Literatur, Roman

Mit »Also« fängt die Suche an

Christian Kracht schickt sein Alter Ego in dem Roman »Eurotrash« auf die Reise mit seiner psychisch kranken Mutter, um die Abgründe der historischen Schuld seiner Familie und seiner Generation zu erkunden.

»Christian Kracht ist ein ganz schlauer Bursche« wird auf dem Buchdeckel von Krachts neuem Roman »Eurotrash mit einem Zitat von Peter Handke geworben. Ein ziemlich geschickter Zug, denn all jene, denen der umstrittene Handke nicht so passt, mögen das als ironische Abwertung lesen, und jene wiederum, die Handkes Texte kennen und schätzen, als emotionalen Begeisterungsausbruch.

Es würde nicht wundern, wenn sich dies als Fake entpuppen würde, denn die sanfte Ironie, die in diesem Marketingschachzug steckt, könnte auch von Kracht selbst stammen. Sie durchzieht seine Texte, unter deren wohlgeordneter und im besten Sinne einfacher Struktur Abgründe lauern können, die tief in die dunkelsten Kammern der Geschichte führen. Manch einer hat diese Ironie nicht sehen wollen und den Schweizer Autor anlässlich seines Romans »Imperium« über den deutschen Aussteiger August Engelhardt zum »Wegbereiter totalitären Denkens« abstempeln wollen. Das ist natürlich Blödsinn, was auch in seinem neuen Roman deutlich wird.

Der steht in einem unmittelbaren Bezug zu seinem gefeierten Debüt »Faserland«, in dem ein namenloser Erzähler, der unverkennbar Züge des Autors trägt, von Sylt nach Zürich fährt und dabei die Dekadenz seiner Generation auslebt, um sich in der elterlichen Villa das Leben zu nehmen. »Eurotrash« ist erneut ein Reiseroman, die selbstfiktionalen Bezüge sind nun noch weniger verschleiert. Denn dort reist ein Autor namens Christian Kracht mit seiner dementen Mutter durch die Schweiz, um der bodenlosen Hoffnungslosigkeit des Schicksals noch einmal ein Schnippchen zu schlagen.

Wer wissen will, wie nun diese Romane im Verhältnis stehen, findet die Antwort im Text. Stilistisch, könnte man sagen, wird aus der Wesensverwandtschaft kein Geheimnis gemacht, denn wie schon »Faserland« beginnt »Eurotrash« mit einem »Also«, dem ein durchatmen und dann der Beginn der Erzählung folgt.

Christian Kracht: Eurotrash. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2021. 224 Seiten. 22, Euro. Hier bestellen.

Figurativ ist es etwas komplizierter, und zwar wie folgt: »Ich hatte mich nämlich mit fünfundzwanzig entschlossen, einen Roman in der Ichform zu schreiben, erinnerte ich mich, bei dem ich mir selbst und dem Leser vorgaukeln würde, ich käme aus gutem Hause, wäre wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem autistischen Snob.« Der Erzähler – nicht der Autor! – dieses Romans ist der Autor eines Romans, der irgendwie verdammt nach »Faserland« klingt, aber »Faserland« nicht sein kann, weil dessen Autor Christian Kracht ja aller Welt bekannt ist. So weit, so viel Unklarheit. So weit gehen und behaupten, dass es sich hier um einen autobiografischen Text handelt, will schließlich niemand.

Worum geht es nun in diesem Text? Ein Autor namens Christian Kracht unternimmt darin mit seiner Mutter eine Reise. Mit einer vermögenden alten Frau, Tochter eines Nazivaters und Witwe eines Medienberaters, die Alkohol und Beruhigungsmitteln verfallen und regelmäßige Besucherin der örtlichen Psychiatrieist. Zwischen der und ihrer Neubauwohnung am Zürisee pendelt sie ständig hin und her, der Sohn besucht sie alle zwei Monate pflichtschuldig. Als er sie zu ihrem 80. Geburtstag besucht, schaut sie ihn aus einem eingefallenen, zerschrammten und ungepflegten Gesicht an. »Die Talfahrt dieser Familie als Landkarte ihres Gesichts, wenn man das so sagen kann«, geht ihm durch den Kopf. Da weiß er noch nicht, dass er bald eine ganz andere Fahrt zu seinen Wurzeln machen wird.

Mit seiner Familie kämpft die Figur Christian Kracht (und der Autor über seine autofiktionale Figur) seit jeher. Denn der vor Jahren gestorbene Vater gehört zum alten Adel mit Verbindungen zur Springer-Dynastie, sein Vermögen hat er in Kunstgegenständen und Gemälden angelegt. Wie genau diese Familiengeschichte mit alten Naziseilschaften verbunden ist, wird nie gänzlich offen gelegt, aber dass da was ist, taucht in Krachts Romanen immer wieder auf. Dazu kommt das Thema Kindesmissbrauch, das über Anspielungen an den Stefan-George-Kreis und hier durch den Aufenthalt in dem Hotel einer zwielichtigen Sekte aufleuchtet.

Um all das zu überwinden trifft die Figur Christian Kracht eines Tages eine Entscheidung. Er gibt dem Drängen seiner Mutter nach und begibt sich mit ihr auf eine Reise, um diese Geschichte ein für alle Mal abzuhaken. »In diesem Augenblick wusste ich, dass es alles jetzt exakt entweder so weitergehen würde bis zu ihrem Tod oder dass ich jetzt, nur jetzt, genau in diesem Moment ausbrechen könnte aus dem Kreis des Missbrauchs, aus dem großen Feuerrad, aus dem sich drehenden Hakenkreuz.«

Der Witz dieser Reise besteht in dem Ansinnen, dabei das Vermögen der Mutter, das zum Teil aus Aktien der deutschen Waffenindustrie besteht, zu verjubeln. Das passt natürlich zur emotionalen Beschaffenheit des Ich-Erzählers, der die ganze familiäre Last, die schuldhafte Geschichte, die belastete Kunst und die von Krieg und Zerstörung befleckte Kohle, mit einer Verachtung betrachtet, die kein Erbarmen kennt. So ist es kein Wunder, dass dem Taxifahrer, der eigentlich nur zum Flughafen, dann aber durch das ganze Land fahren sollte, mit Schweizer Franken zugeschüttet wird.

Und ja, vielleicht ist Verschenken das Beste, was man in so einer dandyhaften Existenz wie der Kracht’schen mit all dem geerbten Blutgeld anstellen kann. Dass es dabei noch zu einer Annäherung zwischen Mutter und Sohn kommt, gehört zu den genialen Zügen dieses lakonisch und süffig geschriebenen Romans, in dem es einmal mehr um die Frage von Schuld und Befreiung familiärer Lasten geht. Sein Protagonist flieht diesmal weder auf eine Südseeinsel (»Imperium«) noch in die Filmstudios der dreißiger Jahre (»Die Toten«), sondern bleibt in der Schweiz und legt diese mitsamt der familiären Nazi-Verwicklungen unter das Seziermesser seiner glasklaren Sprache.