Klassiker, Literatur

Das Gewicht der Performance

© Thomas Hummitzsch

Mit der Neuübersetzung des »Decameron« von Luis Ruby und der Erstübersetzung der »Filocolo«-Legende von Moritz Rauchhaus sind zum 650. Todestag von Giovanni Boccaccio zwei zentrale Werke des italienischen Renaissance-Schriftstellers erschienen. Boccaccios Zeit begegnet einem in beiden Werken, seine verspielte Sprache nur im »Decameron«.

»Menschlich ist es, Mitgefühl mit den Leidenden zu empfinden, und wenn dies jedem Einzelnen gut ansteht, so ist es in besonderem Maße von jenen gefordert, die selbst schon einmal des Trostes bedurft und ihn bei anderen gefunden haben, und wenn das jemals einer brauchte, es ihm lieb war oder Vergnügen bereitete, so zähle zu diesen auch ich.« Mit diesem Geständnis beginnt der bekannteste Text von Giovanni Boccaccio, der als Erbe von Dante Alighieri neben Francesco Petrarca und Giovanni Pico della Mirandola als der bedeutendste Vertreter des italienischen Humanismus in der Frührenaissance gilt. Die einhundert Novellen, die er in seinem frivolen Zehntagewerk »Decameron« zu einer großen Erzählung über die italienische Gesellschaft seiner Zeit zusammengeführt hat, machen ihn zu einem der Wegbereiter des modernen Romans.

Giovanni Boccaccio: Decameron. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. Manesse Verlag 2025. 880 Seiten. 98,- Euro. Hier bestellen https://presse.penguinrandomhouse.de/decameron/978-3-7175-2571-4
Giovanni Boccaccio: Decameron. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. Manesse Verlag 2025. 880 Seiten. 98,- Euro. Hier bestellen.

Darin lässt Boccaccio sieben Frauen und drei Männer aus Florenz in ein italienisches Landhaus fliehen. Während im Zentrum der Renaissance die Pest tobt, lenken sich die Flüchtlinge in der Provinz ab. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie sich zehn Tage lang Geschichten zu bestimmten Themen. Erst geht es um Dinge, die den Erzähler:innen am nächsten sind, dann um schicksalhafte Wendungen, schließlich um List und Tücke, dann um Liebe und Erotik sowie um beigelegte Kontroversen und Streitigkeiten innerhalb und außerhalb der Ehe und so weiter. Jeder Tag enthält je eine Novelle von jeder Figur, der Reigen endet stets mit dem Singen eines gemeinsamen Liedes.

Wie radikal Boccaccio in seinem Hauptwerk den Wechsel vom Erzählen in Versen in ein prosaisches Erzählen vorantrieb, kann man der Neuübersetzung von Luis Ruby entnehmen, mit der nun endlich wieder eine Gesamtübersetzung dieses bahnbrechenden Werkes vorliegt. In eleganten Ketten erstrecken sich die Sätze über viele Zeilen, die Melodie steckt hier in den langen Bögen, die Ruby schlägt. Er habe bewusst darauf verzichtet, »durch Unterteilung in einfache Satzstrukturen die syntaktische und gedankliche Komplexität des Originals mundgerecht zu machen« und »von der deutschen Idiomatik her freier zu formulieren und einen Erzählfluss herzustellen, wie er sich dabei «von selbst» ergeben könnte«, schreibt er in einem lesenswerten Essay, der seiner Übersetzung nachgestellt ist.

Eine Übersetzung, zwei Ausgaben

Er habe auch nicht versucht, seine Übersetzung durch Rückgriff auf Patina zu historisieren oder »durch Verzeitgeistigung die schrille Illusion zu erzeugen, sie sei aus dem Heute heraus geschrieben«, liest man in der prächtigen Leinenausgabe, die der Manesse-Verlag zum 650. Todestag des Autors einmal mit und einmal ohne goldenen Schnitt herausgebracht hat. Statt der klassischen Motive, die den Text illustrieren, hätte man sich bei dem stolzen Preis etwas Moderneres gewünscht, Fotografien von Nadav Kander oder Hellen van Meene hätten eine gute Alternative darstellen können. Aber gut, das sind editorische Kleinigkeiten, die nur von der Übersetzung ablenken.

