Literatur, Roman

Weiß, männlich, abgefuckt

Der New Yorker Ben Lerner legt mit »Die Topeka-Schule« seinen bisher politischsten Roman vor. Er zeigt darin, wie Sprache wirkt und wie sie einem Volk verloren gegangen ist.

Im Mittelpunkt von Lerners drittem Roman steht Adam Gordon, ein Ivy-League-Absolvent, der in New York vom Bücherschreiben lebt. Der in seiner Jugend als landesweiter Debattiermeister seinen Altersgenossen den Rang abläuft. Dessen Vater als Psychologe arbeitet und dessen Mutter mit feministischen Essays den Hass vieler Männer auf sich zieht. All das kennt Lerner, dem oft unterstellt wird, er verarbeite sein Dasein in seiner Literatur. Nicht dass etwas dagegen spräche, das zu tun, zumal wenn es auf diesem Niveau erfolgt, aber natürlich ist das ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion, das sich durch sein noch übersichtliches, aber viel gelobtes Werk zieht.

Zu den Fans des New Yorker Autors gehören seit seinem Debüt »Abschied von Atocha« Autoren wie Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder Paul Auster. Mit der »Topeka-Schule« sind nun Autor:innen wie Sally Rooney (»Die Zukunft des Romans ist angebrochen.«), Maggie Nelson (»sein bisher scharfsichtigstes, ambitioniertestes, innovativstes und gegenwärtigstes Buch«), Barack Obama (»Die Topeka Schule hat unsere Welt ein bisschen heller gemacht.«) und Ocean Vuong (»Ben Lerner hat ganz neu definiert, was es für Autor*innen bedeutet, die US-amerikanische Gegenwart zu erfassen«) dazugekommen, mit deren Stimmen der herausgebende Suhrkamp-Verlag den Roman bewirbt.

Ihnen allen dürfte eine Figur namens Adam Gordon aus Lerners Literatur bekannt vorkommen. Um den ging es nämlich schon in seinem Debüt. Da erzählte dieser, wie er mit seinem Debütroman kämpfte. Im zweiten Roman »22:04« geht es ebenfalls um einen Autor, Ben heißt er dort, der an seinem zweiten Roman schreibt. Nun also erneut Adam Gordon, der im Laufe des Romans mit seinem neuen Buch auf Lesetour geht. Man darf daher annehmen, dass es sich hier um dieselbe Figur handelt wie im Debüt, Lerners dritter Roman also mit dem ersten in einem Zusammenhang steht. Wenn dem so ist, bildet »Die Topeka-Schule« in der Chronologie der übergreifenden Erzählung eine Art Klammer, denn ein Großteil des Romans erzählt von Gordons Kindheit und Jugend in den Siebzigern und Achtzigern, um dann in unsere Gegenwart zu springen.

Sein neuer Roman, mit dem er es bis auf die Shortlist für den Pulitzerpreis geschafft hat, beginnt mit einer Szene, die dem gut situierten, provinziellen Amerika der Siebziger ein Gesicht gibt. Adam und seine Freundin Amber unternehmen einen nächtlichen Ausflug auf den See in der Mitte Topekas, trinken teuren Whiskey, blödeln herum. Es ist der Abend vor einem Debattierwettstreit, bei dem Adam als Favorit ins Rennen geht. Doch plötzlich ist Amber weg, wohin, weiß Adam nicht. Irgendwann rudert er genervt ans Ufer, weil er sich erleichtern muss. Er legt das Boot an, geht in das Haus, das er für das von Ambers Eltern hält, sucht erst das Bad auf und schließlich nach seiner Freundin. Erst da merkt er, dass er im falschen Haus steht. Leise stiehlt er sich davon und sucht in den immer gleichen Einfahrten der Reihenhaussiedlung nach seinem Wagen. Als er ihn findet, taucht auch Amber wieder auf. Sie habe Lust gehabt, zu schwimmen, erklärt sie ihm.

