Film

Ein besonderer Roadmovie

Chloé Zhaos »Nomadland« zeigt das raue, aber freundliche Leben auf der Straße. In den stärksten Momenten hebt der dreifache Oscar-Gewinner ab zu einer großen Meditation über das Dasein des Menschen auf Erden.

Auf Instagram und Tiktok begegnet man immer öfter hippen Influencern, die in herausgeputzten Bullis von ihrem unabhängigen Leben auf der Straße schwärmen. Vanlifevirals oder thatsvangasmic nennen sich die Kanäle, auf denen sanierte VW-Busse auf grandiose Naturpanoramen treffen. Die Wahrheit sieht aber anders aus. Immer mehr Amerikaner leben in wackeligen Wohnwagen oder Bullys, weil sie sich eine feste Bleibe nicht mehr leisten können, und ziehen als Wanderarbeiter durchs Land. Sie schauen nicht auf orangene Sonnenuntergänge vor kristallblauen Seen, sondern auf Brückenpfeiler, Tankstellen und öde Parkplätze. Ihr letztes Hab und Gut lagern sie in Garagen ein, falls sie es irgendwann doch noch einmal brauchen sollten.

In einer solchen Garage steht die 61-jährige Fern in der ersten Szene, bevor sie sich auf den Weg in ein neues, mobiles Leben machen muss. Die Investigativjournalistin Jessica Bruder hat über diese neue Form des Daseins einen Bestseller geschrieben. Ihr Buch »Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert« bildet die Grundlage für den sechsfachen Oscar-Kandidaten »Nomadland«.

Darin erkundet die amerikanische Regisseurin Chloé Zhao (»The Rider«, »Songs my Brothers taught me«) gemeinsam mit Oscarpreisträgerin Frances McDormand (»Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«, »Promised Land«) in der Hauptrolle die Welt der modernen Wanderer. McDormand spielt darin die 61-jährige Fern, die erst ihren Mann und dann ihre ganze Existenz verliert. Doch sie kämpft – um eine neue Chance, um ihre Existenz und ihre Würde. Sie sei wohnungs-, aber nicht obdachlos, sagt sie, als sie auf eine ehemalige Nachbarin trifft.

»Nomadland« ist nicht nur das Porträt einer vom Leben gezeichneten Frau, sondern auch eine Niedergangsgeschichte der USA. Dazu passt es, dass die Drehorte – bedingt durch die Buchvorlage von Jessica Bruder – Namen wie Badlands, Deadwood und Black Rock Desert tragen. Wie steil bergab es seit der Jahrtausendwende mit den US-amerikanischen Industriestandorten ging, belegt exemplarisch die Unternehmenssiedlung Empire. Über Generationen lebten dort die Arbeiter der örtlichen Gipsmine. Dann kam die Wirtschaftskrise und der Bankencrash, der den Standort in den Ruin trieb. Wortwörtlich jeder musste sein Haus verlassen, »selbst die Postleitzahl wurde gestrichen«, weiß Bruder zu berichten. Auch Fern, die deshalb zu Beginn des Films eine Kiste mit Geschirr und Decken in ihren in die Jahre gekommenen Van lädt. Dann beginnt die 100-minütige Reise, die die Zuschauer mit ihr durch ein anderes, unbekanntes Amerika unternehmen.

Dieser Roadmovie (im wahrsten Sinne des Wortes) führt geografisch vom Mittleren Westen bis nach Kalifornien und zeitlich durch ein Jahr. Nomaden ziehen mit den Jahreszeiten von einem Ort zum nächsten, weil das Schlafen im eigenen Auto milde Temperaturen braucht und Saisonarbeiter erst hier und dann dort gebraucht werden. Fern etwa arbeitet im Winter in einem Amazon-Lager, im Frühjahr putzt sie Toiletten in einem Nationalpark, im Sommer kellnert sie in einem Touristencafé, im Herbst hilft sie bei der Ernte. McDormand hat sich für den Film tatsächlich an die Förderbänder und hinter den Tresen gestellt, die Aufnahmen sind authentisch, was ihrer Figur eine große Glaubwürdigkeit verleiht. Ferns Leben im Van ist karg, hat nichts mit der Influencer-Romantik zu tun. Kälte, Krankheiten, Pannen – all das muss sie allein durchstehen. McDormand spielt ihre vom Leben gezeichnete Figur grandios, in stiller Zurückhaltung, die Welt beobachtend. Ihrem müden Gesicht ist die Krise einer ganzen Gesellschaft eingeschrieben. Sie für diese Performance mit dem Oscar auszuzeichnen, war die absolut richtige Entscheidung. Irgendwann lernt sie Dave kennen, wunderbar einfühlsam gespielt von David Strathairn, mit dem ihr Leben eine echte zweite Chance bekommen könnte.