Ruby, der vor allem für seine Lispector-Übersetzungen bekannt ist, hat sich für seine Übertragung an der Situation des Erzählens orientiert und die gesprochene Sprache zur Grundlage seiner Übertragung gemacht. Übersetzen sei schließlich »keine Form der Kartographie, sondern des Lesens und Darstellens – im besten Fall dancing about literature«, wie er in einem Essay zur Boccaccio-Übersetzung für das Toledo-Programm schreibt.

Er hat also, wenn man so will, weniger mit den Augen als vielmehr mit dem Gehör gearbeitet, um Boccaccios ebenso munteren wie unterhaltsamen Sprechtext in ein performatives Klangspiel zu verwandeln. Dabei holt er die Erzählung aus dem 14. Jahrhundert, indem er ihre Eigenheiten hebt, statt sie zu brechen. Etwa wenn Dioneo die Geschichte erzählt, wie Bruder Zwiebel einige Bauern hinters Licht führt:

»Er ist faul, ein Schand- und ein Lügenmaul; nachlässig, aufsässig und gehässig; wenig verlässlich, äußerst vergesslich und an Manieren grässlich.«

Giovanni Boccacio: Decameron (in der Übersetzung von Luis Ruby)

Was hier ganz verspielt und geradezu tänzerisch klingt, wird andernorts elegisch, wenn sich Satzkette an Satzkette zu einem epischen Textkörper reiht, etwa wenn Pampinea davon berichtet, wie Meister Alberto auf ehrenhafte Weise die Damenwelt beschimpft:

»Diese derart gestreiften, bemalten, karierten Damen sitzen entweder stumm und fühllos wie Marmorstatuen da, oder sie antworten, wenn sie gefragt werden, so, dass sie besser daran täten, zu schweigen, und dabei reden sie sich ein, ihre Unfähigkeit, sich unter ihresgleichen oder auch mit edlen Männern zu unterhalten, gründe auf ihrer geistigen Reinheit, und nennen ihre Einfalt Ehrbarkeit, wie wenn es keine ehrbare Dame gäbe als jene, die sich mit der Magd oder der Wäscherin oder Bäckerin unterhält.«

Giovanni Boccacio: Decameron (in der Übersetzung von Luis Ruby)

In solch sehr gut lesbaren, langen syntaktischen Ketten wird die Syntax zum Taktgeber der Erzählung, die sich an Tempo und Rhythmus eines perfomativen Sprechakts ausrichtet. Binnenverse werden dabei spielerisch aufgegriffen und in die größeren Strukturen eingeflochten, man hört sie, sobald man aufhört, über die Zeilen zu fliegen, sondern in einen tänzerischen Rhythmus wechselt.

Giovanni Boccaccio: Decameron. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. Manesse Verlag 2025. 880 Seiten. 160,- Euro. Hier bestellen https://www.penguin.de/buecher/giovanni-boccaccio-decameron/buch/9783717525868
Giovanni Boccaccio: Decameron. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. Manesse Verlag 2025. 880 Seiten. 160,- Euro. Hier bestellen.

Boccaccios »Decamerone« galt aufgrund seiner zahlreichen Anspielungen bis weit ins 20. Jahrhundert als anstößiges Werk. Es ist ein Vergnügen, in Rubys Übertragung dieses augenzwinkernde Spiel aus Genauigkeit und Sprachwitz nachzuvollziehen; auch über viele hundert Seiten hinweg. Da heißt es etwa in Anspielung an die weiblichen und männlichen Geschlechtsteile in Dioneos Erzählung am zweiten Tag:

»Und wenn ich jetzt in mörserischer Sünde lebe, so will ich den Stößel so lange in mir behalten, wie es nur geht.«

Giovanni Boccacio: Decameron (in der Übersetzung von Luis Ruby)

Hunderte Seiten und dutzende Novellen später erzählt Gulfardo eine Geschichte priesterlicher Unzucht und bedient sich desselben Bildes:

»Belcolore bittet Gott, dass Ihr nie wieder den Stößel in ihren Mörser steckt. Denn bei dieser Sauce habt Ihr Euch nicht mit Ehre bekleckert.«

