Literatur, Roman

Nomen und Körper werden gebeugt

Senthuran Varatharajah erzählt in »Rot (Hunger)« von der verzehrenden Kraft der Liebe. Sein die Grenzen der Sprache vermessender Text ist nicht nur der im besten Sinne gewagteste Roman des Jahres, sondern ein bleibender Solitär in der deutschen Literatur.

Wie erzählt man von Dingen, die unumkehrbar sind? Deren vernichtende Existenz nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Die nichts mehr heilen kann, weil sie widerfahren und damit unauslöschlich in Biografie, Geschichte, Erzählung, den Weltlauf eingeschrieben sind? Senthuran Varatharajah, 1984 in Jaffna auf Sri Lanka geboren und im Zuge des Bürgerkriegs mit seiner Familie nach Deutschland geflohen, geht in seinem zweiten Roman »Rot (Hunger)« in sensationell aufwühlender und faszinierend poetischer Weise dieser Frage nach.

Varatharajah, der in Marburg, Berlin und London Philosophie und Theologie studiert hat, legt mit diesem schmalen, gerade einmal 115 Seiten zählenden Buch ein literarisches Meisterwerk vor. »Das ist eine Liebesgeschichte«, liest man auf dem Buchumschlag. Da weiß man noch nicht, dass man es mit einer Liebesgeschichte zu tun hat, wie sie die deutschsprachige Literatur noch nicht gesehen hat. Sie handelt von den vielfachen Dimensionen des Verzehrens, wie es in saloppen Phrasen wie Ich hab Dich zum Fressen gern verborgen ist. Denn »es gibt zwei Bedeutungen von verzehren. Erstens: essen, bis nichts mehr von etwas übrig ist. Zweitens: nach jemandem verlangen. Jemanden vermissen.« Dabei verschränkt Varatharajah die Geschichte des Kannibalismusfalles von Rotenburg mit dem Schmerz einer Trennung.

Senthuran Varatharajah: Rot (Hunger). S. Fischer 2022. 115 Seiten. 23,00 Euro. Hier bestellen.

Die Geschichte handelt von der Unumkehrbarkeit des menschlichen Schicksals, von ersten und letzten Worten und all dem verheerenden und verzehrenden Dazwischen, von kleinen Schritten und großen Sprüngen, von Fluchten und Zufluchten. Es geht um Sprache und Körper, um die Grenzen, die dazwischen bestehen und eingerissen werden, wenn man es ernst mit ihnen meint.

»Die Dinge, die wir berühren, berühren uns zurück«, heißt es da an einer Stelle und hier spricht das lyrische Ich ganz zweifellos auch für den Autor dieser Zeilen, für den die Aneignung und Auseinandersetzung mit Sprache auch Teil seiner biografischen Erfahrung ist. Das war auch schon in seinem herausragenden Debütroman »Vor der Zunahme der Zeichen« der Fall, der von der Eroberung einer Sprache oder besser gesagt der Überwindung der selbst empfundenen Sprachlosigkeit, deren Ursprünge in der Gewalt-, Flucht- und Lebenserfahrung liegen, handelt. »vielleicht sprechen wir, um an das ende dieser und jeder möglichen sprache zu gelangen, westwärts, achttausendvierhundertdreiundachtzig kilometer, über moskau und berlin und über die routen und kadenzen und abwege der sätze auch, denn es gibt keine geraden und keine gnade in der grammatik; bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen, und nichts werden wir dabei gesagt haben.«

Bis an die äußerste Bedeutung der Sprache geht der in Berlin lebende Autor auch in »Rot (Hunger)«. Dabei geht er gewissermaßen bis ans Ende der Sprache, des BEsprechbaren und des AUSsprechbaren beziehungsweise sucht er zumindest dessen Grenzen. Und das in einer radikalen Stringenz, die dieses Buch aus meiner Sicht zum im besten Sinne gewagtesten Roman des literarischen Jahres 2022 macht.

»Am Ende der Sprache gibt es einen Unterschied zwischen einem Körper und einem Vers«, heißt es da zu Beginn. Eine These, die am Ende dieses Textes in der Form nicht mehr haltbar sein wird, weil sich da die Differenz »zwischen meinem Körper und einem Vers« aufgelöst hat. Da haben wir den Fall von Rotenburg als verstörend berührende Liebesgeschichte zwischen A und B erfahren, ein schmerzhaftes Jahr der Sehnsucht und Erinnerung durchgemacht und die Sprache in ungeahnten Dimensionen neu entdeckt. Dass dieser Roman nicht einmal auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, ist mehr als ein Versäumnis.

