Ken Kesey ist eine Ikone der amerikanischen Gegenkultur. Als literarischer Rebell und idealistischer Hippie wandte er sich schreibend gegen die Unterdrückung des Individuums und die Unterwerfung der Natur. Mit dreißigjähriger Verspätung liegt nun endlich sein letzter Roman »Seemannslied« vor, der vulgäre Gesellschaftssatire, packende Endzeiterzählung und mahnende Climate Fiction verbindet. Milena Adam hat ihn spektakulär ins Deutsche gebracht.
Man hat nicht oft die Gelegenheit, einen Roman zu lesen, der vor fast vierzig Jahren geschrieben wurde und dennoch von der Gegenwart handelt. Bei Milena Adams Erstübersetzung des letzten Romans von Ken Kesey ist das aber der Fall. Sein »Seemannslied« führt die Leser:innen in ein Kaff irgendwo in Alaska in den 2020er Jahren. Der Klimawandel hat hier im hohen Norden Amerikas für milde Temperaturen gesorgt, die Welt steht entsprechend auf dem Kopf. Statt massiver Eisgletscher sorgen die Sonnenstürme für matschige Pisten, an den Ausläufern der einsam gelegenen Ortschaften schwelen Feuer unter gigantischen Müllbergen, in denen Wildschweine nach essbaren Überresten wühlen.

»Zunächst einmal sollte erläutert werden, warum Alaska«, heißt es auf den ersten Seiten. »Weil Alaska nämlich das Ende ist, das Finale, der allerletzte Traum des Pioniertums. Hinter Alaska kommt nichts mehr.« Ja, hinter Alaska kommt nichts mehr, aber am Arsch der Welt gibt es doch noch einiges, von dem man erzählen kann. Die skurrile Gemeinschaft in dem abgehängten Fischerdorf namens Kuinak gibt beispielsweise einiges her. Denn in dem Kaff ist nichts mehr so, wie es einst einmal war. Die Netze der Fischer bleiben zunehmend leer, Riesentrawler haben die Lachsgründe im nördlichen Pazifik geplündert.
Die letzten Fischer greifen in ihrer Verzweiflung zu einer Droge namens Scoot, »um die strapaziösen Lachsfahrten durchzustehen.« Denn wenn die Fische knapp werden, braucht es furchtlosere Fischer, die sich wagen, weiter raus zu fahren. »Draufgänger mit aufgemotzten Rennbootmotoren, die Waffenholster über ihren Regenhosen trugen«. Demagogen singen längst Lieder von der drohenden Apokalypse, am geografischen und zeitlichen Ende der Welt ist man halt anfällig für die Visionen der Weltuntergangspriester.
Denen gegenüber stehen eine Handvoll Idealisten, die mangels Alternativen darauf setzen, dass es schon irgendwie weitergeht. Zum einen sorgen die Mannen um den abgehalfterten Öko-Terroristen Ike Sallas für Unruhe im Ort, wo die Nachfahren der frühen Clondike-Pioniere immer noch vom großen Geld träumen. Zum anderen treibt die indigene Aktivistin Alice Carmody einige der Bewohner zum Wahnsinn, denn ihre Pläne zur Rettung der indigenen Kulturen verlangen ein klaren Bruch mit der kolonialen Geschichte. Als dann noch der gescheiterte Medien-Mogul Gerhardt Steubin mit seinem Segelboot am Hafen von Kuinak anlegt, um in dem Ort ein Kinderbuch zu verfilmen, bricht endgültig Chaos aus. Denn der Ort bietet nicht nur für diesen Roman eine großartige Kulisse, sondern ist in den Augen von Steubin auch die perfekte »spektakuläre Location« für seinen Film.
Soviel vielleicht zur Rahmenhandlung, die in ihren Details so ausufernd und irrwitzig ist, dass man sie unmöglich nacherzählen kann. Und die voller so vieler schräger Figuren, mysteriöser Organisationen und verwegener Bündnisse ist, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Aber das ist alles nicht dramatisch, denn hier passiert ununterbrochen so viel, dass das Chaos im Kopf der Leser:innen eingepreist ist.

Ohnehin wird in dem 1992 bei Viking Press erschienenen Roman mehr Seemannsgarn gesponnen als man jemals zum Reparieren der Taue der hier zum Einsatz kommenden Boote brauchen könnte. Das ist auch gut so, denn gedruckte Geschichte habe die verstörende Angewohnheit, »sich am Parteiprogramm jener zur orientieren, denen die Druckerpresse gehört«. Man tue daher gut daran, »die Fakten links liegen zu lassen und sich ins Reich der Legenden zu begeben«, wenn man sich dieser Geschichte Kuinaks zuwende.
Das sagt sich leichter als getan, denn bei aller sprühender Fantasie ist dieses »Seemannslied« in seiner Prophetie zuweilen erschreckend genau. Die Probleme und Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, finden sich fast alle irgendwie in diesem Roman wieder. Selbst so eine unvorstellbare Figur wie Donald Trump hat Kesey ins Weiße Haus der 2020er Jahre hineinimaginiert. Da beschreibt er einen Mann, der »an die niedersten Instinkte der amerikanischen Bevölkerung appelliert« und nach dem Prinzip »Der Dumme hat immer rechter als der Schlaue, weil wir mehr sind« regiert.

