Geschichte, Sachbuch

Zukunftsstadt ohne Zukunft

Fotografie: Verlag Voland & Quist

Zum vierzigsten Mal jährt sich am 26. April die Atomkatastrophe von Tschornobyl. Mit »Reaktoren explodieren nicht« liegt nun ein illustriertes Jugendbuch vor, dass sich der Stadt, dem Kernkraftwerk, der Tragödie und der historischen Erfahrung verständlich und vielschichtig annähert.

»Hinter der Schranke ist eine normale Straße. Im Gegensatz zu anderen Straßen ist sie ruhig und leer. Pappeln nicken an den Straßenrändern. Ein Hase hoppelt hastig über die asphaltierte Fahrbahn. Es fühlt sich an, als würde man in einem alten schaukelnden Kleinbus aus Kyjiw in ein Dorf zu Verwandten zu Besuch fahren.«

Katerina Michalizyna, Stanislav Dwornyzkyj: Reaktoren explodieren nicht

So beschreiben Kateryna Michalizyna und Stanislaw Dwornyzkyj die Fahrt in die Sperrzone von Tschornobyl, die so gar nichts mit einem Ausflug zu den lieben Verwandten zu tun hat. Denn bald schon erblicken sie das Ortseingangsschild »mit der Sonne, dem Fluss, dem Boot und den rauchenden Schornsteinen im Hintergrund, … das einen übel werden lässt.«

Katerina Michalizyna, Stanislav Dwornyskyj: Reaktoren explodieren nicht. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Verlag Voland Quist 2026. 140 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://www.voland-quist.de/werke/reaktoren-explodieren-nicht-eine-kurze-geschichte-der-tschernobyl-katastrophe/
Katerina Michalizyna, Stanislav Dwornyzkyj: Reaktoren explodieren nicht. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Verlag Voland Quist 2026. 140 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Diese Übelkeit ist mit einer Erfahrung verbunden, die angesichts der fortschreitenden Geschichte mehr und mehr in den Hintergrund gerät. Um Jugendliche dafür zu sensibilisieren, was damals in der Stadt mit dem Wermut im Namen passiert ist und wie die Ereignisse bis heute nachwirken, haben die beiden ukrainischen Autor:innen anlässlich des 35. Jahrestags des Atomunfalls eine kurze Geschichte der Tschornobyl-Katastrophe als illustriertes Buch entworfen.

Fotografie: Verlag Voland & Quist

Mit fünfjähriger Verspätung, aber rechtzeitig zum 40. Jahrestag erscheint dieses Jugendbuch für Kinder ab zwölf Jahren in der deutschen Übersetzung von Claudia Dathe. »Reaktoren explodieren nicht« ist eine Mischung aus physikalisch-chemischen Einführungskurs, Geschichtsbuch und Reportage, wobei die Autor:innen immer darauf geachtet haben, komplizierte Sachverhalte herunterzubrechen und verständlich zu bleiben. Das ist allein angesichts der Notwendigkeit, kernphysikalische Abläufe erklären zu müssen, keine einfache Aufgabe.

Michalizyna und Dwornyzkyj gelingt dies aber mit Bravour, wenn sie sich von der Beschreibung der geografischen Lage und des utopischen Versprechens der Kernkraft dem Unfall und seinen Folgen annähern. Sie klären über den Aufbau des Kraftwerks und seine umgebende Infrastruktur auf, zeichnen eine Chronologie der Katastrophe und der anschließenden Aufräumarbeiten nach und tauchen in die Aufarbeitungs- und Schuldfrage ein. Der Buchtitel zitiert die fatale Fehlannahme der Ingenieure, die für Europas größtes Kernkraftwerk verantwortlich waren.

Hatte die HBO-Serie von »Breaking Bad«-Regisseur Johan Renck sich eher auf die dramatischen Ereignisse rund um den Super-Gau und dessen politische Vertuschung konzentriert, geht es den beiden ukrainischen Macher:innen um Wissensvermittlung. Dabei berufen sie sich auf die Grundlagenwerke des Historikers Serhii Plokhy oder der Literaturnobelpreisträgerin Switlana Aleksijewytsch, aber auch auf wissenschaftliche Artikel und Youtube-Videos, die im Anhang aufgeführt werden.

Fotografie: Verlag Voland & Quist

Auf Doppelseiten vertiefen sie kompakt einzelne Aspekte. Sie zeichnen die Geschichte des Atoms nach, erläutern die biologische Wirkung von Strahlung, erklären die spezifischen Besonderheiten des Kernkraftwerks Tschornobyl, sprechen über die Menschen, die mit Schaufel und anderem Gerät an der Unglücksstelle ihr Leben opferten oder führen die Bedeutung des Sarkophags vor Augen, der über dem zerstörten vierten Reaktorblock errichtet wurde. Dabei machen sie deutlich, wie eng technischer Fortschritt und politische Verantwortung, Erinnerung und ökologisches Bewusstsein so eng miteinander verbunden sind.

Claudia Dathe, die unter anderem die Lyrik von Friedenspreisträger Serhij Zhadan übersetzt, hat eine sehr zugängliche Übertragung vorgelegt, die trotz der gründlichen Erläuterungen von Brennstoff-Kreisläufen oder radioaktiven Wolken nur selten auf Fachvokabular oder hohe Sprache zurückgreift. Man hätte diesem gelungenen Buch eine Nominierung beim Deutschen Jugendliteraturpreis gewünscht. Da diese ausblieb, ist zu hoffen, dass »Reaktoren explodieren nicht« auf andere Weise seinen Weg in Schulbibliotheken und Jugendzimmer findet.