Literatur, Roman

Provinz- und Weltenbrand

Die Auswahl der fünf besten deutschsprachigen Romane zur sommerlichen Lektüre betrachtet das Individuum in all seinen krisenhaften Aspekten, zeigt zugleich Wege aus der Lähmung auf und blickt dabei offen und kritisch auf die Welt.

Wie oft stellen wir in diesen Tagen fest, dass wir nichts, aber auch gar nichts über die Ukraine und ihre wechselvolle Geschichte und wie sie sich auf die kriegsumtoste Gegenwart auswirkt, wirklich wussten. Bei Georgien, könnte man meinen, ist das vollkommen anders, hat doch Nino Haratischwili mit ihrem Epos »Das Achte Leben (für Brilka) einen so tiefgreifenden und facettenreichen Mehrgenerationenroman geschrieben, der wie kaum ein anderer deutschsprachiger Wälzer fast nur begeisterte Leser:innen zurückgelassen hat. Liest man nun ihren neuen Roman, der von vier Freundinnen und den politischen Umbrüchen der Neunziger in Georgien handelt und von nicht wenigen als das »Opus Magnum« der Autorin bezeichnet wird, bekommt man erneut das Gefühl, nichts, aber auch gar nichts zu wissen oder begriffen zu haben von dem, was man doch wissen und begreifen hätte können. Eine Fotoausstellung führt drei der vier Freundinnen 2019 wieder zusammen und ist Auslöser eines Gedanken- und Erinnerungsstroms, der uns nicht nur in die letzten kommunistischen Jahre, sondern von dort immer weiter der Gegenwart entgegen trägt, durch Krieg und Verrohung, Mord und Vergewaltigung, Drogenexzesse und andere existenzielle Erfahrungen. Die harte Wirkmächtigkeit der zu Geschichte gewordenen Wirklichkeit brennt sich in Form von Schicksalsschlägen in Haratischwilis Charaktere ein, die von Freiheit träumen und dafür – jede für sich – einen hohen Preis zahlen müssen.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht. Frankfurter Verlagsanstalt 2022. 832 Seiten. 34,00 Euro. Hier bestellen.

Anlässlich des Erscheinens ihres Romans »GRM – Brainfuck«, einer allzu realen Dystopie über künstliche Intelligenz, Überwachung und Neoliberalismus, sagte SciFi-Adeptin Sibylle Berg in einem Interview, dass sie »immer mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, für Gerechtigkeit kämpfen« werde und daran glaube, »dass eine Gesellschaft, in der es allen gut geht, die bessere, freundlichere, entspanntere ist«. Diesen Kampf lässt sie jetzt im zweiten Roman ihrer geplanten Trilogie von einer Handvoll Hacker kämpfen, die an einem geheimen Ort in einem abhörsicheren Container am Code zur Rettung der Welt sitzen. Die ist nach der gescheiterten Tech-Revolution (Brainfuck) dringender denn je, denn in ihrem der Gegenwart entrissenen und ordentlich desillusionierenden Roman ist die Krise der Normalzustand, weil Kriege und Unterdrückung, Seuchen und Klimakatastrophen über das Schicksal der Menschheit bestimmen. Hinter diesem maroden Grundzustand der Wirklichkeit steckt der neoliberale, als allumsorgendes, vorausschauendes Überwachungsregime angelegte Raubtierkapitalismus, mit dem windige Banker und Investoren die bessere, freundlichere und entspanntere Gesellschaft, von der Berg träumt, permanent verhindern. In einem mitreißenden Tempo flutet Bergs Textlawine, die voller Recherche- und Denkerkenntnisse über die Untiefen unserer Gegenwart ist, die Gehirne ihrer Leser:innen und bildet in dieser Überwältigung die Funktionalität der kapitalistischen Idiotie sprachlich und strukturell mehr als clever nach.

