Heute Abend wird in Hamburg zum sechsten Mal der Deutsche Sachbuchpreis vergeben. Acht Bücher zu Debatten und Fragen unserer Zeit stehen zur Auswahl. Auffällig ist, dass mehrere der nominierten Titel mit mehr oder weniger fiktiven Szenarios arbeiten.
»Was soll ich tun?« Auf der Suche nach Antworten auf diese kantische Grundfrage gäben die acht für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Titel »Orientierung, indem sie vorausblicken und zurückschauen, den Blick in die Weite richten oder ein Problem besonders scharf konturieren«, begründete die siebenköpfige Jury Ende April ihre Auswahl. Besonderen Wert habe sie bei der Sichtung der 239 Einreichungen aus 132 Verlagen auf die sprachliche Gestalt gelegt, hieß es weiter, da »in Zeiten explodierender Textfluten aus künstlichen Quellen« die sprachliche Durchdringung der Gegenwart in einer verständlichen Weise als Wert an sich erscheine.
Deutscher Sachbuchpreis 2026 – Die Nominierten








Die Auswahl der Jury zeigt, wie breit die gesellschaftlichen Herausforderungen und Debatten sind. Neben zwei ziemlich unterschiedlichen Biografien geht es um den Aufstieg und Fall der Deutschland AG, die Zukunft der internationalen Politik, die Last der Vergangenheit in der Gegenwart Russlands, um medizinethische Kontroversen, Künstliche Intelligenz und die Frage, wie es um die Meinungsfreiheit in Deutschland steht.
Heike Behrend: Gespräche mit einem Toten – Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee
Die Ethnologin Heike Behrend spiegelt in ihrer Biografie des selbsternannten Propheten, Deutschnationalen, Lebensreformer und Dissidenten Gustaf Nagel die gesellschaftliche Unsicherheit der Gegenwart. Sie rückt mit dem Altmärker Natur-Apostel eine schillernde Figur in das Zentrum ihres neuen Buches, der mit der Moderne haderte und daraus sein Programm strickte.

Heike Behrend war bereits 2021 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert, nachdem sie zuvor mit ihrer Ethnologie »Menschwerdung eines Affen« bereits den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hatte. Auslöser ihrer neuerlichen ethnologischen Recherche war ein Besuch in ihrem Elternhaus, wo sie erstmals auf Nagel und sein wechselhaftes Schicksal stieß. In ihrem Buch zeichnet sie die Biografie eines Mannes nach, der sich im 20. Jahrhundert in so vielen Rollen wiederfand: als Stellvertreter Christi auf Erden, als Naturapologet und Vegetarier, als deutschnationaler Antisemit und konservativer Frauenhasser, als KZ- und Stasi-Häftling, der sich über Postkarten und Fotografien immer wieder selbst in Szene setzte. Eine Figur, wie man sie sich nicht ausdenken kann – und wie sie die Wissenschaft in der DDR vergessen machen wollte.
Behrend schreibt hier mit den Mitteln der Ethnologie sowie der Heimatkunde eine Art Alternativgeschichte, die sich immer wieder gegen die offizielle Geschichtsschreibung stellt. Der Nagel-Forscherin Christine Meyer sowie den Heimatforschern, auf deren Arbeiten sie sich bezieht, baut sie zudem ein kleines Podium, um die Bedeutung dieser lokalen Grundlagenforschung zu betonen.
»So entsteht eine gut lesbare Analyse, die zeigt, wie Krisenerfahrungen, Orientierungssehnsucht, alternative Lebensentwürfe, Medieninszenierung und Heimatdiskurse ineinandergreifen«, lobt die Jury.
Florence Gaub: Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel
Die deutsche Militärberaterin Florence Gaub hat in ihrem nominierten Buch einen spielerischen Zugang zur Zukunft gewählt, um von der Gegenwart und den Optionen, die sie bietet, zu erzählen. Ganz nach dem Gaming-Ansatz »Choose Your Own Adventure» denkt sie sich in 101 Abschnitten durch die trüben geopolitischen Fahrwasser unserer Zeit.

