibt es hier kaum, vielmehr überträgt sich die Erschütterung der Granateneinschläge direkt auf den Seelenzustand des Erzählers. Andreas Jandl hat das packend übersetzt. Sein deutscher Text hat eine ungeheure Unmittelbarkeit und Kraft, aus der sich ein unwahrscheinlicher Sog in die Erzählung hinein entwickelt. Das Buchcover spielt zudem Klug mit den Motiven der Nacht und des Blutes.

David Diops Roman »Nachts ist unser Blut schwarz« ist ein überwältigender Text, der auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs und dort in den Kopf eines der Soldaten führt, die von der Geschichte vielleicht nicht vergessen, aber doch weitgehend ignoriert sind. Diesen Soldaten aus Afrika, die Frankreich im Ersten Weltkrieg gedient haben, setzt dieser Roman ein eindrucksvolles Denkmal.