Allgemein, Literatur, Roman

Best-of 2020 aus den Publikumsverlagen

Die zwanzig besten Titel aus den Publikumsverlagen stammen von arivierten und neuen Autor:innen aus dem In- und Ausland. Am meisten hat mich eine glänzende Neuübersetzung überzeugt, der beste deutschsprachige Titel ist ein Romandebüt einer Berliner Theaterautorin.

In der Galerie sind meine Top-20-Bücher aus den Publikumsverlagen versammelt. Nachstehend werden in Kurzkritiken die Bücher in rücklaufender Reihenfolge vorgestellt. Hier geht es zu den besten 20 Büchern aus unabhängigen Verlagen 2020.


Platz 20
Jan Koneffke: Die Tsantsa-Memoiren

560 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Pünktlich zur Eröffnung des Humboldt-Forums legt der Uwe-Johnson-Preisträger Jan Koneffke einen fulminanten Roman über eine der schrecklichsten Trophäen des Kolonialismus vor. Denn die Tsantsa sind faustgroße Schrumpfköpfe, wie sie im 19. Jahrhundert gern aus der Südsee nach Europa geschickt wurden. Ein solcher Schrumpfkopf ergreift hier das Wort und führt durch zwei Jahrhunderte europäischer Geschichte. Dabei orientiert er sich an seiner eigenen Reise von einem Besitz in den nächsten, die ihn im Laufe der Jahrhunderte nach Rom, Paris, Bukarest, Frankfurt und Berlin führt, mal als Ausstellungsstück, dann wieder als wissenschaftliches Wertgut. Dass Koneffke seinen Erzähler dabei auch die jeweiligen Sprachwendungen – auch rassistische – angedeihen lässt, macht die Lektüre zu einem herausfordernden und vereinzelt auch schwer erträglichem Vergnügen. Ungefähr so, wie der Gang durch ein Kolonialmuseum wie dem Humboldt-Forum.

Platz 19
Fran Ross: Oreo

288 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen.

Was für ein grandioser Text. Christine Clark ist gerade einmal sechzehn Jahre alt, ihr Vater ist ein jüdischer Amerikaner, ihre Mutter eine Afroamerikanerin. Dieses doppelte Außenseitertum weckt in dem Teenager nurmehr den Kampfgeist, denn sie muss sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, der sich aus dem Staub gemacht hat. Schnoddrig motzend und mit ausreichend Chuzpe ausgestattet macht sie sich auf den Weg und begegnet auf ihrer Reise echten Charakteren, wie man ihnen in den 70ern auf Harlems Straßen antrifft. Einen Zuhälter bringt sie gar zur Strecke, einen irren Lustmolch verweist sie als Superwomen in die Schranken. Als der Roman in den 70ern erschien, nahm niemand Notiz davon, inzwischen ist Fran Ross »Oreo« als frühe feministische Satire einer Afroamerikanerin wiederentdeckt. Dabei kennt vor allem die Sprache, grandios von Pieke Biermann übersetzt und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, keinen Halt. Das macht es zu Beginn nicht ganz leicht, in dieses Buch hineinzufinden, aber ist man erst einmal in diese Theseus-Übertragung eingetaucht, will man sie nicht mehr verlassen.

Platz 18
T.C.Boyle: Sind wir nicht Menschen

400 Seiten. 23,00 Euro. Hier bestellen.

Die neuen Erzählungen von T.C.Boyle sind bereits 2017 in den USA erschienen. Wie in seinem Gesamtwerk geht es immer wieder darum, wie der Mensch des Menschen Wolf ist. Hier nun nimmt er sich die Sozialen Medien, virtuelle Realitäten, Klimawandel und Flüchtlingsfragen, ja sogar ein Corona-ähnliches Szenario vor, dreht die Schraube der Wirklichkeit stets ein bisschen weiter, als wir bereit sind, das jetzt schon so zu denken. Nur um zu zeigen, dass es nicht die Welt ist, die uns bedroht, sondern dass wir es sind, die die Welt bedrohen. Mit den insgesamt 19 neuen Erzählungen, die »Sind wir nicht Menschen« in der flüssigen Übersetzung von Dirk van Gunsteren und Anette Grube versammelt, legt Amerikas punkigster Schriftsteller derart hellsichtige Prosa vor, dass man sie visionär nennen muss.

