Literatur, Roman

Im Labyrinth eines Verbrechens

© Thomas Hummitzsch

Nach dem Welterfolg von »Der Junge im gestreiften Pyjama« ist es um den irischen Autor John Boyne ruhiger geworden. Nach der Fortsetzung seines Bestsellers mit »Als die Welt zerbrach« ist nun sein Elemente-Quartett erschienen, eine Romanreihe über Missbrauch, Schuld und Heilung.

Kaum eine Erzählung zieht Menschen so magisch an wie die des Verbrechens. Aus Krimi und historischen Dokumentationen wurde True Crime, ein Genre, das sich als Film, als Podcast und als Literatur gleichermaßen großer Beliebtheit erfreuen kann. Diesem Trend macht sich John Boyne gewissermaßen zunutze, auch wenn hinter seinem Elemente-Quartett kein einzelner Fall steht. Vielmehr speisen sich die vier miteinander verwobenen Geschichten aus den unzähligen Missbrauchsfällen, die in den vergangenen Dekaden aufgedeckt wurden. Dabei spannt er mit einem dichten Netzwerk aus Figuren einen erzählerischen Bogen über Zeiten und Kontinente, um von abscheulichen Verbrechen und dem Überleben zu erzählen.

John Boynes Elemente-Quartett in deutscher Übersetzung

Vanessa führt ein sorgenloses Leben als Repräsentantin in Dublin. Als Gattin des Vorsitzenden des irischen Schwimmverbandes besteht ihre Aufgabe darin, zu Lächeln, wann immer es angebracht ist. Das Lächeln aber vergeht ihr, als ihr Mann Brendan wegen sexuellem Missbrauch angeklagt wird. Vanessa flieht auf eine kleine Insel vor der irischen Küste. Sie wird dort neu anfangen und versuchen, etwas von der Schuld ihres Mannes abzutragen. Im Mittelpunkt des zweiten Romans steht ein junger Fußballer von jener kleinen irischen Insel. In London soll Evan Keogh gefilmt haben, wie sein Freund ein junges Mädchen vergewaltigt hat. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren, in dem die Aussage des jungen Fußballers, der selbst schlimmsten Missbrauch erlebt, zum Zünglein an der Waage wird. In dem Verfahren taucht auch Freya Petrus auf, die als Ärztin Gewaltopfern hilft und im Zentrum des dritten Romans steht. Doch all die Hilfe hat einen Preis, in ihr wächst eine Wut, die sie bald nicht mehr kontrollieren kann. In ihrer Geschichte gibt es einen jungen Assistenten namens Aaron Umber, der als Kind selbst Gewalt erfahren hat und Opfer von Freyas Trauma wird. Dem muss er sich im vierten Teil stellen, in dem sein schwieriges Verhältnis zu seinem Sohn Emmet im Mittelpunkt steht.

Boynes Romane sind von mehr als einem halben Dutzend Übersetzer:innen ins Deutsche gebracht worden, Brigitte Jakobeit, Werner-Löcher-Lawrence, Adelheid Zöfel, Sonja Finck, Michael Schickenberg, Maria Hummitzsch und Nicolai von Schweder-Schreiner sind die wichtigsten. Letztgenannte haben nun jeweils zwei Romane des Quartetts übersetzt, Schweder-Schreiner die ersten zwei Romane, Hummitzsch die beiden die Reihe abschließenden. Dass die emotionale Erzählung trotz der spezifischen Rahmung (dazu gleich mehr) nicht in den Kitsch kippt, ist ihrer stilsicheren Übertragung zu verdanken.

John Boynes Elemente-Quartett im Original

»Wasser«, »Erde«, »Feuer« und »Luft« lauten die Titel der vier deutschsprachigen Ausgaben von Boynes Mini-Romanen, die im Original erst einzeln und schließlich als geschlossene Erzählung erschienen sind. Das macht auch durchaus Sinn, denn dabei fügen sich die vier Erzählungen von »The Elements« zu einem epischen Werk über Missbrauch und seine Folgen aus, in dem Wegbereiter, Mitwisser, Komplizen, Opfer und Täter zu Wort kommen. Dass diese Rollen oft an den Rändern verschwimmen, Opfer auch Täter oder Mitwisser sind, gehört zu dem psychologisch klugen Arrangement dieser gleichermaßen verstörenden wie faszinierenden Erzählung.