Ausgehend von Mustern, Daten und ihrem im Laufe der Jahre gewachsenen Gefühl für politische Dynamiken geht sie der wichtigsten Frage unserer Zeit nach: Was wäre wenn? Ihre Leser:innen versetzt sie dafür in die zweite Reihe der Weltpolitik, wo sie zwar keine direkte Entscheidungsgewalt haben, aber als politische Berater:innen aktiv werden können. Ausgangspunkt ihres geostrategischen Literaturspiels ist die Nachricht, dass ein norwegisches Forschungsschiff östlich von Spitzbergen, sehr nah an russischen Hoheitsgewässern, havariert sei. Nichts ist bekannt, aber die Gerüchteküche brodelt, von einer Cyberattacke über einen Drohnenangriff bis hin zu Materialermüdung oder menschlichem Versagen kann alles möglich sein. Florence Gaub nimmt diese Konstellation, um in die Tiefen der Weltpolitik abzutauchen, Dinge zu beruhigen oder zu eskalieren, Entwicklungen konsequent weiterzudenken und Unvorhergesehenes zuzulassen. Sie zeichnet die Handlungsoptionen auf und lässt ihre Leser:innen entscheiden, wie es weitergeht.
Dieser Ansatz, mit Szenarien zu arbeiten und Leser:innen in eine simulierte Verantwortung zu holen, ist gleich in doppelter Hinsicht grandios. Zum einen macht er dem Mythos einfacher politischer Entscheidungen ein Ende. Zum anderen birgt er das Potential, jene nächtelang zum Lesen zu bringen, die normalerweise im Gamingsessel versinken. Florence Gaub legt eine Simulation der Welt vor, die kaum etwas auslässt und so die Angst vor einer ungewissen Zukunft nimmt.
»Die Vielfalt der lesbaren Zukünfte bringt nicht nur Form und These dieses Buches kreativ in Resonanz», lobt begeistert die Jury. »Auf immer neuen Wegen lernt man auch, wie faszinierend internationale Politik sein kann.«
Tilmann Lahme: Thomas Mann – Ein Leben
Im letzten Jahr wurde der 150. Geburtstag des großen Zauberers gefeiert, Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biografie stach aus den Sachbuchtiteln im Mann-Jahr heraus. Nach seiner Biografie von Golo Mann und seiner Familiengeschichte »Die Manns« war es nur konsequent, sich irgendwann dem Literaturnobelpreisträger selbst zuzuwenden.

Auslöser, eine eigene Biografie über Thomas Mann zu schreiben, war ein ungutes Gefühl beim Lesen der autobiografischen Texte des Autors der »Buddenbrocks« und des »Zauberbergs«. Ihm kam Spanisch vor, wie Mann darin über sich selbst schrieb. Statt der Ambivalenzen, die man aus seinen Romanen kennt, sei da alles glatt und harmonisch gewesen. »Kaum Widerstände, keine Zweifel, eine gradlinige Erfolgsgeschichte im Leben und in der Literatur«, wie Lahme in einem Interview zum Buch erklärt. Als müsste hinter der glänzenden Fassade etwas verborgen werden.
Diese Fassade reisst Lahmes Biografie ein, die das Leben des Schriftstellers auch durch die Linse der Sexualität liest. »Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf« schreibt Lahme in seinem Buch, das dieser Geschichte auf den Grund geht. Der das große Seelenleiden des Zauberers freilegt und zeigt, wie seine Homosexualität sein Leben, Denken und Schreiben, seinen Weltschmerz und seinen Selbstwert geprägt hat. Dafür wertet der Literaturhistoriker nicht nur bislang unveröffentlichte Briefe und einen ungedruckten Essay von Susan Sontag über einen Besuch bei Thomas Mann aus. Er geht auch mit der bisherigen Thomas-Mann-Forschung hart ins Gericht, weil sie relevante Forschungsfragen von Grund auf für unzulässig erklärt und Platzverweise erteilt habe.
»Lahme hält das Gleichgewicht zwischen emphatischer Nähe und kritischer Distanz zu seinem Gegenstand auf vorbildliche Weise«, lobt die Jury in ihrer Begründung, »und schafft so ein umfassendes Bild des schillerndsten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts.«
Konstantin Richter: Dreihundert Männer – Aufstieg und Fall der Deutschland AG
Der Autor und Journalist Konstantin Richter erzählt in seinem Buch »Dreihundert Männer«, wie ein kleiner Kreis von Männern jahrzehntelang über die wirtschaftlichen Geschicke Deutschlands bestimmt hat. Dabei bewegt er sich von der Kaiserzeit bis in die Neunziger Jahre, in denen er nicht nur die wirtschaftspolitischen Entscheidungen einer kritischen Analyse unterzieht, sondern auch die persönlichen Eigenschaften von deutschen Industriellen, Bankern und Managern in den Blick nimmt.