Platz 17
Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

336 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen.

Was war das für ein Moment, als im Frühjahr alle auf den Balkonen standen und für jene klatschten, die die Welt am Laufen hielten. Gebracht hat es jenen, die an den Supermarktkassen, Krankenbetten und Kitatüren standen wenig. Der Sänger und Autor Thorsten Nagelschmidt hat den Schicksalsgenoss:innen dieser Systemrelevanten einen Roman gewidmet, »Arbeit« heißt er kurz und knapp. Er gilt all jenen, die dann malochen, wenn sich andere zur Nacht legen. Dafür hat er sich ein Jahr lang an die Berliner Nacht begeben. In seinem Roman bekommen, die denen er dabei begegnet ist, eine Stimme. Anna, die im Späti jobbt, Sheriff, der als Nachtwächter im Hotel sitzt oder Bederitzky, der sein Taxi durch die Berliner Nacht steuert. Dieser Roman ist wie ein Film, vergleichbar mit Sebastian Schippers »Viktoria«, voll erzählerischer Wucht, rauen Tönen und authentischen Geschichten.

Platz 16
Ulrike Draesner: Schwitters

471 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Draesners mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnete Roman nimmt die Flucht und die Jahre des Exils des Dadaisten Kurt Schwitters auf faszinierende Weise in den Blick. Der Roman ist weder Biografie noch Künstlerroman, sondern eine Annäherung, wie seine Autorin selbst schreibt. »Nichts wird beschrieben, denn das hieße, es existierte außerhalb des Romans, alles ist neu gesehen, hergestellt in Sprache und dem, was bei der Lektüre aus ihr entsteht.« Ihr begeisternder Text dekonstruiert die Figur in dadaistischer Weise selbst, indem er sie zur Echokammer werden lässt, in der sich nicht nur die Stimmen anderer brechen. So wirkt dieser klug komponierte Roman selbst wie ein Merzbau, in dem sich die Zeiten, Orte und Stimmen fügen in »ein aus Würfeln, Tetraedern, Kuben geometrisch sich auftürmendes Labyrinth mit dramatischem Lichtfall, Fensterschlitzen, Draperien, Nischen«. In diesem Labyrinth kann man sich verlaufen, und genau darin besteht sein Reiz, wie ich in meiner ausführlichen Kritik deutlich mache.

Platz 15
Anna Burns: Milchmann

452 Seiten. 25,00 Euro. Hier bestellen.

Die namenlose Erzählerin in Anna Burns mit dem Booker-Prize 2018 ausgezeichneten Roman wächst im Belfast der 70er Jahre auf. Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken tobt, Autobomben, Geiselnahmen und blutige Straßenschlachten gehören fast zur Tagesordnung. Doch die Erzählerin hat ein ganz anderes Problem. Ein fremder Mann interessiert sich für sie, er nennt sich selbst »Milchmann«, ist aber ein international gesuchter IRA-Terrorist. Er spricht sie an, läuft ihr nach, verfolgt jeden ihrer Schritte – ein klarer Fall von Stalking. Mit geflüsterten Drohgebärden rückt er der Protagonistin immer näher, während um sie herum eine Gesellschaft in ihre Einzelteile zerfällt. Das Private ist politisch und das Politische privat, das gilt erst recht für diesen Roman, in dem Anna Burns aus der konkreten nordirischen Situation herausarbeitet, was es heißt, inmitten von religiösem Wahn, Sexismus und kriegerischer Gewalt zu leben. Allein der skalpellscharfe Blick ihrer souveränen und grimmigen Erzählerin ist die Lektüre in der treffenden Übersetzung von Anna-Nina Kroll wert.