Das gilt auch für die Motive, die in den Romantiteln anklingen. Das »Wasser« verweist auf die Insel, auf die sich Vanessa Carvin zurückzieht, die »Erde« auf den Fussballgrund, in dem aber auch das Handy mit dem Video der Vergewaltigung verschwindet. Das »Feuer« verweist auf Freyas ärztliche Spezialisierung auf Verbrennungen, aber auch auf die Wut, die in ihr lodert. Und die »Luft« im vierten Teil auf den Flug, auf dem sich Aaron mit seinem Sohn Emmet befindet.

Englische Gesamtausgabe von »The Elements«

Diese Rahmung erhält durch die Publikation der vier einzelnen Romane (statt eines Gesamtbandes) eine unglückliche Betonung, weil man beim Lesen immer wieder nach den Elementen Ausschau hält. Dabei entstehen seltsame Szenen, etwa wenn sich Freya in »Feuer« an eine Mutprobe erinnert, bei der sie lebendig begraben wurde. Die vier Elemente erhalten hier (aber auch in den anderen Teilen) seltsame Cameo-Auftritte.

»Mein unbändiges Bedürfnis nach Wasser. Das Geräusch der Erde, die sie schaufelweise auf meinen improvisierten Sarg warfen. Und der starke Drang nach Luft, während ich durch den dünnen Atemschlauch, mit dem sie mich zurückgelassen hatten, so viel einsog, wie ich nur konnte. Nur eines der vier Elemente – Feuer – fehlte in dieser Nacht, aber seine Zeit würde noch kommen.«

John Boyne: Feuer (in der Übersetzung von Maria Hummitzsch)
John Boyne: Wasser. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag 2025. 144 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://www.piper.de/buecher/wasser-isbn-978-3-492-07391-2
John Boyne: Wasser. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag 2025. 144 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Derlei Szenen lenken unnötig vom eigentlichen Thema dieser Erzählung ab, in der Permanent die Nähe von Schuld und Unschuld, Leid und Scham befragt wird. Wie eng diese beieinander sind, wird bereits am Ende des ersten Teils deutlich, als Vanessa mit ihrer Tochter Rebecca spricht. Die beichtet ihrer Mutter, dass sie ihrer Schwester Emma nicht geglaubt habe, als sie ihr am Abend vor ihrem Tod erzählte, dass ihr Vater sie missbrauch.

»Ich bin schockiert. Einerseits würde ich ihr am liebsten eine Ohrfeige verpassen, sie zu Boden reißen und sie treten, bis sie sich krümmt. Gleichzeitig will ich sie in die Arme nehmen und ihr erklären, dass wir beide weder unschuldig noch schuldig sind und dass wir bis ans Ende unseres Lebens damit klarkommen und einander verzeihen müssen, wenn wir das irgendwie durchstehen wollen.«

John Boyne: Wasser (in der Übertragung von Nicolai von Schweder-Schreiner)
John Boyne: Erde. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://www.piper.de/buecher/erde-isbn-978-3-492-07392-9
John Boyne: Erde. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Das irgendwie durchstehen wollen – das gilt gewissermaßen für alle Hauptfiguren in den vier Romanteilen. Sie alle sind konfrontiert mit Traumata und Gewissenskonflikten, mit ihren eigenen seelischen Schmerzen und der bohrenden Frage nach der eigenen Verantwortung. Boyne weiß, wie man ein großes erzählerisches Räderwerk zum Laufen bringt, nicht umsonst hat sich sein Weltbestseller »Der Junge im gestreiften Pyjama« in mehr als 60 Sprachen (die deutsche Übersetzung hat Brigitte Jakobeit vorgenommen) über elf Millionen Mal verkauft.

Boyne arbeitet in seiner Missbrauchs-Erzählung mit Cliffhangern und Hooks, um die Geschichten seiner Figuren über Rückblicke und Erinnerungen miteinander zu einem ebenso packenden wie bedrückenden Sozialdrama zu verweben. In die Dialoge flicht er eloquent die Kontroversen der Gegenwart ein, die von sexuellem Missbrauch über toxische Eltern-Kind-Beziehungen, Machtmissbrauch, Homophobie und vieles mehr. So kann man einzelne Passagen des Elemente-Quartetts auch als Kommentar auf die oft eindimensionalen Debatten unserer Zeit lesen. Vermutlich ein Grund, warum die französische Übersetzung des Elemente-Quartetts von Sophie Aslanides im vergangenen Jahr mit dem Prix Femina Étranger ausgezeichnet wurde und sich gegen die übersetzten Romane u.a. von Jenny Erpenbeck, Elif Shafak, Sigrid Nunez, Andre O’Hagan, Paul Harding oder Natasha Brown durchsetzte.