Sein Blick in die Geschichte der Deutschland AG präsentiert eine männliche Elite, die vor Selbstbewusstsein und Arroganz nur so strotzt. Ihre Verwicklung in den Holocaust ändert daran so gut wie nichts, macht den eingeschworenen Kreis nur noch verschwiegener. Geradezu ikonisch gilt hier die Aussage des langjährigen Vorstands der Deutschen Bank Hermann Josef Abs, der in der Zeit des Deutschen Wirtschaftswunders mit folgenden Worten zitiert wird: »Meine Damen und Herren, wenn ich weniger wüsste, könnte ich Ihnen mehr erzählen.«
Die Geschichte der Deutschland AG führt in die Hinterzimmer der deutschen Wirtschaftspolitik, wo die Verantwortlichen von Großkonzernen wie BASF, MAN und RWE, von Karstadt, Südzucker und Heidelberger Zement mit den Managern von Allianz und Deutscher Bank ihre Absprachen trafen. Richter zeichnet diese ambivalente Historie der persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Verflechtung in einer Mischung aus Quellenanalyse und anekdotischer Beweisführung nach, für die er nicht nur die Geschäftsberichte der Unternehmen, sondern auch die Tagebücher und Autobiografien ihrer Vorstände gelesen hat. So zeichnet er ein Bild eines verschworenen Bündnisses, das bis in die Gegenwart nachwirkt.
»Dreihundert Männer« sei »ein eindringliches, erhellendes Buch über die Kontinuität von Einfluss und Ordnung in 150 Jahren deutscher Wirtschaftsgeschichte«, so die Jury in ihrer Begründung.
Irina Scherbakowa: Der Schlüssel würde noch passen – Moskauer Erinnerungen
Die Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial und Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa blickt in ihren »Moskauer Erinnerungen« zurück auf die 1990er Jahre, in denen Wandel, Aufbruch und Freiheit in Russland möglich waren. Ihr Buch ist deshalb kein klassisches Sachbuch in dem Sinne, sondern eine anekdotische Erzählung, die den Illusionen, Hoffnungen und Enttäuschungen auf den Grund geht.

Der Titel, so erklärte Scherbakowa bei der Vorstellung der nominierten Bücher, klinge optimistischer als sie selbst sei. Als Historikerin sei ihr zu sehr bewusst, dass die russische Gesellschaft ihre Chance gehabt hätte, jetzt aber in einer vollkommen anderen Situation sei. Es gäbe keinen Weg zurück, dennoch sei die ehrliche Auseinandersetzung mit dieser Zeit von immenser Bedeutung. Denn um nichts werde in Russland so erbittert gestritten wie um die 1990er Jahre.
Als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 in seine zweite Phase überging, die bis heute andauert, verließ sie als eine der wenigen in Russland verbliebenen Oppositionellen das Land. Seither lebt sie in Berlin und beobachtet, wie sich die russische Gesellschaft mehr und mehr in eine stalinistische Gesellschaft verwandelt. Während es zu Zeiten der Sowjetunion keine Stalin-Denkmäler auf russischem Boden gab, nehmen sie seit Putins Machtübernahme stetig zu. In ihrem von Jennie Seitz und Ruth Altendorfer übersetzten Buch – es ist nach Omri Boehms »Radikaler Universalismus« erst das zweite Mal, dass ein übersetztes Buch für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert wurde – zeichnet Scherbakowa die schwierige Arbeit von Memorial nach und zeigt, wie das Land durch Zensur, oligarchische Wirtschaftsordnung und politische Unterdrückung in eine Art Staatsterrorismus rutschte, in der die Wahrheit zum Feind erklärt wurde. Mit den Geschichten zahlreicher Menschen, denen sie begegnet ist, erzählt sie, was mit der russischen Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten passiert ist.
Die Jury hat dieser persönliche Rückblick überzeugt. »Dieses Buch, mit all den mutigen großen und kleinen Menschen, die darin vorkommen, ist nicht nur großartig geschrieben«, schreibt sie begeistert. »Es macht Hoffnung.«
Bettina Schöne-Seifert: Leben, Körper, Tod – Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik
Bettina Schöne-Seiferts Herangehensweise an die existenziellen Fragen des Lebens erinnert an Florence Gaubs aktivierende geopolitische Zukunftsdeutung. In zwölf Szenarien geht die Medizinethikerin aktuellen Kontroversen auf den Grund, die in die Grauzone von Körperpolitik, Leben und Tod führen.

