Film, Literatur, Roman

Das Gewicht von Stricknadeln

Wie ist es, wenn man als Frau abtreiben will, aber nicht darf? Diese Frage steht hinter dem autobiografischen Roman »Das Ereignis« von Annie Ernaux. Die Verfilmung der 1980 geborenen Französin Audrey Diwan gewann im vergangenen Jahr in Venedig den Hauptpreis und kommt jetzt in die Kinos. Zum Kinostart lohnt sich die parallele Lektüre des Buchs, um zusätzliche Ebenen des Ereignisses zu erschließen.

Sanft und warm glitzern die Partygirlanden in Audrey Diwans Romanverfilmung »Das Ereignis«. Wer das gleichnamige autobiografische Buch von Annie Ernaux gelesen hat, auf dem der Film beruht, wird von der schillernd-warmen Atmosphäre in dem bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen und dem Kritiker-Preis ausgezeichneten Film irritiert sein. Denn während sich bei der französischen Schriftstellerin das Ereignis im Januar 1964 vollzieht, hat es die junge französische Regisseurin Audrey Diwan in den Sommer verlegt. So schafft sie einen Kontrast zwischen den inneren Unruhen der Hauptfigur Anne und der Welt, die sie umgibt, in der das Leben mit allem, was es zu bieten hat, glänzt.

»Das Ereignis« ist die Geschichte der 23-jährigen Anne, die nach einer gemeinsamen Nacht mit einem jungen Mann schwanger wird. Bekommt sie das Kind, kann sie ihr Studium und den Traum, die einfachen Verhältnisse ihrer Herkunft zu überwinden, begraben. Sie ist entschlossen, abzutreiben, aber im Frankreich der sechziger Jahre ist selbst das Wissen um einen Abbruch illegal. »Und wie immer in solchen Fällen wusste man nicht, ob Abtreibungen verboten waren, weil sie verwerflich waren, oder verwerflich, weil sie verboten waren. Man urteilte innerhalb des Gesetzes, nicht über das Gesetz.«

Annie Ernaux: Das Ereignis. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Verlag 2021. 104 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen

Ernaux Erinnerungen an »Das Ereignis« ist im vergangenen Jahr kurz nach der Auszeichnung des Films in Venedig in der glänzenden Übersetzung von Sonja Fink erschienen. Auf gerade einmal 100 Seiten ruft sich die Grande Dame der autobiografischen französischen Literatur das eigene Ringen mit dem Schicksal in Erinnerung. Darüber zu schreiben ist nicht nur ihre Form der Anerkennung des Erlebten, sondern auch die Selbstermächtigung über die eigene Geschichte und deren inhärente Wahrheit. »Etwas erlebt zu haben, egal, was es ist, verleiht einem das unveräußerliche Recht, darüber zu schreiben. Es gibt keine minderwertige Wahrheit«, liest man in ihrem Buch.

Ernaux hat diese Geschichte vor über zwanzig Jahren aufgeschrieben, also knapp vierzig Jahre nach der gemachten Erfahrung. Da die Erinnerung ein trügerisches Wesen ist, macht Ernaux transparent, auf welcher Grundlage sie ihren Erfahrungsroman schreibt. »Ein Kalender und ein Tagebuch aus jenen Monaten werden mir die Anhaltspunkte und Belege liefern, die ich brauche, um Tatsachen zu überprüfen.« In ihren Aufzeichnungen liest sie, was als junge Frau in ihr in dieser Zeit vorging, und bringt das wiederum in den Text ein.

Anne (Anamaria Vartolomei) träumt von einer beruflichen Zukunft als Schriftstellerin | © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Wenn in diesen Tagen Diwans glänzender Film in die Kinos kommt, lohnt sich auch noch einmal der Blick ins Buch. Aufwühlend sind Film und Text gleichermaßen, es werden aber auch Unterschiede sichtbar. Die nachgereichte Reflektion der älteren Autorin kommt im Film nicht vor, vielmehr folgt Diwan den Tagebucheinträgen. Deshalb laufen Buch und Film nur auf der Ebene der Erzählung des Erlebten parallel.

