Literatur, Roman

Nicht nur literarisch Nachholbedarf

Die Auszeichnung des Tansaniers Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturnobelpreis hat den deutschen Literaturbetrieb auf dem falschen Fuß erwischt. Die weitgehende Unkenntnis von Autor und Werk zeigt nicht nur, dass die deutschsprachige Literaturlandschaft zu westlich orientiert ist, sondern macht auf ein viel grundsätzlicheres Problem der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte aufmerksam.

Die Hybris der deutschsprachigen Medien hat ein Ende, also fast. Soviel kann man nach der Bekanntgabe des Nobelpreiskomitees, den Literaturnobelpreis an Abdulrazak Gurnah festhalten. Den in Tansania geborenen, seit Jahren aber in Großbritannien lebenden und schreibenden Autor hatte nicht nur niemand auf dem Schirm, er war auch kaum jemandem bekannt. Gleiches gilt für sein Werk, von dem es bislang nur drei Titel auf den deutschen Buchmarkt geschafft haben, die alle längst vergriffen sind. Die NZZ verstieg sich daher zur steilen These, dass der Tansanier ein Autor ohne Publikum wäre. Was natürlich vollkommener Unsinn ist. Nur weil im deutschsprachigen Raum ein:e Autor:in kaum bekannt ist, heißt das nicht, dass jene:r Autor:in keine Leser:innen hätte.

Tatsächlich ist die NZZ-Kommentierung die einzige kritische Äußerung des Feuilletons. Ansonsten herrscht allerorten Bescheidenheit ob der eigenen Unkenntnis. Übergreifend wird die Auszeichnung als Einladung verstanden, einen bislang unbekannten Autor zu entdecken. Mancherorts wird auch eingeräumt, den Tansanier übersehen zu haben. Derlei Töne in der ansonsten besserwisserischen Kritiker:innenszene sind neu. Man nimmt sie mit Wohlwollen auf.

Gurnah ist der erste Autor aus einem afrikanischen Land sein 35 Jahren, der den bedeutendsten Literaturpreis der Welt erhält. Der Nigerianer Wole Soyinka hatte 1986 als letzter afrikanischer Autor den Literaturnobelpreis gewonnen. Die letzte Schwarze Autorin, an die der Nobelpreis verliehen wurde, war 1993 Toni Morrison. Es ist also nicht zu viel gesagt, festzustellen, dass es überfällig war, den Preis an eine:n Autor:in des afrikanischen Kontinents zu vergeben. Zumal dem Nobelpreis lange ein zu starker Fokus auf die europäische und amerikanische Literatur nachgesagt wurde. Die diesjährige Entscheidung ist auch ein Signal. Ein Signal des nach dem Skandal von 2018 neu besetzten Auswahlkomitees, künftig welthaltiger zu agieren.

Abdulrazak Gurnah erhält den Preis »für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten«, wie die Schwedische Akademie in ihrer Begründung bekannt gab. Fünf der zehn Romane, die der 1948 in Sansibar geborene Autor neben zahlreichen Erzählungen veröffentlicht hat (hier mehr zur Vita), sind auch in deutscher Übersetzung erschienen, darunter der 1994 für den Booker Prize nominierte und an John Milton angelehnte Roman »Das verlorene Paradies« (wenngleich der englische Titel nur »Paradise« und nicht wie bei Milton »Paradise Lost« lautet), der autobiografisch motivierte Migrationsroman »Schwarz auf Weiß« und der Identitätsroman »Die Abtrünnigen«. Zuletzt erschein 2020 der Roman »After Lives«.

Die Entscheidung der Schwedischen Akademie hat nicht nur die deutsche Literaturszene überrascht. Der Guardian zitiert Gurnahs langjährige Verlegerin von Bloomsbury Alexandra Pringel mit den Worten, dass diese Auszeichnung »most deserved«, also absolut verdient, sei, weil sie einen Autor treffe, der zuvor nicht die gebührende Anerkennung erhalten habe.

Abdulrazak Gurnah: After Lives. Bloomsbury 2020. 288 Seiten. 16,99 Pfund. Hier bestellen.

Wie schon bei der Auszeichnung der Lyriker:innen Louise Glück (2020) und Tomas Tranströmer (2011) oder dem Dramatiker Harold Pinter (2005) sind auch bei Gurnah aktuell keine deutschsprachigen Titel lieferbar. Die wenigen Exemplare in den Antiquariaten waren gestern innerhalb von Minuten aufgekauft. Auch in den öffentlichen Bibliotheken waren nur die wenigsten erfolgreich. Nun geht es an den Nachdruck. »Paradise« könnte beim Fischer-Imprint Krüger eine Neuauflage erfahren, »Die Abtrünnigen« wird wohl bald wieder im Berlin Verlag neu aufgelegt. Wie schnell das bei »Schwarz auf Weiß« geht, ist fraglich, die Lizenz hatte der 2017 geschlossene A1-Verlag erworben. Und wie es mit den vor 15 beziehungsweise 20 Jahren in der Edition Kappa erschienen Titel »Donnernde Stille« und »Ferne Gestade« (2001 auf der Longlist des Booker Prize) aussieht, ist fraglich. Der Verlag hat sich inzwischen auf Reiseführer für Kinder ab 8 Jahren spezialisiert.

Einer, der nun sicher vermehrt von Medien und Verlagen angefragt wird, ist Manfred Loimeier, der für seinen Band »Wortwechsel. Gespräche und Interviews mit Autoren aus Schwarzafrika« auch mit Gurnah gesprochen und für das Metzler Lexikon Weltliteratur den Eintrag für den nun mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Autor beigesteuert hat.