Ken Kesey, Autor der gleichnamigen Romanvorlage von Miloš Formans Kultfilm »Einer flog über das Kuckucksnest«, ist so etwas wie der Ur-Hippie seiner Generation. Wenn er mit seiner LSD-geschwängerten Kunst überhaupt etwas wollte, dann ein ebenso kreatives wie produktives Chaos stiften. Und das gelingt ihm hier auf ganz hervorragende Weise. Das fiktive und aus der Perspektive der 80er Jahre weit in der Zukunft gelegene Fischerdorf wird hier nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes zum Ort am Ende der Welt, sondern zur zivilisatorischen Bruchkante, an der Keseys skurrile Figuren über Zerstörung und Ausbeutung, Kolonialismus und kulturelle Aneignung, seelische Abgründe und das Ende der Welt nachdenken. Und weil all das nicht genug sein könnte, hat Kesey noch einen mysteriösen Mordfall im Zentrum der Erzählung platziert.
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Wie die Landschaft ist hier auch die Sprache rau, Milena Adam hat das mit sprühender Kreativität ins Deutsche gebracht. Vom brummelnden Ton der Seebären über die wilde Poesie indigener Mythen bis hin zum derben Witz der Seemannslieder, die hier tatsächlich zur Aufführung kommen – in dieser Übertragung sitzt einfach jeder Ton. Ihr gelingt es sogar, das rhythmische Rauschen des Meeres in den Text zu überführen.
Es ist ein Vergnügen, sich dieser Übersetzung hinzugeben, in der »Insulanerärsche« und »alte Dungbeutel« paffen, schlürfen und spelunkieren. In der Fischköppe auf »Schaluppen« durch die Bucht ziehen, ihre Zeche mit »Ocken« und jede »Ge-li-la-legenheit« nutzen, um verbal über die Strenge zu schlagen. Dazu kommen großartig e Sprachspielereien, von Alliterationen wie »Fortunas fieser Finger« bis hin zu verspielten Limericks wie »Der Körper ist schwach, auf den Geist sollst du bauen … klemm die Ohren zurück, und reingehauen!«
Ganz nebenbei legt Adam, ohne es zu erzwingen, eine vierzig Jahre alte Vorstellung unserer Gegenwart frei, wenn sie automatische »Roboote« durch die Bucht fahren lässt und den permanent überforderten Figuren hochmoderne »Celefone« in die Hand drückt. Hier profitiert Adam mutmaßlich von ihren bisherigen Übersetzungsarbeiten, schließlich ist ihr da die ein oder andere Dystopie schon untergekommen. Ob Philip B. Williams historische Vision »Ours. Die Stadt« oder Alain Damasios bahnbrechende Endzeiterzählung »Die Horde im Gegenwind« – Milena Adam bringt mit beeindruckender Souveränität fantastische Welten in die deutsche Sprache. Das gilt insbesondere auch für Ken Keseys irrwitzige Vision.
Für ihre Arbeit an diesem Kultroman ist sie nach Alaska gefahren, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Das erklärt womöglich, warum die surrealsten Szenen in diesem Roman – Wildschweine, die in brennenden Müllbergen nach Futter stöbern oder Schleimaale, die einen ganzen Fang verderbend – so natürlich und nonchalant auf das Papier gefunden haben.
Ken Keseys »Seemannslied« ist auch eine satirische Variante der Climate Fiction, in der der Klimawandel zwar immer nur am Rand thematisiert wird, aber zentral für die Handlung ist. »Selbst wenn du das Wort Gottes außer Acht lässt und nur den Wetterbericht liest, solltest du wissen, dass es immer heißer wird! Wir haben uns eine Grube gegraben und sollen in unserem eigenen Feuer zugrunde gehen!«
Und dennoch ist dieses Roman ein großes Vergnügen. Dieser literarische Seesack quillt über vor abseitigen Ideen und psychedelischen Albträumen. Die Beschreibung der Schleimaale wird man, einmal gelesen, so schnell nicht vergessen, gleiches gilt für die hanebüchene Fahrt einiger Gestalten mit einer ausgemusterten Draisine. Und es würde auch nicht wundern, wenn Ruben Östlund eines Tages einräumen sollte, dass die 15-minütige Kotzorgie in seiner mehrfach ausgezeichneten Satire »Triangle of Sadness« auf eine Schlüsselszene in Keseys Roman zurückgeht.
Ken Keseys »Seemannslied« ist ein ebenso berauschter wie berauschender Post-Beatnik-Roman voller popkultureller Zitate, irrwitziger Ideen und unvorhersehbarer Wendungen. Dass er mehr als dreißig Jahre unübersetzt blieb, ist nur damit zu erklären, dass sich niemand diesen ebenso genialen wie irrsinnigen Wahnsinn zugetraut hat. Mit Milena Adam hat sich nun endlich eine Übersetzerin gefunden, die dem Original nicht nur die Stirn geboten, sondern eine Übertragung auf Augenhöhe vorgelegt hat.
Nach der Lektüre dieser umwerfenden Satire hat man übrigens möglicherweise »einen Hau weg wie ein angedetschtes Osterei«. Wenn das der Fall ist, einfach zurücklehnen und genießen. Wie sich das gehört nach gut 700 Seiten Welttheater auf Acid.

