InSzeniert, Literatur, Roman

Auf der anderen Seite des Universums

Beim Internationalen Literaturfestival in Berlin stand der Montagabend ganz im Zeichen des Booker Prize. Mit Maaza Mengiste und C Pam Zhang – erste in Addis Abeba geboren, zweite in Peking – waren zwei US-Autorinnen zu Gast, die im Rennen um den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt waren. Mit ihren Romanen rückten sie verdrängte Geschichte und Minderheitenperspektiven in den Vordergrund.

Krieg ist etwas Männliches und die Geschichte erweist dieser Männlichkeit Tribut, sagte Maaza Mengiste beim 21. Internationalen Literaturfestival in Berlin. Hintergrund ist ihr Roman »Der Schattenkönig«, der es im vergangenen Jahr bis auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat, den schließlich Douglas Stuart mit seinem Debütroman »Shuggie Bain« gewann.

In ihrem Roman erzählt Mengiste vom Abessinenkrieg, mit dem die Truppen von Italiens faschistischem Diktator Mussolini das äthiopische Kaiserreich eroberten, und dem äthiopischen Widerstand bis zur Befreiung von der italienischen Kolonialherrschaft. Zwischen 1935 und 1941 sollen eine dreiviertel Million Äthiopier ums Leben gekommen sein. Was in der Geschichte untergegangen ist: in den kriegerischen Auseinandersetzungen dienten viele Frauen als Soldatinnen und trugen dazu bei, das Land zu befreien. Eine dieser Soldatinnen ist Hirut, Mengistes Hauptfigur, die nach der Flucht des äthiopischen Kaisers ins Exil das eigene Schicksal und das ihres Landes in die Hand nimmt.

Die Geschichte, die Mengiste erzählt, weißt einige Parallelen zur Vita ihrer Urgroßmutter auf. Allerdings habe sie erst im Nachhinein davon erfahren. Als sie ihre Mutter darauf ansprach, warum sie ihr nie davon erzählt habe, habe diese nur »Du hast nicht gefragt« geantwortet. Über diesen Satz habe sie lange nachgedacht. »Ich habe mich gewundert, dass ich auch während meiner Recherchen nicht gefragt habe. Aber wir Frauen sind offenbar darauf programmiert, dass das, was sich Frauen erzählen, Geschichten sind, aber nicht Geschichte«, räumt Mengiste selbstkritisch ein. Ihr Roman beweist das Gegenteil.

Maaza Mengiste beim 21. ilb in Berlin | Foto: Thomas Hummitzsch

»Mädchen werden nicht dazu erzogen, sich zu verteidigen, sondern sich klein und unsichtbar zu machen«, erklärt Mengiste in Berlin im Gespräch mit der britischen Autorin Priya Basil, einer echten Kennerin der antikolonialen Emanzipationsliteratur. Hirut erhebt sich als Soldatin daher nicht nur gegen die italienischen Truppen, sondern auch gegen die patriarchalen Strukturen in ihrer Gesellschaft. Sie nimmt als älteste Nachfahrin die familieneigene Waffe – trotz Widerständen – an sich, um sich und ihr Land zu verteidigen.

Eine wichtige Rolle darin spielt ein besonderes Gewehr, eine so genannte Wujigra, »eine robuste Waffe, die Kälte, Regen und wiederholter, schneller Schussfolge standhält« und zuverlässig trifft, wie es im Roman heißt. Mit dieser Waffe in der Hand ist Hirut nicht länger nur Frau, sondern vor allem Soldatin, auch wenn sie sich das im Laufe des Romans immer wieder sagen muss. Aber natürlich spielt es eine Rolle, dass sie als Frau auf dem Schlachtfeld ist, wo sie nicht nur das Territorium ihrer Heimat, sondern auch das ihres Körpers verteidigen muss. Dass sie mit beidem erst auf schreckliche Weise scheitern muss und dennoch nicht aufgibt, gehört zu den Stärken von Mengistes Roman.

