Interviews & Porträts, Literatur

Ein kraftvoller Mystiker und Universalist

Der Literaturnobelpreis 2023 geht an den norwegischen Autor und Dramatiker Jon Fosse. Er werde für seine »innovativen Theaterstücke und Prosa ausgezeichnet, die dem Unsagbaren die Stimme geben«, wie die Königlich Schwedische Akademie heute in Stockholm mitteilte. Der Norweger galt seit Jahren als Favorit für den Preis, er folgt der französischen Autorin Annie Ernaux und dem in Großbritannien lebenden und in Tansania geborenen Autor Abdulrazak Gurnah.

»Ich bin überwältigt und etwas verängstigt«, hat Jon Fosse seine Auszeichnung kommentiert, teilt sein deutscher Verlag Rowohlt auf seiner Website mit. »Ich sehe dies als eine Auszeichnung für die Literatur, die in erster Linie Literatur sein will, ohne andere Erwägungen.«

Der 1959 geborene Jon Fosse ist nach Bjørnstjerne Bjørnson (1903), Knut Hamsun (1920) und Sigrid Undset (1928) der vierte Preisträger seines Landes. Sein umfangreiches Werk umfasst eine Vielzahl von Genres und besteht aus Theaterstücken, Romanen, Gedichtsammlungen, Essays, Kinderbüchern und Übersetzungen. Auf den Bühnen der Welt ist er einer der meistgespielten Theaterautoren, ihm eilt der Ruf eines »Beckett des 21. Jahrhunderts« voraus. Seit einigen Jahren findet aber auch seine Prosa zunehmend Anerkennung.

Fosse hat zwei Kinderbücher, zwei Erzählbände und fünf Romane verfasst, darunter sein Debüt »Melancholie«, die als »Trilogie« herausgegebene Liebesgeschichte in drei Teilen (»Schlaflos«, »Olavs Träume« und »Abendmattigkeit«) sowie das siebenteilige Künstlerporträt, das als »Heptalogie« in drei Bänden erscheint. Zwei von drei Bänden dieses Opus Magnum – »Ich ist ein anderer« und »Der andere Name« – liegen bereits in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel vor, der dritte Band »»Ein neuer Name« ist für 2024 angekündigt. Fosses literarisches Werk, verfasst im Neunorwegischen (Nynorsk) und übersetzt von Hinrich-Schmidt Henkel, erscheint im Hamburger Rowohlt Verlag.

Die Romane von Jon Fosse

Rowohlt-Verlegerin Nicola Bartels sagte nach der Bekanntgabe durch das Nobelpreis-Komitee: »Der Nobelpreis für Jon Fosse ist eine große Freude: Die Auszeichnung würdigt das literarische Schaffen eines Autors, dessen Werke die Welt mit Tiefe und Intensität berühren, die das Gewöhnliche außergewöhnlich erscheinen lassen und deren poetisch einfache Sprache zu Musik wird.« Im Börsenblatt ergänzte sie ein paar Tage später, dass der Verlag nun »schnellstmöglich und größzügig« nachdrucke, »um für die zu erwartende Nachfrage des Publikums gut eine Woche vor Beginn der Frankfurter Buchmesse vorbereitet zu sein.«

Die Rowohlt-Programmleiterin Ulrike Ostermeyer kommentierte, dass mit Fosse »einer der ganz großen Autoren unserer Zeit ausgezeichnet. Ein säkularer Mystiker, der in seinem Werk das Geheimnis der Schöpfung beschwört, einer, der in der Tradition des Staunens und Zweifelns steht – eine Tradition, die in unserer immer lauter werdenden Welt verloren zu gehen droht.«

Die Theaterstücke von Jon Fosse

Fosses deutscher Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ist einer der renommiertesten seines Fachs, mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Paul-Celan-Preis, dem Eugen-Hermlé-Übersetzerpreis sowie dem Straelener Übersetzerpreis. Schmidt-Henkel übersetzt im Wesentlichen aus dem Französischen und Norwegischen. Zu seinen norwegischen Autor:innen gehören unter anderem Tarjei Veesas, Kjell Askildsen, Tomas Espedal und Jon Fosse, die im Gegensatz zum bekanntesten norwegischen Autor Karl Ove Knausgård eher Vertreter einer leisen, aber großen Stilistik sind. Die Bedeutung der Sprache und ihre überwältigenden Mittel stehen bei diesen Autoren im Mittelpunkt.

Jon Fosses Theaterstücke, Essays und Romane überträgt Schmidt-Henkel seit über dreißig Jahren. Als Norwegen 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, sprach ich mit Schmidt-Henkel über die besondere Faszination der norwegischen Literatur und über die Stilistik von Jon Fosse.

»Es gibt niemanden, der so schreibt wie Fosse«, erklärte mir Schmidt-Henkel da. »Sowohl in Prosa als auch im Theater gelingt es ihm wie keinem Zweiten, dass das Eigentliche gesagt wird, indem es nicht gesagt wird. Fosse Figuren sind kleine Menschen mit großen Problemen, die keine Sprache haben. Und das sind wir ja irgendwie alle, ganz egal, wie groß wir sind und wie viele Wörter wir haben. Es gibt keinen, der es so schafft, diese Menschen wirklich so reden zu lassen. Das, was eigentlich ist, sagen sie nicht, und dennoch tritt dieses Eigentliche ganz klar hervor. Im Theater gelingt ihm das vor allem durch Pausen, in der Prosa durch Wiederholungen.«

Das Mittel der Wiederholung ist typisch für Fosses Literatur, wie Schmidt-Henkel in dem Gespräch deutlich machte, um den Effekt auf der Bühne in die geschriebene Sprache zu retten. »Da man nicht einfach eine halbe Seite oder drei Seiten leer lassen kann, um die Pause zu erzielen, weil das einfach schnell überblättert würde, verwendet er das Mittel der Wiederholung. Man liest diese Wiederholungsschleifen, und irgendwann enthält der Satz, der zuvor schon fünfmal kam, eine kleine Veränderung. Da erfährt man plötzlich etwas Neues und man liest diesen Satz in einem anderen Licht. Er trägt auf einmal etwas anderes. Und so setzt sich etwas zusammen, wie bei einem Kaleidoskop. Fosse ist deshalb ein unvergleichlicher Autor, weil es auf faszinierende Weise dann doch unergründlich bleibt, wie genau er das macht.«

Erzählungen und Novellen

Ein anderes Stilmittel, das in Fosses prosaischem Werk immer wieder auftaucht, ist das der offenen Enden. Immer wieder lässt der Norweger Sätze auslaufen, verzichtet auf abschließende Satzzeichen, als könne nie alles gesagt sein. Das mag auch an den existenziellen Fragen liegen, die der spirituelle Katholik in seinen Texten immer wieder aufwirft. Leben, Liebe, Tod, Glauben, Vergessen und Vergehen sind Themen, um die seine Prosa kreist.

Schon damals galt Fosse als aussichtsreicher Kandidat auf den Literaturnobelpreis, für seinen Berliner Übersetzer war das nur konsequent. »Seine Figuren und seine Schreibweise sind auf besondere Weise universell, und wenn es einen schlagenden Grund für den Nobelpreis geben sollte, dann wäre das der, dass der Träger ein universeller Autor sein sollte«, sagte Schmidt-Henkel damals. Dieser universelle Autor ist nun mit dem universellsten aller Literaturpreise ausgezeichnet worden. Er folgt auf die Französin Annie Ernaux, den Tansanier Abdulrazak Gurnah un die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück.

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