Film, Kino

Geliebtes Beirut

Lana Daher: Do You Love me | © AFP Arguileh On The Beach (20015) by Patrick Baz

Die libanesische Filmemacherin Lana Daher hat ihrer Geburtsstadt Beirut ein cineastisches Denkmal gesetzt. In ihrem Film »Do You Love Me« zeichnet sie in über 20.000 Schnipseln die wechselvolle Geschichte von Libanons Hauptstadt und ihren Menschen nach.

Es braucht nicht die eine Geschichte, um das Gedächtnis einer Gesellschaft abzubilden, sondern die Geschichten der vielen. Dieser Gedanke hilft, wenn man sich die 70-minütige Collage ansieht, mit der Lana Daher ihr Bild des Libanon zeichnet. Ihr Film »Do You Love Me«, der im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, ist eine audiovisuelle Hommage an ein Land und seine Menschen, die in diesen Tagen viel zu schnell mit den Kriegen im Nahen Osten verbunden werden.

Lana Daher: Do You Love Me. Rapid Eye Movies 2026. 75 Minuten. Kinostart: 7. Mai
Lana Daher: Do You Love Me. Rapid Eye Movies 2026. 75 Minuten. Kinostart: 7. Mai

Dabei hat der Libanon viel mehr zu bieten als eine Kriegs- und Gewaltgeschichte. Ja, es gäbe viel Gewalt, räumt auch Daher ein, aber es gäbe eben auch viel Kunst, Musik und Liebe. Und genau damit erzählt sie eine andere und dabei nicht weniger ehrliche Geschichte des Libanon. Ihr filmischer Liebesbrief basiert dabei auf Bildern aus dem Archiv, die Einblick in Leben und Überleben, Freude und Intimität, Zerstörung und Verlust im Libanon gewähren.

Dabei vertraut sie voll und ganz auf die Wirkung der Bilder und der Geschichten, die sie zu erzählen imstande sind. In enger Taktung montiert sie sie aneinander, um von einer lebendigen, aber immer auch wieder komplizierten Liebe zu erzählen.

Lana Daher: Do You Love me | © The Boombox (1995) by Fouad Elkoury
Lana Daher: Do You Love me | © The Boombox (1995) by Fouad Elkoury

»Beirut ist meine Heimat. Eine Stadt, die zwischen Gewalt und Durchhaltevermögen, Zerbrechlichkeit und Erneuerung schwebt und ein starkes Gefühl von Identität und Beharrlichkeit ausstrahlt, aber auch eine tiefe Verletzlichkeit. Hier zu leben bedeutet, sich wieder und wieder zwischen Extremen zurechtzufinden.«

Lana Daher: Do You Love Me

Man sieht Frauen tanzen, zuhause und in Diskotheken, schüchtern und lasziv, mit und ohne Männer, auf der Straße oder hinter geschlossenen Vorhängen. Was diese Bilder verbindet, ist die Tatsache, dass sie existieren. Und damit, dass diese Tänzerinnen existiert haben.

Immer wieder montiert Daher Motive aneinander, zwischen denen Jahrzehnte liegen, als hätten sie schon immer aneinandergereiht gehört. Menschen im Auto, oft Männer, mal mit, mal ohne Waffen. Mal schießen sie aus dem Fenster, dann wieder werfen sie Kassetten auf die Straße, weil niemand diese Musik hören darf. Man sieht Frauen in ihren vier Wänden, die mal neugierig, mal ängstlich den Geräuschen außerhalb der Wohnung lauschen. Sie zeigt Menschen, die über die Konflikte und ihre Herkunft diskutieren, über das Neben- und Gegeneinander der Konfessionen und die Frage, wie es weitergehen soll. Sie zeigt Familien- und Straßenfeste, Straßensperren von Polizei und Milizen, Schusswechsel und Bombeneinschläge, stets unterlegt von einem Soundtrack, der die Vielfalt des Libanon auf die Tonspur überträgt.

Lana Daher: Do You Love me | © Whispers (1980) by Maroun Bagdadi
Lana Daher: Do You Love me | © Whispers (1980) by Maroun Bagdadi

Es ist ein wilder Mix, mit dem die 1983 geborene Filmemacherin und DJane hier die Geschichte ihres Landes erzählt, die in den Schulen nicht vermittelt wird. Es ist unweigerlich eine von Gewalt und Zerstörung geprägte Geschichte, der Bürgerkrieg in den 80ern sowie die Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah haben das Land unweigerlich geprägt. »Do You Love Me« ist aber auch eine Geschichte des Widerstands, die sich vor den Menschen in den Ruinen Beiruts verneigt. Es ist eine Geschichte der Brände und der Explosionen, die von Zerstörung und Vernichtung erzählt. Eine Geschichte der Auswanderung und der Rückkehr, der Erinnerung und der Veränderung, des Luftanhaltens und des Luftholens. Diese Geschichte schreibt sich jeden Tag neu und ist doch schon tausende Mal geschrieben. Lana Daher hat sie aus den Archiven geholt.

Lana Daher: Do You Love me | © Pink Smoke (2020) by Ben Hubbard
Lana Daher: Do You Love me | © Pink Smoke (2020) by Ben Hubbard

Sie arbeitet mit Archivmaterial aus Film und Fernsehen, verschränkt private Videoarchive mit dem fotografischen Gedächtnis der letzten Jahrzehnte, führt Film-, Musik- und Tanzkultur aus dem Libanon zusammen, um all das aus dem Vergessen zu holen, auf das die Täter der letzten Jahrzehnte so oft gesetzt haben.

Wer nicht weiß, dass Beirut einst als Paris des Ostens galt, wird es spätestens in Lana Dahers Film erfahren können, der im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen führt, wie modern und westlich diese Gesellschaft einst war, bevor sie zwischen die Fronten der Geopolitik geraten ist. Beirut blüht in diesem Film auf, wird aber auch immer wieder in Schutt und Asche gelegt. Man kann die Geschichte dieser Stadt nicht ohne ihre permanente Gefährdung erzählen.

Unter https://www.doyouloveme.film/ arbeitet Lana Daher am Archiv des cineastischen Kulturerbes Libanons
Unter https://www.doyouloveme.film/ arbeitet Lana Daher am Archiv des cineastischen Kulturerbes Libanons

»Do You Love Me« ist ein lebendiges, wehmütiges und strahlendes Kunstwerk, das mit den Filmgenres spielt. Mal fühlt man sie wie in einem Heist-Movie, dann wie in einer Liebesschnulze, um plötzlich in eine Kriegsreportage zu rutschen. Allein das ist ganz großes Kino. Dass all das auf dem Filmerbe des Libanon beruht, das aufgrund der immer wieder aufflammenden Kämpfe ständig der Gefahr der Zerstörung ausgesetzt ist, macht diesen Film zudem zu einem Stück Kulturerbe, an dessen Archiv die Filmemacherin aktiv arbeitet.