Frauen wie Hirut habe es Tausende gegeben, berichtet Mengiste. Sie habe das aber selbst auch erst am Ende ihrer jahrelangen Recherchen erfahren. In Zeitungsausschnitten, Tagebucheinträgen und Frontberichten hatte sie nach Hinweisen gesucht die den Beitrag der äthiopischen Frauen im Krieg gegen Italien belegen. Sie sei dann von wenigen hundert Frauen an den Waffen ausgegangen, eine Historikerin habe ihr dann gesagt, dass im ganzen Land Frauen gedient hätten, tausende eben. Wie erklärt sie sich, dass dies kaum bekannt ist? »Stellen Sie sich vor, die Italiener müssten einräumen, dass sie den Krieg gegen Frauen verloren hätten. Dann wissen Sie, warum.« Die Geschichte des Krieges sei halt eine Geschichte der Männlichkeit. Frauen hätten darin keinen Platz, kämen wenn dann als Opfer vor.

Maaza Mengiste signiert nach ihrer Lesung | Foto: Thomas Hummitzsch

Mengiste zeigt in ihrem vielstimmigen Roman, dass Geschichte nicht linear verläuft, auch wenn wir sie im Nachhinein so lesen. Geschichte ist ein Prisma, sagt sie selbst. Viele Dinge passieren gleichzeitig, es sei der Blick, der sich mal in diese, dann in jene Richtung wende. Und: »Krieg ist eine Serie unbequemer Verhandlungen und grausamer Kompromisse«, wobei die Grausamkeit wächst, wenn man begreift, dass die Täter auch in der Lage sind, Menschlichkeit walten zu lassen.

Mengistes Erzählung kommt wie der Krieg nicht ohne die Brutalität der männlichen Soldaten aus. Eine Gewalt, die mal befohlen, mal gewählt, mal im Wahn, mal in der Not zutage tritt. So arbeitet Mengiste nicht nur die verschiedenen Stufen von Maskulinität heraus, sondern vermeidet zugleich die Falle, diese Männer als Klischees zu zeichnen. Sie stellt der Gewalt, Brutalität und dem Trauma des Krieges die Schönheit der Sprache gegenüber. Diese Schönheit findet sie in der Imagination, in den Momenten der Realitätsflucht, der sich ihre Figuren immer dann hingeben, wenn die Wirklichkeit nicht mehr auszuhalten ist. Dies betreffe keineswegs nur Frauen, sondern auch die Männer. »Wir erinnern immer nur die Helden, aber nie die zerstörten Seelen«, so die Autorin.

Maaza Mangiste: Der Schattenkönig. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky. Dtv Verlagsgesellschaft 2021. 576 Seiten. 25,00 Euro. Hier bestellen

Eine empfindsame männliche Figur ist der italienische Fotograf Ettore, ein Nachkomme osteuropäischer Juden, der mit seiner Kamera den Krieg festhält – sein alltägliches Grauen und seine Normalität. Von seinem Vater hat er den Auftrag mit auf den Weg bekommen, die italienischen Soldaten daran zu erinnern, wer sie sind und woher sie kommen: »Die Welt ist vom Menschen gemacht, mein Sohn, wir sind nach unserem eigenen rohen Bild geschaffen, es gibt kein Schicksal, es gibt keine Vorsehung, es gibt nur eines: Wissen.«

Hier reflektiert Mengiste wie schon in ihrem Debüt »Unter den Augen des Löwen« einmal mehr das Verhältnis von Vätern und Söhnen, »vielleicht eine Obsession«, wie sie einräumt. Mit der Figur des Fotografen setzt sich Mengiste auch mit der Bedeutung der kolonialen Fotografie auseinander. Sie besitzt selbst eine kleine Sammlung an Aufnahmen italienischer Soldaten, die während des Krieges entstanden sind. Diese Bilder zeigen Brutalitäten und Grausamkeiten, oft auch gegenüber Frauen und Mädchen. Sie waren nie dafür gemacht, von Dritten angesehen zu werden. Umso erkenntnisreicher ist nun der Blick darauf. Auf einem Foto habe sie zwei Männer entdeckt, einen italienischen Soldaten in Uniform und einen ostafrikanischen Kämpfer in zerrissener Kleidung. Der Italiener steht gerade da, die Hände an seiner Seite, der Ostafrikaner hält die Hände verschränkt vor seiner entblößten Brust. Dies sei kein Bild von zwei Männern, sondern von Macht und Ohnmacht. »Diese Bilder sind Selbstporträts der Mächtigen mit den Besiegten!«