Menschen wie Fern und jene, denen sie begegnet, leben am Rand der amerikanischen Gesellschaft. Für diese meist älteren Menschen ist der american dream nicht in Erfüllung gegangen. Damit sie nicht völlig unter die Räder kommen, haben Aktivisten wie Bob Walls eine Gemeinschaft geschaffen. Beim »Home on Wheels«-Treffen lernt Fern andere Nomaden wie Susanne, Swankie, Derek oder eben Bob kennen, die im Film ihre Geschichten erzählen. Dass sie sich vor der Kamera öffnen, ist Chloé Zhao und ihrem Filmteam zu verdanken, die sich ganz auf die Welt dieser (Über)Lebenskünstler eingelassen haben. »Mir ging es darum, diese Welt zu betreten und eine ganz unverkennbare amerikanische Identität zu erforschen: den wahren Nomanden«, kommentiert Chloé Zhao ihre Arbeit, die von den Produzenten von Filmen wie »Call Me By Your Name« oder »Beasts Of The Southern Wild« vertrauensvoll unterstützt wurde.

Molly Asher, die Chloé Zhao seit ihrem Filmdebüt als Produzentin begleitet, erklärt, wie das Team das Vertrauen der Menschen erobert hat. »Stille am Drehort, die Kamera nur auf sie gerichtet, und dann gaben wir ihnen mit dem nötigen Abstand und Respekt alle Zeit der Welt, ihre Geschichten zu erzählen. Das ist es, was das Herz von Nomadland schlagen lässt.«
Die Filmemacherin spielt auf eine amerikanische Tradition an, die auf die Pioniere und Trapper und damit auf eine Philosophie von Freiheit, Naturverbundenheit und Gleichklang zurückgeht. Tatsächlich haben die Nomaden, denen Fern begegnet, einen besonderen , demütigen Blick auf das Leben. Sie passen sich dem Rhythmus der Natur an und verfolgen die wichtigen Dinge im Leben. Sie streben nicht nach Besitz oder Karriere, sondern helfen ihren Nächsten und begegnen der Welt mit Offenheit und Wertschätzung.

Davon erzählen auch die Bilder von Zhaos Kameramann und Lebensgefährte Joshua James Richards, der genau die richtige Balance zwischen Nähe und Weite findet, um die gegenseitige Verbindlichkeit bei gleichzeitiger Unabhängigkeit in dieser Gemeinschaft abzubilden. So rückt dieser Film Menschen ins Zentrum, von denen sonst nie die Rede ist. »Chloé nutzt das Kino, um das Leben von realen Menschen zu erzählen, die völlig übersehen werden – alte Menschen, obdachlose Menschen«, kommentiert Richards. Es gehe darum, »das Leben aus einer gewissen Perspektive zu erforschen, die über bloße Beobachtung hinausgeht. Da steckt eine gewisse Poesie drin.«

Zu dieser Poesie tragen auch die Kompositionen von Pianist Ludovico Einaudi und das empfindsame Sounddesign von Sergio Diaz (»Roma«, »Pans Labyrinth«, »Babel«) bei, die nicht nur harmonisch ineinanderfließen, sondern das ebenso aufregende wie meditative Dasein on the road spiegeln. In den ergreifendsten Momenten legen sich Einaudis Klavierklänge über so manches Naturschauspiel und der Gewinner des Goldenen Löwen 2020 hebt ab zu einer Meditation über das Dasein des Menschen auf Erden.

»Alles, was ich besitze, bin ich«, sagt Nomadin Charlene Swankie im Film. »Ich muss nirgendwo hin zurückkehren und etwas holen. Ein Nomade zu sein ist eine Entscheidung, kein Umstand.« Dieser Entscheidung mit allem Für und Wieder und denen, die sie treffen, hat Chloé Zhao ein würdevolles Denkmal gesetzt.

Eine kürzere Fassung des Textes ist im Rolling Stone 5/2021 erschienen.