Film

Umwerfend empathisch, Oscargewinner »Coda«

Es sprachen am Ende zwar alle nur über Will Smith und seine Ohrfeige, die eigentliche Sensation der diesjährigen Oscar-Verleihung war aber der dreifache Oscar-Gewinner »Coda«. Das Remake der französischen Komödie »Verstehen sie die Béliers« ist ein mitreißender Musik-Film, der gehörlose Menschen aus der Anonymität holt und jede Distanz einreißt. Dieser Film macht im besten Sinne sprachlos.

Die siebzehnjährige Ruby (Emilia Jones) ist in ihrer Familie die Einzige, die hören kann. Sie ist ein CODA, ein Child Of Deaf Adults, und hat in ihrem Leben ungefragt die Aufgabe bekommen, ihren Eltern Frank (Troy Kotsur) und Jackie (Marlee Matlin) sowie ihrem älteren Bruder Leo (Daniel Durant) als Dolmetscherin zur Seite zu stehen. Dazu gehört auch, mitten in der nacht aufzustehen und noch vor der Schule mit rauszufahren und auf dem familieneigenen Fischerboot zu helfen. Kein Wunder, dass sie in der Schule nur mäßig abschneidet, ihre Familie braucht ihre ganze Energie.

Voller Energie lernen wir sie schon in der ersten Szene kennen. Da hallt ihre Stimme über das Meer, während der ratternde Motor das Netz einholt. Singen ist ihre Leidenschaft, die sie mit niemandem teilen kann. Also beschließt sie, dem Schulchor beizutreten und nach anfänglicher Zurückhaltung stellt der enthusiastische Chorleiter Bernardo Villalobos fest, dass er in seinen Reihen einen Rohdiamanten hat. Er will Ruby auf die renommierte Berklee-Musikschule in Boston bringen. Doch während Ruby zwischen der ersten Liebe zu ihrem Duettpartner Miles (Ferdia Walsh-Peelo), der Verantwortung ihrer ohne sie aufgeschmissenen Familie gegenüber und den eigenen Träumen hin- und hergerissen ist, ziehen dunkle Wolken am Himmel in dem anonymen Städtchen an der Ostküste auf, die die Existenz der selbständigen Fischer bedrohen.

Bei der 94. Verleihung der Academy Awards war »CODA« für drei Oscars nominiert und hat auch alle drei gewonnen. Das mitreißende Drama tritt die Nachfolge von Chloé Zhaos »Nomadland« an und wurde als Bester Film ausgezeichnet. Es ist überhaupt erst der dritte Film einer weiblichen Regisseurin, der den wichtigsten Oscar erhält. Der Darsteller Troy Kotsur, der Rubys Vater Frankie mit faszinierender Hingabe spielt, wurde als Bester Nebendarsteller geehrt und die neuseeländische Regisseurin Siân Heder erhielt den Oscar für das Beste Adaptierte Drehbuch. »Coda« ist nach »Talullah« erst Heders zweiter Langfilm, in der Filmbranche ist sie für ihre Drehbücher der TV-Serien »Orange is the New Black« und »Little America« bekannt.

Ihr Film beeindruckt in seiner Leichtigkeit, mit der er das Leben von und mit gehörlosen Menschen einfängt, ohne in Larmoyanz oder Mitleidsgesten abzustürzen. Dazu tragen auch die gehörlosen Schauspieler:innen Troy Kotsur, Marlee Martin und Daniel Durant bei, die eine unglaubliche Energie und Lebensfreude auf die Leinwand bringen. An ihrer Seite steht die zwanzigjährige Emilia Jones, die mit diesem Film ihren Durchbruch feiert und von der man noch hören wird.