»Der Schattenkönig« ist ein musisches Werk, zusammengesetzt aus vielen Stimmen, Perspektiven und Ebenen. Mal so leise wie ein Windhauch, dann wieder ein tosend lautes Kriegsgebraus. Ein universelles Buch, das die Augen öffnet und Wissenslücken schließt. Das seine Leser:innen nicht schont, aber auch Mut macht. Und das uns in der rhythmischen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky als großes orchestrales Werk begegnet, das noch lange nachklingt.


Die US-amerikanische Autorin C Pam Zhang verlässt mit ihrem Buch »Wie viel von diesen Hügeln ist Gold« konventionelle Strukturen. Im Mittelpunkt ihres literarischen Debüts, das in den USA mit Lobeshymnen gefeiert und nun erstmals live vor Publikum präsentiert wurde, stehen zwei Kinder, Sam und Lucy, die nach dem Tod ihrer Eltern mitten in den historischen Westen der USA geworfen sind.

Der Roman setzt wie ein Märchen ein, nichts wird eingeführt. Wer diese Kinder sind, woher sie kommen, wohin sie wollen – all das ist zunächst so ungewiss wie die Zukunft, die sich den Kindern in den USA bietet. In kurzen Sätzen wird die Welt beschrieben, in der sie sich bewegen. So werden die Leser:innen stilistisch unmittelbar in die Perspektive dieses ungewöhnlichen Zwillingspaares geworfen. Sie teilen ihre Unsicherheit, aber auch ihr noch begrenztes Sprachvermögen und wachsen mit ihnen im Laufe des Romans mit. Die Tiger auf dem Cover sind daher auch als eine Art Warnung zu verstehen. Sie sind Hüter einer fremden Welt, die die Leser:innen hinter dem Buchdeckel erwartet.

C Pam Zhang stellt ihren Roman »Wie viel von diesen Hügeln ist Gold« in Berlin vor | Foto: Thomas Hummitzsch

Der historische Westen der USA ist eng verbunden mit John Wayne und allen Klischees, die das Westerngenre bereithält. Der Goldrausch, die Cowboys, die vorgeführte Männlichkeit – man kennt das alles zur Genüge. Und mitten hinein in diese Modellwelt knallt C Pam Zhang diesen fulminanten Roman, dessen Form Moderator Toby Ashraf sehr zum Gefallen der Autorin als in jeder Hinsicht queer bezeichnete. Weil er Perspektiven ändert und – in einer sehr produktiven Form – Irritationen hervorruft.

Das Buch ist wie eine Reise mit vielen Stationen angelegt – eine Erfahrung, die die die 1990 in Peking geborene und in den USA aufgewachsene Autorin kennt. In bislang dreizehn Städten habe sie bereits gelebt, lässt die Vita des Verlags wissen. Sie teilt also mit ihren Figuren das ständige Wechseln des Aufenthaltsorts und habe als Outsider gelernt, Dinge mit einem anderen Blick wahrzunehmen, Mythen zu entziffern und andere Perspektiven einzunehmen. Und genau das tun ihre Figuren, die nicht nur hinsichtlich ihrer ethnischen Herkunft, sondern auch hinsichtlich ihrer geschlechtlichen Identität offen angelegt sind. Das genderfluide Figurenkonzept in einem Roman über den historischen Westen ist nicht nur ein kühner literarischer Zug, sondern bietet die Chance einer erschütternden Erfahrung im allerbesten Sinne. Weil es einschlägt wie eine schallende Ohrfeige und daran erinnert, dass es Queerness nicht erst seit Regenbogen- und Genderdebatten, sondern schon immer gibt. Auch im Wilden maskulinen Westen. Asiatische Cowboys – why not. Mit Kelly Reichardts Trapper-Film »First Cow« hat es diese Idee schließlich auch schon ins Kino geschafft.