John Boynes erfolgreichste Romane

Der zweite Teil der Romanreihe hatte im vergangenen Jahr auch eine Kontroverse ausgelöst. Als es »Water« im vergangenen Jahr – vermutlich aufgrund seiner homosexuellen Hauptfigur – auf die Longlist des für LGBTIQ+-Literatur gewidmeten Polari Prize schaffte, traten eine Jurorin und zahlreiche Nominierte zurück, weil sich Boyle zuvor mit J.K Rowling solidarisierte und sich als »a fellow TURF« bezeichnete. Der Preis wurde nach emotionalen Debatten pausiert, Boyne selbst sprach von einem literarischen Skandal.

Kleine und große Skandale kommen in seinen Romanen immer wieder vor. Eine Moral kann man daraus nicht ziehen, auch wenn die Figuren sich durchaus ihre Gedanken machen. »Wie können wir als Gesellschaft daraus lernen? Wie können wir verhindern, dass es wieder passiert?», fragt Freya eine Frau namens Rebecca, die zweite Tochter von Brendan Carvin, dem verurteilten Vorsitzenden des irischen Schwimmverbandes aus dem ersten Teil. Und die antwortet in der Übersetzung von Maria Hummitzsch in aller Deutlichkeit, dass sie die Gesellschaft »einen Scheiß« interessiere. »Niemand von uns kann für die Dinge verantwortlich gemacht werden, die in den dunkelsten Winkeln unseres Innern lauern. Aber in unseren Leben? O ja, da schon.« Ihre Gedanken lägen bei den Menschen, deren Leben von Missbrauch und Gewalt zerstört sind. Dies gilt auch für Boynes gesamtes Epos, das von seiner Empathie für die Opfer gleich welchen Ranges lebt.

John Boyne: Feuer. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://www.piper.de/buecher/feuer-isbn-978-3-492-07393-6
John Boyne: Feuer. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Diese Empfindsamkeit für die Opfer liegt vermutlich auch in Boynes eigener Missbrauchserfahrung begründet. Im Begleitinterview des Verlags erzählt er, dass er im Schreibprozess vieles aus den Erfahrungen gezogen habe, die er als Teenager durch einen meiner Lehrer in Dublin erlitten habe. In seinem Roman »Die Geschichte der Einsamkeit« habe er diese Zeit aufgearbeitet. Boyne führt seinen Fall in dem Gespräch weiter aus.

»Der Mann, der mich missbraucht hat, sollte eigentlich im März 2024 vor Gericht kommen, aber er starb, ehe man ihn zur Rechenschaft ziehen konnte. Er war einer von etlichen Missbrauchstätern an meiner Schule, und viele von uns wollten ihn für seine Taten belangen. Ich schätze mich glücklich über meine Fähigkeit, vergangene Traumata kreativ verarbeiten und darüber schreiben zu können. Mir hat das sehr geholfen.«

John Boyne im Begleitinterview zur Romanreihe
John Boyne: Luft. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen https://www.piper.de/buecher/luft-isbn-978-3-492-07394-3
John Boyne: Luft. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Piper Verlag 2025. 162 Seiten. 18,- Euro. Hier bestellen.

Am Ende führt die Erzählung wieder zurück auf die irische Insel, auf die sich Vanessa zurückgezogen hatte. Aaron wird begreifen, dass er seinem Sohn Emmet und dessen Freundin Rebecca Raum geben muss, will er das Verhältnis heilen. In den letzten Szenen geht er baden und Boyne lässt ihn noch einmal die Elemente herbeirufen, um den Roman abzuschließen.

»Ich tauche wieder hinab, blende alle Geräusche der Welt um mich herum aus, aber behalte die Augen offen und starre in die pechschwarze Tiefe des Wassers, spüre das Ziehen der Erde, das Feuer in mir und die Luft in meinen Lungen. Noch bin ich nicht so weit, aber eines Tages werde ich es sein. Eins mit mir, eins mit dem Universum, und – endlich – eins mit den Elementen.«

John Boyne: Luft (in der Übersetzung von Maria Hummitzsch)