Literatur, Roman

Sprache in zänkischen Zeiten

Antje Rávik Strubel bezieht bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises Position im Meinungsstreit um Fragen von Benennungen und Bezeichnungen. Ihre Dankesrede war ein Plädoyer für die Offenheit und Beweglichkeit der Sprache. Um eine Normalität greifen zu können, die normal ist, weil sie ist und nicht weil sie gut oder schlecht ist.

Sie hätte am liebsten nur ein paar Worte über Sprache als ästhetischen Spielplatz gesagt, aber am Ende wurde es doch viel mehr. Antje Rávik Strubel hat am Abend den Deutschen Buchpreis für ihren Roman »Blaue Frau« gewonnen. Sie setzte sich damit gegen die Romane von Mithu Melanie Sanyal, Thomas Kunst, Norbert Gstrein, Monika Helfer und Christian Kracht durch. Letzter war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, zog seinen Roman aber zugunsten der anderen Autor:innen zurück.

»Blaue Frau« handelt von einer jungen Osteuropäerin, die nach einem sexuellen Übergriff durch Europa flieht und sich selbst sucht. Ein Roman, der poetisch tastend davon erzählt, wie eine in die Sprachlosigkeit getriebene Frau darum kämpft, wieder eine Sprache zu erlangen. Und durch die Sprache Zugriff auf den eigenen Körper bekommt. Dabei hilft ihr die mythische Figur der Blauen Frau – dies möglicherweise auch ein Sinnbild für queere Lebensformen, man denke nur an die Verfilmung des Comics »Blau ist eine warme Farbe« von Abdellatif Kechiche -, mit der sie über das Schreiben über Gewalt spricht. Ein Roman, der sprachlich überzeugt und dessen literarische Qualität niemandem verborgen bleibt.

Es war keine Sensation, dass die Wahl der Jury auf Antje Rávik Strubel und ihren Roman fiel. Sensationionell machte die in Potsdam lebende Autorin und Übersetzerin den Abend mit ihrer Dankesrede. Weil sie sich darin unmissverständlich und sprachgewandt gegen das »Gezerre und Gezeter« wendet, das um die Sprache geführt wird. Geführt vor allem von jenen, die Antje Rávik Strubel zufolge »ihre jahrhundertealte Meinungshoheit bedroht sehen und das zum Ende der Meinungsfreiheit erklären.«

Sprache sei beweglicher und wandelbarer, als die Gesellschaften in ihren Gewohnheiten. Und sie habe Freude am beweglichen Wort, wie sie mit ihrer Schlusspointe wunderbar sogleich bewies: »Rávik und ich sind Schriftstellerinnen, nicht Schriftsteller, und als solche manchmal ausgezeichnet mit einem Sternchen.«

Sehen Sie hier die Dankesrede von Antje Rávik Strubel.

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