Literatur, Roman

Autorinnen und Publikumsverlage dominieren die Longlist

Die Jury für den Deutschen Buchpreis hat aus über 200 eingereichten Romanen ihre zwanzig Favoriten für den Roman des Jahres bekannt gegeben. In einem für den Buchmarkt erneut herausfordernden Jahr setzt sie dabei nicht nur positive Zeichen. Den gewagtesten Roman des Jahres ließ sie gleich ganz aus.

Zölf Autorinnen, sieben Autoren und eine nicht-binäre Person* konkurrieren um den Titel des wichtigsten Romans des Jahres. Zwölf der nominierten Romane sind bereits im ersten Halbjahr erschienen, acht sind aus den aktuellen Herbstprogrammen. Wie schon in den Vorjahren ein Zeichen dafür, dass die Jury einige der beim Preis der Leipziger Buchmesse ignorierten Titel noch einmal ins Regal stellen will. Dazu gehören neben Esther Kinskys großartigem Naturkunden-Roman »Rombo« und Fatma Aydemirs Familienroman »Dschinns«, Kristine Bilkaus »Nebenan«, Marie Gamillschegs »Aufruhr der Meerestiere«, Yael Inokais Debüt »Ein simpler Eingriff«, Reinhard Kaiser-Mühlecker hier schon gelobter Provinzroman »Wilderer«, Dagmar Leupolds Kunstroman »Dagegen die Elefanten«, Gabriele Riedles avancierter Kriegsreporter-Abenteuerroman »In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg«,Carl-Christian Elzes Debüt »Freudenberg«, Eckhart Nickels »Spitzweg«-Roman, Slata Roschals queerer Geschichte »153 formen des nichtseins« und Andreas Stichmanns diplomatische Spielerei »Eine Liebe in Pjöngjang«.

Aus den Herbstprogrammen sind Daniela Dröscher mit ihrem Familienroman »Lügen über meine Mutter«, Theresia Enzensbergers Utopie »Auf See«, Jan Faktors neuer Roman »Trottel«, Kim de l’Horizons queere Verortungserzählung »Blutbuch«, Anna Kims historische Spurensuche »Geschichte eines Kindes«, Anna Yeliz Schentke Flucht- und Selbstfindungsroman »Kangal« und Jochen Schmidts Erinnerungsroman »Phlox«. Im Juni und damit zwischen den Programmen erschienen ist Heinz Strunks Roman »Ein Sommer in Niendorf«.

Mit Fatma Aydemir, Marie Gamillscheg, Yael Inokai, Slata Roschal, Daniela Dröscher, Theresia Enzensberger, Carl-Christian Elze, Kim de l’Horizon und Anna Yeliz Schentke bekommt eine relativ junge Autor:innengeneration ihren berechtigten Platz auf dieser Longlist. Ihre Bücher greifen Themen wie Identität, Klima, Bodyshaming und sexuelle Selbstbestimmung auf und sind damit ganz den Herausforderungen der Gegenwart gewidmet.

Die jüngsten Nominierten sind die 1992 in Graz geborene Autorin Marie Gamillscheg und die ebenfalls 1992 in Sankt Petersburg geborene Slata Roschal, der älteste Nominierte ist Jan Faktor, 1951 in Prag geboren, der mit seinem letzten Roman »Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag« 2010 sowohl für den Preis der Leipziger Buchmesse als auch für den deutschen Buchpreis nominiert war. Dass das durchschnittliche Geburtsjahr der Nominierten (abzüglich der Angaben zufolge 2666 geborenen Autor:in Kim de l’Horizon) 1974 ergibt, das Jahr in dem auch Vorjahressiegerin Antje Ravik Strubel geboren wurde, ist eine witzige Kuriosität.

Die neuen Romane einiger arrivierter Schriftsteller:innen wie Norbert Gstrein, Norbert Scheuer, Ralf Rothmann, Robert Menasse, Peter Stamm, Katharina Hacker, Gert Loschütz oder Monika Helfer, aber auch jüngere Erfolgsautor:innen wie Abbas Khider, Julia Franck, Thomas Melle, Nino Haratischwili, Judith Kuckart, Steffen Menschig oder Martin Kordić hat die Jury gar nicht erst berücksichtigt. Das wird sicher für einige Diskussionen sorgen. Dass Autorinnen wie Jenny Erpenbeck oder Emine Sevgi Özdamar nicht auf dieser Liste auftauchen, ist angesichts ihrer Auszeichnung mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Georg-Büchner-Preis nachvollziehbar. Katharina Hacker, Julia Franck und Robert Menasse hatten den Preis bereits mit ihren Romanen »Die Habenichtse« (2006), »Die Mittagsfrau« (2007) und »Die Hauptstadt« (2017) gewonnen.

Enttäuschend ist, dass sich die Jury nicht für den gewagtesten Roman des Jahres, Senthuran Varatharajahs »Rot (Hunger)«, erwärmen konnte. Der 1984 in Sri Lanka geborene Varatharajah packt darin mit dem Kannibalenmord von Rothenburg – den er mit der eigenen Migrations- und Gewaltgeschichte und dem Ende einer großen Liebe meisterhaft verschränkt – nicht nur inhaltlich ein heißes Eisen an, sondern geht stilistisch auch außergewöhnliche Wege, indem er die Sprache seziert und zerstückelt wie A den Leib von B.

Der gewagteste Roman des Jahres

»Ich konnte nicht wissen: dass es am Ende der Sprache keinen Unterschied gibt, zw
ischen meinem Körper und einem Vers.«

Insgesamt dominieren die Groß- und Publikumsverlage diese Longlist, nur vier Titel von unabhängigen Verlagen haben es unter die zwanzig Nominierten geschafft. Das sind noch weniger als im Vorjahr. Man kann für die Unabhängigen Verlage nur hoffen, dass dies kein anhaltender Trend ist. Diesbezüglich war der Deutsche Buchpreis schon einmal deutlich diverser. Gerade in einem Jahr, in dem der Buchmarkt erneut unter hohem Druck steht, kein gutes Zeichen.

Am 20. September wird die aus sechs Titeln bestehende Shortlist vorgestellt. Bis dahin werden im September in ganz Deutschland elf Leseveranstaltungen mit den Kandidat:innen der Longlist stattfinden. Am 6. Oktober lesen die Shortlist-Kandidat:innen im Schauspiel Frankfurt aus ihren nominierten Büchern.

Insgesamt hat die Jury in diesem Jahr 202 Romane aus 124 Verlagen gesichtet, der dritte Höchstwert in Folge. Im vergangenen Jahr hatte sich Antje Ravik Strubel mit ihrem Roman »Blaue Frau« im Finale gegen die Romane von Norbert Gstrein, Monika Helfer, Christian Kracht, Thomas Kunst und Mithu Sanyal durchgesetzt und den Deutschen Buchpreis erhalten.

* In einer ersten Fassung schrieb ich, dass dreizehn Frauen und sieben Männer um den dbp22 konkurrieren würden. Dies wurde nachträglich korrigiert.

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