Weil ihr Hausarzt Anne brüsk zurückweist, sucht sie irgendeinen Frauenarzt auf, den sie energisch auffordert, ihr zu helfen. Tatsächlich verschreibt er ihr ein Medikament, allerdings keines, das ihr helfen soll. Auf sich allein gestellt entscheidet sich die junge Frau dafür, den Abbruch in die eigenen Hände zu nehmen. Dabei kämpft sie mit allem, was sie hat, gegen das Schicksal an. Heimlich sucht sie in der Uni-Bibliothek nach Hinweisen und Anleitungen, um eines Abends mit einer abgekochten Stricknadel den lebensgefährlichen Eingriff selbst vorzunehmen. »Im Vergleich zu einer zerstörten Karriere wog eine Stricknadel in der Vagina nicht schwer«, liest man dazu im Buch. In Audrey Diwans bedrückendem Meisterwerk ist diese brutale Szene mehr als beklemmend. Es wird nicht die einzige bleiben.

Als Anne (Anamaria Vartolomei r.) ungewollt schwanger wird, unternimmt sie alles, um ihren Traum von einem selbstbestimmten Leben nicht endgültig aufgeben zu müssen | © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Immer wieder setzt Diwan alle Mittel des Kinos ein, um die Distanz zwischen Leinwand, Text und Realität vergessen zu machen. Ein Abtreibungsversuch bei einer Engelmacherin dauert im Film 120 Sekunden. Im Kinosessel fühlen sich diese zwei Minuten – »Ein Laut, ein Schrei, und ich höre auf!«, raunzt sie die Frau grob an, bevor sie beginnt – wie eine Ewigkeit an. Annes schmerzverzehrtes Gesicht, ihr unterdrücktes Wimmern und das Klicken und Kratzen der Instrumente sind eine kaum erträgliche Kombination.

Die junge Französin Anamaria Vartolomei spielt diese Frau mit überwältigender Energie. Sie hat eine umwerfende Ausstrahlungskraft und Willenskraft, zugleich wohnt ihr aber auch eine große Zärtlichkeit und Verletzlichkeit inne. Die Kamera ist immer nah an Anne dran, sucht ihren Blick, als wollte wenigstens sie Anne nicht allein lassen. Ihr Gesicht wird zur Kartografie ihrer Gefühle, ihr Atem zum Zeichen innerer Unruhe, Traurigkeit und Schmerz. Sie spielt diese Figur nicht als Opfer, sondern als selbstbestimmte Frau, die trotz aller Umstände zu ihren Träumen und ihrem Begehren steht. Deshalb zeigt Diwans Film auch die Lebenslust dieser jungen Frau, die sich von ihrer Situation nicht brechen lassen, die feiern, tanzen, küssen und lieben will.

Anne (Anamaria Vartolomei) träumt von einer beruflichen Zukunft als Schriftstellerin | © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Annie Ernaux’ Text ist nicht nur die Schilderung der Abtreibungserfahrung einer jungen Frau in den Sechzigern, sondern vor allem ein Reflektieren der zum Zeitpunkt des Verfassens 60-jährigen Autorin. »Heute dasselbe zu empfinden wie damals, ist unmöglich«, schreibt sie, um dann doch so nah wie möglich heranzukommen an die Empfindungen ihres jüngeren Ichs. »Nur indem ich mir in einer Schlange im Supermarkt oder auf der Post irgendeine grob und unsympathisch wirkende Frau um die sechzig heraussuche und mir vorstelle, sie würde mir mit einem fremdartigen Instrument in der Scheide herumstochern, kann ich mich flüchtig dem Zustand annähern, in dem ich mich damals eine Woche lang befand«, schreibt sie mit Blick auf die Abtreibung, die sie sogar zweimal vornehmen muss, weil der erste Eingriff folgenlos blieb.

Beim Schreiben zieht Ernaux auch Parallelen zu ihrer unmittelbaren Gegenwart, etwa wenn sie die Schleuser, die vor dem Krieg fliehenden Kosovaren in den Westen helfen, mit den Engelmacherinnen ihrer Jugend vergleicht. »Man verfolgt die Schleuser, man beklagt ihre Existenz so wie dreißig Jahre zuvor die der Engelmacherinnen. Man stellt weder Gesetze infrage noch die Weltordnung, die sie hervorbringen. Und mit Sicherheit gibt es unter den Menschen, die heute Flüchtlingen helfen, und denen, die damals ungewollt Schwangeren halfen, anständigere und weniger anständige.«

