Literatur

Hot Shit oder: Plädoyer für die Auslage in der Wursttheke

Liest Du noch oder liegst Du schon? Diese Frage kommt meistens nach einer Buchmesse auf, ganz egal, ob sie in Leipzig oder Frankfurt steigt. In ihr drückt sich die beseelte Erschöpfung ob des Büchermarathons aus, den man hinter sich hat. Mir stellt sie sich in diesem Jahr schon vor der Messe. Denn das Karussell des Literaturbetriebs ist eine Zumutung.

Und? Sind sie auf der Höhe der Zeit der literarischen Debatten? Schon oder? Die Shortlist haben Sie doch sicher gelesen? Waren schließlich genug Frühjahrstitel drauf. Und mit Antje Rávik Strubels »Blaue Frau« hat doch auch das literarischste Buch gewonnen. Politisch auf der Höhe ist es zudem. Wenngleich man es natürlich Mithu Sanyal und ihrem rasanten literarischen Debüt »Identitti« gegönnt hätte. Christian Kracht ist auch nicht zu beneiden. Mit »Eurotrash« dreimal auf die Shortlist gehopst (Leipzig, Frankfurt, Schweiz), und doch immer zu kurz gesprungen. Beziehungsweise gar nicht, denn beim Schweizer Buchpreis hat er seinen Mutter-Sohn-Roman zurückgezogen. Wie auch immer…

Und den Loschütz? In den haben Sie schon reingelesen oder? »Besichtigung eines Unglücks« war zwar nur auf der Buchpreis-Longlist, aber Loschütz hat für seinen Rekonstruktionsroman »über die prägende Macht des Zufalls und die Gleichzeitigkeit« wenigstens den Wilhelm Raabe-Literaturpreis bekommen. Und das absolut verdient. Wenngleich schon erstaunlich oder? Der diesjährige Wilhelm Raabe-Preisträger war der einzige der fünf nominierten Autor:innen – neben ihm waren Ulrike Edschmidt, Angelika Klüssendorf, Georg Klein und Natascha Wodin nominiert –, dessen Buch es auch unter die zwanzig Kandidaten für den besten Roman des Jahres geschafft hat.

Nun gut, Jurys halt. Kennste eine, kennste… eine… oder schlimmstenfalls keine. Denn jede Jury funktioniert nach ihren eigenen Regeln. Man schaue nur zum Bayerischen Buchpreis. Auch dort drei literarische Titel, die in keiner der anderen Listen auftauchen. So bekommen Jenny Erpenbeck mit ihrem ebenso erstaunlichen wie mitreißenden DDR-Untergangsroman »Kairos« oder Emine Sevgi Özdamar mit ihrer lang erwarteten, autofiktionalen Erkundungsreise namens »Ein von Schatten begrenzter Raum« die verdiente Beachtung. Und in ihrem Schatten segelt Jovana Reisinger, die mit »Spitzenreiterinnen« die – nach Antje Rávik Strubels Buchpreis-Roman – vielleicht bitterste feministische Pille der Saison reicht.

Eine bittere Pille ist dieser ganze Bücherherbst. Weil Corona der Branche eine Saison geklaut hat, ist dieser Herbst übervoll. Das könnte das Literaturherz höher springen lassen, aber man kommt dieser Bücherflut überhaupt nicht nach. Neben den ins Schaufenster gestellten Titeln auf den Buchpreislisten bietet dieser Literaturherbst nämlich viele andere verlockende Lektüren aus dem deutschsprachigen Raum. Sven Regener taucht in »Glitterschnitter« bewährt unterhaltsam in den Kreuzberger Kosmos seiner Figuren ein. Julia Franck hat mit »Welten auseinander« einen bemerkenswerten, autofiktionalen Roman über gebrochene Wendekinder geschrieben und Kirsten Fuchs lässt ihre schwungvolle »Mädchenmeute« nun zu einer nicht minder rasanten »Mädchenmeuterei« antreten. Eva Menasse schreibt in »Dunkelblum« so authentisch wie noch nie über das beredte Schweigen nach der Katastrophe und Sasha Maria Salzmann – jaja, ich weiß, die war doch für den Deutschen Buchpreis…, aber dennoch – lässt in ihrem großen Roman »Im Menschen muss alles herrlich sein« verstehen, wie eine Generation ihre Identität erst im Alleingang finden und dann in alle Richtungen verteidigen muss. Und nein, diese Liste ist nicht abschließend, wie sollte sie.