Im Interview direkt nach der Bekanntgabe der Auszeichnung spracht Gurnah gestern über den Umgang mit Flüchtlingen, auch das thematisiert er immer wieder in seinem Werk. Und er macht deutlich, dass er in der europäischen Abschottungspolitik einen neuen Abgrund sieht. Die kolonialen Verbrechen und die aktuelle Flüchtlingspolitik – in seinem Werk setzt er beides ins Verhältnis.

Der Umstand, dass Abdulrazak Gurnah im deutschsprachigen Raum dennoch so unbekannt ist, hat auch eine dunkle Seite. Gurnah unterrichtete an der University of Kent viele Jahre postkoloniale Literatur, sein Werk greift Fragen der kolonialen Vergangenheit immer wieder auf. Und Tansania hat eine deutsch-koloniale Vergangenheit, in seinem international erfolgreichsten Roman »Paradise« geht es genau darum. Und auch in seinem neuesten Werk steht die deutsche Kolonialgeschichte im Mittelpunkt, die Hauptfigur in »After Lives« wird Teil der deutschen Schutztruppen und zum Augenzeugen ihrer kolonialen Verbrechen.

Dass Gurnah, obwohl er immer wieder die deutsche koloniale Vergangenheit in seinen Romanen thematisiert, hierzulande dennoch kaum bekannt ist, wirft ein Schlaglicht auf die Verdrängung der Geschichtsvergessenheit und historischen Schuld der deutschen Gesellschaft, die sich zuletzt in der Debatte um das Humboldt-Forum auf die Provenienz von Kunstgegenständen fokussiert hat. Hier herrscht also nicht nur literarisch Nachholbedarf.

Es gibt zwar längst wissenschaftliche Untersuchungen seines Werks, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, in den gesellschaftspolitischen und anderen kulturellen Debatten ist das Thema aber nahezu absent. Es ist daher auch kein Wunder, dass Die Zeit keinen Kulturredakteur aus den eigenen Reihen gebeten hat, die gestrige Verleihung zu kommentieren, sondern den Wissenschaftler Karsten Levihn-Kutzler, der an der Universität in Oldenburg zu postkolonialer Literatur unterrichtet. Sein lesenswerter Kommentar gehört zu den wenigen Texten der deutschsprachigen Medien, der in die Tiefe des Werks des Tansaniers eintaucht. Um nur einen Absatz zu zitieren:

»Gurnahs Plots, obwohl historisch weitschweifend, bleiben den Konventionen des realistischen Romans verpflichtet, seine Prosa ist nüchtern, klar, introspektiv. Er meidet die Polemik, will nicht moralisieren, nicht mit graphic details schockieren. Die Gewalt, die die europäische Herrschaft in Afrika untermauerte, der Machtmissbrauch in der postkolonialen Autokratie bleiben an den Rändern seiner Texte, sind spürbar mehr als sichtbar. Gurnahs Blick auf den Kolonialismus, auf die wechselvolle Geschichte Tansanias und auf das postimperiale Großbritannien ist kein anklagender, sondern ein nachdenklicher, zunächst nach innen gerichteter Blick, der genau beobachtet, wie die mächtigen geschichtlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts den Menschen zerreißen und verformen.«

Karsten Levihn-Kutzler auf zeit.de

Diese Risse und Verformungen sind übrigens auch Thema in den Romanen von Tsitsi Dangarembga, die am 24. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Als im Juni die Jury die in Simbabwe lebende Autorin als Preisträgerin benannte, war sie in den Redaktionen fast genauso unbekannt wie jetzt Gurnah. Damals sagte ihre Verlegerin Annette Michael im Interview, dass »ein Gespür dafür fehlt, wie wichtig es wäre, sich mit diesen Büchern auseinanderzusetzen«. Das ist ja mehr als ein Alarmsignal, wenn im deutschsprachigen Kulturbetrieb ein Sensorium für postkoloniale Literatur fehlt, geht es darin doch auch immer um die eigene Geschichte. Inzwischen wurde Dangarembgas Werk gelesen und in höchsten Tönen gelobt.

Dangarembga konzentriert sich in ihren literarischen und filmischen Werken vor allem auf die Folgen, die die koloniale Vergangenheit und ihre Folgen bei den Nationalstaatsgründungen für Frauen haben. In ihrer Romantrilogie um die Figur Tambudzai Sigauke wird dies deutlich. In dem 1988 erschienen und 2019 wieder aufgelegten ersten Band »Aufbrechen« beschreibt die siebenjährige Tambu ihre Erfahrungen in einer Missionsschule und wie ihr und ihrer Cousine die eigenen Traditionen mit kolonialen Mitteln ausgetrieben werden. In dem 2006 erschienen Fortsetzungsband »The Book of Not«, der im kommenden Herbst unter dem Titel »Verleugnen« erscheinen soll, besucht sie eine höhere christliche Schule und wird anschließend in einer Werbeagentur erfahren, wie sich Rassismus im Alltag auswirkt. Der gerade erschienene Abschlussband »Überleben«, 2020 auf der Shortlist des Booker Prize, zeigt, wie sie als erwachsene Frau darunter leidet, sich aller Bildung zum Trotz nicht selbst verwirklichen zu können.

Dass in diesem Bücherherbst mit Abdulrazak Gurnah und Tsitsi Dangarembga zwei nahezu Unbekannte die Hauptbühne des deutschsprachigen Literaturzirkus betreten, zeigt nicht nur, dass unsere Literaturlandschaft immer noch zu stark auf Autor:innen aus Europa und Amerika fixiert ist, sondern ist auch eine Chance, sich mit der kolonialen Vergangenheit genau dieser Weltregionen auseinanderzusetzen. Die wenigen deutschsprachigen Titel, die dies thematisieren, etwa Sharon Dodua Otoos im Frühjahr erschienener Roman »Adas Raum«, reichen dafür ganz offensichtlich nicht aus.

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