Lerners neues Werk ist eine Art Entwicklungsroman, der in Rückblicken aus der Kindheit und Jugend von Adam Gordon erzählt, um von prägenden Momenten seines Coming-of-Age zu erzählen. Adams Perspektive dreht sich dabei vorwiegend um die Erinnerungen rund um seine Debattiermeisterschaften, bei denen er ein ums andere Mal brilliert. »Seine Stärke war, schnell und entschlossen zu reagieren und Fehlschlüsse bloßzustellen; seine Kreuzverhöre waren weithin gefürchtet.« Die Belege dafür liefert der performative, von Nikolaus Stingl hervorragend übersetzte Text, der es zu einem Vergnügen macht, diesen Debatten zu folgen.

Adam gehört aber nicht nur zu jenen, die mit umfassendem Wissen und Argumentationsstärke glänzen können, sondern die sich auch die Taktik des »Schnellsens« angeeignet haben. Diese Art des Vortrags gleicht einem High-Speed-Rap, bei dem die Kontrahent:innen mit maximal vielen Argumenten konfrontiert werden, die sie unmöglich alle parieren können, ohne Abstriche an der eigenen Argumentation zu machen. Es gibt viele Gegner des Schnellsens, vor allem Laienrichter könnten damit nichts anfangen, heißt es im Roman, weil es die politische Debatte von der echten Welt löse, da kein Mensch Sprache so verwende. Adam aber weiß wie viele andere, dass das falsch ist, da das Kleingedruckte in juristischen, politischen oder Werbetexten keinen anderen Zweck hätte als das Schnellsen. »Das Letzte, was man mit diesen Tausenden von Wörtern anfangen sollte, war, sie zu verstehen. Derartige Offenlegungen waren zur Verschleierung gedacht.«

Das intellektuelle Gegenstück zum Schnellsen stellt die in den Siebzigern aufkommende Heavy-Metall-Musik dar, die sich vor allem die Klient:innen von Adams Vater reinziehen. Jonathan Gordon geht den kaputten Seelen verwöhnter weißer Teenagerjungen auf den Grund und weiß, dass die Hilflosigkeit der Eltern dieser Jugendlichen sich darin ausdrückt, dass sie geheime Botschaften in dieser Musik vermuten. Doch er weiß, dass etwas ganz anderes hinter dem fragilen Selbstbild dieser Kids steht. »Wie viel einfacher wäre es, wenn die Texte, spielte man sie langsam rückwärts ab, tatsächlich, wie von manchen hysterischen Eltern befürchtet, satanische Botschaften offenbarten; wenn es eine derart maskierte geheime Ordnung, wie finster auch immer, anstelle von Wut und Leere gäbe.«

Der Wut des unsicheren weißen Mannes ist Adams Mutter ausgesetzt. Jane Gordon stärkt als Therapeutin und Autorin Frauen, indem sie öffentlich auf das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Männern und Frauen hinweist und Frauen ermutigt, Erniedrigung und Gewalt nicht hinzunehmen, sondern sich von solchen Verhältnissen zu lösen. Als sie in den Siebzigern ihre Sicht auf Love, Sex und Rock’n Roll gibt, wird sie von einem Kollegen als »trompetende Xanthippe« hingestellt. Doch davon lässt sie sich nicht von ihrem Weg abbringen. Als Jahre später ein Auftritt bei Oprah Winfrey hohe Wellen schlägt, rufen vermehrt wütende Männer bei ihr an. Einige der Anrufe nimmt Adam – zu dem Zeitpunkt noch ein Kind – entgegen. Er hört, wie das freundliche Nachfragen nach seiner Mutter in das hässlich-aggressive Zischen einer tobenden Männerwelt übergeht, wenn seine Mutter den Hörer übernimmt. In dieser Zeit wird Adam seinen Penis mit Kaugummi verkleben. Seine Mutter deutet dies als »eine Art Kastrationssache, ein Versuch, kein Junge mehr zu sein, kein Mann, keiner von den Männern.«

Lerners Roman ist – trotz Auslassung von #MeToo – eine umfassende Erkundung der toxischen Männlichkeit, von der sich Adam permanent zu lösen versucht und sie zugleich nicht richtig los wird. Nicht zuletzt schwingt in seinem Ärger auf Amber zu Beginn des Romans etwas von dieser Wut der Männer auf selbstbewusste Frauen mit. Und dennoch: »Adam wollte glauben, dass das Zeitalter der wütenden weißen Männer, die das Ende der Zivilisation verkündeten, zu Ende ging«, heißt es an einer Stelle mit Verweis auf Francis Fukuyama und dessen Ende der Geschichte.