Platz 14
Clemens Setz: Die Bienen und das Unsichtbare

416 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Dass der Spaceman unsere Sprache sehr schwierig findet, ist nur eine Erkenntnis, die man diesem Wunderwerk aus der Setz‘schen Schreib- und Denkwerkstatt entnehmen kann. Darin geht Österreichs Dostojewski den Anekdoten hinter Sprachen wie Volapük, Blissymbolics oder Esperanto auf die Spur, sucht nach den geheimen Codes von Klingonisch, High Valyrian sowie der Nonsens-Dichtung und erzählt die Geschichte der Sprache der Mikronation Talossa. Wer Literatur liebt, wird diese fantastisch-realistische Reise in die Sprachregionen echter und fiktiver Nationen nicht mehr aus der Hand legen. Engagierte Fans von Clemens Setz sollten dieses erste Sachbuch von ihm unbedingt lesen, schon um möglichst viele Erkenntnis-Schnipsel zu sammeln, auf die man in seinen kommenden Werken sicher wieder stoßen wird.

Platz 13
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

213 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen.

Iris Wolff erzählt in ihrem bewegenden Roman »Die Unschärfe der Welt« die Geschichte einer Familie aus dem Banat und davon, wie eine Landschaft Menschen ein Gefühl tief ins Herz pflanzen kann. »Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt«, in dieser Landschaft, von der es heißt »Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.« Dieser leise und hochpoetische Roman ist von einer erzählerischen Kraft und sprachlichen Präzision, die einen tief eintauchen lässt in die Geschichten ihrer Figuren und in eine Landschaft, die von Mythen getragen ist. Es gelingt Wolff, ihren Stoff als gesamteuropäische Geschichte zu erzählen und damit zu zeigen, wie zusammengehört, was zusammenfließt. Die ausführliche Kritik gibts hier zu lesen.

Platz 12
Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

320 Seiten. 21,00 Euro. Hier bestellen.

Norbert Paulini verwaltet einen Schatz. Hunderte, ach was, tausende Bücher nennt er sein Eigen, zu DDR-Zeiten ist er so ein angesehener Mann. Einer, der über Dinge verfügt, die andere gern haben wollen. Leinengebundene Gesamtausgaben von Nietzsche, Goethe oder Hölderlin. Die Menschen kommen gern zu ihm, seiner Familie kann er ein zuhause bieten. Doch dann kommt die Wende und das einst wertvolle Gut, Bücher, ist nichts mehr wert.Tonnenweise werden Bücher auf der Müllhalde abgeladen, Paulini ist fassungslos und zieht mit seinem Wagen los. Mit dem Werteverfall der Bücher beginnt auch der Glaube Paulinis daran, dass es auf der Welt mit rechten Dingen zugeht. Seine Familie zerbricht und der Abstieg des einst angesehenen Bürgers nimmt seinen Lauf. Als er dann auf einen Autor namens Ingo Schultze trifft, geraten die Dinge vollends aus dem Ruder. Ingo Schulzes neuer Roman ist ein großer Wurf, der klug komponiert mit Elementen der Wirklichkeit spielt und im Kern danach fragt, ob ein Kultur- und Büchermensch vor Populismus und Gewalt gefeit ist.

Platz 11
Ben Lerner: Die Topeka-Schule

395 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

In Ben Lerners Roman »Die Topeka Schule« hat die #MeToo-Bewegung Niederschlag gefunden. Dieser fulminante Text ist im Kern eine Ergründung der toxischen Männlichkeit, die die USA nicht erst seit Donald Trump in ihrem eisernen Griff hält. Adam, die Hauptfigur in Lerners Roman, die sich wie viele Lerner-Figuren aus Versatzstücken der Biografie des Autors zusammensetzt, versucht sich aus dessen Schlinge zu lösen. Die Erfahrungen, die er als Sohn zweier Psychologen-Eltern macht, spielen dabei eine große Rolle. Der von Nikolaus Stingl wunderbar übersetzte Text geht mutig neue Wege in seiner nicht-linearen, psychologischen Konstruktion. Trump selbst kommt hier gar nicht vor, nur die roten Basecaps seiner Anhänger lassen an den Präsidenten denken. Einen besseren Roman über den Typus des wütenden weißen Mannes wird man derzeit kaum finden (hier die ausführliche Rezension).

Platz 10
Ali Smith: Winter

320 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen.

