Literatur, Roman

Punktlandung mit Nobelpreisträger

Abdulrazak Gurnahs Roman »Das verlorene Paradies« erscheint pünktlich zur Nobelpreisverleihung in neuer Auflage. Der Roman bildet damit den Anfang einer Neuausgabe von Gurnahs Werk im Penguin-Verlag.

Wenn am 10. Dezember in Stockholm die Nobelpreise vergeben werden, liegt wenigstens eine deutsche Übersetzung von Abdulrazak Gurnah wieder in den Buchläden. Sein bislang erfolgreichster Roman »Paradise«, der 1994 auf der Shortlist des Booker Prize stand, soll am 7. Dezember in den Buchhandel kommen. Es handelt sich dabei um die vergriffene Übersetzung von Inge Leipold, die in neuer Aufmachung unter dem bewährten Titel »Das verlorene Paradies« erscheinen soll.

Zum Zeitpunkt der Verkündung des Literaturnobelpreises waren die deutschen Übersetzungen seiner Bücher komplett vergriffen, sein Werk blieb bis dahin im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt. Ein Skandal. Denn Gurnah thematisiert in seinen Romanen immer wieder die deutsche koloniale Vergangenheit. Dass er hierzulande dennoch kaum bekannt war, wirft ein Schlaglicht auf die Verdrängung der Geschichtsvergessenheit und historischen Schuld der deutschen Gesellschaft, die sich zuletzt in der Debatte um das Humboldt-Forum auf die Provenienz von Kunstgegenständen fokussiert hat. Hier herrscht also nicht nur literarisch Nachholbedarf.

Gurnah unterrichtete an der University of Kent viele Jahre postkoloniale Literatur, sein Werk greift Fragen der kolonialen Vergangenheit immer wieder auf. Die deutsch-koloniale Vergangenheit seines Geburtslandes Tansania hat er in »Das verlorene Paradies« behandelt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Heranwachsender namens Yussuf, der im von deutschen Kolonialisten beherrschten Tansania in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, von seinen Eltern als Schuldpfand an einen Händler gegeben wird und mit diesem eine abenteuerliche Reise ins Landesinnere unternimmt. Ein Roman, der den arabisch-indischen Imperialismus analysiert und Bezüge zu Joseph Conrads »Herz der Finsternis« sowie – der deutsche Titel macht das noch deutlicher – zu John Miltons »Paradise Lost« aufweist. Die weißen Kolonialisten bleiben in dem Roman eher Randfiguren, ihren Terror wird Gurnah in späteren Romanen aufgreifen, etwa in der im vergangenen Jahr erschienen Geschichte »Afterlives«. Dort wird die Hauptfigur Hamza Teil der deutschen Schutztruppen und zum Augenzeugen ihrer kolonialen Verbrechen.

Er hat bisher zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Ins deutsche übersetzt wurden bislang »Pilgrims Way« (»Schwarz auf Weiß«), »Paradise« (»Das verlorene Paradies«), »Admiring Silence« (»Donnernde Stille«), »By the Sea« (»Ferne Gestade«) und »Desertion« (»Die Abtrünnigen«). Die Verlage, in denen sie erscheinen sind, gibt es zum Teil nicht mehr. Entsprechend wurde um die deutschen Rechte intensiv geboten. Der zur Random House Verlagsgruppe zählende Penguin-Verlag hatte sie sich gesichert. Erste, bereits ins Deutsche übertragene Werke sollen nun schnellstmöglich erscheinen, an einer Übersetzung seines aktuellen Romans »Afterlives« wird bereits gearbeitet. Im kommenden Jahr soll Gurnah in Deutschland, Österreich und in der Schweiz zu Gast sein.

Abbildung der vergriffenen Ausgabe

Penguin Verlegerin Britta Egetemeier sagte über ihren neuen Autor: »Wir verdanken dem diesjährigen Literaturnobelpreis die Neu- und Wiederentdeckung eines Autors, der uns gerade jetzt und besonders in Deutschland und Europa viel zu sagen hat. Zugehörigkeit und Entwurzelung, Migration und Fremdsein, manchmal Heimkehr – Abdulrazak Gurnahs Romane handeln von universalen menschlichen Erfahrungen. Nichts in seiner Literatur ist Schwarz oder Weiß, in bestechend klarer Sprache, in der Tradition und Schönheit des Geschichtenerzählens weitet sie den Blick, über die Kontinente und ins Herz der Menschen.«

Die afrikanische Literatur hat in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit erhalten, was für die Geschichten und diejenigen, die sie erzählen, spricht. Neben dem Literaturnobelpreis ist der Prix Goncourt an den Senegalesen Mohamed Mbougar Sarr gegangen, den Booker Prize hat der Südafrikaner Damon Galgut gewonnen. Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde zudem die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga für ihr eindrucksvolles Werk ausgezeichnet.