Dazu kommen nachgereichte Debüts wie Bov Bjergs verschollener Roman »Deadline«, Dietmar Daths lange vergriffene Auferstehungsliteratur »Cordula killt dich!« (die man gut zu seinem grandiosen Kalkülroman »Gentzen oder: Betrunken aufräumen« legen kann) und Ferdinand Schmalz legt fünf Jahre nach seinem Triumph bei den Bachmanntagen mit der amüsanten Groteske »Mein Lieblingstier heißt Winter« den Roman zum Siegertext vor.

Bleibt zu fragen, warum nicht viel mehr über »Sein oder Nichtsein«, Klaus Pohls quicklebendiges Protokoll der Proben zu Peter Zadecks denkwürdiger Hamlet-Inszenierung von 1999, gesprochen wird? Oder über Clemens Meyers atmosphärisches Textjuwel »Stäube«? Nicht zu sprechen von Matthias Senkels kraftvollen Miniaturen in »Winkel der Welt«, Angela Lehners Provinzroman »2001«, Barbi Markovićs surrealer Zeitreise »Die verschissene Zeit« oder Ariane Kochs Debüt »Die Aufdrängung«, gerade ausgezeichnet mit dem Aspekte Literaturpreis. Die Antwort auf die Frage, warum von diesen Büchern kaum die Rede ist, gefällt mir nicht. Die einfachste ist: Es ist zu viel. Die komplizierte ist, nun ja, komplex. Die genannten Bücher sind bereits im August oder gar Juli erschienen. Das ist im Buchbetrieb eine halbe Ewigkeit. Oder um der Ewigkeit Zahlen zu geben: jeweils über 40 Titel der Hanser Literaturverlage und der Rowohlt Verlage, mehr als 30 Neuerscheinungen von Suhrkamp, über zwanzig Titel bei Kiepenheuer & Witsch, ein dutzend Bücher bei Fischer und so weiter. Hier wird schon deutlich, das die Publikumsverlage allein durch Masse Resonanzen bewegen. Denn wenn auf den Lesestapel immer wieder neue Bücher oben drauf gelegt werden, drohen die am unteren Ende in Vergessenheit zu geraten. Das gilt für Berufsleser:innen wie für das Publikum.

Bei Neuerscheinungen dreht sich der Literaturbetrieb schneller als eine Single auf einem Plattenteller. Der literarische Stoff wird dabei wie Auslage in der Wursttheke behandelt. Ein vor wenigen Wochen erschienenes Buch hat in Redaktionen und auf Buchtischen kaum mehr eine Chance. Wer meint, gute Texte hätten kein Verfallsdatum, wird von der Wirklichkeit eines Besseren belehrt. Wer gehofft hat, die Pandemie hätte auch in die Buchbranche eine Entschleunigung gebracht, wird enttäuscht. Die einzige Tatsache, die gerade Druck von den Kesseln nimmt, ist systembedingt und heißt Papiermangel. Weil der aber Verleger:innen wie Buchhandel gerade ums Weihnachtsgeschäft fürchten lässt, pfeift der Druck gerade einfach nur auf einem anderen Ventil.

Aber keine Sorgen, Lesestoff ist genug da. In Redaktionen ist er allerdings nur ein Durchlaufposten – auch systembedingt. Als neu gilt nur der hotteste Shit. Erscheinungsdatum und Debattenfähigkeit bilden das Raster, durch das jedes Buch muss, Jubiläen, Preise und Skandale spielen danach noch eine Rolle. Nachwirkung, Nachhall, Resonanz finden kaum noch … – äh ja, auch wenns blöd klingt – Resonanz. Oder können Sie sich noch an den Gewinnerroman der Leipziger Buchmesse erinnern? Oder den Buchpreisroman 2020? Keine Sorge, auch so manche:r Kritiker:in müsste kurz in sich gehen. Eine längere Bedeutung abseits von Verkaufszahlen hat das alles nicht. Das, was Autor:innen aufbringen, um bleibende Literatur zu schaffen, wird ihren Werken von Kritiker:innenseite kaum mehr eingeräumt: Zeit. Bücher, die länger als vier Wochen liegen, verschwinden am unteren Ende des Stapels. Deshalb finden sich in den Beilagen zur Buchmesse auch nicht unbedingt die besten Bücher der Saison, sondern in der Regel die neuesten Bücher der Saison. Und von denen die subjektiv Besten aus Sicht der jeweiligen Redaktion.