Lerner zeigt eine große Bandbreite der Ambivalenz von Männlichkeit und dass es kein richtig im Falsch geben kann. Auf der Haben-Seite ist Adams Wille, Frauen zu verstehen, ihre Bedürfnisse zu sehen und die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu erkennen. So liest er als Jugendlicher als einer der wenigen seiner Generation Bücher über weibliche Orgasmen und die Kunst des Cunnilingus, um ein guter Liebhaber zu sein. In seiner letzten Debatte kritisiert er die (männliche?) Ideologie des ständigen wirtschaftlichen Wachstums, um dem sozialen (weiblichen?) Gedanken der Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten eine Chance zu geben. Auf der Soll-Seite ist der Zweifel, dass Männer überhaupt in der Lage sind, emphatisch zu sein. Denn selbst sein Psychologenvater riskiert seine Ehe, um sich seiner Männlichkeit zu vergewissern. Und als er als junger Mann Zeuge davon wird, wie seine Mutter vor einer Lesung von einem religiösen Antifeministen wüst beschimpft wird, versucht er mit fester Stimme und Drohgebärde dagegenzuhalten. Das ihn ausgerechnet seine Mutter, die er doch verteidigen will, nicht minder wüst zur Ordnung ruft, trifft ihn schwer.

Ben Lerner: Die Topeka-Schule. Aus dem Englischen
von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag 2020.
395 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen

Das Gegenstück zu Adam ist Darren, ein ehemaliger Mitschüler von Adam, der bei dessen Vater in Behandlung war, weil er meinte, den Tod seines Vaters verursacht zu haben. Darren wird im Gegensatz zu Adam im provinziellen Topeka bleiben, sich dort einigeln und den Habitus des wütenden weißen Mannes verinnerlichen. Irgendwann taucht er bei einer Lesung von Adam auf, sein rotes Basecap – das Erkennungszeichen der Trump-Anhänger – unterscheidet ihn von allen anderen. Spätestens hier verankert Lerner seinen Roman in der Gegenwart und zeigt, dass der Riss durch die amerikanische Gesellschaft auch ein Riss ist, der zwischen Stadt und Land verläuft.

Dieser Text ist auch in der deutschen Übertragung präzise, poetisch und mutig, geht neue Wege in seiner nicht-linearen, psychologischen Konstruktion. Diese führt uns am Ende zu einer Demonstration gegen Donald Trumps Einwanderungspolitik, an der Adam mit seiner Frau und seiner Tochter teilnimmt. Als die Besetzung der örtlichen Einwanderungsbehörde zu eskalieren scheint, fürchtet Adam, als Mann und Vater versagt und seine Familie unnötig in Gefahr gebracht zu haben. Bis sich die Menge rechtzeitig zurückzieht und sich die Situation beruhigt. Vor dem Gebäude skandieren sie schließlich gemeinsam mit der Masse politischen Forderungen. »Mir war das wie jedes Mal peinlich«, gesteht Adam, »aber ich zwang mich, daran teilzunehmen, Teil einer öffentlichen Rede zu sein, einer Öffentlichkeit, die mitten im allgemeinen Schnellsen langsam wieder zu reden lernte.«

Genau darin liegt die Herausforderung, vor der nicht nur die amerikanische, sondern viele moderne Gesellschaften stehen. Wie steigt man angesichts der brüllenden medialen Dauerbeschallung nicht in das Schnellsen ein, sondern lernt neu, einander zuzuhören und miteinander zu reden? Eine explizite Antwort liefert Lerners Roman nicht, aber sie steht zwischen jeder Zeile. Der Typus des wütenden weißen Mannes wird dabei wenig behilflich sein, wie dieser großartige Roman zeigt, der wie kein anderer das abgefuckte Selbstbild dieses Typus aus weißer Perspektive aufzeigt. Dass diese keine Erweiterung durch migrantische oder anders diverse Stimmen findet, ist die einzige Schwäche dieses fulminanten Textes.