Ist die Hilfe beim Suizid eine ärztliche Aufgabe? Was ist dran an »My Body, My Choice«? Wie kann man die Organspende ethisch gut regeln? Darf man Menschen zum Impfen zwingen? Dürfen Ärzt:innen nach Wahrscheinlichkeiten behandeln? Oder sollte man gleich besser der Künstlichen Intelligenz vertrauen, bevor man sich in die Hände der »Götter in Weiß« begibt? Solchen Fragen geht das langjährige Mitglied im Deutschen Ethikrat in ihrem Buch nach. Dahinter steht eine moralphilosophische Grundfrage: Wie sollen wir handeln?
Um diese Frage zu klären, hat Schöne-Seiferts einen spannenden Ansatz gewählt. Sie steigt jeweils mit einer konkreten Alltagsgeschichte ein, um von den oft theorielastigen und ideologischen Debatten weg hin zu alltagspraktischen Dilemmata der Betroffenen zu führen. Im Anschluss klärt sie nüchtern über Hintergründe und Fakten auf, die mit der jeweiligen Kontroverse einhergehen. Bei der Organspende wären das beispielsweise Informationen zum Stand der Technik in der Transplantationsmedizin, zu Zahlen und rechtlichen Regelungen zur Organspende in Deutschland und international. Erst dann geht sie hinein in die Kontroverse, erläutert die verschiedenen Argumente, um schlussendlich ein persönliches Fazit mit Bezug zur Eingangsgeschichte zu ziehen. So geht sie in allen zwölf Fällen vor, um ihre Leser:innen zu informieren und zu involvieren, um sie selbst zur Debatte einzuladen.
Die Jury hat diese Kombination von rechtsphilosophischer und alltagspraktischer Annäherung überzeugt, weil sie helfe, »innere und gesellschaftliche Konflikte mit einer größeren Distanz betrachten zu können, intrinsische Widersprüche zu erkennen und damit einen persönlichen Handlungsspielraum zu gewinnen, der weniger durch Schuldgefühle oder implizite Werte als durch Reflexion entsteht.»
Roberto Simanowski: Sprachmaschinen – Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz
Nichts wird aktuell heftiger diskutiert als die Möglichkeiten und Gefahren von Künstlicher Intelligenz. Der Kulturwissenschaftler und Medienphilosoph Roberto Simanowski knüpft genau da an, weil er die laufenden Debatten meist als unterkomplex und panisch empfinde. Ihm geht es in seiner »Philosophie der künstlichen Intelligenz« um eine viel grundsätzlichere Frage. Er geht der Möglichkeit auf den Grund, was passiert, wenn die Werte des Silicon Valley über Large Language Modelle wie ChatGPT oder Claude in alle Welt verbreitet werden.

Statt panisch den AI-Doomsday an den Horizont zu zeichnen, geht es Simanowski darum, die wichtigen und richtigen Fragen zu stellen. Etwa wann man KI einsetzen sollte und wann nicht. Er selbst hat da eine klare Haltung. Künstliche Intelligenzen sollte man nur befragen, wenn man klüger ist, es sei schließlich auch nur der Weg, den sie wähle spannend, nie das Ziel. Beim Einsatz von KI müsse man zudem auch im Hinterkopf behalten, dass es an Regulierung fehle. Warum das wichtig ist? Weil es einen Unterschied darstellt, ob die KI im Sinne ihres Besitzers, also dem Unternehmen, oder ihres Auftraggebers, also dem User, agiert. Der Deutschlandfunk-Podcast »Die OpenAI Story« führt eindrucksvoll vor Augen, dass man in dem Geschäftsfeld niemandem blind vertrauen sollte.
»Sprachmaschinen« ist auch eine persönliche Abrechnung mit der Künstlichen Intelligenz, deren Macher ja vor sich hertragen, die besseren Lösungen zu finden, die besseren Fragen zu stellen und die besseren Antworten zu liefern. Bei allem Respekt vor den rechnerischen Möglichkeiten zeigt Simanowski auch die Schwächen der computerbasierten Antwortmaschinen sowie die fehlende Regulierung ihres Einsatzes auf. Wer sich selbst entmündigen möchte, kann bei jeder Gelegenheit zu ChatGPT greifen. Alle anderen sollten vorher noch einmal darüber nachdenken, wer sie selbst sein wollen, so Simanowskis Plädoyer.
Der Medienphilosoph mache nicht nur deutlich, dass künstliche Intelligenz die Welt verändert, findet die Jury. Künstliche Intelligenz sei auch »ein philosophisches Projekt, dass uns anhält, noch einmal gründlich über uns selbst nachzudenken.«
Ronen Steinke: Meinungsfreiheit – Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen
Der Satz »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen« ist zu einer der meist gebrauchten Phrasen im gesellschaftlichen Diskurs geworden. Als würde einem in Deutschland allenthalben der Mund verboten. Dabei macht schon die Struktur der eingangs zitierten Aussage deutlich, dass man meist schon loswerden kann, was man los werden will. Und dennoch beschleicht einen inzwischen ein ungutes Gefühl, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.