Das wird umso deutlicher, wenn man sich von der deutschsprachigen Literatur wegbewegt hin zur internationalen übersetzten Literatur. Der im letzten Jahr mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman »Shuggie Bain« von Douglas Stuart erzählt so überzeugend und fesselnd von den Verhältnissen im Arbeitermilieu wie man es schon lange nicht mehr lesen konnte. Prix Goncourt-Preisträger Hervé Le Tellier bietet mit »Anomalie« eine ebenso unterhaltsame wie verschachtelte Abenteuerreise in rätselhafte Parallelwelten. Richard Powers ist mit »Erstaunen« ebenso für den diesjährigen Booker Prize im Finale wie Nadifa Mohammed mit ihrem Roman »Der Geist von Tiger Bay«. Der aktuelle Pulitzerpreis-Roman »Der Nachtwächter« von Louise Erdrich liegt auch schon übersetzt vor, vorangegangene Pulitzer-Preisträger wie Colson Whitehead und Anthony Doerr sind mit ihren neuen Romanen »Harlem Shuffle« und »Wolkenkuckucksland« (für den Natioonal Book Award nominiert) in den Buchhandlungen. Mit Sandro Veronesis »Der Kolobri« liegt zudem die deutsche Fassung des Romans vor, mit dem der Italiener schon zum zweiten Mal mit dem Premio Strega ausgezeichnet wurde. Ein anderer Träger des italienischen Buchpreises ist Antonio Scurati, von dessen in jeder Hinsicht gewaltiger Mussolini-Romantrilogie der zweite Band »M. Der Mann der Vorsehung« erscheint. Und Was ist eigentlich mit der Hymne auf Ali Smith Jahreszeitenquartett. Im Juli abgeschlossen, ist die Branche längst weitergezogen. All diese Bücher – zwischen Mitte Juli und Anfang September ausgeliefert – spielen in den Messebeilagen keine Rolle. Pardon me? Ernsthaft nicht? Nein, ernsthaft nicht. Aber bitte nicht davon täuschen lassen. Diese Bücher (und nicht nur diese) sind es wert, entdeckt zu werden.

Mediale Berücksichtigung finden jetzt die neuen Bücher einiger ewiger Nobelpreiskandidaten: Annie Ernaux mit ihrem Abtreibungsroman »Das Ereignis«, Jamaica Kincaid mit ihrer autobiografischen Erzählung »Mein Bruder« und László Krasznahorkai mit seiner in Thüringen angesiedelten, kongenialen Weltver(w)irrung »Herscht 07769«. Auch zwei Entdeckungen werden aufmerksam diskutiert: »Die Unzertrennlichen«, ein früher Roman von Simone de Beauvoir, und »Die Eisbahn«, der Debütroman von Roberto Bolaño. Eine herausragende Rolle spielen Jonathan Franzen und sein 800-seitiger Roman »Crossroads«, der ins Amerika der 70er Jahre entführt und den Auftakt einer Trilogie unter dem Titel »Ein Schlüssel zu allen Mythologien« darstellt. Was diese Bücher – mit Ausnahme von Annie Ernaux Roman – gemein haben? Sie sind erst im Oktober erschienen. Ein Schelm, wer… ach lassen wir das. Franzen, Ernaux, de Beauvoir – das ist schon die oberste Schublade. Sie nicht ins Schaufenster zu stellen wäre medial gesehen fahrlässig.