In dem zweiten Roman von Ali Smith’ Jahreszeitenquartett geht es um eine weihnachtliche Schicksalsgemeinschaft, die in einem alten Haus zusammenkommt und alte Konflikte und Traumata zu bewältigen hat. Art und Lux kennen sich nur flüchtig, aber die junge Kroatin soll seine Freundin spielen, damit Arts Mutter Sophia endlich Ruhe gibt. Die hat aber vielmehr mit ihrer Schwester Iris zu kämpfen, denn während es sich Sophia auf ihrem Landgut eingerichtet hat, wettert ihre Schwester gegen die Dekadenz des Bürgertums. Smith blickt tief in die Köpfe ihrer Figuren, lässt sie über die Moderne, den Raubtier-Kapitalismus, Flüchtlinge und die EU diskutieren und knüpft so an den ersten Band an, der sich auch schon wie eine fulminante Todesfuge auf den Brexit las. Dass es am Ende die junge Kroatin – keine Britin! – braucht, die die Gemeinschaft aus dem Selbsthass und der gegenseitigen Abneigung holt, ist fast schon die logische Konsequenz. Im Frühjahr soll der dritte Teil aus Smith’ Jahreszeitenquartett erscheinen. Wer die ersten beiden Bände in der Übersetzung von Silvia Morawetz gelesen hat, wird den dritten Band kaum abwarten können.

Platz 9
Don DeLillo: Stille

112 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen.

Amerikas größter Romancier schreibt in seinem neuen Roman noch einmal über die Welt am Abgrund. »Die Stille« ist eine erstaunlich knappe, aber treffende Allegorie auf die zunehmende Sprachlosigkeit in Trumps Amerika, in der er zeigt, wie nah diese zutiefst verstörte und neurotische Gesellschaft am Abgrund wandelt. Der Roman spielt in New York im Frühjahr 2022 – Trump ist tatsächlich ein zweites Mal gewählt worden – und die Stadt wird von einem technischen Shut-Down in Bann gehalten. Durch den Ausfall der Systeme lässt der Amerikaner seine Figuren erst in die Bodenlosigkeit stürzen und dann diverse Verschwörungstheorien zitieren. »Ist es nicht seltsam, dass gewisse Einzelpersonen den Shutdown, den Burn-Out anscheinend akzeptieren?« Das »Weiße Rauschen« aus seinem 1985 mit dem National Book Award ausgezeichneten Roman wird in diesem elegenat von Frank Heibert übersetzten Text von einer nicht weniger angenehmen Stille abgelöst (hier die ausführliche Rezension).

Platz 8
Deniz Ohde: Streulicht

284 Seiten. 22 Euro. Hier bestellen.

»Es war keine Identität, die sich herausbildete, sondern eher wurde sie mir entzogen«, gesteht die Erzählerin in Deniz Ohdes Debüt. Es ist ein Bildungsroman, aber nicht im klassischen Sinne, sondern eher im Sinne der französischen Linie der autobiografischen Aufarbeitungsbücher von Didier Eribon, Édouard Louis oder Annie Ernaux, die immer auch die politisch-soziologischen Dimensionen ihres Erlebens mitdenken und -schreiben. Ohde kehrt jedoch nicht nach Reims, sondern in einen Vorort von Frankfurt am Main, wo sich statt des reflektierenden Lichts der glänzenden Bankertürme der säurehaltige Nebel aus den Industrieschloten über die Häuser legt. »Streulicht« lautet der passende Titel, und durch dieses dringt nun die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend durch, die von Hänseleien, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Schule geprägt ist. Erst auf der Abendschule wird der Protagonistin bewusst, dass es nicht sie ist, die hier scheitert, sondern dass das System ihr Scheitern vorsieht. Ohde arbeitet das in einem melancholischen, aber auch verärgerten Grundton auf, erzählt es wie ein Märchen. Dass dieses Buch vorliegt, zeigt, dass Märchen wahr werden können.

Platz 7
Nana Kwame Adjei-Brenyah: Friday Black

234 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen.