Der Journalist und Jurist Ronen Steinke geht diesem Gefühl in seinem aktuellen Buch auf den Grund. In sechs Kapiteln diskutiert er, wie es in Deutschland um die Meinungsfreiheit steht. Er sorgt sich um die Streitkultur in einem Land, in dem die Anzeigen wegen Politikerbeleidigung ein Höchstmaß erreicht haben, wundert sich über die Angst vor der Kraft der Worte, verteidigt das Recht auf Religionskritik, setzt sich mit dem beliebten Topos der Nazivergleiche auseinander, fragt – auch vor dem Hintergrund der Gazaproteste – nach der Kritikfähigkeit der Mächtigen und setzt sich mit dem Phänomen der bewussten Desinformation auseinander. Es geht um Rassismus, Frauenhass und Antisemitismus, um Israelkritik, Politikerbashing und Blasphemie.
Bemerkenswert ist, dass auch Steinke auf ein spielerisches Verfahren setzt. Ähnlich wie Bettina Schöne-Seifert steigt er mit alltagspraktischen Fragen ein, um seine Leser:innen zu fragen, ob sie diese oder jene Meinung, diese oder jene Intervention, diese oder jene Sanktion angemessen, legitim oder überzogen finden. Wer Steinkes Texte aus der Süddeutschen Zeitung kennt, der kann sich denken, dass das nicht gut für die Mächtigen ausgeht. Steinke hat wenig übrig für das oft übergriffige Verhalten von Staat und Polizeiapparat, die Debatten, die die juristische Grauzone berühren, ermöglichen und nicht verbieten sollen. Meinungen, die empören oder verstören, müssen ausgehalten werden, ein Verbot lässt sie nicht verschwinden. Die rote Linie, da ist Steinke glasklar, verläuft bei der Androhung oder Ausübung von Gewalt.
»Steinke versteht als Jurist sowohl die Feinheiten des Rechts, schafft es als Journalist aber auch, darüber in klarer Sprache zu schreiben«, urteilt die Jury. »Und wegen dieser Klarheit ist das Buch wichtig.«
Im vergangenen Jahr überraschte die Jury damit, dass sie mit Ulli Lusts »Die Frau als Mensch« erstmals einen Comic mit dem Deutschen Sachbuchpreis auszeichnete. Auch die diesjährige Jury hat die Möglichkeit, ungewöhnliche Erzählweisen zu belohnen. Denn legt man die eingangs zitierte moralphilosophische Frage »Was soll ich tun?« der Entscheidungsfindung zugrunde, dürften die Florence Gaub, Bettina Schöne-Seifert und Ronen Steinke die besten Chancen auf den Preis haben. Im Vertrauen auf konkrete Szenarien geben sie auf diese Frage in unterschiedlichen Kontexten konkrete Antworten.
Ich persönlich favorisiere Florence Gaub, weil sie die weltweite Geopolitik mit der subjektiven Entscheidungsfindung spielerisch zusammenführt und der allgemeinen Politikverdrossenheit eine mitreißende Erkundung der eigenen Entscheidungsfähigkeit entgegensetzt. Kein anderes der nominierten Sachbücher durchdringt die Gegenwart derart umfassend wie dieses.
Aber jede Jury hat ihre eigenen Dynamiken. Wer den Deutschen Sachbuchpreis 2026 gewinnt, wird heute Abend in der Hamburger Elbphilharmonie bekanntgegeben.