Vielversprechende Autor:innen aus kleineren Verlagen haben es angesichts der Masse an Neuerscheinungen – laut Welt waren es im vergangenen Jahr 69.180 Titel – umso schwerer. Das gilt für Lydia Sandgrens voluminöses Debüt »Gesammelte Werke«, das mit dem renommierten schwedischen August-Preis ausgezeichnet wurde, wie auch für Ling Mas Endzeit-Erzählung »New York Ghost«, das den Hauptpreis der Hotlist gewonnen hat. Auch Edem Awumeys Prix-Goncourt-Kandidat »Die schmutzigen Füße« oder den Gewinner des Grand Prix de l’Imaginaire 2020, Alain Damasios Großwerk »Die Flüchtigen« kann man jetzt in deutscher Übersetzung entdecken. In den Buchmesse-Beilagen wie auch in den TV-Literatursendungen tauchen diese Titel nicht auf. Nicht einmal das Kleinod »Landschaft verschluckt« von einer renomierten Autorin wie Deborah Levy! Man muss schon den Kultursendungen des viel gescholtenen Öffentlichen Rundfunks seine Aufmerksamkeit schenken, um von ihnen zu erfahren. Auch hier gilt: Lassen Sie sich davon nicht täuschen, entdecken sie mutig das, von dem sie nichts gelesen oder gehört haben.

Unter den unabhängigen Verlagen, deren Optimismus und Engagement den deutschen Buchmarkt besonders machen, kann sich einzig der Orlanda Verlag über mediale Allpräsenz freuen. Denn Anette Michael ist die deutsche Herausgeberin von Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga, deren postkolonial-feministische Literatur vollkommen zurecht bei dieser Buchmesse entdeckt wird. Bedauerlich ist, dass der Weckruf vom Juni, als die Preisträgerin bekanntgegeben wurde, in den Redaktionen nicht dazu geführt hat, den eigenen Literaturblick massiv zu hinterfragen oder zumindest mit Neugier nach anderen postkolonialen Werken zu suchen. Die allgemeine Überraschung über den Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah hat gezeigt, dass die deutschsprachige Literaturszene trotz starker Übersetzungen nicht so welthaltig ist wie sie immer denkt? Hier gibt es gerade die Chance, mit den neuen Büchern von Autor:innen wie Maaza Mengiste, Imbolo Mbue, Kayo Mpoyi oder Yaa Gyasi einen bislang prominent ignorierten Sprachraum zu entdecken.

Es ist Zeit, prominent das Unentdeckte zu entdecken. Das hat nicht erst die Nobelpreisvergabe in diesem Jahr gezeigt. Die Vielfalt, die bei jeder Messe sichtbar wird, bietet die Chance. Sie ist aber auch eine Zumutung – im besten wie im schlechtesten Sinne. Im besten deshalb, weil sie, mündige Leser:innen voraussetzt, die Welt in all ihren Farben in unsere eigenen vier Wände holt und neue Sprach- und Denkräume entdecken lässt. Im schlechtesten Sinn aber auch, weil man immer mehr verpasst als einfängt. Weil das Buch, das man gelesen hat, immer auch dafür steht, dass man andere nicht gelesen hat.

Mich stresst das in diesem Jahr mehr als sonst. Ich liege erschöpft vor Stapeln, statt mich durch sie hindurch zu lesen. Vielleicht ist es Zeit, mich aufs Ohr zu legen und mich mal auszuschlafen. Mit wachem Blick sieht so ein Stapel schon ganz anders aus. Und dann lassen sich die übersehenen Perlen am unteren Ende des Stapels auch einfacher finden. Oder um es mit andere Worten zu sagen: Nicht alles, was in der Wursttheke über Nacht liegen bleibt, ist am nächsten Tag ungenießbar. Nachhaltigkeit – vielleicht auch was für den Literaturzirkus, abseits von #fairlesen und grünen Buchabdrücken.

Nachtrag: Viele der hier genannten Bücher sind von fleißigen, sprachsensiblen Menschen übersetzt. Auch Ihnen wäre zu wünschen, dass man sich mehr Zeit für Ihre Arbeit nimmt. Zugunsten des Leseflusses sind sie im Text nicht genannt. Das wird hier nachgeholt. Mein Dank gilt Romy & Jürgen Ritte, Michael von Killisch-Horn, Sophie Zeitz, Nikolaus Stingl, Silvia Morawetz, Gesine Schröder, Verena von Koskull, Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié, Susann Urban, Werner Löcher-Lawrence, Amelie Thoma, Bettina Arbabanell. Sabine Herting, Marion Hertle, Christian Hansen, Heike Flemming, Sonja Finck, Zoë Beck, Stefan Pluschkat, Karl-Ludwig Wetzig, Stefan Weidle, Milena Adam, Maria Hummitzsch, Brigitte Jakobeit, Patricia Klobusiczky, Elke Ranzinger, Ilija Trojanow und Anette Grube.

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