Die Abgründe der Gegenwart bilden die Grundlage dieser zwölf Erzählungen: der tief verankerte Alltagsrassismus, die allgegenwärtige Brutalität und der blindwütige Glaube an den Markt. Adjej-Brenyah lässt die Geister der rassistischen Tradition Amerikas heftig mit ihren Ketten rasseln, zu Beginn sogar wortwörtlich. Sein Buch beginnt mit dem Mord an fünf schwarzen Jugendlichen. Unter einem US-Präsidenten Donald Trump, der nicht erst seit dem brutalen Mord an George Floyd Rassisten und Neoliberalen nach dem Mund redet, erhält jede einzelne Zeile des Sohnes ghanaischer Einwanderer eine besondere Prägnanz. Seine von Thomas Gunkel übersetzten dystopischen Erzählungen sind originell, kraftvoll und im besten Sinne verstörend. Sie schaffen genau das, was gute Literatur vermag. Sie konfrontieren uns schonungslos mit uns und unserer Zeit und zeigen eindrucksvoll, wohin Rassismus und ungezügelter Konsum führen können. Hier meine ausführliche Rezension.

Platz 6
Lutz Seiler: Stern 111

528 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Wer »Kruso« geliebt hat, muss dieses Buch lesen. Denn die Vorwende-Geschichten, die sich im Klausner auf Hiddensee bündeln, führt er hier in zwei großen Bögen weiter in die Nachwendejahre. Dabei folgt er einerseits Inge und Walter Bischoff, die sich kurz nach dem Mauerfall auf den Weg in den Westen machen, um einem lange gehegten Traum nachzugehen. Auf der anderen Seite ist ihr Sohn Carl, der vor dem Verschwinden der Eltern nach Berlin flieht, dort in der Szene der Künstler und Hausbesetzer aktiv wird und wie besessen die einzige Frau sucht, in die er je verliebt gewesen ist. In seinem zweiten Roman findet der Lyriker Seiler genau den richtigen Ton, um die gesellschaftlichen, familiären und biografischen Brüche sprachlich festzuhalten. Wie schon in »Kruso« überzeugt er mit authentischem Personal, dem er einige Eigenheiten abringt, die seinem Roman auch heitere Momente geben. Einmal mehr ein großer Roman, der die Atmosphäre von 1990 nahezu magisch einfängt.

Platz 5
Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila

349 Seiten. 12,00 Euro. Hier bestellen.

Jüdische Zweifler, Seelensucher und Liebende durchziehen das Werk des einzigen jiddischen Literaturnobelpreisträgers. 1903 als Icek Hersz Zynger geboren wuchs Singer im jüdischen Viertel Warschaus auf. Das vertraute Shtetl rund um die Krochmalna-Straße, bevölkert von Händlern, Gläubige(r)n und Prostituierten, taucht in zahlreichen seiner Texte auf. Sein fantastischer Unterweltsroman »Jarmy und Keila«, der erst seit einem Jahr auf Deutsch vorliegt, nimmt dort beispielsweise seinen Anfang. Wie zeitlos modern seine Literatur ist, belegen seine Geschichten von der Liebe, die gerade in zwei Bänden (nebenstehend nur Band 1) in der Übersetzung von Ellen Otten erschienen sind. Sie handeln von aufgeklärten Liebenden, die sich über die Vergeblichkeit der Monogamie im Klaren sind. Sie breiten die Schicksale von Romantikern aus, die sich hingebungsvoll in die Liebe stürzen. Es wird berichtet von Wagemutigen, die liebend Kopf und Kragen riskieren, und Draufgängern, die für jede Spielart der Liebe zu haben sind. Knapp 30 Jahre nach seinem Tod lädt sein Werk ein, diesen Giganten der jüdischen Literatur wiederzuentdecken.

