Interviews & Porträts, Literatur, Roman

Es fehlt ein Sensorium für diese Bücher

Allseits herrscht Begeisterung für die neue Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Tsitsi Dangarembga. Doch nur wenige kennen ihr literarisches und filmisches Werk. Ein Gespräch über den Nachholbedarf in Sachen Literatur des afrikanischen Kontinentsmit Annette Michael vom Orlanda-Verlag, bei dem die Bücher von Tsitsi Dangarembga erscheinen.

Frau Michael, was für eine Autorin ist Tsitsi Dangarembga und wie sind Sie als Verlegerin auf Sie gestoßen?
Tsitsi Dangarembga hat 2019 das African Book Festival in Berlin kuratiert hat. Wir waren dort vor Ort, konnten ihre Rede und ihre Auftritte auf verschiedenen Panels verfolgen. Daraufhin haben wir uns Ihre Bücher angesehen und eine große Autorin entdeckt. Wir waren vollkommen erschüttert, als wir dann feststellen mussten, dass ihre Bücher – und zugegeben nicht nur ihre Bücher – in Deutschland nicht erhältlich sind. In England und den USA sind ihre Bücher problemlos erhältlich, hier war das aber nicht der Fall. Da haben wir als Verlag mit einer feministischen Ausrichtung sofort entschlossen, unsere Reihe „afrika bewegt“ mit ihrem Roman »Aufbrechen« zu eröffnen. Dieser großartige und wichtige Roman war seit über 20 Jahren in Deutschland nicht mehr erhältlich. Wir haben ihn dann 2019 unverändert veröffentlicht.

Das Buch, das jetzt im Herbst bei Ihnen unter dem Titel »Überleben« erscheint, ist der zweite Teil der Trilogie?
Nein, dieser Roman ist der dritte und abschließende Teil der Trilogie.

Warum veröffentlichen sie erst den dritten Teil, wenn der zweite noch gar nicht vorliegt?
Das hat verschiedene Gründe, unter anderem mit dem Übergang von Publikationsrechten, und es ist uns nicht rechtzeitig gelungen, den zweiten Teil auch noch zu sichern. So haben wir uns entschlossen, einfach den dritten Teil vorzuziehen und den zweiten zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen. Der dritte Teil ist aber im Original so lektoriert, dass er für sich steht. Der zweite Teil fehlt also nicht, um den dritten Teil zu verstehen.

Gibt es jetzt schon einen Plan, wann der zweite Teil erscheinen soll? Kann der jetzt vielleicht sogar vorgezogen werden?
Der mittlere Band wird aller Voraussicht bei uns erscheinen. Aber sicherlich erst nach dem dritten Band. Er muss erst noch ins Deutsche übertragen werden.

Tsitsi Dangarembga: Überleben. Aus dem Englischen von Anette Grube. Orlanda Verlag 2021. 350 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen

»Aufbrechen« enthielt autobiografische Bezüge. Wird das auch bei »Überleben« der Fall sein?
Im Mittelpunkt steht natürlich weiterhin die Protagonistin Tabudzai, die jetzt nur nicht mehr 13 Jahre alt ist, sondern Ende 30. Auch ihre Cousine Nyasha kommt wieder vor. Beide sind hochgebildet inzwischen und haben ihre Schwierigkeiten mit dem Leben. Es geht auf jeden Fall um Schicksale von Frauen in Simbabwe und ihre Rolle in einer männlich dominierten Gesellschaft, die zudem von Kolonialismus und Rassismus dominiert ist. Der Roman ist komplett in der 2. Person geschrieben. Die Protagonistin Tambudzai steht sozusagen neben sich und schaut sich bei ihrem Handeln selbst zu. Es ein Dialog mit sich selbst und ihrem Versagen, ihrer Scham und ihrer Unfähigkeit, trotz ihrer Bildung das zu erreichen, was sie sich für ihr Leben vorgenommen hat.

Womit wir bei den Themen sind, die die Literatur von Tsitsi Dangarembga prägen. Feminismus, Kolonialismus, Rassismus – sind das Ihrer Meinung nach auch die wesentlichen Elemente, die die Literatur von ihr so besonders lesenswert und preiswürdig machen?
Es sind auf alle Fälle die Themen, die ihr wichtig sind. Es geht ihr um die Selbstbestimmung der Frau, um Fragen von Klasse und Armut und wo Frauen in dieser Gesellschaft in ihren Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten vor Schwierigkeiten gestellt werden oder an Grenzen stoßen. Und auch welche Methoden sie entwickeln sich trotz dieser Umstände zu widersetzen.