Giovanni Boccacio: Decameron (in der Übersetzung von Luis Ruby)

Neben solchen Details stößt man auch immer wieder auf spannende Wort- und Satzkreationen, mit denen Ruby die opulente Sprechweise von Boccaccios Plaudertaschen in die Gegenwart trägt. Für seine Übersetzung gilt gleichermaßen das, was der Autor selbst seinem fulminanten Werk hintanstellte:

»Im Übrigen zweifle ich nicht daran, dass manche unter Euch sagen werden, das Erzählte sei zu ausschweifend, voller Sprüche und Spötteleien, und so etwas geschrieben zu haben passe schlecht zu einem gewogenen und gewichtigen Mann. Diesen nun bin ich sehr verpflichtet und danke ihnen, weil sie sich von löblichem Eifer bewegt um meinen Ruf sorgen. Ihrem Einwand indes antworte ich wie folgt: Ich gestehe, man hat mich gewogen, und das in meinem Leben schon so manches Mal. Deshalb versichere ich jenen, die mich noch nicht gewogen haben: Ich bin nicht gewichtig, von wegen, ich bin so leicht, dass ich im Wasser schwebe.«

Giovanni Boccacio: Decameron (in der Übersetzung von Luis Ruby)

So leicht und schwebend ist ist Boccaccios Erstlingswerk jedoch nicht. Das kann man nun erstmals mit Moritz Rauchhaus Übersetzung von »Filocolo oder die verschlungenen Wege der Liebe« feststellen. Gut zwanzig Jahre vor dem »Decameron« entstanden hat Boccacio hier erstmals in »volkssprachiger Prosa« geschrieben – damals ein absolutes Novum. Den zehn mal zehn Novellen des »Decameron« gingen 459 Kapitel in fünf Büchern voran, in denen die mittelalterliche Legende des Königssohns Florio (hier unter dem Pseudonym Filocolo) und seiner großen Liebe Biancifiore erzählt wird.

Giovanni Boccaccio: Filocolo oder Die verschlungenen Wege der Liebe. Aus dem Italienischen von Moritz Rauchhaus. Die Andere Bibliothek 2025. 864 Seiten. 66 Euro. Hier bestellen https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/filocolo/978-3-8477-0488-1
Giovanni Boccaccio: Filocolo oder Die verschlungenen Wege der Liebe. Aus dem Italienischen von Moritz Rauchhaus. Die Andere Bibliothek 2025. 864 Seiten. 66 Euro. Hier bestellen.

Moritz Rauchhaus hat zum italienischen Spätmittelalter gearbeitet, 2024 hat er den Nachwuchspreis beim deutsch-italienischen Übersetzerpreis für seine Übertragung von Giovanni Boccaccios »Büchlein zum Lob Dantes« erhalten. Sieben Jahre hat er an der Übertragung von Boccaccios Erstling gesessen, der in der Wissenschaft vor allem selbst als konfus gilt, spielt er doch gleichermaßen mit antiken wie mittelalterlichen Elementen, ohne dass diese wirklich zu einem ganzen verschmelzen. Keine guten Voraussetzungen für eine moderne Erstübersetzung.

Es ist Rauchhaus dennoch hoch anzurechnen, dass er diese Lücke geschlossen hat, wenngleich er dabei einen anderen Weg geht als Ruby. Im direkten Vergleich beider Texte fällt auf, dass Rauchhaus Übersetzung syntaktisch weniger komplex ist als Rubys Übertragung. »Die Übersetzung soll eine einfachere Zugänglichkeit auf Deutsch schaffen und nicht in den huldigenden Ton eines alten Meisters verfallen«, begründet er seine Entscheidung, die hypotaktischen Satzgefüge aus dem Original in mundgerechte und nüchterne Relativsätze aufzulösen.

Giovanni Boccaccio: Büchlein zum Lob Dantes. Aus dem Italienischen von Moritz Rauchhaus. Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2021. 112 Seiten. 12,- Euro. Hier bestellen http://daskulturellegedaechtnis.de/work/boccaccio/
Giovanni Boccaccio: Büchlein zum Lob Dantes. Aus dem Italienischen von Moritz Rauchhaus. Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2021. 112 Seiten. 12,- Euro. Hier bestellen.