Mit ihrer Wild-West-Coming-of-Age-Immigration-Story fordert Zhang auch ganz bewusst die Identitätsperformance der Gegenwart heraus. Das ständige Verhandeln von geschlechtlichen Zuschreibungen, ethnische Erwartungen und identitären Annahmen muss ein Ende haben, um wirkliche Freiheit für alle zu erlangen, so die Moral dieses Romans. Womit die thematische Palette dieses Romans noch längst nicht ausgereizt ist. Sam und Lucy haben den Verlust ihrer Eltern zu bewältigen und beobachten aufmerksam die Veränderung der Landschaft unter dem Einfluss des Menschen. Ihre Trauer gilt den menschlichen Aspekten, aber auch der vom Klimawandel erfassten Landschaft.

C Pam Zhang beim 21. ilb in Berlin | Foto: Thomas Hummitzsch

Moderator Toby Ashraf, der von der ersten Sekunde an mit Zhang auf einer Wellenlänge war, kommt eigentlich aus dem Filmbetrieb. Als Kurator hat er das Berlin Art Film Festival gegründet. Dass er Zhangs Roman neben der queeren Herangehensweise auch einen filmischen Ansatz unterstellt, ist aber nicht mit seiner Vorliebe fürs Kino zu begründen, sondern mit der überaus bilderreichen Sprache des von Eva Regul mitreißend übersetzten Romans und den literarischen Mitteln, die Zhang für seine Konstruktion einsetzt. Sie arbeitet mit Spannungsbögen und Cliffhangern, setzt auf eine wiedererkennbare Struktur in den vier Teilen der Erzählung, in denen sie die ganze Palette stilistischer Variation ausnutzt. Und ganz offensichtlich hat Eva Regul in ihrer Übersetzung den Sound der Autorin getroffen hat, die sich freute, der vorgelesenen Passage ohne Deutschkenntnisse folgen zu können. Der Rhythmus macht es möglich.

»Wie viel von diesen Hügeln ist Gold« ist Zhangs erster Roman, zuvor hat sie futuristische und spekulative Erzählungen und Kurzgeschichten in renommierten Magazinen veröffentlicht. Warum also jetzt ein Western, zumal dieses maskulin vorbelastete Genre das queere Programm schwächen könnte, fragte Ashraf. Weil der mittlere Westen der USA eng mit der Landschaft und der Geografie verbunden ist. Der Western sei für sie ein Genre der Liebe für Landschaft, die Weite und die Natur. »Meine Eltern gehören zu dieser Landschaft, sie teilen den Respekt, und das wollte ich unmissverständlich zeigen«, erklärte die Autorin.

S Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold. Aus dem Amerikanischen von Eva Regul. Verlag S. Fischer. 352 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen

Spätestens seit Ocean Vuongs Bestseller »Auf Erden sind wir kurz grandios« ist die asiatische Einwanderung in die USA auch Teil des literarischen Kanons. C Pam Zhang wirft nach Vuongs autobiografisch motiviertem Roman nun einen viel spielerischen, aber nicht weniger grundierten Blick auf dieses Feld. Bücher wie »Minor feelings« von Cathy Park Hong oder »Asian-American Dreams« von Helen Zia habe sie beim Schreiben des Romans verschlungen. Als asiatisch-stämmige Vorzeigeaktivistin will sie sich dennoch nicht missverstanden wissen, zumal sie die Frage nach den autobiografischen Bezügen nervt. Als würden Minderheiten-Autorinnen nicht universelle Geschichten erzählen können.

Am Ende gibt Zhang zu bedenken, dass gute Literatur ohnehin immer autobiografisch grundiert ist, weil sie Emotionen verhandelt. Emotionen, die die Autor:innen selbst durchlebt haben. Und davon ist dieser rasante Trip durch das Goldrausch-Amerika so voll, dass man aus dem Staunen kaum mehr raus kommt. Dieser Roman lässt den Mythos des Wilden Westens in sich zusammenfallen. Ein Triumph der Literatur über die Erwartung.