Anne (Anamaria Vartolomei) ist auf die Hilfe ihres guten Freundes Jean (Kacey Mottet Klein) angewiesen, als es darum geht, den Abbruch ihrer Schwangerschaft voranzutreiben | © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Die weniger Anständigen in Audrey Diwans Film sind die Ärzte, die Anne aufsucht und die sich alle von ihr abwenden. Manche hintergehen sie sogar bewusst, indem sie ihr schwangerschaftsstärkende Medikamente verschreiben. Der Hausarzt der Familie betreibt immerhin Nothilfe, indem er ihr – nachdem sie ihn von ihrem Entschluss, illegal abzutreiben, wenn er ihr nicht hilft, unterrichtet – zumindest ein Antibiotika verschreibt, dass Entzündungen verhindern soll. Wenig anständig ist auch der junge Mann, der Anne geschwängert hat und sie mit der Lösung des Problems allein lässt. Auch der Freund, an den sich Anne wendet, denkt nur an sich. Da die Gefahr, sie zu schwängern, nicht bestünde, könne man doch jetzt unverbindlich Spaß miteinander haben, trägt er ihr an. Aber auch die Freundinnen, auf deren Verständnis und Unterstützung Anne hofft, sind keine wirkliche Hilfe. Erst als sie nach dem Ereignis mit dem Tod ringt, hilft ihr eine aus dem Studentenwohnheim.

Ob die Umstände die Menschen so gemacht haben oder die Menschen die Umstände, lässt der Film latent offen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Er behält seine dezidiert weibliche Perspektive, macht aus Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten keinen Hehl. Aber er verweigert sich im Sinne von Ernaux’ Literatur einer Schwarz-Weiß-Haltung, nimmt den Zuschauer:innen das Urteil nicht ab. Indem er mit der schonungslosen Wahrheit konfrontiert, legt er Zeugnis ab über die Wirklichkeit der Welt, die heute – insbesondere in Fragen von Abtreibung und körperlicher Selbstbestimmung – global gesehen nicht viel weiter ist als vor sechzig Jahren.

Anamaria Vartolomei (l.) und Sandrine Bonnaire (r.) in »Das Ereignis« | © 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

»Ich war berauscht von einer wortlosen Intelligenz«, erinnert sich Ernaux in ihrem Text an das Gefühl, als alles vorbei ist. Die Erfahrung dieser Krise hat sie gestärkt, hat sie wie kein anderes Ereignis mit existenziellen Fragen von Leben und Tod, von Unterdrückung und Selbstermächtigung konfrontiert. Das Erleben schafft mehr Wissen als jede intellektuelle Aneignung. Das erklärt nicht nur ihr autobiografisches Schreiben, sondern gibt diesem auch einen eigenständigen Wert. Die wortlose Intelligenz in Worte zu (über)setzen, eine literarische Form für das Unsagbare zu finden, zeichnet nicht nur diesen Text, sondern alle Werke von Annie Ernaux aus.

An diesem hat sich letztendlich auch Audrey Diwan orientiert, als sie gemeinsam mit Marcia Romano Ernaux’ Text für den Film adaptiert hat, der keineswegs die Nouvelle Vague noch einmal hochleben lässt. Vielmehr steht er in der Tradition des Kinos von Robert Bresson, dessen minimalistische Ästhetik zu Ernaux’ reduzierter Prosa passt. Dort findet man auch das Glitzern, das in Diwans Film immer wieder auftaucht. Es beschreibt im Text den Schwindel, der Anne nach einer Vorlesung überkommt, als sich die Silhouetten ihrer Kommilitonen »plötzlich in leuchtende Punkte« auflösen. Dieser Schwindel ist Platzhalter für den allgemeinen Ausnahmezustand, in dem sie sich befand.

Schwindeln machen auch Ernaux’ Text in all seiner Schonungslosigkeit und Konsequenz und Diwans in satten Farben gedrehter Film. Beide erzählen die hochpolitische Geschichte einer dezidiert weiblichen Erfahrung als universelle Menschheitsgeschichte. Sie sind für sich genommen auf allen Ebenen genau das, was der Titel verspricht: ein Ereignis.

2 Kommentare

  1. […] Ernaux dichte Literatur für die Leinwand geeignet ist, hat zuletzt die Französin Audrey Diwan mit dem Abtreibungsdrama »Das Ereignis« bewiesen. Grundlage des in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Films bildete der gleichnamige […]

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