Am faszinierendsten ist, wie in diesem Drama über eine gehörlose Familie und ihre hörende Tochter Musik eingesetzt wird, um die Grenzen der gegenseitigen Verständigung einzusetzen, ohne zu werten. Bei einem Schulkonzert versetzt uns der Film in die Köpfe von Rubys gehörloser Familie, als Ruby auf der Bühne steht. Da wird der Ton komplett ausgeblendet und die Kamera folgt den Blicken von Frank, Jackie und Leo, die nur anhand der Reaktionen ihres Umfelds eine Idee davon bekommen können, was Ruby mit ihrem Gesang auslöst. Auch wenn man bis dahin im Alltag dieser Familie zahlreiche Beispiele dafür gesehen hat, was es heißt, ohne Gehör durch die Welt zu gehen, begreift man erst in diesem Moment das tatsächliche Ausmaß der Gehörlosigkeit. Selten ist es einem Film gelungen, die alltäglichen Hindernisse einer marginalisierten Gemeinschaft so vor Augen zu führen, wie es in »Coda« dank der eindrucksvollen Darstellung seiner Akteure der Fall ist.

Hauptdarstellerin Emilia Jones feiert mit »Coda« ihren Durchbruch. Man wird von ihr noch hören.

Die Auszeichnungen für den Film schrieben in dreifacher Hinsicht Geschichte. Erstmals wurde ein Film mit überwiegend gehörlosen Hauptdarsteller:innen als Bester Film ausgezeichnet, mit Troy Kotsur ist der erste gehörlose männliche Schauspieler als Bester Nebendarsteller geehrt worden ist und mit Apple Streaming wurde erstmals ein Streaming Dienst in der Kategorie Bester Film ausgezeichnet. Zumindest letzteres war abzusehen, wenngleich die Buchmacher auf Jane Campions Antiwestern »The Power of the Dog« von Apple-Konkurrent Netflix gesetzt hatten, der in insgesamt zwölf Kategorien nominiert war, aber nur den Oscar für die Beste Regie erhielt und als Verlierer des Abends galt.

Als Bester Hauptdarsteller wurde Will Smith in der Rolle von Richard Williams, dem Vater der Tennisschwester Serena und Venus Williams, in dem Drama »King Richard« ausgezeichnet, Jessica Chastain gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in »The Eyes of Tammy Faye«. Die meisten Auszeichnungen erhielt Dennis Villeneuves SciFi-Remake »Dune«, der bei zehn Nominierungen sechs Awards erhielt: den für die Beste Kamera von Joe Walker, Beste Filmmusik von Hans Zimmer (der damit seinen zweiten Oscar erhielt) sowie Auszeichnungen in den technischen Kategorien wie Bester Ton, Bester Schnitt, Beste Visuelle Effekte und Bestes Szenenbild. Den Oscar für den Besten ausländischen Film erhielt der Japaner Ryusuke Yamaguchi für sein fast dreistündiges Porträt eines verlorenen Theater-Regisseurs »Drive My Car« nach der gleichnamigen Erzählung von Haruki Murakami. Die Erzählung ist in seiner Sammlung »Von Männern, die keine Frauen haben« erschienen.

Dass Heders außergewöhnlicher Coming-of-Age-Film am Ende die größte Ehrung erhielt, ist eine kleine Sensation, auch wenn er seit seiner Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival im vergangenen Jahr als Geheimtipp galt. Allein vier Awards strich der Film in Sundance ein und zwar nicht nur in irgendwelchen Nebenkategorien, sondern in den prestigeträchtigsten für die Beste Regie, den Großen Preis der Jury, dem Spezialpreis der Jury für den Besten Cast und den Publikumspreis. Bei zahlreichen anderen Filmpreisverleihungen wurde der Film mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet.

Siân Heders »Coda« ist ein mitreißender Film, der mit Musik und Lebensfreude gehörlose Menschen aus der Anonymität holt und die Distanz des Fremden und Unbekannten einreißt. Das Will Smith mit seiner zweifelhaften Ohrfeige die Aufmerksamkeit von diesem Film auf seine Person lenkte, ist das Unglück der 94. Academy Awards. Damit das nicht so bleibt, sollten möglichst viele diesen Film sehen, der im Streamingdienst Apple TV+ zur Verfügung steht.

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