Liebe und Kannibalismus, Verbindung und Trennung fallen dabei nicht nur thematisch, sondern auch formal-stilistisch ineinander. Denn die Sprache dieser waghalsigen Unternehmung wird selbst zum Experimentierfeld. Indem Varatharajah das Messer selbst an ihre lexikalische Grundstruktur anlegt (ohne die GrAMMAtik anzutasten), ahmt er den Kannibalismus auf der Ebene des Sprachlichen gewissermaßen nach. Entscheidender noch als dieser effektive Kunstgriff ist aber, dass er seiner Prosa auf diesem Weg einen lyrischen Einschlag gibt, der gleichermaßen fasziniert wie verstört. Das betrifft zum einen die Tonalität und den Rhythmus seiner (zuweilen auch im Textsatz gebrochenen) Satzstrukturen…

»Eine Linie

bleibt eine Linie

auch wenn sie bricht.«

als auch die Betonung der Wortbedeutung. »Wenn sie haut ab sagten, zog ich meine Haut ab, nachts, auf dem Bett, mit meinen Zähnen.«

Es handelt sich hier nicht um l’art pour l’art, sondern um ein Gesamtkunstwerk, an dem der Philosoph und Theologe die Sprache in all ihren Dimensionen nutzt, um bildmächtig und betörend von der verzehrenden Kraft der Liebe zu erzählen. Dass für einen genauen Blick auf Sprache die Herkunft bedeutend ist, weiß man von der so genannten Migrationsliteratur. Wie entscheidend dies aber in diesem Fall ist, kann man nur wissen, wenn man Varatharajahs literarisches Debüt aufmerksam gelesen hat. Dort wird die Bedeutung noch des kleinsten Zeichens im Tamilischen beschrieben. »vokalzeichen werden in der tamilischen grammatik uyir eluttu, seelenbuchstaben, konsonanten mey eluttu, körperbuchstaben, genannt. die konsonant-vokal-verbindungszeichen heißen uyirmey eluttu: buchstaben mit körper und seele.« Eine Sprache mit Körper und Seele, deren Beseeltheit Varatharajah hier ins Deutsche fließe lässt.

»Wir verstehen die Dinge so, wie sie sich vom Stand
punkt ihrer Vernichtbarkeit, d.h.: wie sie von jedem Ende aus darst
ellen.“

Diesen Satz finden wir auf den ersten Seiten und allein in diesem winzigen Auszug wird die sprachliche Sensibilität des Autors sichtbar. denn die ellen, die da so ungewohnt ohne Trennstrich von der Zeilenkante fallen, begegnen uns später wieder, wenn A die gleichlautenden Unterarmknochen von B brechen muss, um dessen Überreste nach vollzogenem … ja was eigentlich? Liebesdienst? Lustmord? … zu beseitigen. So setzt Varatharajah im übertragenen Sinne die Knochensäge an die Sprache an, als wollte er zeigen, dass auch sie nur eine andere Form von Körper ist. Dass sie dabei aber auch mehr ist als nur die Summer ihrer Teile. Und dass sie aufs Körperliche zielt; was man spätestens dann merkt, wenn sie verletzen soll. »Ich habe gelernt, das Körper ein Nomen ist, und das Nomen gebeugt werden.«

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen. S. Fischer 2016. 256 Seiten. 19,99 Euro. Hier bestellen.

Die autobiografische Erfahrung der Flucht, des ewigen Ankommens und Herkommens, steckt – wenngleich deutlich zurückhaltender als im Debütroman – auch in diesem Roman. Sie wirkt dabei (noch) dringlicher und existenzieller als so manche der als Migrationsliteratur geframten Titel, wie sie jüngere Autor:innen Fatma Aydemir, Dilek Güngör, Mithu Sanyal, Abbas Khider und Saša Stanišić oder arriviertere Schriftsteller:innen wie die aktuelle Büchner-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar, Aras Ören oder Terézia Mora der deutschen Literatur schenken. Vielleicht entsteht dieser Eindruck auch, weil sie die Sprache bis in die dunkelsten Winkel der Bedeutung ausleuchtet. »Ich wusste nicht, dass die Grenzen, über die wir gegangen sind, auch durch uns gehen«, heißt es da mit Blick auf die Liebe, nach der sich der autofiktionale Erzähler des zweiten Erzählstrangs in »Rot (Hunger)« verzehrt. Die Auseinandersetzung mit der körperlichen Existenz erfolgt dabei nicht nur über das Bedrohungsszenario – Bürgerkrieg, prekäre Randexistenz, Rassismus –, sondern auch über die befreiende und grenzüberschreitende Erfahrung der Lust.

»Ich spüre immer noch Leilas Rachen
auf meinem Schwanz. Ich höre ihre Küsse auf meinem Nacken, nachde
m sie sagte: I want you to fuck my mouth again. Let me choke on your cock; nac
hdem sie sagte: wear my skin like a body. Bend me like a sentence. Nachdem
sie sagte: my love. I will destroy your face with my pussy. Like yesterday. I will en
velope you with my thighs.«

In größtmöglicher sprachlicher Klarheit vermisst Varatharajah in »Rot (Hunger)« die Grenzen der Sprache. Dieser Roman ist bis auf den einzelnen Punkt genau durchdacht – mit paradoxem Ergebnis. Schien der 38-Jährige in seinem ersten Roman noch gegen die Grenzen der Sprache anzurennen, ist ihm hier der Durchbruch zu einer neuen Dimension gelungen. Durch die formale Strenge befreit er die Sprache von unnötigem Ballast und überwindet die Sprachlosigkeit, vor die die Liebe und der Schmerz uns jenseits des Kitsches immer wieder stellt.

Die echte Liebe, so legt es uns dieser große Roman nah, ist ungehörig und unkontrollierbar. Und sie frisst uns auf. Die einen von innen, die anderen von außen. Ob und wie wir da heil rauskommen, das wissen wir erst hinterher. Oder nie.