Platz 4
Sjón: CoDex 1962

640 Seiten. 32,00 Euro. Hier bestellen.

Die Romantrilogie des Isländers Sjón alias Sigurjón Birgir Sigurðsson ist ein wilder Ritt durch die Zeit, ein Schelmenroman mit Bezügen zu Holocaust, nordischer Mystik und Science Fiction. Sie führt durch John Miltons verlorenes Paradies, verirrt sich in Borges Fiktionen und greift Bulgakows schwarze Magie auf. Biblische Erzählung trifft hier auf isländische Mythologie, Engel und Teufel auf Einhörner und Werwölfe. Sjóns Opus Magnum, beeindruckend übersetzt von Betty Wahl, ist wie ein Film von David Lynch, in dem Hieronymus Bosch und Marc Chagall ein Gemeinschaftswerk pinseln. Mit diesem Märchen aus dem Land des ewigen Lichts – als Gegenstück zu den Erzählungen »Tausendundeine Nacht« – schreibt sich der Isländer, der mit Songtexten für Björk und Lars von Trier berühmt geworden ist, in den Kanon der Weltliteratur ein. Hier gehts zur ausführlichen Rezension.

Platz 3
Ayad Akhtar: Homeland Elegien

464 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Ayad Akhtar geht in seinem fulminanten Roman »Homeland Elegien« seinem eigenen Dasein als Amerikaner mit muslimischen Wurzeln auf den Grund. Seine Eltern haben Pakistan in den sechziger Jahren verlassen, um in den USA zu arbeiten. Der Vater – ein ehemaliger Arzt von Donald Trump – legte seine muslimischen Wurzeln radikal ab, die Mutter trägt trotz traumatischer Erinnerungen eine tiefe Sehnsucht nach Heimat in sich. Dieses zerrissene Erbe spiegelt sich in Akhtar selbst, der nun fünfzigjährig seinen Erinnerungen nachgeht, um zu verstehen, was mit seinem Land geschehen ist. Der von Dirk van Gunsteren übersetzte Klagegesang ist ein Spiel mit den Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. Irgendwo zwischen autobiografischer Erinnerung und fantastischer Erweiterung wird der dunkle Ort sichtbar, der Amerika heute ist. Hier gehts zur ausführlichen Kritik.

Platz 2
Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

352 Seiten. 21,00 Euro. Hier bestellen.

Was sind Bilder von uns wert, wenn sie uns in uns selbst einschließen? Dieser und anderen Identitätsfragen geht Olivia Wenzel in ihrem überwältigenden Debütroman »1000 serpentinen angst« nach. Mit einem Stakkato an Gewalterfahrungen beginnt Wenzels fulminantes Romandebüt, das hier einem Rap-Song gleicht. Weiblich, schwarz, queer und ostdeutsch sind Attribute, die dabei eine Rolle spielen. Die Identitätssuche der Erzählerin endet jedoch nicht bei der Prägung durch Rassismus und Diskriminierung, sondern führt tief in die Geschichte der eigenen Familie. Sich und die Welt befragend nähert sich Wenzels Erzählerin nicht nur ihren persönlichen Traumata, sondern auch den Ängsten und Beklemmungen, die sich ganz allgemein über das Leben und die Fähigkeit zu lieben legen. Hier ein ausführliches Interview zum Buch.

Platz 1
Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels

1.008 Seiten. 34,00 Euro. Hier bestellen.

Ende der 90er erschien erstmals Murakamis Roman über den Tagträumer Toru Okada, der nach seiner Kündigung bei einer Kanzlei erst Katze, dann Frau und schließlich den Boden unter den Füßen verliert. Damals basierte der Text der deutschen Ausgabe auf der gekürzten amerikanischen Ausgabe. Nun hat die deutsche Murakami-Instanz Ursula Gräfe erstmals das Original übertragen. Das Resultat ist in jedem Sinne berauschend. Sage und schreibe 300 Seiten länger ist ihre Fassung, sprachlich glatter und um einiges eleganter, so dass die japanische Kultur jetzt erst richtig zur Geltung kommt. Egal ob es um die Feinheiten der Perückenindustrie, um das Abtauchen Sexfantasien oder die Schilderung grausamer Kriegsverbrechen geht, man kann sich dieser schwindelerregenden Geschichte grandios neu übersetzt keine einzige Seite lang entziehen.

2 Kommentare

  1. […] In der Galerie sind meine Top-20-Bücher aus den Indie-Verlagen versammelt. Nachstehend werden in Kurzkritiken die Bücher in rücklaufender Reihenfolge vorgestellt. Hier geht es zu den besten 20 Büchern aus Publikumsverlagen 2020. […]

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