Sibylle Berg: RCE – #RemoteCodeExecution. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2022. 704 Seiten. 26,00 Euro. Hier bestellen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker gehört zu den großen deutschsprachigen Autoren, der wohl nur deshalb nicht zur allerersten Riege gehört, weil seine eigenwilligen Romane in den Tiefen der österreichischen Provinz angesiedelt sind und damit nicht unmittelbar die Wirklichkeit des deutschen Feuilletons aufgreifen. Nichts desto trotz war sein aktueller Roman der am meisten vermisste Titel unter den Nominierten für den Leipziger Literaturpreis, nicht wenige hielten das Übergehen dieser umwerfenden Liebes- und Lebensgeschichte, die auf einem oberösterreichischen Bauernhof ihre Aufführung findet, für einen veritablen Fehler, der mit der Longlist für den Deutschen Buchpreis wieder wett gemacht werden könnte. Der Autor erzählt aus der Innenperspektive seines Protagonisten Jakob, wie dieser um die Existenz seines geerbten Hofes kämpft, die erst gesichert scheint, als er mit der jungen Katja, die er heiratet, den Hof in eine Art Bio-Kultur-Idyll verwandelt. Doch die existenzielle Angst, die mit der Übernahme der Verantwortung für das Gehöft einherging, wird ihn nicht verlassen und mit ihr schleicht sich eine ungreifbare Bedrohung in diese Geschichte. In der schlichten Sprache des bäuerlichen Daseins treffen hier malerische Kulisse auf die Kraft der Natur, Hoffnung auf Tragödie und Liebe auf Gewalt, so dass sich dieses Panorama eines Lebens vor dem inneren Auge ausbreitet und bis in die letzten Winkel der inneren Krisen einer einsamen menschlichen Seele führt.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer. Verlag S. Fischer 2022. 352 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Montags ist in Leipzig die Hölle los – erst waren es Demos gegen die DDR-Nomenklatura, die die Stadt in Atem und in den nachrichten hielten, 25 Jahre später die gegen Geflüchtete aus Kriegsgebieten. Die in Riesa geborene und in Leipzig lebende Schriftstellerin Heike Geißler, die 2014 einmal drei Monate lang einen Selbstversuch in der Pakethalle von Amazon hinter sich gebracht und eine ganz andere Seite des Literarischen kennengelernt hat, lässt ihre Erzählerin und deren Freundin Constanze – zwei proletarische Prinzessinnen, wie sie nicht in jedem, aber jetzt zumindest in diesem Buche stehen – eine Woche voller Montage erleben. Denn ihre beiden Hauptfiguren brauchen den revolutionären Geist des Protests, um gegen die Verhältnisse von Kapitalismus und Globalisierung aufzubegehren und sich gegen die ihnen feindlich gesinnte Ordnung – Miethaie, untreue Männer, arschige Arbeitgeber, tumbe Nazis – zu stemmen. Geißler blickt mit Empathie, aber auch dem nötigen Abstand auf ihre verlorenen Figuren, die mit der Welt, die sie umgibt – oder die sie sich in Form eines unsichtbaren Kindes imaginieren – nicht einfach nur hadern, sondern rotzig zur Wehr setzen. Dabei überlässt sie ihnen immer wieder das Wort – wenig wird hier erzählt, aber viel gesprochen –, lässt virtuos Erfahrenes und Erlesenes, Gehörtes und (Nicht-)Verstandenes ineinandergreifen, führt die kaputten Verhältnissen vor Augen und zeigt, wie die Gegenwart immer wieder die gleiche Tristesse hervorbringt.

Heike Geißler: Die Woche. Suhrkamp Verlag 2022. 316 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Bernd Wagner ist Zeit seines Lebens Teil der Berliner Künstlerkreise gewesen und sein Alltag, sein Erleben, seine Gespräche und Begegnungen in literarischen Texten verarbeitet. Der beeindruckende Zettelkasten, der nun unter dem Titel »Verlassene Werke« erschienen ist, versammelt seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1976 bis 1989, die zunächst im Ostteil der Stadt und – ab Ende 1985 – im Westen entstanden sind. In diesen stets literarischen Texten wird man aus der Erzählung der Geschichtsbücher heraus und ganz in den subjektiven Erzählstrom des Literaten gerissen, in denen er Begegnungen mit der Avantgarde der DDR-Literaturszene (Elke Erb, Wolfgang Hilbig, Katja Lange-Müller, Bernd Papenfuß, Christa Wolf) ebenso verarbeitet wie Träume (die er nach dem Aufwachen protokollierte) oder den realsozialistischen Alltag. Auch wenn Wagner für das Zentralorgan der DDR schrieb, konnten viele der Texte, die er jetzt hier mit dem Abstand von Jahrzehnten noch einmal herauskramt, arrangiert und aus heutiger Sicht kommentiert und so seine éducation sentimentale als Schriftsteller aufzeigt, nie erscheinen. Diese nun endlich nicht mehr verlassenen Werke zeichnen das Bild eines unbequemen Denkers, der sich auch unter widrigen politischen Umständen nicht anpassen wollte und zugleich immer das Spannungsverhältnis zu der ihn umgebenden Welt als Antrieb und Inspiration für das eigene weltkritische Schaffen verstanden hat.

Bernd Wagner: Verlassene Werke. Folio Verlag 2022. 605 Seiten. 26,00 Euro. Hier bestellen.

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