Wie erklären Sie sich das denn, das Autor:innen wie Tsitsi Dangarembga, die im englischsprachigen Raum renommiert sind, hier so unterm Radar laufen?
Es gibt aus meiner Sicht viel Nachholbedarf im Bereich Literatur des afrikanischen Kontinents. Mein Eindruck ist, dass hierzulande eine Offenheit, oder nein, ein Sensorium, ein Gespür dafür fehlt, wie wichtig es wäre, sich mit diesen Büchern auseinanderzusetzen. Denn sie liefern uns Innenansichten aus Gesellschaften die uns weitgehend unbekannt sind und sie bringen uns deren Probleme und Lebensumstände näher, was uns in die Lage versetzt, um die Welt als Ganzes zu verstehen. Ich hoffe, dass die Auszeichnung von Tsitsi Dangarembga abstrahlt auf andere Autor:innen – nicht nur unseres Verlages, sondern generell. Wir haben uns als Verlag aus genau diesem Grund 2017 neu positioniert. In einer Welt, die sich so radikal verändert und verändern muss hin zu mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarität ist es wichtig, dass man Verständnis für die Schicksale von Menschen in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten entwickelt. Und da spielt Afrika eine besondere Rolle. Man spricht immer von afrikanischer Literatur, dabei sind das so viele Länder, in denen vollkommen unterschiedliche Produktionsbedingungen für Literatur und auch komplett andere Lebensbedingungen herrschen. Wir wissen so viele Dinge nicht und genau das wollten wir ändern. Indem wir Geschichten verlegen, die diese Innenansichten bieten, um Verständnis und Wissen zu entwickeln.

Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen. Aus dem Englischen von Ilija Trojanow. Orlanda Verlag 2019. 280 Seiten. 22,00 Euro

Was hat die Auszeichnung von Tsitsi Dangarembga mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für den Orlanda-Verlag für Folgen?
Ich kann Ihnen sagen, dass die Reste der 1. Auflage, die wir 2019 gedruckt haben, schon am Montag Abend komplett ausverkauft waren. Wir gehen jetzt natürlich in den Nachdruck. Als kleiner und junger Verlag treffen wir mit unserer sehr konsequenten Nischenprofilausrichtung auf Frauen, Weltkultur und Bewegung offensichtlich einen Puls der Zeit. Wir hatten in diesem Jahr mit der Autobiografie der afro-deutschen Autorin Florence Brokowski-Shekete »Mist, die versteht mich ja!« bereits einen Titel auf der Spiegel-Bestsellerliste und werden Anfang Juli mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Das waren schon eindeutige Zeichen, dass wir irgendwie den Puls der Zeit treffen. Aber das nun auch noch der Friedenspreis für eine unserer Autorinnen dazu kommt, freut uns ungemein. Aber uns macht dieser Erfolg, um es ehrlich zu sagen, auch ein bisschen perplex.

Das kann ich mir vorstellen, zumal ein Nachdruck in einer nicht gerade kleinen Auflage sicher auch so einen Verlag wie Ihren auch finanziell herausfordert.
Für so einen kleinen Verlag wie unseren ist schon eine Übersetzung eine ziemliche finanzielle Herausforderung. Wir arbeiten mit renommierten Übersetzenden zusammen, z.B. mit Anette Grube und Michael Ebmeyer, deshalb können wir auch nur eine begrenzte Zahl solcher Bücher im Jahr machen. Da hilft uns nun natürlich die Bekanntheit, die mit solchen Preisen einhergeht, mächtig weiter – auch um in Zukunft mehr dieser Bücher zu publizieren.

Der neue Roman wird sicher auch gleich in einer größeren Auflage erscheinen. Wie groß planen Sie aktuell die Erstauflage von »Überleben«?
Wir schauen uns die Vorbestellungen an und entscheiden dann. Es wird auf jeden Fall ausreichend Bücher geben.

Tsitsi Dangaremgba lebt und schreibt in Simbabwe. Wissen Sie, ob und wie sie dort gelesen wird?
Sie wird weltweit gelesen. Ich habe gestern erst ein Interview mit ihr gesehen, in dem sie sagt, dass sie unter anderem in Brasilien eine große Leser:innenschaft hat. Und im vergangenen Jahr hat es ihr Buch auf die Shortlist des Booker Prize 2020 geschafft. Da muss man ja auch erst einmal hinkommen. Sie wird also in vielen Ländern deutlicher rezipiert als bislang hierzulande, wo mich viele – auch noch am Montag – angerufen haben und gefragt haben, wer sie denn eigentlich sei. Umso schöner ist nun ihre Auszeichnung, die die Chance bietet, dass ihr Werk hier eine größere und verdiente Bekanntheit erlangt, ihre Filme eingeschlossen.

Dangarembga ist in diesem Jahr auch mit dem PEN International Award für Meinungsfreiheit ausgezeichnet worden. Kann Sie sich über diese Auszeichnungen freuen oder rückt sie dadurch nur noch mehr in den Fokus des Mugabe-Regimes?
Ich hoffe nicht. Aber ich habe mit ihr auch noch nicht darüber sprechen können. Mein Eindruck ist, dass sie diese Bedenken nicht in der Form hat. Vielmehr freut sie sich über die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit – die sie ja auch als Filmemacherin leistet. Das steht stärker im Vordergrund als die Befürchtung, politisch unbequem zu sein.