Das macht im ersten Moment zwar die Lektüre zugänglicher, nimmt ihr aber den spezifischen Rhythmus des Gesprochenen, mit dem man auf die Strecke vermutlich besser durch diesen voluminösen Roman käme. Auch ist die sprachliche Verspieltheit Boccaccios, die das »Decameron« ausmacht, hier nicht zu erkennen. Ob dies am Original liegt und sich der Italiener in den zehn Jahren nach dem »Filocolo« als Autor neu erfunden hat oder an übersetzerischen Entscheidungen, ist schwer zu sagen. Das Spiel mit der Sprache, das Rubys Übersetzung des »Decameron« immer wieder ausmacht, die Suche nach Rhythmus und innerem Klang, bleibt Rauchhaus »Filocolo« schuldig. Wo »Decameron« schwebt, bleibt »Filocolo« gewichtig und hölzern.

»Sie war voller Freude über solch eine Gnade und lobte die himmlischen Götter über alle Maßen. Als der König die Neuigkeiten hörte, freute er sich sehr, denn bis zu diesem Tag hatte er ohne einen Sohn gelebt. In den alten Tempeln Marmorinas stand kein Altar ohne fromme Feuer und die sorglosen Jungen feierten rauschende Feste mit Gesang und verschiedener Musik. Durch die Luft tönten die nicht enden wollenden Schellenklänge der vielen Turniere, und die Ausgelassenheit hielt noch einige Tage lang an.«

Giovanni Boccaccio: Filocolo (in der Übersetzung von Moritz Rauchhaus)

Mit Blick auf das »Decameron« ist die Lektüre dennoch lohnenswert. Vor allem die Festgesellschaft, auf die Filocolo außerhalb von Neapel im vierten Kapitel trifft, ist von Interesse. Die vertreibt sich die heißen Mittagsstunden im Schatten mit einem Spiel, bei dem reihum Geschichten erzählt werden. »Während im «Filocolo» diese Form des Erzählens also noch in eine größere Handlung eingebettet ist, wird Boccaccio ihr mit seinem «Decameron» in der Länge ein eigenes Buch widmen«, schreibt Rauchhaus in seinem Vorwort. Der Roman beweise, »dass eine völlig unterschätzte Währung der Liebe die Zeit ist«, erklärt Rauchhaus im Gespräch zu seiner Übersetzung.

»Die gemeinsamen Momente sind immer zu kurz, die Trennung immer zu lang. Deshalb kostet der Roman jedes Grübeln, jedes Hadern, jedes Zögern, aber auch jeden Kampf, jedes Wiedersehen und jeden Freudentaumel genüsslich aus und entwickelt dadurch einen Sog, der die manchmal chaotisch anmutenden fünf Bücher zu einer Einheit verschmelzen lässt.«

Felix Rauchhaus über »Filocolo«
Illustriert von Kraft plus Wiechmann

Man würde das gern unterschreiben. Aber tatsächlich bleibt der Sog aus, vermutlich weil die Einheit zwischen den vielen Sätzen nicht entstehen will. Der junge Rebell, der die Grenzen der Literatur testet, fand in Rauchhaus keinen ebenso wagemutigen Gegenüber. Die »verschlungenen Wege der Liebe«, von denen Boccaccio in »Filocolo« erzählen will, finden sich nicht in der Sprache wieder. Die scheint wohlsortiert, statt verschlungen, doch in der Ordnung geht etwas vom Zauber verloren.

Wenn in Rubys »Decameron«-Übertragung die menschliche Atmung die Lektüre in einen harmonischen Rhythmus bringt, gerät man in Rauchhaus »Filocolo«-Übersetzung immer wieder aus dem Takt. Dieser menschliche Aspekt des Parlando geht hier verloren, was überaus bedauerlich angesichts der langjährigen Übersetzungsarbeit ist. Um sich Giovanni Boccaccios Welt und Werk zu erschließen, lohnen sich beide Bände. Wer den Autor und Stilisten entdecken will, dem sei Rubys »Decameron« ans Herz gelegt.